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Neue Nationalzeitung · 1914-10-23 · Heft 24 (23.10.1914) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 24 (23.10.1914)
Date
1914-10-23
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Vr '.M „Neue National-Zeitung" Seite 5 gegen. Und jetzt ist die Zeit gekommen, daß d'as Strafgericht abgehalten werde gegen diese Böse wichter. Gott wird ihnen heimzahlen, was sie unseren Brüdern taten!" Nun kommen auch einige biblische Zitate aufs Tapet. An einer Stelle heißt es,: „Vom Norden wird ein böses Gewitter kominen." In einem anderen Verse verkündet Gott durch seinen Propheten: „. . . . Und ich werde Euch von diesem nordischen Ungetüm befreien . . ." In diesem Sinne begründet der ehrwürdige Greis seine unerschütterliche Zuversicht. Sonst lebt er vollständig abgeschlossen von der Außenwelt. Er huldigt überhaupt asketischen Grundsätzen. Von dem Glase russischen Tees, das ihm serviert wurde, nippte er nur. Der Rest wurde im Vorzimmer den Wartenden verabreicht, eine Gunst, die nur Auserlesenen zuteil wird. Die Ueberbleibsel von den Mahlzeiten des Rabbi gelten als geheiligt und die Gläubigen halten viel von ihrer Wunderwirkung . . . Es ist ein eigenartiges, interessantes Milieu. K. Kl. Ein Besuch bei Leo Frank. (Er fastet am Versöhnungstage und wird ein frommer Jude.) Leo Frank, der nach der Ueberzeugung der gesamten öffentlichen Meinung der Vereinigten Staaten unschuldig zum Tode verurteilt wurde, schmachtet noch immer im Gefängnis von Atlanta, wo er auf die Entscheidung des Obersten Gerichtshofes von Washington wartet, der über seine Nichtigkeitsbeschwerde als letzte Instanz das Urteil fällen soll. Frank empfing jüngst den Redakteur einer New Yorker jüdischen Zeitung im Gefängnisse und machte ihm gegenüber verschiedene Aeußerungen, die ein sehr interessantes Licht auf die psychische Entwicklung Franks werfen und den Eindruck der langen Gefängnishaft auf sein religiöses Gemüt wiederspiegeln. Frank, der als Präsident der „Bnei-Brith"- Loge von Atlanta in religiöser Beziehung äußerst liberal war, hat sich in der Haft zu einem frommen und gläubigen Juden entwickelt. Er erklärte dem Journalisten folgendes: „Es ist mir bestimmt, zweimal das jüdische Neujahr im Gefängnis zuzubringen. Was meine Eltern bei mir unterlassen haben, wurde nunmehr von mir eingeholt. Ich bin als Jude geboren, allein ich wußte nie, daß ich ein Jude bin. Ich wußte nie in meinem Leben, was das heißt: fasten. Ich habe am letzten Versöhnungstage zum erstenmal in meinein Leben gefastet und werde heuer wieder fasten. Und wenn mir Gott hilft, daß ich als freier und lebender Mensch das Gefängnis verlassen werde, dann will ich mich auch mit Gott versöhnen und mich nach meinen Kräften jüdischen Angelegenheiten widmen. Ich habe an Sie die Bitte, daß Sie anläßlich des Neujahres allen Juden in New York in Ihrem Blatt meine Grüße übermitteln und insbesondere allen jenen, die mich mit ihren zahlreichen Briefen getröstet haben. Jedenfalls habe ich die Jahre, die ich hier im Gefängnis verbringe, dazu verwendet, um mein Judentum zu festigen und zu stählen." Zum Schlüsse erzählt der Berichterstatter, daß unmittelbar, bevor er Frank verlassen habe, dessen Anwalt sich einfand und den Stand seiner Sache als sehr günstig bezeichnete. Die Nichtigkeitsbeschwerde Franks stützt sich einerseits auf zahlreiche neue Beweis-Momente, und