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Neue Nationalzeitung · 1914-10-30 · Heft 25 (30.10.1914) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 25 (30.10.1914)
Date
1914-10-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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WaONAL-biCUNG RftRAtiseeBBR: ors.R.LNNomu:: XVI. Jahrgang. Wien, 30. Oktober 1914. Redaktion, Administration und Inseraten-Aufnahme Wien, I., Oppolzergasse Nr. 4. Telephon 18.435. K. k. Postsparkassen-Konto 88.704. Manuskripte werden nicht zurückgestellt. Inserate werden nach Uebereinkunft berechnet, DerKaiserfürdieFlüchtlinge! Die hunderttausende Flüchtlinge aus Galizien und Bukowina verleben die kummervollsten Tage, die einem Menschen beschieden sein können. Neben den materiellen Entbehrungen, denen die meisten ausgesetzt sind, da sie Hab und Gut, zumeist die Ergebnisse jahrzehntelanger Arbeit, in Feindeshand zurücklassen mußten, um das nackte Leben retten zu können, drückt sie alle, ohne Unterschied von Stand und Vermögen, die bange Sorge um Haus und Hof, um Existenz und Zukunft. Der Advokat und Arzt, der Kleinhändler und Gewerbetreibende — sie sind entwurzelt,-Flüchtlinge, die auf Gnadenbrot angewiesen sind, sich und den anderen eine Last. Ihr düsteres, oft schmerzverzogenes Antlitz richtet an uns die stumme Frage: Wie lange noch? Was dann, wenn uns der Feind alles geraubt oder vernichtet hat? Besonders die städtische, also die jüdische Bevölkerung aus Galizien ist sehr stark in ihrer Existenz bedroht. Sie . denkt daran, wie die wiederholten Hilfsaktionen unseres Parlamentes nur den Agrariern Galiziens zugute gekommen sind, für die Städter wurde nichts geleistet. Wird dies nicht auch diesmal der Fall sein? Nun erschien das kaiserliche Handschreiben und neue Hoffnungen erfüllen das gedrückte Herz der Flüchtlinge! Der Kaiser selbst empfindet tiefen K u m m e r über das hereingebrochene Ungemach und er spricht ihnen seine väterliche Teilnahme aus. Der Kaiser appelliert an ihre patriotischeStan rill aftigkeit und stellt ihnen bessere und völlig gesicherte Zukunft in Aussicht. Der Kaiser beauftragt die Regierung, den vom Kriege heimgesuchten Ländern ihre besondere Obsorge angedeihen zu lassen und geeignete Maßnahmen zur Linderung drückenden Notstandes zu treffen; des weiteren darf die Bevölkerung getrost auf die nachhaltige kaiserliche Fürsorge zählen. Diese trostreichen Worte werden ihre Wirkung nicht verfehlen. Wohl vermochte all das Unglück, das durch den Krieg über die Flüchtlinge hereingebrochen ist, ihren Patriotismus und ihre Anhänglichkeit an ihren Kaiser nicht zu erschüttern, der überwiegende Teil der galizischen Bevölkerung, besonders der jüdische Teil hat seine patriotische Standhaftigkeit bewiesen; allein das Bewußtsein, daß das Schicksal der Flüchtlinge den Gegenstand kaiserlicher Teilnahme und Fürsorge bildet, wird gewiß dazu beitragen, den Flüchtlingen ihr schweres Los zu erleichtern und ihnen frischen Mut einzuflößen, damit sie die ihnen auferlegte Prüfung mutig bestehen.' Das Allerhöchste Handschreiben hat noch eine andere Bedeutung: D i e. F 1 ii c..b t- 1 inge stehen unter dem Schutze desKaisers! Sie werden solange in Wien bleiben, bis die Regierung die im kaiserlichen Handschreiben angeordneten Maßnahmen zur Linderung drückenden Notstandes in den heimgesuchten Ländern durchgeführt haben wird. Das soll man sich merken. L. Inhalt: L.: Der Kaiser für die Flüchtlinge! Die Heldentat eines jüdischen Fliegeroffiziers. Die Hilfstätigkeit für die Flüchtlinge. Kriegs-Nachrichten. Feuilleton: Dr. S. R. Landau: Warschau. (Schluß.) Liste der Ausgetretenen. Die Heldentat eines jüdischen Fliegeroffiziers.