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Neue Nationalzeitung · 1914-10-30 · Heft 25 (30.10.1914) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 25 (30.10.1914)
Date
1914-10-30
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr.:-25 ^/Neue ^- N^ibitol^^itiüag*1;. Seite 3 kcnntriis oder genauere Information, bloß auf den Namen bin, christliche Offizii-dre als jüdische Helden reklamiert. Unter diesem Titel wurden in der letzten Nummer Hauptmann Artur Berger und Regiments-, ärzt Dr. Karl Brust angeführt, die rriit Auszeichnungen bedacht wurden und Christen siind. Von den Gefallenen nenne ich den in jenem Blatte ausführlich behandelten Hauptmann Martin Burger. In den Berliner jüdischen Zeitungen figuriert wiieidtor die Bauer tochter Rosa Zenoch aus Rawa Ruska als „Rahel Henoch, die jüdische Heldin." Durch derartige Entstellungen leisten diese Blätter dem Judentum einen schlechten Dienst; sie geben bloß den Antisemiten eine Waffe in die Hand'. Sowohl im deutschen als auch im österreichischen Heere haben sich so viele Jaiden ausgezeichnet, und haben schon so viel jüdische Offiziere und Soldaten ihr Leben geopfert, daß wir es nicht nötig haben, auf leichtfertige Art uns mit fremden Federn zu schmücken. Hochachtungsvoll Ein treuer Leser. :i: Die Heldentat eines jüdischen Oberstabsarztes. Oberarzt Dr. Wilhelm Frank, Sanitätschef der 34. Infanterietruppeiidivision, hat in allen bisherigen Gefechten das Truppendivisiouskommando unerschrocken in die Gefechtslinie begleitet und die Verwundeten aufs sorgsamste betreut/ Der Belobungsantrag schildert den Stabsarzt als tüchtigen Militärarzt, als einen „Mann mit echt soldatischen G e f ii h 1 e n u n d v i e 1 H e r z". Auch in den n ä c h tliehen Unternehmungen vom 9. auf den 10. September (bei Grodek) begleitete er das Divisionskommando auf das Schlachtfeld und wurde dabei durch einen Schuß in den rechten Oberschenkel verwundet. Schon am 12. meldete er sich wieder zum Dienstantritt. Oberstabsarzt Dr. Frank erhielt den Franz- Josefs-Orden am Kriegsbande. Tragische Todesfälle im Hause Hildesheimer. Frau Geheimrat Rosa Bart h, die Tochter des weiland berühmten Berliner Rabbiners Dr. Israel ..,Hti;l d e: s Ji e i m. e. rj; versendet-. nachstehende -..-Barte über den Tot ihres Sohnes und ihres Gatten: 9lad) fürgern, jcftiuemn ßetbeit ift freute mttiafl mein teurer Sftcmii, uitfer treuer Spater uub ©d)toiegertoater, ber Wtty. lUg.-lM Utfofefft* Dr. ^txcob $&avfy im 64. SeuenSjahre jditft. berjcfjieben. 3ni £obe tvax ifjnt üorangegangeu fein 26 jcifjriger <5oI)it, beri; |Cni*ynv$t Dr. ^>ettmdj %$*rtt) gniiabtv ©if**«*» furotre*, ber am 18. b. auf bem iDeftfidjen SMeßS* fdjcuuplafc gefaöcu ift. / »erlitt, beu 24. feftober 1914. »loftt fdaxiff gel). Jgtlbegljcinter nebft Shtbern. i ®tc S3etfc!5«ng bc$ Gerrit Sßrof. SBartfj fiubet atn 3)ioutag, 26. DItobcr, Dorm. 11 lü)r, auf beut $ricbhofe ber Sjraet. <s3nitagogeitgemetnbe (SIbafj Sifroel) in SBetfeeitfcc, Calenberger (5.r)anftee, ftatt. Geheimer Regiierungrat Professor Dr. Jakob Barth, außerordentlicher Professor an der Universität Berlin', lehrte an der' Berliner Universität seit langen Jahren semitisch^ Sprachen und war einer der geschätztesten Dozenten in seinem Fache. Ein besonders tragisches Geschick hat es gefügt, daß kurz vor dem Tode des Professors Barth sein Sohn, der Unterarzt Dr. Heinrich Barth, auf dem Kriegsschauplatz fiel, nachdem er ejrst wenige Tage vorher mit dem Eisernen Kr eu z ausgezeichnet worden war.! . * Bücliersamnilungen für jüdische Krieger. In Deutschland .hatsich unter dem Vorsitze des