Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 25 (30.10.1914)
- Date
- 1914-10-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 , ,Neue National-Zeitutig" Nr. 25 uberbracht. Der Generalstabsofiizier hatte sie ,im Kopfe; falls ihm etwas menschliches passieren sollte. Auch vier TapieTkedtsmedaillen für Unteroffiziere wurdien mitgebracht. Fünf Tage rastete der Apparat. Er war mit Wasser vollgesogen, mußte ein wenig trocknen. Am 6. wurde der Riickflug angetreten. Die Offiziere wurden bestürmt, die Post der Kameraden mitzunehmen. An 1500 Karten und Briefe. Im letzten Moment kam noch ein Unteroffizier, der im Frieden Landwirt ist undi bat, eine Feldpostkarte mitzunehmen, er gäbe fünfzig Kronen fürs Rote Kreuz, wenn die Flieger die Karte beförderten. S,:e taten es natürlich. Gegen den Heimflug war der erste Weg ein Kinderspiel. Die Russen wußten, daß der Apparat wieder zurück wolle, rechneten zumindest mit der \Vahrsche;:nlichke'it. Paßten Tag und Nacht auf, damit er ihnen nicht entwische. Wie sich der Aeroplan auf 1000 Meter emporgeschraubt hatte, begann der Geschützhagel. Eine halbe Stunde bewegte sich das Flugzeug in engen Spiralen, es sind auch Achter daraus geworden. In 800 Meter Höhe platzten 23 Zentimetergranaten 50 Meter höher. Nun hörte der Apparat auf, sich;n geometrischen Figuren zu bewegen, es wurden Kurven dritter Ordnung. So schraubte er sich wieder hinauf. Viele Geschosse, die ihm zugedacht waren, fielen in die Stadt und explodierten. Die hatten jetzt wieder eine schöne Höhe erreicht und die russischen Geschosse blieben viel t-efer wirkungslos. Plötzlich zeigte die Bussole nicht mehr. Der Beobachter meinte, nur seine Bussole habe versagt, aber die des Fliegers funktionierte auch nicht mehr. Der Apparat kam in wüstes Schneegestöber, lag schief in der Luft und war nicht horizontal zu bringen. Die Platte aus Marienglas vor dem Sitz des Beobachters war völlig vereist. Wie toll wirbelten die Schneeflocken um Maschine und Insassen. In der Schnelligkeit des Fluges sah die Luft aus, als wäre sie von tausend vereisten Telegrsph-eiulrähten durchzogen. Jetzt platzte noch das Druckrohr, das der Oberleutnant in Przemysl gelötet hatte und so mußte er noch ununterbrochen pumpen. Inzwischen feuerte die Artillerie von unten wtieder auf den Apparat, der nun auf 600 Meter mußte. Das war gerade vor Jaslo. Eine Kugel ging parallelmit dem Bein des Oberleutnants nach oben. Nach dreieinhalbstüiidigem Fhig kaärri 'dter Doppeldecker glücklich wieder zurück: Hö^eh^teuerrTragnächen, Rumpf waren mit ehrenvollen Wunden bedeckt. Oberleutnant Taussig verklebte sie und ließ die Schußlöcher rot anzeichnen. Zum Gedächtnis dieses Fluges. Die Hilfstätigkeit für die Flüchtlinge. Eine Wohltätigkeits-Akademie für die galizischen Flüchtlinge. In der Mittwoch, den 4. November, /'s8 abends, im großen Musikvereinssaale zu Gunsten der Flüchtlinge von der * Wiener Brockensammlung, XIX., Gürtel Nr. 5, stattfindenden großen Wohltätigkeits-Akademie werden außer Opernsängerin Frau Raja Barber-Waldb, erg, k. k. Hofburgburgschauspieler Fritz B 1 u m, Fräulein Käthe Ehren (vom Johann Strauß-Theater), Frau k. k. Kammersängerin Elise Elizza-Frei, Komponist Herr Edmund E y s 1 e r, Herr Richard Großmann (Neue Wiener Bühne), Herr Professor k. k. Kammervirtuose Alfred G r ii n f e 1 d, Konzertsänger Herr Viktor Heim, Fräulein Nelly Hochwald (Deutsches Volkstheater), Professor Herr Alexander Manhart, Professor Sorna Pick s t e i n e r (Violine), Harfenvirtuosin Fräulein Stella Ra tzersdorfer, Schriftsteller Herr Felix Salt« n auch Fräulein Emmy Petko (Wiener Bürger-Theater) mitwirken. Am Klavier Herr Edmund Ews 1 e r. Nur noch wenige Karten im Komiteelokal, IÜL, Universitätsstraße Nr. 4 (Baukanzlei Telephon 23193) erhältlich. '*' Fürsorgeaktioirim X. Bezirke. Die Nähe des Ostbahnhofes hat es bewirkt, daß viele der in Angst und Hast vor dem Feinde geflüchteten jüdischen Familien aus Galizien, auch