Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1914-10-16 · Heft 23 (16.10.1914) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 23 (16.10.1914)
Date
1914-10-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2425679-2425912-2425935--3021-2429575
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 „Neue Natlonal-Zeituiig" Nr. 23 und seiner Wirkung ist noch nicht geschrieben. Wer unser Freund war, empfand Rußlands züchtigende Hand; Alexander von Battenberg verlor die bulgarische Krone, Alexander Obrenowitsch Krone und Leben, Ferdinand von Bulgarien wurde im zweiten Ballcankriege gedemütigt und um die Früchte seiner Siege gebracht. Dagegen werden Nikolaus von Montenegro und Peter von Serbien als personae gratissimae kajoliert, nur. unter russischem Schutze konnte Serbien im Jahre 1908/09 gegen die Annexion Bosniens und der Herzegowina aufbegehren, was uns zu kolossalen Rüstungen zwang, nur unter russischem Schutze konnte ein Balkanbund zustande kommen, der zunächst gegen die Türkei, dann gegen Oesterreich-Ungarn gerichtet war. Nur mit dem Blicke auf Rußland dürfen Serbiens Offiziere prahlen, die Türkei sei vernichtet, jetzt kommt die Reihe an Oesterreich-Ungarn. Wie Rußland auf der Londoner Konferenz stets Stellung gegen uns nahm, wie sich Serbien und Montenegro unter seinem Schutze herausnehmen konnten, dem Willen Europas zu trotzen, ist in frischer Erinnerung. Und wenn unser erlauchter Herrscher, der im Jahre 1913 das bereits gelockerte Schwort abermals in die Scheide stieß, persönlich an den „Friedenszaren" appellierte und hiedurch seinem Reiche zwar nicht enorme Geldopfer, aber Blutopfer ersparte, wenn dieser echte Friedenskaiser findet, es sei genug, so weiß er sich der Treue seiner Völker sicher, wie auch der Zustimmung Aller, die an den Spruch glauben: Est modus in rebus Sunt certi denique fines! Auf dem Wege nach Krasnik. (Schluß.*) Unsere Freunde in Kussisch-Polen. Was waren aber alle Naturschönheiten gegen einen — Rasttag! Erst im Felde, nach täglichen anstrengenden Märschen, oft über Strecken von zirka 40 km, erhielten wir das richtige Verständnis dafür, was ein Rasttag heißt. Da konnten wir endlich einmal der Staubkruste, die sich auf Gesicht, Montur und Schuhe infolge des Marsches auf den lockeren Sandstraßen festgesetzt hatte, ordentlich zu Leibe gehen. Oft hüllten die Staubwolken, welche die kilometeiiange Kolonne aufwirbelt, Soldaten und Pferde ein, die, weithin sichtbar, manchem das Atrrten erschwerte. Da gab es dann viel zu putzen, bis man sich halbwegs wieder in einen staubfreien Menschen verwandelt hatte. Ohneweiters ging das allerdings nicht. Oft war ein Brunnen nicht so leicht zu finden, da mußte man sich halt mit einem in der Nähe befindlichen Teich zu helfen wissen. Hatte man sich erst einmal selbst ein bischen in Ordnung gebracht, bezw. kultiviert, so ging es an das große Wäschewaschen. Denn ein Rasttag ist nicht nur dazu da, um sich auszuruhen, sondern ist in erster Linie dazu zu benützen, die „Garderobe" in Ordnung zu bringen. Da heißt es, schmutzige Hemden, Taschentücher und Sonstiges so gut oder schlecht als möglich, zu waschen, bis man, allerdings als Laie in solchen Sachen, des Guten genug getan zu haben glaubt. Nachher stellt sich dann aber heraus, daß die Wäsche zwar an der Sonne getrocknet, aber alles weniger als weiß war. Ein weiteres Charakteristikum für einen Rasttag ist die Jagd, allerdings nur auf Leckerbissen und Neuigkeiten, auf Erforschung von Land und Leuten. *J Vergl. Nr. 22 d. J. Anm. d. Red. Bei diesen Streifzügen machten wir die Beobachtung, daß die Lebensmittel dortzulande billig waren. Für fünf Eier zahlten wir nur 20 Heller, für