Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 24 (23.10.1914)
- Date
- 1914-10-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sei e 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 24 Der Antrag auf Statutenänderung wurde angenommen; der Antrag des Dr. Stern auf Durchführung der Wahlen war somit abgelehnt. Aus dieser Statutenänderung geht hervor, daß ein zweifacher Beschluß gefaßt wurde: 1. Die Wahlen sind in diesem Jahre nicht abzuhalten; überhaupt können in den Jahren, wo Krieg oder Epidemien oder dergleichen stattfinden, nach Willkür des Kultusvorstandes die Kultuswahlen bis längstens für die Dauer eines Jahres hinausgeschoben werden. 2. Die Stellen derjenigen Kultusvorsteher, die entweder im Laufe der letzten zwei Jahre gestorben sind oder deren Mandatsdaner abgelaufen ist, sind durch Kooptation zu ersetzen. Dieser Beschluß des Kultusvorstandes unterscheidet sich vom früheren nur in formeller Beziehung, nämlich dadurch, daß er in öffentlicher Sitzung gefaßt wurde; meritorisch aber ist er gerade so willkürlich, wie der andere, oder noch willkürlicher. Während der frühere, suspendierte Beschluß dahin gegangen ist, nur in diesem Jahre Wahlen nicht abzuhalten, wird es durch die erfolgte Statutenänderung ganz dem Belieben oder der Willkür des Kultusvorstandes anlieimgestellt, unter gewissen Voraussetzungen jederzeit die Kultuswahlen zu verschieben. Nicht im Falle des Krieges, denn diesen erklärt der Kaiser, aber im Falle von Epidemien. Bekanntlich durften einmal in Galizien in vielen Gemeinden während der Reichsratswahlen . keine Wählerversammlungen abgehalten werden, weil die Bezirkshauptleute irgendwo eine „epidemische Krankheit" im Orte entdeckten. Wenn also in Wien einmal der Fall von Cholera oder Flecktyphus eintritt, so können die Herren des Kultusvorstandes den Standpunkt vertreten, daß in Wien eine Epidemie herrscht, was genügt, um die Kultuswahlen hinauszuschieben. Schon dieser Beschluß allein öffnet jeder Willkür Tür und Tor; diese Willkür zeigt sich in ihrer noch krasseren Form dadurch, daß im Falle der Verschiebung der Wahlen nicht die bisherigen Funktionäre bis zur neuen Wahl in ihrem Amte bleiben müssen, wie es ursprünglich geplant wurde, sondern daß die Majorität des Kultusvorstandes das Recht hat, an Stelle derjenigen Mandatare, deren Mandatsdauer abgelaufen ist. im Wege der Kooptation andere zu bestellen. Es würde also genügen, daß in irgendeinem Jahre der Kultusvorstand bei den Neuwahlen eine Niederlage befürchtet, um ihn zu veranlassen, daß wegen „Epidemien" die Kultuswahlen hinausgeschoben werden, um an Stelle der bisherigen Mandatare, falls sie mißliebig sind oder falls die Wahl oppositioneller Mandatare zu befürchten ist, lieber Barrierestöcke zu ernennen — die Pappenheimer. Diese durch und durch undemokratische Aenderung der Wiener Kultusgemeinde- Statuten bildet eine rücksichtslose Provokation der Wähler und fordert zum heftigsten Kampfe heraus. Diese Provokation ist umso trauriger und bedauerlicher, weil sie geeignet ist, in einer Zeit, wie die jetzige, wo die Parteiengegensätze ruhen sollten, die Parteiengegensätze erst recht zu verschärfen, und weil sie lediglich den Zweck hat, eine alte, erbgesessene, aber den Zeitverhältnissen und dem Fortschritte durchaus nicht gewachsene Koterie in ihrem Besitze zu stärken. In welcher Weise dieser als „Statutenänderung" bezeichnete