im X. Bezirke Zuflucht gesucht haben. Trotz der großen staatlichen Hilfe haben kinderreiche Familien Hunger gelitten, mußten sie notdürftig; bekleidet auf dem nackten Fußboden schlafen und konnten für ihre kleinen Kinder keine warmen Kleider und Decken erhalten. Denn ach! Der Weg in die Leopoldstadt ist weit für den Fußgänger und den Fahrweg konnten sie ja kaum bezahlen! — Da hat sich denn ein rühriges Frauen- Iiilfskomitee im X. Bezirke unter Leitung der Frau R a b b i n e r D r. A. L. M a^n ü e 1 und Frau Fanny Steuer gebildet, weiche's seit Ende September im Restaurant Hahn eine rituelle Ausspeisung für Erwachsene und. Kinder mii bestem Erfolge . durchführt. Etwa 15 junge Mädchen der besten jüdischen Kreise, an ihrer Spitze Fräulein Olga Seligrn a n n und Fräulein Fanny Klein, haben sich in liebenswürdiger Bereitwilligkeit den Damen zur. Verfügung gestellt und betätigen sich mit ihnen in hingebungsvollster Weise bei der Ausspeisung selbst, bei Recherchen, bei der Kleiderverteilung, bei dem von den Flüchtlingen sehr geschätzten I Kilotage und bei der Milchfürsorge! Zahlreiche Helfer und Helferinnen aus dem Bezirke stehen dem Komitee tätig zur Seite, besonders Herr Ludwig Mayer und Herr med. T a g 1 i c h t, die sich um die Wohnungsfürsorge, um die Herbeischaffung von Betten, Decken und. notwendigstem Hausgerät besonders verdient gemacht haben. Darum richten wir die heiße, innige Bitte an Alle, die ein gutes, mitfühlends Herz haben, nicht zu erlahmen im Wohltun, das Frauenhilfskomitee im X. Bezirke in seiner, von so reichem Erfolge gekrönten Aktion mit besten Kräften zu unterstützen und der Segen Gottes wird ihnen Allen reichlich zu Teil werden! Das Frauenhilfskomitee für galizische Flüchtlinge im X. Bezirke. Zentralstelle: X., Götzgasse Nr. 2. Sprechstunden: 10—12 Uhr Vormittag, 3—5 Uhr Nachmittag, »i Spenden für die galizischen Flüchtlinge. Unserer Administration sind nachstehende Spenden zugekommen: Von Herrn Dr. B. Zauderer, b. h. Sanitätsinspek'tor iln Travnik K 50.—; von Frau E. W. K. 1—. Hierzu die bereits ausgewiesenen K 57.—, zusammen K 108.—. Von Frau Oberbezirksarzt Sch'önfeld in Zepce erhielten wir ein Packet mit alten Kleidern. Weitere Spenden, ebenso Kleider, Bücher u. dgl., werden erbeten und in dieser Rubrik ausgwiesen. Kriegsnachrichten. Ein schlechter Dienst. Wir erhalten folgende Zuschrift: Geehrte Redaktion! Bei der Lektüre jüdischer Zeitungen, und. zwar sowohl der Wien-er als auch der Berliner, fällt es auf, daß manche darunter, aus Sucht, interessante Nachrichten zu bringen, sehr oft Offiziere, denen eine kaiserliche Auszeichnung zuteil wurde, oder die in heldenmütigem Kampfe fürs Vaterland gefallen sind, zu J'iiL'en stempeln, wiewohl es die Betreitenden nicht mehr sind oder nie waren. Den Rekord auf ^diesem- Gebiete «rreic-Hti wohl die .iOesterreichische Wochenschrift", die ohne jede nähere Personen- FEUILLETON. Warschau Von Dr. S. R. Landau. (Schluß.)*) Auch Lebensmittel Verkäuferinnen suchen hier Absatz und Verdienst. Sie sitzen bei ihrem Kram, der mit Bäckereien, Kuchen und Früchten bedeckt ist und machen einen Umsatz, der das Ergebnis von 1 oder 2 Kopekenverkäufen bildet. Einige nichtstuende Qaffer stehen umher und leisten ihnen Gesellschaft, da ihnen die Kunden nicht allzuviel zu schaffen geben. Das sind die Lastträger ohne „Nummer11, die keine Konzession besitzen, weil sie die Taxe nicht bezahlen können. Sie warten, bis es etwas zum Tragen gibt, oft den ganzen Tag. 15—20 Kopeken bilden ihre durchschnittliche Tageseinnahme. Verdienen sie auch manchmal mehr, so gibt es wiederum Tage, an denen ihr geselliger Verkehr mit den redegewandten Nachbarinnen durch nichts gestört wird. Die große Arena, die sich um den Markt ausbreitet, ist ganz leer und gewährt uns eine freie Aussicht bis zu der sich im Hintergrunde hügelartig erhebenden „Zitadelle". In der entgegengesetzten Richtung, ganz nahe vom Trödelmarkt, von dessen Besuchern