Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 24 (23.10.1914)
- Date
- 1914-10-23
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2425679-2425912-2425936--3030-2429585- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 „Neue Nationai-Zeitung" Nr. 24 Penny kämpfen werde: „Und Deutschland kämpft bis zu den letzten Mann!" Macht dies nach, wenn Ihr könnt, Ihr stolzen Briten! Als die Welt mit Staunen von den 42 Zentimetergeschützen und seinen Wundern erfuhr, legte ein deutsches Witzblatt den siegesbulletintrunkenen englischen und französischen Heerführern die Worte in den Mund: „Das tut nichts, wir reißen die Maule r bis 50 Zentimeter auf". Auch eine Parallele und gar keine schlechte. Als die neue französische Regierung sich mit einem pompösen Manifeste dem Volke vorstellte, schrieb eine Zeitung: „Die erste Tat des neuen französischen Ministeriums waren Worte". Ja, wenn Worte alles wären, stünde es schlecht um uns und Deutschland. Was hat nicht die britische Regierung schon gesprochen und versprochen? 1. Die Regierung wurde ermächtigt, das Heer um 500.000 Mann zu erhöhen; 2. die Regierung wird Truppen aus Kanada. Indien und Aeg5rpten kommen lassen; 3. die Regierung wurde ermächtigt, das Heer um weitere 500.000 Mann zu erhöhen; 4. unter dem Schutze ihrer Flotte wird die Regierung 200.000 Mann russische Truppen nach Frankreich bringen, als ob die Russen nicht genug zu tun hätten, um sich an ihrer Grenze zu wehren; 5. die Regierimg hat die Entfernung der Seeminen angeordnet. Also Worte, Worte, nichts als Worte! Wir und Deutschland haben aber schon Schlachten gewonnen. Gefangene gemacht und Geschütze erbeutet. England bettelt förmlich bei fremden asiatischen und afrikanischen Völkern um Hilfe, wir haben den Eintritt von tausend bulgarischen Kriegsfreiwilligen abgelehnt. Das Beste habe ich mir für den Schluß aufgehoben. Das Beste heißt auf Griechisch: „Aristcs". Davon kommt das Wort „Aristokrat", also einer von den Besten. Hören wir zwei von den Besten der britischen Nation. Einer schwelgt bei dem Gedanken, wie es sich die dunkelhäutigen indischen Reiter im Potsdamer Park bequem machen werden, der andere wettert, daß die Kruppsche Fabrik zerstört werden müsse. Aber in den Krieg ziehen? Fällt den beiden nicht ein! Ein österreichischer Magnat — seine Orden und Titel füllen in Lehmanns Wohnungsanzeiger acht Zeilen — berühmt durch sein offenes Herz und seine offene Hand für alles Gute und Schöne, schreibt in einem Brief, es freue ihn die wiedererstehende Jugend Oesterreichs; er bedauere, daß er nicht so jung geworden sei, um auf den Feind schießen zu können, er werde aber doch mit der Rettungsgesellschaft an die rrcnt fahren, Verwundete holen. Und bis zur Fertigstellung dieses Zuges steht der alte Herr — er zählt 77 Jahre — mit der Kappe der Rettungsgesellschaft am Nordbahnhof und hilft beim Transport und Labedienst. Von der Teilnahme englischer Aristokraten am Kriege hat man bisher wenig gehört. Unsere und deutsche Aristokraten ziehen mit grauen Haaren ins Feld, 60jährige und ältere Grafen und Fürsten rücken mit ihren Söhnen zugleich ein, 16 Grafen Thun, ich weiß nicht wieviel Schwarzenberge, Windischgrätze und Auersperge haben, wie es in einem Gedicht in der „Jugend" heißt: „Die Mütze aufgesetzt, sich wieder aufs graue Haar". Die Familie der jetzt in Kroatien ansässigen Grafen Kulmer (steirischer Uradel) und ihre nächsten Verwandten haben nicht weniger als 33 Offiziere an die Front geschickt. Drei Schwäger des Thronfolgers sind freiwillig eingerückt, deutsches Fürstenblut ist bereits in Belgien und Frankreich geflossen. Der deutsche, bayerische und württembergische Kronprinz führen Armeen, fünf weitere Söhne des deutschen Kaisers stehen in Frankreich bei der Armee. Unser Oberkommandant ist Erzherzog Friedrich; der Artillerieinspektor 'Erzherzog Leopold Salvator ist persönlich Zeuge der Leistungen unserer Artillerie in Galizien.