Rechtsbruch bekämpft werden soll, werden wir nächstens besprechen. Wir wollen aber jetzt schon unserer Ueberzeugung Ausdruck geben, daß die staatliche Aufsichtsbehörde nie und nimmer eine solche, die Rechte der Wähler schwer beeinträchtigende, von einem Parteiegoismus diktierte Statutenänderung genehmigen wird. L. i Kriegsparallelen. Jedermann wird sich aus der ersten Zeit seines geometrischen Unterrichtes erinnern, daß unter Parallelen zwei Linien in einer Ebene oder zwei Ebenen verstanden werden* die sich in keinem Punkte schneiden, so weit man sie auch verlängert und die überall gleich weit voneinander entfernt sind. Wer beim Militär gedient hat, dem ist in der Befestigungslehre beim Kapitel „Belagerung" ebenfalls das Wort „Parallele" untergekommen. Dort bedeutet es Gräben der oben beschriebenen Eigenschaft, in welchen die verschiedenen zum Angriffe dienenden Batterien untergebracht werden. In der Rhetorik und Stylistik bezeichnet man mit parallel dasjenige, was eine fortgesetzte Vergleichung zuläßt. Derjenige, welcher seit dem historischen 25. Juli die Tagesblätter fleißig studiert hat — und wer hat dies nicht getan? — wird gewiß die Wahrnehmung gemacht haben, daß der große Krieg zu Vergleichen geradezu herausfordert, und daß tagtäglich irgendetwas registriert wird, woran sich längere Erörterungen knüpfen, die einer Vergleichung fast so ähnlich sehen, wie ein Ei dem anderen. Einiges soll hier zusammengefaßt wiedergegeben werden. Ich schicke voraus, daß ich unser Reich und Deutschland auf die eine Seite, die „großen Kulturstaaten", Frankreich und England" auf die andere Seite stelle. Die Bilanz ist leicht zu ziehen. Ich beginne mit der Zeit vor, während und nach der Kriegserklärung. Ich erinnere an die Behandlung, die unsere Land'sleute und die Deutschen in Frankreich und England zu erleiden hatten und noch haben; dem stelle ich entgegen, wie die Ausländer bei uns behandelt wurden, was sie selbst auch öffentlich erklärt haben. Unvergeßlich bleibt allen Zeitgenossen die Tatsache, daß bei uns und in Deutschland in dem Augenblicke der Mobilisierung rakteristisch: von 200.000 Juden zahlen kaum 3500 Kultussteuer (1,75 Prozent). Sie beträgt von 2—275 Rubel. In Wien, wo das Steuerminimum 10 Gulden ist und wo nur 130.000 Juden wohnen, finden wir 13.000 Steuerzahler (10 Prozent).*) Das Wahlrecht für den Warschauer Kultusvorstand ist von einem Steuerminimum per 15 Rubel abhängig; diesen Betrag können nur 1300 Menschen erschwingen. Das Jahresbudget der Kultusgemeinde beträgt kaum 200.000 Rubel und es genügt, da die Bethäuser und die meisten Wohltätigkeitsanstalten autonom sind und aus Privatmitteln erhalten werden. Das neue jüdische Spital mit einem Belegraum von 370 Betten, das jüngst mit einem Aufwände von einer Million Rubel erbaut wurde, die zwei jüdischen Handwerkerschulen, die zusammen über 250 Knaben heranbilden und ein Budget von 24.000 Rubel aufweisen, die drei jüdischen Volksküchen, der Handwerkskurs für Mädchen usf., sie haben ihre Fonds nur der Privatwohltätigkeit zu verdanken. Ob sie wohl vom Herzen kommt? Das Leitmotiv für das Verhalten der paar Bankiersfamilien, die hier die Hauptrolle spielen, und ihres Anhanges, war bisher nicht die wahre Liebe zu ihrem eigenen Volke, sondern der lebhafte Wunsch, in den Augen der Polen als jüdische „Repräsentanten" und als gute Patrioten zu gelten, die ihre Glaubensgenossen zu „nützlichen Bürgern" erziehen. Dabei sollte ihnen der Rückzug gesichert bleiben, wenn man sie draußen abstoßen wollte. Das war weise und vorsichtig. Der Antisemitismus hat sich auch in Polen von der stark ausgeprägten Assimilation nicht imponieren lassen. Er hat *) In Wien gibt es gegenwärtig unter 185.000 Juden zirka 25.000 Steuerzahler. Die Redaktion. FEUILLETON. Warschau.