stark in Anspruch genommen, befindet sich die jüdische Volksküche. Ein kleines Holzgebäude auf einem großen Platze. Aus dem Freien gelangt man durch eine Türe sofort in den Speisesaal. Schon um 11 Uhr beginnen sie zum Mittag zu erscheinen: Männer, Frauen, Kinder, Juden und auch Christen, kümmerliche Gestalten in fadenscheinigen Kleidern, mit verwilderten Barten und Halstüchern, deren Farbe nicht mehr zu erkennen' ist, die Frauen, vorzeitig *) Ver;?!. die Nr. 24 d. J. Die Redaktion. gealtert, mit welken, gramdurchfurchten Gesichtszügen, die uns unter der verblichenen Perrücke angrinsen. Die Kinder, die in großer Zahl anwesend sind, bilden einen angenehmen Kontrast zu ihrer Umgebung. Bald sich schüchtern in einen Winkel verkriechend, bald trotzig mit dem Altersgenossen um einen Platz kämpjend, sind sie doch reinlich und nett. Sie fühlen sich hier wohl, denn sie können sich sattessen. So lernen sie frühzeitig das Heim entbehren, das ihnen nichts zu bieten vermag. Es sind Schüler der Talmud-Thora- und Handwerkerschulen. Durch eine Barriere vom Speisesaale abgegrenzt, befindet sich die Küche. Ein Ehepaar in älteren Jahren, joviale Leute, deren unversiegbarer Humor sich auch manchmal den Gästen mitteilt, führen hier das Scepter. Sie ist die Köchin, er der Verwalter, Kassier und — Unternehmer. Das Volksküchen-Komitee hat sich ein ganz eigenes System zurechtgelegt. Es erhält die Küche nicht in eigener Regie, es vergibt sie selbstverständlich auch nicht an einen Pächter; die Regie wird von einem Unternehmer bestritten, der zur Deckung seiner Spesen und als eventuelle Entschädigung für seine Mühewaltung eine Subvention von 40 Rubel monatlich erhält. Dadurch entfallen für das Komitee jede weitere Verrechnung und alle sonstigen Betriebskosten. Es bleibt ihm nur die Kontrolle über die Qualität der verabreichten Speisen und über die Einhaltung der fixierten Preise. Das Ehepaar macht an diesem „Unternehmen" kein Geschäft. Die Preise sind verblüffend billig. Die Suppe kostet 2 Kopeken, das Fleisch (4 Loth in gekochtem Zustande) ebensoviel, das Brot 1 Kopeke, zusammen ein Mittag für 5 Kopeken. Dabei ist die Kost gesund und nahrhaft. Und trotzdem sie streng rituell ist, wird die Küche mit Vorliebe von Christen besucht. Oder vielleicht, weil sie es ist? Viele begnügen sich zu Mittag mit der bloßen Suppe und Brot. Sie werden „durchgewärmt", nachdem sie lange in der großen Kälte dieses nördlichen Klimas auf offener Straße ihrem Erwerbe nachgegangen sind. In Warschau gibt es drei jüdische Volksküchen; eine davon nur für lithauische Juden. Die oben geschilderte wird an manchen Tagen von 1200 Menschen besucht. Die "meisten sind hier Stammgäste. Denn nur von einem Sonnabend zum andern wird zu Hause gegessen, von denen, die Familien haben. Und die von der Fremde nach Warschau kamen, als Vorposten ihrer Familie, um für sie das Terrain zu ebnen, die fühlen am Sonnabend erst recht den ganzen Jammer ihres Daseins. Die Volksküche ist dann geschlossen. Durchreisende junge Leute, die nie ein Heim gekannt haben, selten ältere Leute, suchen das „N a c h t q u a r t i er h a u s" auf. Eines, mit besonderen Räumen für jüdische Männer und Frauen befindet sich in der Nähe der Volksküche. Aeußerlich unterscheiden sich diese Säle mit den aneinandergereihten Pritschen, die selbst des Strohsackes entbehren, von den übrigen dadurch, daß ihre Wände weder Kreuze noch Heiligenbilder-Schmuck tragen. Das ist wegen der Gebete, die hier des Morgens von Manchen verrichtet werden. Auch der Aufseher ist ein Jude. Er kennt alle Leute genau, die herkommen, und er berichtete mir. daß die meisten hier ihren ständigen Wohnsitz haben. Sie haben keine Familie, sie sind losgelöst von der Gesellschaft, und hier ist ihre, letzte Station, bevor sie sinken. Für vier Kopeken, die sie jede Nacht erlegen, bekommen sie neben dem Nachtlager auch ein Nachtmahl, ein Glas Milch oder Thee und ein halbes Brot. Des Morgens, nach einer