anderseits darauf, daß ihn die Geschworenen unter der Pression des antisemitischen Mobs schuldig gesprochen haben. Die Hilfstätigkeit für die Flüchtlinge. Rituelle Beköstigung der Flüchtlinge. Wien. Am 19. d. M. hat über Einladung des Vorstandes des „M a c h s i k e H a d a s" in dessen Vereinslokale eine zahlreich besuchte Besprechung zwecks Beschaffung von Mitteln für die rituelle Atisspeisung der Flüchtlinge stattgefunden. Den Vorsitz führte Rabbiner M. M a yersohn. Es waren mehrere Rabbiner aus Galizien, sowie angesehene Bürger aus Wien und Galizien anwesend. Nach eingehender Debatte wurde ein Komitee eingesetzt, mit der Aufgabe, Sammlungen behufs Beschaffung von Mitteln für die rituelle Verpflegung einzuleiten. Eine an Ort und Stelle erfolgte Sammlung ergab zirka 300 Kronen. Die Repatriierung der Flüchtlinge. Plakate in der Leopoldstadt richten an die Flüchtlinge die „amtliche" Aufforderung — eine Behörde ist auf den Plakaten nicht angegeben — in ihre Heimatsorte, sofern dieselben vom Feinde gesäubert wurden, zurückzukehren. Diese Frage der Repatriierung sollte noch sorgfältig erwogen werden. Die allgemeine Aufforderung an die Flüchtlinge, heimzukehren, läßt auf eine sehr oberflächliche Prüfung schließen. Den Flüchtling erwarten zu Hause eine Lebensmittelnot und verschiedene epidemische Krankheiten. Sie müssen vorerst beseitigt werden. Dann erst kann von einer Repatriierung die Rede sein. * Ein Aufruf des Galizischen Hilfsvereines. (Bitte um Nähmaschinen und Material für Wäsche u. dgl.) Der Galizische Uli fs ve rein, der sich seit Jahren zur Aufgabe gestellt hat, der notleidenden jüdischen Bevölkerung Gaüzüens, insbesondere durch Einführung von Hausindustrien (Haarnetzerei, Spitzenhäcklerei, Weißstickerei usw.) Brot zu verschal-, fen, hat beschlossen, zur Linderung der fürchterlichen Notlage der 'in Wien weilenden galizischen Flüchtlinge ohne Unterschied der Konfession und Nationalität eine Nähstube zu errichten, in der grundsätzlich nur solche Arbeiten hergestellt werden sollen,'durch die der einheimischen arbeitslosen Bevölkerung eine Konkurrenz nicht gemacht wird. Unter anderen solchen Arbeiten wird von geflüchteten Mädchen, die sich bereits in großer Zahl zur Arbeit gemeldet haben, Wäsche verschiedener Art u. dgl. angefertigt werden, die an Flüchtlinge unentgeltlich verteilt wird. Den von den Arbeiterinnen verdienten Arbeitslohn bezahlen wir aus unseren eigen e n M i tt e 1 n, Da diese jedoch nicht ausreichen, auch die erforderlichen Nähmaschinen und das zu verarbeitende nötige Material anzukaufen, so gestatten wir uns, die inständige Bitte zu stellen, uns für diesen gewiß humanitären Zweck in gutem Zustande befindliche Nähmaschinen für die Dauer des Bedarfes leihweise überlassen und zur Anfertigung von Wäsche u. dgl. geeignete Mate r i a 1 i e n (Leinwand, Chiffon usw.) spenden zu wollen. Wir geben uns der angenehmen Hoffnung hin, d'aß uns sowohl Nähmaschinen als auch Arbeitsmaterial in so reichem Maße dargeboten werden, daß es uns möglich sein wird; alle jene geflüchteten Mädchen, die nicht um eine Unterstützung, sondern um Arbeit bitten, längere Zeit hindurch zu beschäftigen. Die uns zur Verfügung gestellten Gegenstände werden, sobald uns davon Mitte;hing gemacht wird, abgeholt. G a 1 i z i s c h e r H i 1 f s v e r e i n, Wien, IX., Berggasse. 