*) Von Dr. S. R. Landau. Nach New York ist Warschau die zweitgrößte Judengemeinde der Welt. Sie zählt 200.000 Seelen oder noch mehr.**) Genau läßt sich wohl die Zahl nicht bestimmen. Die statistische Wissenschaft genießt in Rußland erst seit der jüngsten Zeit eine ihrer gegenwärtigen Bedeutung entsprechende Pflege. Ihre Resultate sind kaum erst gesichtet und nur in den allgemeinsten Umrissen veröffentlicht. Wer sich daher mit der Judenstatistik Rußlands beschäftigt, der bleibt lediglich auf die Berichte der Zentralstatistischen Kommission in St. Petersburg und des statistischen Komitees in Warschau angewiesen. In beiden fällt eines besonders auf: der ungeheure Zuwachs der jüdischen Bevölkerung. In ganz Rußland (mit Einschluß von Polen) entfallen nach dem Durchschnitt vom Jahre 1883 bis 1892 auf 100 Todesfälle: *) In Warschau erwarten 300.000 Juden pochenden Herzens ihre Erlösung von russischer Knechtschaft; siie erwarten die bereits mit ehernen Schnitten herannahende österreichisch-ungarische und verbündete deutsche Armee. Wir österreichischen Juden sehnen uns nach 'dem Augenblicke, da wir unsere Warschauer Brüder auch als unsere Mitbürger umarmen können. Deshalb dürfte wohl das vorliegende Kapitel, aus dem allerdings noch vor mehreren Jahren erschienenen Buche „Unter jüdischen Proletariern" von Dr. S. R. Landau heute die jüdische OeffentMchkeit besonders interessieren, zumal darin zum erstenmal der Versuch unternommen wunde, das furchtbare jüdische Massenelend in Russisch-Polen zu schiildern. Die Redaktion. **) Die statistischen Daten dieses Artikels haben sich seit dessen Veröffentlichung verschoben; die jüdische Bevölkerung von Warschau ist inzwischen auf mehr als 300.000 angewachsen. Die Redaktion. Unter Griechisch-Orthodoxen 138 Geburten „ Protestanten .... 147 „ „ Katholiken.....156 „ „ Juden......171 Diesen Ueberschuß pflegt man bei den Juden ihrer größeren Fruchtbarkeit zuzuschreiben. Die Statistik beweist aber, daß diese Anschauung falsch ist. Auf eine Ehe entfallen in Rußland: Unter Griechisch-Orthodoxen . 5,7 Kinder „ Katholiken.....4,8 Juden.......4,6 „ Protestanten.....4,5 „ Somit ist die Ursache der Vermehrung anderweitig zu suchen: in der geringeren Sterb1ichkeitsziffer der jüdischen Kinder. Von 1000 Kindern sterben durchschnittlich: Unter Griechisch-Orthodoxen . . . 407,1 „ Protestanten.......282 „ Juden......... 232,1 „ Katholiken.......216 Die jüdischen Ehen sind also weniger fruchtbar, aber dafür bleiben dank der zärtlichen Pflege und sorgfältigeren Erziehung mehr Kinder am Leben. In Warschau gelangen wir nun zu folgenden Resultaten: Geburten Todesfälle Zuwachs Auf 1000 Christen kommen jährlich 45 30 15 Auf 1000 Juden kommen jährlich 55 25 30 Die Juden in Warschau vermehren sich daher doppelt so zahlreich wie die Christen. Da sie zueinander im Verhältnis wie 1:2 stehen, so entfällt auf jeden der beiden Teile ein Jahreszuwachs von je 6000 Menschen. Für die Güterverteilung unter den Juden dieser Gemeinde ist ein Umstand sehr cha-