Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1914-10-23 · Heft 24 (23.10.1914) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 24 (23.10.1914)
Date
1914-10-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2425679-2425912-2425936--3029-2429584
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 24 „Neue National-Zeitung" Seite 3 alle inneren Zwistigkeiten gleichsam mit einem Schlage verschwanden; mit welchem Eifer, mit welcher Begeisterung folgte jeder dem Rufe seines Kaisers! In diesen Ländern der allgemeinen Wehrpflicht, wo Linie, Reserve, Landwehr und Landsturm eine lang dauernde Wehrpflicht erheis'chen und alle gesetzlich verpflichtete Mannschaft zu den Fahnen gerufen wird, hat sich eine Armee von Solchen gemeldet, die noch nicht oder nicht mehr wehrpflichtig sind (bei uns VA Millionen, in Deutschland zwei Millionen). Väter und Söhne zogen gleichzeitig in den Krieg und erst kürzlich meldeten die Blätter, daß der in Wien als Starter bei den Rennen bekannte freiwillig eingerückte Rittmeister i. P. Reimer und sein als Rennreiter nicht minder bekannte Sohn. Hauptmann Reimer am selben Tage in Rußland gefallen sind. Und Frankreich? Und England? Da werden Proklamationen erlassen, in welchen mehr oder minder angesehene Männer gegen den Krieg protestieren. Wenn man die englischen Nachrichten über die Art der Werbung betrachtet, kann man zwischen den Zeilen lesen. Die polnischen — also unsere — Jungschützen stürmen ins feindliche Land, greifen einen ihnen an Zahl überlegenen Kosakenhaufen an, schlagen ihn in die Flucht und erobern eine Stadt. Die englische Jugendwehr zieht — das Bild war in einer englischen illustrierten Zeitschrift zu sehen — unter Pauken- und Trommelschlag durch die Straßen Londons. An größeren Plätzen wird1 Halt gemacht und an die Anwesenden die Aufforderung gerichtet, in die Armee einzutreten. Bei uns treten Komitees aus Angehörigen aller Parteien zusammen, um für die vielen durch den Krieg arbeitslos Gewordenen eine Erwerbsmöglichkeit zu finden, in England untersagt die Regierung jede Aktion gegen die Arbeitslosigkeit, bis die Werbung zufriedenstellend beendet sei. Man will also Leute durch Hunger zu Soldaten pressen. Mit wenigen unrühmlichen Ausnahmen unterstützen und fördern unsere Kaufleute und Industriellen ihre einberufenen Angestellten und deren zurückgebliebene Angehörige, englische Fabrikanten entlassen Arbeiter, um sie .zum Eintritt ins Heer zu zwingen. Die Herrschaften; vergessen aber, daß ein alter, erfahrener Heerführer — unser unvergeßlicher Vater Rad'etzky — der doch was von der Sache verstanden hat, das Axiom aufstellte: „Mit hungrigen Soldaten gewinnt man keine Schlachten". Eine ganze Reihe von Vergleichspunkten ergibt sich weiters, wenn man unser und Deutschlands Verhalten mit den Taten unserer Feinde vergleicht, die in Nr. 20 (Kultur und Völkerrecht im Kriege) geschildert wurden. Einen Vergleich über die Wehrtüchtigkeit der kämpfenden Heere geben uns die bisherigen Kriegsresultate. Betrachten wir das harmonische Zusammenwirken unseres und des deutschen Generalstabes, Der Vorstoß der Armee Dankl gegen Lublin ebnet General Hindenburg den Weg zum Siege bei den masurischen Seen, — General Hindenburgs Vorgehen in Russisch-Polen entlastet unsere bei Lemberg schwer kämpfenden Heldentruppen. Unsere Artillerie holt sich unter deutschem Oberbefehl in Belgien und Frankreich neue Lorbeeren. Unsere und deutsche Truppen kämpfen Schulter an Schulter in Russisch-Polen, schlesische, also deutsche Landwehr kämpft unter Österreichischemi Oberbefehl. Demgegenüber das kindische Gezänk zwischen French und