4. * Die Verhältnisse in Nikolsburg. Die von der „Israelitischen Allianz" nach Nikolsburg entsendete Deputation ist nach genauer Prüfung der Verhältnisse zurückgekehrt; sie hat den Inhalt der Beschwerden leider zum größten Teil wahr gefunden. Durch die bevorstehende Fertigstellung der Baracken sollen jedoch die Verhältnisse besser werden, indem gewisse Zwischenmaßregeln entfallen werden. Wir erwarten nun nach wie vor von der „Israelitischen Allianz", daß sie als Firmenträgerin, für die Aufrechthaltung der Ordnung und für die Sicherung der rituellen Verpflegung eintreten wird. Jedenfalls hat unser Artikel sehr viel dazu beigetragen, iic Verhältnisse zu sanieren. Kr i egsnach richten. Russische Grausamkeiten gegenüber Juden. Etwas für Israel Zangwill. Das „Berliner Tagblatt" erfährt von einer zuverlässigen, soeben aus Polen zurückgekehrten Persönlichkeit, daß die Russen, nachdem die Deutschen Radom wieder verlassen hatten, drei sehr geachtete Juden, darunter dem weit berühmten Talmudforscher Dr. Danzige r, der bei den Juden in Polen den Beinamen des „wahrhaft göttlichen Mannes" führte, ohne jedwedes Gerichtsverfahren hängen ließen, weil die Deutschen zwei Pferde bei ihnen requiriert hatten. Als der Vorgang bekannt wurde, eilte der russische P o p e zu dem kommandierenden Offizier, umsichfürdieUnschuld der Verhafteten zu verbürgen. Er kam zu spät. Als am folgenden Tage die Witwe eines Gehenkten zu dem Oberkommandierenden kam. erklärte dieser ihr höhnend: „Sie können stolz darauf sein, daß ich Ihren Mann habe ^hängen lassen. Er hat sein Leben für die Gesamtheit der Juden in Radom gelassen, denn meine Kosaken wollten eigentlich alle Juden hiertotschlage n." Dieser barbarische Vorfall ist eine Einzelheit, aber zugleich typisch für das Verhalten der russischen Soldateska gegenüber den Juden. Es war zwar der Befehl ergangen, sogenannte „laute" Pogrome zu vermeiden, damit nicht die Juden in London, Paris und New York allzusehr „verstimmt" würden. Dagegen kursiert eine Aeußerung des Oberkommandierenden Großfürsten Nikolai N i k o 1 a i j e w i t s c h, der erklärte: „W e n n sich meine Soldaten schinden, dann müssen sie auch ihr Vergnügen haben. Und w e n n dabei ein paar Judenschädel eingeschlagen werden, so hat das trotz des Geschreies der Londoner Synagoge weiter keine Bede u t u n g." Es wäre interessant, zu wissen, wen der russische Generalissimus unter der „Londoner Synagoge" versteht! Vielleicht gar am Ende den Bundesgenossen Israel Zangwill? . . . Die Heldentat des Oberleutnants Aladar Taussig. Im Zusammenhange mit der heldenmütigen Verteidigung von Przemysl haben die Berichte vom Kriegsschauplatze in rühmender Weise der Heldentat eines Fliegeroffiziers gedacht, der unter Lebensgefahr trotz der heftigen Beschießung durch die russischen Belagerungstruppen .mit wichtigen Nachrichten in der Festung landete und sohin zum Hauptquartier auf demselben Wege unter neuerlichen Gefahren zurückkehrte. Dieser Fliegeroffizier war der jüdische Oberleutnant Aladar Taussig. Ueber dessen Biographie schreibt uns Herr Moritz Frühling folgendes: Aladar Taussig, Oberleutnant, geboren 1882 zu Fünfkirchen in Ungarn, war Einjährig-Freiwilliger im Infanterie-Regiment Nr. 52, Avurde im Jänner 1904 zum Leutnant-Berufsoffizier ernannt und avancierte im Mai 1.911 zum Oberleutnant. T. gehört, dem Militär-Fliegerkorps an und erhielt im Juni 1913 das Feldpilotenabzeichen und

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