ein Quart (l1/? Liter) Milch auch nicht mehr. So tranken wir denn, wo wir konnten, Milch. Fleisch war sehr billig, auch Speck, Obst usw. Manchmal wollten die Leute sogar von uns kein Geld annehmen, gaben uns vielmehr noch Obst und — gute Wünsche auf den Weg mit. Die ländliche Bevölkerimg kam uns überhaupt im Allgemeinen sehr freundlich entgegen. Wir schliefen, häufig in aller Seelenruhe in den Scheunen auf wunderbarem Stroh, fest eingehüllt in unsere Mäntel über der verstaubten Montur, an den Füßen die schweren Schuhe. An einen Ueberfall durch die Bevölkerung dachten wir nicht im Entferntesten. Gewiß gab es einige verbissene Russen, die allerdings mit ihrem Grimm, der sich höchstens darin äußerte, daß sie uns nichts verkauften, schön hinter dem Berge hielten. Aber für solche Ausbrüche der Volkswut, wie sie die Deutschen in Belgien über sich er-jjj gehen lassen mußten, gibt es meines Wis-l| sens nach während der ganzen Kämpfe in Russisch-Polen keine einzige Parallele. Die Dörfer und Städte lagen friedlich da, die Bevölkerung schien sich kaum darum zu kümmern, daß Krieg war. Das Vieh wurde so wie sonst auf die Weide getrieben und graste friedlich die grünen Fluren ab, die Bauern bestellten, soweit sie nicht ins Feld hatten ziehen müssen, auch weiterhin ihre Aecker. Eigentümlicherweise fürchteten sich hier, insbesondere zwischen Annopol und Krasnik, die Untertanen des Zaren mehr vor ihren eigenen Soldaten, insonderheit den Kosaken, als vor uns. Aus Furcht vor ihnen gruben sie sich Erdhöhlen, in welche die Landbewohner das Kostbarste ihrer Habseligkeiten versteckten. Das packten sie in unförmig große, schwere Holzkoffer ein, versenkten diese in eine ungefähr viereckige 1 Meter breite, 2 Meter lange und ebenso tiefe Grube. Das Ganze wurde dann möglichst unmerklich mit Stroh und ähnlichem maskiert. Wenn sich die Leute dann sicherer fühlten, entnahmen sie manches diesen „Safes". Und von uns hatten sie sicher nichts zu fürchten. Davon waren nicht nur wir, sondern auch sie'selbst überzeugt, denn sonst hätten sie uns nicht selbst Gänse und Hühner gebraten, die wir ihnen allerdings bezahlten .... Der Weg, auf dem wir nun zu marschieren halten, war wenigstens zum größten Teile gangbar, bezw. fahrbar. Wir waren da in starken Märschen in der Richtung gegen Lublin marschiert, bergauf, bergab, durch Täler und Wälder, bis wir auf einem kleinen Plateau angekommen waren, wo wir Halt machen mußten, um weitere Befehle abzuwarten, da vor uns die Schlacht wogte. Wir waren heiter und guter Dinge, gruben Erdäpfel aus, um uns ein frugales Gabelfrühstück zuzubereiten, und unterhielten uns in aller Gemütsruhe über die Kriegslage. Jeder hatte irgend eine sichere „authentische Quelle". Der eine hatte von einem Ordonanzoffizier gehört, daß die Deutschen vor Paris stehen, die Russen wären auf allen Linien geschlagen . . . der andere wußte es von Verwundeten, die es bei ihrem Regimente in der Feuerlinie gehört hätten, daß in Bälde Friede geschlossen werden sollte . . . lauter rosige Perspektiven. Wir malten es uns schon so schön aus, was wir alles unternehmen würden, wenn wir gesund nach Wien zurückkommen würden. Daß die erste Woche in Wien Garnbrinus gewidmet sein würde, war für alle ausgemachte Sache. Auch die Einteilung für die ersten Abende wurde schon gemacht: Am ersten ein Lagerbierrausch, am zweiten ein Pilsnerbierrausch, am dritten ein Melker Stiftskellerrausch, am vierten ein Rathauskeller-Rausch, und so fort. Da wurden wir aber in unseren schönsten Träumen durch das Kommando gestört, daß wir wieder fort müßten. Bevor wir auf einer verhältnismäßig gut erhaltenen Straße nach Krasnik kamen, hatten wir einen Rasttag