Joffre wegen Stilisierung der Berichte über ihre sogenannten „Erfolge". Die knappen, sachlichen, nichts verschweigenden Berichte unseres und des deutschen Generalstabes gegen die schleierhaften phrasenstrotzenden Bulletins von Joffre, French und Kompagnie. Man vergleiche die tollkühnen, todesmutigen Fahrten deutscher Kriegsschiffe von „Breslau" angefangen bis „U9" mit der Untätigkeit der englischen Flotte, die höchstens wehrlose Handelsschiffe oder schwächere Kriegsschiffe angreift. Dem Heldenkampfe unserer „Zenta" kann man die „Ruhmestaten" der französischen Flotte bei Cattaro, Punta d'oro, Lissa und Pelagosa entgegenhalten. Die letzte Heldentat: Raub von Proviant und Wäsche bei den Leuchtturmwächtersfamilien und unflätige Verunreinigung der Zisternen hat ein Wiener Blatt mit tingefähr folgenden Wörtern besprochen, die auch einen treffenden Vergleich bilden: „Nicht einmal wilde Bestien verunreinigen die Tränken, es wäre also eine Beleidigung für die Ti'ere, wollte man dieses Vorgehen der Franzosen als viehisch bezeichnen.'"' Wieviel Rühmliches hat man von unseren und den deutschen Fliegern gehört und wir gar nichts von englischen und französischen. Der englische Journalist, der für jeden erfolgreichen Flieger die Erhebung in den Ritterstand und die Uebergabe einer Lebensversiclierungspolizze von 10.000 Pfund an seine Angehörigen fordert, ist das richtige Bild des Landes, das alles mit Geld zu richten vermeint, mit seinem Reichtum protzt, dessen Minister den Krieg für eine Geldfrage erklärt und sich rühmt, daß England mit silbernen Kugeln schieße. Diesmal wird sich England verrechnen; man kann mit Geld Burengenerale kaufen, aber eine Volksstimmung wie die der Zweibundländer kann England nie kaufen, und wenn es tausendmal reicher wäre! Einzig ist die Antwort, die ein Deutscher dem Engländer gab, welcher sich rühmte, daß das englische Parlament bis zum letzten sich eingestellt wie überall. Daß sich die Juden durch ihre Beteiligung an den polnischen Aufständen, durch die finanziellen Opfer für die Polen redlich deren Dankbarkeit verdient haben, wird ignoriert. Die Tagesblätter machen antisemitische Glossen, es gibt Wochenschriften, die nur Antisemitismus kultivieren, und der antisemitische Kalender „Zyd" („Der Jude") wurde bei einer Auflage von 5000 Exemplaren in einigen Tagen vergriffen. Die polnische Gesellschaft weicht den Juden aus und ist „judenrein". Nur hie und da werden ein oder zwei „Ausnahmsjuden" in christliche Gesellschaften geladen und von zwei solchen, einem Historiker und einem Kritiker, erzählt man sich, daß sie sich dann trotz persönlicher Bekanntschaft nicht einmal begrüßen, um nur jede Aufmerksamkeit von ihrer gemeinsamen Art abzulenken. Die Christen machen sich aber keine Skrupel, sich von ihren jüdischen Bekannten einladen zu lassen. Aber sie kommen dann ohne ihre Frauen, „denn diese" — gestand mir ein „patriotischer" jüdischer Advokat — „können sich mit unseren Frauen nicht vertragen". Diese „vis a tergo", um ein Wort Nordaus zu gebrauchen, bringt manche Juden zur Besinnung. Sie ziehen sich auf ihr Judentum zurück und suchen da ein Gebiet zur Betätigung. Die jüngst in Warschau abgehaltene Delegiertenkonferenz behufs Verbreitung von Handwerk und Industrie unter den Juden, das Bestreben, eine jüdische Ackerbauschule zu errichten, sie entstammen der Befürchtung dieser Kreise, nicht auch unter den Juden ihr Ansehen und ihren Einfluß einzubüßen. Aber vom Volke, dessen Traditionen und Weltanschauung sie sich ganz entfremdet haben, trennt sie noch immer eine Kluft. Sie kommen auch gar nicht zu ihm als Brüder, sondern als Wohltäter