Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 23 (16.10.1914)
- Date
- 1914-10-16
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Kr. 22 „Neue National-Zeitung" Seite 5 Weiter hinauf gegen Osten war die radiotelegraphische Station eingerichtet, deren Motor ab und zu surrte und eine wichtige Meldung abgab. Einige Aeroplane konnte man auch sehen. Sie mußten stets für Erkundungsflüge bereit stehen. Ein großer Teil der Kaserne war in ein Spital umgewandelt worden, in dem unsere und russische Verwundete einträchtiglich nebeneinander lagen. Jch hatte Muße und sah mir diese Russen an. Ich habe mich bemüht, einen intelligenten Zug in diesen Gesichtern zu entdecken — es ging aber beim besten Willen nicht. Diese interesselosen, stumpfen Augen, die einen aus ledernen, verängstigten Gesichtern anblickten, brachten uns zu der Ueberzeugung, daß wir in diesen Krieg mit viel teuererem Menschenmaterial gezogen sind, als die Russen. Unser letzter Arbeiter hat ein Stück Kultur, einen gewissen Bildungsgrad, einen Teil hoher ethischer Werte in seinem Innern aufgespeichert. In seinem Fach ist er ein Meister, fühlt sich als ein Rad in der großen Maschine des industriellen Lebens. Unser Bauer kann, bis auf wenige Ausnahmen lesen und schreiben, weiß wer er ist, weiß seine Bestimmung als Landmann, weiß, warum er in den Krieg ziehen muß. Wenn diese stumpfen Muschiks, die als Herde daher getrieben werden, fallen, so wird das Russenreich nicht viel an ihnen verlieren und wenig über sie trauern, denn sie waren ihm nichts mehr als — Herdenvieh. Wir verlieren aber Männer. Das ist das Tragische an diesem Krieg, und so ist es kein Wunder, wenn sich Rußland mit seinem inferioren Menschenmaterial" so schnell dazu entschlossen hat, uns einen Krieg aufzudrängen ... H. Meine Heimat. .. Dunkle Wolken durch den Himmel, Trübe Träume durch die Brust; Und es klingt ein mattes Echo Aus vergangener Jugendlust. Ach zerstört ist meine Heimat, Eltern und Geschwistern fort, Mit dem Schwerte leb' ich einsam Nur Gottvater ist mein Hort. In den fremden langen Nächten Weine ich voll Weh und still . . Wind Mundur durchnäßt von Tränen, Tränen ohne Rast und Ziel. Dunkle Wolken durch den Himmel, Trübe Träume durch die Brust, Wie aus Tiefen klingt ein Echo Aus vergangener Jugendlust. Da kam eine Schwalbe geflogen Zu uns lins Soldatenquartier; Umflatterte alle Tornister Und zwitscherte für und für. „Wen suchst du?" Ich weiß es mein Vögle;n Ich hab' deine Schwingen erkannt Du kommst ja von jenen Bergen, Wie steht's dort in meinem Land? Wächst noch vor dem Vaterhause Im Gärtchen der alte Baum Wo du dein Nest <iir gebaut hast Wo du hast durchlebt manchen Traum?" — Es zwitscherte trübe dje Schwalbe So kläglich und! schmerzvoll und schwer: „Dein Gärtchen hat jemand vernichtet Das weiß ich und weiter nichts mehr . . ." Eduard König (Brody) dzt. lim Felde. Ein jüdischer Regimentskommandant gefallen. | K. k. Oberstleutnant Adolf Flecker | Zu Beginn der Mobilisierung wußten wir von der Ernennung eines Juden zum Obersten und Regiments-Kommandanten des Infanterieregiments Nr. 102 zu berichten. Allein Oberst Mandl blieb nicht der einzige jüdische Regiments-Kommandant in der österreichisch-ungarischen Armee. Oberstleutnant Adolf F1 e c k e r war dem Range nach nicht an der Tour zum Obersten; dank seiner militärischen Tüchtigkeit wurde er trotzdem an die Spitze eines Regimentes gestellt. Oberstleutnant Adolf F1 e c k e r wurde Kommandant des Landwehr-Infanterieregiments Nr. 20 (Stanislau). Er hat nun seine Kommandanten- und Soldatenpflicht im vollsten Maße erfüllt; er fiel inmitten der Schlacht, an der Spitze seines Regimentes, auf dem Felde der Ehre. K. k. Oberstleutnant Adolf Flecker. Oberstleutnant F1 e c k e r fiel am 10. September auf dem nördlichen Kriegsschauplatz. Oberstleutnant Flecker, welcher, immerfort seine Leute aneifernd, mit ihnen unter heftigem Kugelregen in einem Schützengraben ausharrte und jedem verbot, sich aus der Deckung zu erheben, richtete sich auf, um mit Hilfe des Feldstechers die feindliche Stellung zu rekognoszieren, worauf er im nächsten Augenblick, tödlich in die Stirne getroffen, zusammenbrach. Oberstleutnant Adolf F1 e c k e