Geheimrates Geiger ein Komitee gebildet, welches zur' Uebersendüng von" j u cflrs'cfien 'Bü che r n ernsten und heiteren Inhaltes für die jüdischen Soldaten im Felde und in den Lazaretten auffordert. Warum geschieht denn bei uns nichts ähnliches? Wo sind denn dlie Kulbusvorstände und die Rabbiner, deren Pflicht diese Aktion wäre?! * Spendet Bibelexemplare für jüdische Kriegsgefangene! Herr Landrabbiner Dr. Grone mann in Hannover schreibt: In idiem Lager zu Münster, Provinz Hannover, befinden sich außer den militärischen Kriegsgefangenen gegen 300 Z i v i 1 - K >r i e g s g e f a n g e n e i üd is c h e n Glaubens. Es sind dieses meist Russen, welche in Lüttich studiierten und ohne, daß sie am Kampfe beteiligt oder Feindseligkeiten gegen das deutsche Heer unternommen hatten, lediglich deshalb interniert worden sind, weil sie Angehörige eines feindlichen Landes sind. Als gebildete Menschen haben sie den Wunsch nach geistiger Beschäftigung, doch ist dieses nicht möglich, da den Kriegsgefangenen grundsätzlich das Lesen von Büchern verboten ist. Indessen ist ihnen auf ihren besonderen Wunsch und auf meinen darauf erfolgten Antrag das Lesen in der Bibel gestattet worden und wende ich mich deshalb an unsere Glaubensgenossen mit der Bitte, mir verfügbare Bibelexemplare in deutscher, oder was .den Kriegsgefangenen noch gewünschter zu sein scheint, in hebräischer Sprache, zur Uebermittlun-g an dieselben zuzusenden. An unsere P. T. Abonnenten und Leser! Die durch den Krieg hervorgerufenen Verhältnisse und insbesondere die prekäre Lage der Juden in den einzelnen Provinzen haben sich für die mit namhaften Opfern versuchte Erweiterung unseres Blattes nicht günstig erwiesen. Wir sehen uns daher bis auf weiteres gezwungen, unser Blatt im früheren Formate, vierzehntägig, erscheinen zu lassen. Die nächste Nummer erscheint am 13. November, 1914. Die Administration. auf harten Brettern zugebrachten Nacht, werden sie mit knurrendem Magen auf die Gesellschaft losgelassen . . . Aber wie wenige bedienen sich dieser relativen Wohltaten der Volksküchen. Nachtquartiere u. dgl.? Wie viele gehen in ihren Höhlen, ohne Luft, ohne Nahrung, im strengsten Winter ohne Heizung zugrunde? Ganze Gassen im Nawelki-Viertel bewohnen sie. Als ich ihre Verhältnisse im Theaterstücke der Frau von Zapolska dramatisiert sah, da hatte ich sie für übertrieben gehalten. Mit mir gewiß auch viele andere Zuschauer. Aber dieses jüdische „Souterainstück", wie es ein polnischer Theaterrezensent nannte, worin alles so grau in grau gemalt ist, gibt doch trotz seines Realismus nur ein schwaches und künstliches Bild des schweren, verzweiflungsvollen Ringens um die dünne Brotkruste, von der Zwangwill in den „Kindern des Ghettos" sagt, daß nur der Kampf um dieselbe die Menschen von den Tieren unterscheidet. Acht, zehn oder zwölf Menschen, Gesunde, Kranke und Wöchnerinnen, in einem Zimmer, dessen großen Teil der Ofenherd einnimmt, zwei oder drei Betten übereinander, um den Luftraum voll auszunützen, und bei all' dem die ganze Woche nichts Warmes in den Mund — das ist die Lebensregel. Eine kleine Welt des Elends, gleichsam eine Welt für sich, in der sich alle Abstufungen des Proletariats zusammenfinden, treffen wir in der Franziskanergasse. Es ist ein Haus, aber wohl ein in ganz Europa einzig dastehendes Haus, wenn es auch den Warschauern selbst noch wenig bekannt ist. Man nennt es „Trefne Jatki". Das bedeutet wörtlich: „Trefefleisch-Verkaufshallen", da sich sich dieselben im Hofe dieses Hauses befinden. Aeußerlich macht das aus mehreren Flügeln bestehende, dreistöckige, rotbetünchte