* Erzherzog Josef Ferdinand führt das Korps der Alpenländer (die Edelweißgeschmückten), Erzherzog Peter Ferdinand und Erzherzog Josef kommandieren Divisionen, Erzherzog Karl Albrecht macht Dienst bei der Front als Oberleutnant, der Thronfolger reitet unter dem Jubel der Truppen bei Grodek in die Feuerlinie! Und Englands Prinz von Wales? Erst kann er nicht ausrücken, weil seine Uniform nicht fertig ist und jetzt erlaubt es Lord Kitchener nicht, weil die militärische Ausbildung des Prinzen noch «nicht genug fortgeschritten ist. Ich bin am Ende meiner vergleichenden Studie. Du, lieber Leser, hast sicher die Bilanz gezogen. Zu wessen Gunsten sie ausgefallen ist. frage ich nicht. F. Bei den Wunderräbbis in Wien/) Im Wiener Exil. — Die verschiedenen Dynastien. — Gottesdienst und Audienzen. — Siegeszuversicht. Die Rabbiner von Sadagora, Czortkow und Bojan werden jetzt in einigen Hotels im II. Bezirk in Wien beherbergt. Sie sind Fürsten in ihrem Bereiche, Führer von Tausenden von „Untertanen", die gerade in diesen Tagen, um die Zeit des jüdischen Neujahrs, sonst in Scharen zu ihnen pilgerten, in ihren geweihten Hallen Erbauung fanden und durch sie das Wort Gottes vernahmen. Als Diener Gottes waren diese Wunderrabis Herrscher in ihren eigenen Zelten, Spender und Tröster. Der Rabbi von Bojan, der mit seiner ganzen Suite hier weilt, hat im Hotel Kronprinz sechszehn Zimmer bezogen, aber sie ersetzen ihm gewiß nicht die Behaglichkeit seines luxuriösen Schlosses. Am allerwenigsten konnte für die Bojaner Synagoge, die nach der Erklärung des Türstehers „das schönste Gotteshaus der Welt" ist, ein Ersatz geschaffen werden. Es sei hier noch hinzugefügt, daß es sich um die Repräsentanten der „Dynastie Friedmann" handelt. Neben dieser existiert noch die Linie Hager, deren Häupter in Wiznitz, Kossow und Ottynia residieren. Die Friedmannschen Anhänger rekrutieren sich zumeist aus Galizien und Rußland, während das Hagersche Rekrutenkontingent von Galizien und Ungarn gestellt wird. Alle übrigen sogenannten Wunderrabis sind zweitrangige Größen. Sehr interessant ist ein Einblick in die „Regierungsgeschäfte*': Der Verkehr zwischen den Getreuen und dem Rabbi ist auf Minuten beschränkt. Für gewöhnlich werden an jedem Freitagvorabend sämtliche Gäste vorgelassen, deren jeder vom Rabbi durch einen Händedruck begrüßt wird. Hierauf begeben sich alle in die Synagoge, während der Rabbiner auch den Gottesdienst in seinem nur durch eine Türspalte mit dem Gotteshaus kommunizierenden abgeschlossenen Gemach, den Laien unsichtbar, verrichtet. An Wochentagen finden dann zu bestimmten Stunden die Audienzen statt. Jeder Audienzwerber schreibt vorerst auf ein Zettelchen seinen und seiner Angehörigen Namen und in knappen V/orten, in welchen *) Es wird unsere Leser gewiß interessieren, über cas Lehen des gaUzischen Wunderrabbis .in Wien einiges zu erfahren. Mir entnehmen diese Schilderung dem „N. W. .1." A ri m. der Red. Belangen Gottes Hilfe erfleht werden soll. Diese Zettelchen, sowie die Geldspenden werden auf den Tisch gelegt. Der Rabbi hört noch den mündlichen Kommentar