und Protektoren, nicht um es zu erlösen und sich mit ihm zu gemeinsamer Arbeit zu vereinigen, sondern, um es zu „unterstützen". Wehe denen, die erst darauf warten müssen! Aber in dieser Stadt, wo ein Rabbi Meiseis wegen seiner Teilnahme an der 1863er Revolution in der Zitadelle gesessen ist, wo ein Jude in den Straßenkämpfen unter allgemeinem Jubel das Kreuz vorantrug, als sein früherer Träger niedergeschossen wurde, hat jetzt der traditionelle Patriotismus der Juden bereits ausgespielt. Die Volksmassen waren sich seiner nie recht bewußt, die akademische Jugend neigt sich immer mehr dem wirtschaftlichen Radikalismus zu oder nähert sich dem Zionismus, die wohlhabende Klasse der russischen Juden, die hier eingewandert ist, bildet die eifrige Anhängerschaft dieser letzteren Bewegung. Ja, selbst für die jüdische Arbeiterschaft ist die Frage des polnischen Patriotismus zu einer akuten geworden. Die jüdischen Arbeiter, die das Ghetto nur verlassen, um in die Fabrik zu gehen und dort wiederum nur untereinander zu sein, die den langen Rock tragen und den Säbbat feiern, werden sich schwerlich in die polnische Organisation einschachteln lassen. Der Sozialismus, von dem sie dank einer intensiven, durch die Jargonbroschüren-Literatur amerikanischer Provenienz unterstützte Agitation die üblichsten Schlagworte kennen lernen, vermag sie dem Judentum nicht zu entfremden. Aber er macht sie politisch reifer. Sie beginnen zu denken, sie gelangen zur Erkenntnis der sozialen Bedingungen und nehmen den Sozialismus als Maßstab nicht bloß für ihre Not, sondern für ihre „Judennot". In ihren Versammlungen, die in Privathäusern stattfinden, bringen immer einige die Diskussion auf den Zionismus und er findet viele Verteidiger und Anhänger. Die zionistische Weltanschauung ist heim jüdisch-sozialistischen Arbeiter immer ein Fortschritt, eine Entwicklung zum nationalen Selbstbewußtsein. Sonst sind die Massen indifferent. Sie kennen nur ein Leben voll von Kämpfen, Kummer und Sorgen, das zu physischer und geistiger Degeneration führt. Kleinhandel, Kramerei und Lebensmittelhausierer ei bildete die Erwerbsquelle der meisten. Ob auch einen Nahrungszweig? Fast auf allen öffentlichen Plätzen und in allen Toren, ja, selbst in den größeren Höfen hocken jüdische Krämerweiber, auf dem Muranow-Platz wimmelt es von Hunderten jüdischer Fischhändlerinnen, Geschäftsläden mit allen möglichen Warengattungen, oder „Resten" reihen sich dicht aneinander, und in den früheren Schränken wird jetzt Tee oder Sodawasser serviert und „gefüllter" oder „ungefüllter" Honig- und Zuckerkuchen verkauft. Und davon wollen alle die Leute leben! Dabei wächst mit jedem Tage die Konkurrenz. Von den Städtchen kommt frischer Zuzug, die Bevölkerung vermehrt sich rapid und damit die Zahl der Ehen, die ihre wirtschaftliche Existenz auf Geschäftsläden oder Kramereien begründen. In den Mansardenwohnungen und Kellerräumen wird es immer enger. Wie soll das enden? Außerhalb der Stadt befindet sich ein großer viereckiger Platz: plac broni. Dort ist der Trödelmarkt. In Holzzelten werden allerlei alte Gegenstände oder auch neue Sachen mindester Qualität für die Bekleidung oder Wirtschaft feilgeboten. Daneben versuchen auch Handelsschreier ihre aufgekauften Waren an den Mann zu bringen. Oft bilden nur ein paar Stiefelröhren ihrer ganzen Vorrat, und es vergeht ein ganzer Tag, ohne daß sie einen Käufer dafür fänden. Denn auch hier verteilen sich Angebot und Nachfrage ganz ungleichmäßig. Die Konjunkturen sind nach Jahreszeiten und Tagen stets verschieden. (Schluß folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.