r wurde im Jahre 1858 in Lemberg geboren. Dort absolvierte er die Oberrealschule, diente 1878/79 als Einjährig-Freiwilliger und wurde am 1. November 1880 zum Reserveletitnant im Infanterieregiment Nr. 30 ernannt. Im Jahre 1882 als Berufsoffizier im Infanterieregiment Nr. 66 aktiviert, kam er nach Jahresfrist zu jenem Nr. 95, wo er November 1888 zum Oberleutnant avancierte. Ende 1893 in den Aktivstand der k. k. Landwehr übersetzt, rückte er hier in die Hauptmanns-, dann Majors- und endlich Oberstleutnantscharge vor, erhielt die Militär verd i e n s t m e d a i 11 e und wurde ihm im August 1913, „anläßlich der Uebergabe der Agenden des Stabsoffiziers für das Schieß- und Waffenwesen, für seine mehr als dreijährige, auch unter schwierige n*Ve rhäl't Ii i' ssen vorzügliche Tätigkeit auf dem Q ebiete des S c h i e ß w e s e n s" die belobende Anerkennung des Landwehrkomm a n d o s ausgesprochen. Er stand knapp vor der Beförderung zum Obersten. Wegen seiner hervorragenden Charaktereigenschaften war er bei allen, die den hochbegabten Offizier kannten, sehr beliebt. Er hinterläßt eine Witwe und zwei Söhne, die im jugendlichen Alter stehen. Oberstleutnant F1 e c k e r blieb dem Judentum, dessen Wahrzeichen er mit in den Krieg führte, bis an sein heldenmütiges Ende treu ergeben; man fand bei ihm eine Mesuse, einhebräisches Gebetbuch und die Photographie seinergreisenMutter. * Bataillons-Konunandant Major Krauss gefallen. Am selben Tage, den 10. September, hat auch Major Emanuel Krauss sein teures Leben dem Vaterlande geopfert. Er fiel auf dem südlichen Kriegsschauplatz, als er an der Spitze seines Bataillons im nächtlichen Sturmangriff das vom Feinde besetzte Dorf Ljubov'ija nehmen1 wollte. Seine letzten Minuten schildert in ergreifenden Worten der bekannte katholische Kirchendichter Ladislaus Szepessy,. der unter ihm gekämpft hat, in einem an die Familie des Tapferen gerichteten Brief: „Es war ein Qrand-Seigneur in des Wortes edelstem Sinne, ein edler Ritter. An seinem letzten Abend lud er mich noch zum Nachtmahl, damit ich ihm meine Gedichte vorlese .... Das Verlöschen seiner erhabenen Seele bereitet mir unendlichen Schmerz. Sein Tod war würdig seiner Seelengröße. Wir zogen zum Sturme unterhalb des Dugo-Berges; undurchdringliche Finsternis herrschte, eine Verwirrung drohte, da rief der Oberstleutnant: „Jungens, gebt mir eine ungarische Fahne!" Man reichte sie ihm. — „V o r w ä r t s!" kommandierte Krauss, und unter der entfalteten Nationalfahne stürmte er vorwärts, an der Spitze seiner Truppen. Plötzlich wankte er. Eine Kugel hatte seine Kehle durchbohrt. Flehend bat er seine Kameraden, sie mögen ihm doch den Gnadenschuß geben, damit er nicht lange leiden müsse. Mein armer heldenmütiger Führer hatte bald ausgerungen. Man begrub ihn zwischen dem Dugo und dem Usi Glarica-Berge und bezeichnete sein Grab, damit die Pietät seiner Familie dereinst das Grab finden könne. Wenn jemand, so verdient er es in allererster Reihe. Ich beweine in ihm den reckenhaften, gewissermaßen feiertäglichen Mann, die glänzende Seele, den einem Löwen gleichen Helden, der sowohl in den Salons wie auf dem Schlachtfelde der erste war.., Ich bekränze sein Heldengrab mit Herbstblumen, das Grab des Wackeren, der jetzt ferne, ferne ruht, eingewiegt zu ewigem Schlafe durch Kanonendonner und Flintengeknatter..." Major Krauss hatte eine schöne militärische Karriere hinter sich, sowohl was Avancement, als auch was Auszeichnungen betrifft, Geboren 1864 zu Bonyhad in Ungarn, war er Einjährig-Freiwilliger der Jägertruppe, wurde im Dezember 1884 zum Reserveleutnant ernannt und 1888 aktiviert. Im November 1892 avancierte er zum Oberleutnant und wurde als solcher Dezember 1898 mit dem Ausdruck der allerhöchsten Zufriedenheit ausgezeichnet (Militärverdienstmedaille am roten Bande). November 1900 kam er, gleichzeitig mit der Beförderung zum Hauptmann, zum Jägerbataillon Nr. 24. Hier wurde ihm „in Würdigung langjähriger, bewährter Truppendienstleistung*4 im September 1909 das Militärverdien st kreuz verliehen. Im Mai 1912 wurde er zum Major im Infanterieregimente Nr. 52 ernannt. Major Krauss fühlte sich in seinem Ehrgeiz vollständig befriedigt, und als man