an und erteilt den Segen. In häufigen Fällen wird diese Agende auch brieflich erledigt und der Sekretär, dem der Vortrag der Post und deren Erledigung obliegt, muß dem Geschäfte viele Tagesstunden widmen. Die Lebensweise ist streng geregelt. Der Rabbi ist zumeist abgeschlossen und außer dem Gottesdienst und dem Studium heiliger Schriften bleibt nur noch ein Stündchen für den Besuch der Kinder und eines für den Empfang der Bittsteller übrig. In später Abendstunde absolvierte ich die Besuche bei den hier weilenden Rabbinern. Sie verwahren sich fast einmütig dagegen, daß sie von Künstlern und Schriftstellern, die ab und zu nach dem Osten kommen und Besuche bei den Wunderrabbis abstatten, in ironisierender Form als exotische Auswüchse beschrieben werden. Diesei Protest wird namentlich durch das Wesen des einen Rabbiners wirkungsvoll unterstützt. Sein bleiches, durchgeistigtes Gesicht ist von einem langen herabwallenden Bart umrahmt und der erste Eindruck ist Güte und Ergebenheit. Ein wunderschöner Kopf, für ein Heiligenbild wie geschaffen. Bald nimmt man auch weltmännische Manieren wahr und im Verlaufe des Gespräches, das er in fließendem Deutsch führt, entpuppt sich ein feingebildeter Mann, der über die Kriegslage genau informiert ist. „Ich war natürlich nicht für den Krieg", sagt der Rabbi. „Das heißt — wenn man mich gefragt hätte, hätte ich abgewehrt, und zwar ans Gründen der Menschlichkeit. Aber da es so gekommen ist, flehen wir Gottes Segen herab. Wir verrichten täglich inbrünstige Gebete für unseren geliebten Kaiser und für den Sieg der österreichischen Waffen. Und der Sieg wird kommen. Es kann nicht anders sein." Der Rabbi verweilt alljährlich einige Tage in Wien gelegentlich seiner Reise nach Marienbad. Er kennt aber von Wien nur die Museen, in denen er immer wieder ganze Tage verbringe, wie er jede Gelegenheit benutze, um sich in Weltgeschichte und Naturwissenschaften zu vertiefen. Dabei erzählt er wehmütig, wie schwer es ihm gefallen sei, seine herrliche Bibliothek, welche drei Säle fülle, zu verlassen. Auch die Gartenkultur in seinem Schlosse sei sehenswert. Das Schloß sei seinerzeit von einem polnischen Grafen gekauft und durch Neubauten vergrößert worden. Eine eigene Wasserleitung sei errichtet worden, welcher dieses kleine Städtchen sonst sicherlich nicht teilhaftig geworden wäre. „Für einige Wochen", fügte der Rabbi resigniert lächelnd hinzu, „müssen wir uns mit bescheidenen Wohnungen zufrieden geben. Die siegreiche Entscheidung für Oesterreich kann nicht mehr lange auf sich warten lassen! Das ist keine Prophezeiung, sondern eine Ueberzeugung. 'Weil unsere Helden für die gerechte Sache kämpfen. Gott sei mit uns!" Mit einem zweiten Rabbiner mußte ich mich in „jiddischer" Sprache verständigen, da er weder in Wort noch in Schrift des Deutschen kundig ist. Ueber die Weltereignisse wird er von seinem Sekretär in mündlichem Vortrage unterrichtet. Auch er betont, daß unausgesetzt Gebete für den Sieg unserer Waffen verrichtet werden. „Wie könnten auch die Juden anders als begeisterte österreichische Patrioten sein?" „Aber der Sieg Oesterreichs" — fügte der Rabbi mit vibrierender Stimme hinzu — „ist auch eine Judenfrage. Das Gros der Juden lebt in Rußland. Und ihr wißt alle nicht, auch die Herren von den Zeitungen nicht, wie fürchterlich unsere Brüder dort drangsaliert werden. Das weiß ich am besten, weil sie mir ihr Herz ausschütten und erzählen, was man nicht schreiben kann. Die zehn ägyptischen Plagen sind Wohltaten da-