Haus den Eindruck einer großstädtischen Zinskaserne. Aber betrachten wir es näher. Außer den Stockwerken gibt es noch Kellerräume. Auch diese werden bewohnt. Im ganzen Hause gibt es nur einzelne Zimmer, die in lange Corridore münden. Man glaubt in einem Klöster oder in einem Hotel zu sein. Für das erstere spricht die seltsame Grabesruhe, die hier herrscht. Wer zu Haus ist, sitzt bei der Arbeit; die Meisten aber sind den ganzen Tag fort, um einen Verdienst zu erhaschen. Das ganze Gebäude, ein wahres Labyrinth, zählt 172 Zimmer, das erkennt man an den angebrachten Orientierungstafeln. Und darinnen wohnen 1500 Menschen, Juden; im Durchschnitt entfallen somit auf ein Zimmer 8,7 Menschen. Allein die Einwohnerzahl ist verschieden verteilt. Im ersten und zweiten Stock, wo der Monatszins 9V2 und 9 Rubel beträgt, wohnen die besser situierten, die kleinen Handwerker, die Mädchen, die zu Hause Kravatten arbeiten oder schneidern, und davon ihre Eltern ernähren. Sie haben keine oder höchstens einen Aftermieter. Im obersten Stockwerke und im Keller sind die „Luftmenschen" gezwungen, ihre „Winkel" zu vermieten, denn sie erhalten von der Partei dafür l Rubel 50 Kop. monatlich. Selbst verdienen sie nicht einmal so viel, um den ganzen, 6 Rubel betragenden Monatszins zu bestreiten. Ein altes Ehepaar, das im Keller wohnt, hat für das Zimmer und den Stand im Hofe, wo es Käse verkauft, 8 Rubel monatlich zu bezahlen. Ihr täglicher Verdienst beträgt aber nur 20—25 Kopeken! Darum halten sie bei sich eine alte Witwe und eine junge Frau mit drei Kindern, deren Mann fort mußte, weil er als Taglöhner in Warschau keine Beschäftigung fand. Drei Betten, ein wackliger Tisch, zwei gebrochene Sessel, einige Kisten und Koffer bilden die ganze Einrichtung. Der auf Brettern trocknende Käse verbreitet einen Modergeruch, der die feuchte, dumpfe Atmosphäre nur noch unerträglicher macht. Das junge Weib sitzt auf dem Tisch und klaubt Erbsen. Sie ist flink und bringt über den Tag acht Töpfe zusammen. Damit verdient sie 32 Kopeken. Die alte Witwe sitzt neben dem kalten Ofen, den Kopf nachlässig auf die Rechte gestützt, und seufzt. Draußen auf dem Hof sitzen die alten Leute den ganzen Tag bei den paar Käsen, um nur den Zins aufzubringen. Vom Leben was wissen sie Alle! „Man lebt nicht, nur man klebt" — sagte die Greisin, als sie gerade hineinkam, um frische Ware zu holen — „man ißt nichts, man kocht nichts. Man ist wenigstens froh, wenn man wo den Kopf niederzulegen hat. Was brauchen alte Leute? Tachrichirn*) haben wir schon." So reiht sich dann Zimmer an Zimmer, Hier wachsen neue Generationen auf, hier wird der Kern der Nation großgezogen, das Volk. Das ist das „neue Ghetto" im wahrsten Sinne des Wortes. Denn es ist nicht etwa ein kulturelles, gesellschaftliches, sondern ein wirkliches, sichtbares Ghetto, wie in den alten, verflossenen Tagen. Aber damals wohnten Reich und Arm nebeneinander, sie haben sich gekannt und verstanden, das Gold sonnte sich in den Strahlen der Wissenschaft — heute hat sich sein Aussehen und sein Charakter geändert; es gibt nur ein Ghetto des Massenelends und des Pauperismus. Einst hat der Jude, wenn ihn sein Herz zur Wohltätigkeit drängte, vorerst seine Brüder bedacht; heute baut der jüdische Bankier Wawelberg in der Stadt, die zum Hohn der Menschheit „Trefne Jatki" in ihrer Mitte hat, für 300.000 Rubel billige Arbeiterwohmmgen für — Christen. Auch eine jüdische Solidarität! *) Leiclienkleider aus weißer Leinwand, die sich fromme Juden schon bei Lebzeiten vorbereiten.

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