*) Im Cafe Stieber im Przemysl treffe lieh den jungen Helden, der den Flug in das zeriiierte Przemysl gewagt hat, <d;en Oberleutnant A 1 a d a r T am s sü g. Es ist wunderbar, so viele hier beisammen zu sehen. In jener Ecke sitzt ein Oberleutnant, der einen berühmten Sturmangriff gemacht, rechts beim Fenster ein Hauptmann, der vorgestern auf der Magiera verwundet wurde, ihm gegenüber ein Stabsarzt, der ,im Gefecht verband und es nun mit ein paar Fingern büßen muß. Vor ein paar Tagen »nid auch die Piloten angekommen, frische, waghalsige, schlanke Menschen, eine der angenehmen Ueberraschmngen dieses Knie- *) Im Nachhange zur Notiz in der vorigen Nummer bringen wir hier eine detaillierte Beschreibung (der Ruhmestat des Oberleutnants Aladar Tatissig anläßlich der Belagerung von Przemysl durch die Russen. Wir entnehmen dieselbe dem „Fremdenblatt". Anm. d. Red. Nr. 25 Abonn ementspreise; (mit Zustellung ins Haus) In Oesterrei ch-U n g a r n : Ganzjähr. K8.—, halbjähr. K4.—, Vierteljahr. K 2.— In Deutschland: Ganzjähr. K 10.— Im übrigen Ausland: Ganzjähr. K 12.— Einzel-Exemplare zu 14 Hellern im Zeitungsverschleiß Hermann Goldschmied!, 1., Wollzeile 11, und in den größeren Tabak-Trafiken. ges. Sie haben mitsammen Märchenhaftes geleistet und jeder trägt zumindest das Signum laudis. Aladar Taussig ist ein junger, hochaufgeschoST sener Ungar mit charakteristischem Feuerblick. Ich spreche mit ihm über setinen Meisterflug und er will anfangs nicht erzählen, meint, er liabe nichts weiter als seine Pflicht getan. Schließlich kommt er doch ins Erzählen, scheint in der Hast seines Berichts alle Schönhellt und Gefahr dieses 'einzigen Erlebnisses noch einmal zu durchkosten. Dann kommt irgendwo ein Detail, das ihn allzuehr loben würde, da stockt er, will nicht weiter, da muß ein Kamerad, der am Tisch sitzt, für ihn sprechen. Es/war also so: Am 1. Oktober mußte geflogen werden, ob Sturm, ob Regen oder Schnee. Gleichgütig. Einer mußte nach dem belagerten Przemysl. Ob über oder unter den Wolken. Egal. In der Geschichte der Aviatik gibt es kein Beispiel für solch einen Flug. Man kannte alle Gefahren, die Windverhältnisse, die gute Artillerie der Russen und nicht zuletzt die Schwierigkeit einer Landung in einer Festung. Das alles wußte man, wußte, daß Einer, der es wagt, sein Leben niskiert. Aber es mußte eben geflogen werden* die Gründe waren unumstößlich wichtig. Man fragte also, Aver sich freiwillig melden will. Sofort traten zwei Offiziere vor: Aladar Taussig und Bela Feszl. Im Stillen mag jeder gehofft haben, er wäre der Einzige, der es wagt. Nun sahen sich die zwei Freunde fast feindlich an. Keiner wollte freiwillig zurücktreten. Da ließen sie es denn auf das gute Glück ankommen, zogen mit Zündhölzchen um die Wette. Und' Aladtor Taussig unternahm den Flug. Als er mit einem Generalstabshauptmann als Beobachtungsoffizier den Flugplatz verließ, war das Wetter arg. Regen peitschte gegen den Apparat und d,ie Wolken hingen tief. Der Flieger ging erst 1200 Meter hoch, dann auf 1400, dann mußte er auf 800 Meter hinunter. Bei Dubiecke hatte der Feind den Flieger bemerkt. Im nächsten Augenblicke tanzten die Kugeln lustig um den Apparat. Getroffen haben sie erst später. Denn von jetzt ab ging es über die Köpfe der Russen hinweg nach Przemysl. Ein fortwährendes Donnern von unten herab. Aber der Motor oben ist stärker. Sein Knattern verschluckt den Lärm der Geschütze. Wie die ersten Füllkugeln der Schrapnells die Tragflächen durchbohren, gibt es jedesmal einen kleinen Knacks. Der Flieger lacht. Der Passagier zeigt mit der Hand in die Richtung, aus der geschossen wird. Der Flieger nickt. Er reißt den Apparat hinauf. Auf 1400 Meter. Durch dien Regen schümmern. die Konturen der Stadt. In steilen Sturzspiralen geht es zur Erde; wie toll schießen die Russen. Sie w:issen ja ungefähr, woher der Flieger kommt und daß er nicht ohne Grund die gefährliche Fahrt unternimmt. Partout wollen sie ihn haben. Doch jetzt erkennen id|"e Flieger schon den Landungsplatz. Ein kleines Feld, das jetzt noch kleiner ist, weil kurz und quer Befestigungen gezogen sind, Telephon und Feldbahn. Die Landung glückt. Jubel der Kameraden. Zeitungen werden ausgepackt, Befehle

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