in der Nähe von Urzendow, in einem kleinen Dorfe mit ungefähr 20 Häusern. Dort konnten wir gleich am frühen Morgen drei Aeroplane beobachten. Zwei kamen aus der Richtung des operierenden Oberkommandos der Dankl-Annee und schienen den Weg nach Lublin einzuschlagen. Mit dem Fernglase sah man die Tragflächen der Zweidecker ruhig die Luft durchschneiden, obwohl sie mit starkem Gegenwind zu kämpfen hatten. Zeitweise schienen sie auf demselben Punkt stehen zu bleiben, und nur das eherne Surren der Motore gab Beweis dafür ab, daß das Flugzeug mit aller Kraft arbeitete. Es war ein wunderbarer Anblick, den man allerdings wegen der blendenden Sonne nicht allzulang genießen konnte . . . Das Dorf, in dem wir kampierten, war reicher als die anderen. Wenigstens schlössen wir dies aus dem vielen Vieh, das hier die einzelnen Bauern auf die Weide trieben. Die Leute meinten es mit uns sehr gut. Sie verkauften uns, was wir haben wollten, sehr billig und unterhielten sich mit uns — soweit dies mit Hilfe einiger polnisch oder böhmisch sprechender Kameraden ging. Von Juden war unser Dorf nicht bewohnt, denn diese wohnten nur in dem Städtchen Urzendow. Auch hier spielte sich das Leben und Treiben am Ringplatz ab. Da war ein Greislerladen neben dem anderen, einige Bäckerläden, die ausschließlich Juden gehörten, welche gutes Roggenbrot und Weißbrot verkauften, kleine Zimmer, in denen Jüdinnen Thee und Bäckerei verkauften, sogar ein Friseurladen war hier vorhanden, wo einige ihrer Eitelkeit ein Opfer brachten, indem sie sich den schon etwas lang gewordenen Bart rasieren und die verhältnismäßig kurzen Haare noch kürzer schneiden ließen. Auch hier waren die Juden mit uns eines Sinnes: Wir müssensiegen. Auch hier ' nahmen sie wie in Anno pol und in Krasnik unser Geld lieber als das russische. Und es waren nicht nur Worte, nicht leere hinterhältige Phrasen, mit denen man den Feind empfängt. Das bewahrheitete sich bei K r a s n i k. Dort standen Juden in langem Kaltau mit Peies und großen Bärten an den von uns errichteten Telegraphenstangen zur Bewachung. Am Arme trugen sie eine rot-weiße Binde. Die Armen! Sie werden ihre Sympathie für Oesterreich schwer gebüßt haben müssen ... Wir hörten ja gerade dieser Tage, daß die Russen überall, wo Juden uns Oesterreichern oder den Deutschen freundlich entgegengekommen sind, Pogroms veranstaltet haben . . . Das beweist wiederum eklatant, wie der Zar seine „lieben Juden" zu belohnen gedenkt. So war es ja auch im russisch-japanischen Kriege. Erst wurde den im Felde stehenden Soldaten so viel versprochen — und dann garnichts gehalten . . . Die Russen beherzigen eben auch hier wieder das Sprichwort ihrer französischen Bundesbrüder, das sie auch diesen gegenüber im jetzigen Kriege praktiziert haben: Promettre et tenir sont deux . .. Krasnik selbst, das so berühmt gewordene, hauptsächlich von Juden bewohnte kleine Städtchen sahen wir erst später. Wir bekamen zuerst die große Kosakenkaserne zu sehen. Das war ein größerer Gebäudekomplex, erst seit einigen Jahren erbaut, mit großen luftigen Räumen, aus Ziegelsteinen erbaut. Wie eine Burg stand diese Kosakenkaserne die Höhe beherrschend da. Im blutigsten Bajonettkampf hatten sich hier die Unseren jeden Fußbreit erkämpfen müssen. In der Kaserne befand sich der Sitz des operierenden Oberkommandos der Dankl- Armee. Da stand nun hinter der noch mit den russischen Farben schwarz-weiß bestrichenen Barriere der Torwache ein österreichischer Posten. Nebenan hatte sich schon ein Telegraphenamt häuslich eingerichtet und draußen prangte das uns heimisch anmutende Schild: K. k. Post- und Telegraphenamt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.