Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 23 (16.10.1914)
- Date
- 1914-10-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 23_ -_„Nm$ Natipnal7Zejtqflg;' Aus der alten Freundschaft ist der heutige Kriegszustand entstanden. Ein Symptom hiefür: Einer alten Gepflogenheit zufolge wurden unsere Monarchen und Erzherzoge Inhaber russischer Regimenter, während russischen Monarchen und Großfürsten österreichische Regimenter verliehen wurden. So finden wir in unserem Armeeschematismus: 2. Infanterie-Regiment Alexander I., Kaiser von Rußland. 5. Dragoner-Regiment Nikolaus I., Kaiser von Rußland. 11. Uhlanen-Regiment Alexander iL, Kaiser, von Rußland, welche diesen Namen für immerwährende Zeiten zu führen haben, dann: 12. Dragoner-Regiment Großfürst Nikolaus Nikolajewitsch (der jetzige russische Oberkommandant). 5. Ulanen-Regiment Nikolaus II. Kaiser von Rußland. 1. Feidhaubitzen-Regiment Großfürst Sergius Michailowitsch. Dagegen sind von Mitgliedern unseres Kaiserhauses nur der Kaiser und Erzherzog Ludwig Viktor Inhaber russischer Regimenter. Die russischen Regimenter, die einst die Namen Erzherzog Karl Ludwig, Erzherzog Albrecht, Erzherzog Wilhelm, Erzherzog Franz Ferdinand führten, wurden nach dem Ableben ihrer Inhaber nicht mehr an österreichische Erzherzoge verliehen. Den ersten Riß in das Freundschaftsverhältnis mag wohl die Haltung Oesterreichs im Krimkriege (1854) verursacht haben, wo es nicht, wie Rußland für seine Hilfe im Jahre 1849 erwartet haben mag, an seine Seite trat, sondern neutral blieb und später Rußland zur Räumung der Donaufürstentiimer — allerdings nicht mit Waffengehalt — zwang. •'Gegenüber dem polnischen Aufstande (1863) hat Oesterreich eine völkerrechtlich unanfechtbare Haltung beobachtet. Daß es sich weigerte, den russischen Gewalthabern Jugenderinnerungen an Suwalki*) Von Armin Wilkowitsch. Scheußliche Fratzen grinsen mich an, wenn ich des Nachts :im Halbschlummer jener russischen Jugendeindrücke zuweilengedenke. Ohrenbetäubendes Gejohle — id'as Geklirre zertrümmerter Fensterscheiben. Dsin! . . . Dsin! . . . fallen sie auf das Pflaster und zerschellen in winzigen Splitter . . . Was gab's? — frafft Ihr. Nichts! . . . Oder nichts von Bedeutung. Man hatte „Auferstehung" gefeiert. Es war der Vorabend des Pesach! (Passah, Ostern) und der Pope war zu sehr begeistert . . . Und sein Wort triefte von blutigem Haß gegen die Juden. Aber nicht nur gegen sie glühte sein Zorn. Auch auf die römisch-katholischen Polen sauste wuchtig die Geißel seiner Wut nieder. Aufwiegler, Revolutionäre, wurden sie geheißen, die das Prawoslawje ' (Reclitgläubigkeit) im heiligen Reiche hemmen, die Böses im Schilde gegen den Zariismus führen. Ihr Wort ist Falschheit, ihr Hauch Lüge . . . Also wollen sich die Andächtigen Luft machen, ihr Mütchen kühlen. Gegen wen? — Es ist längst zur Tradition geworden — gegen des Zaren „Lieblinge", gegen die Juden. Rücken die Rekruten zum Militärdienste ein und gönnen sich einen harmlosen Spaß: Etliche jüdische Fensterscheiben zerschmettert. Das ist eine Bagatelle! Da sagt diie Polizei kein Wort dazu. Und wenn es nun in der Gasse solch einen Lärm gab, so saßen wir Kinder mäuschenstille, wie wenn ein heftiges Gewitter niederging. Die Mutter sprach gewöhnlich: Kinder, betet, daß sich Gott unser erbarmt und unseren Bedrängern 'die Kraft benimmt, uns Böses zuzufügen. Der Krawall wird ja bald vor- *) Diese russische Stadt wurde jüngst von der deutschen Armee besetzt. Es ist eine Stadt mit 22.000 Einwohnern, im Gouvernement gleichen Namens, welches 60.000 Juden zählt. Der Verfasser dieses Aufsatzes, Oberkantor in Eger. erinnert sich mit Grauen an die Pogromschrecken seiner Geburtsstadt. Anm. der Red. Schergendienste zu leisten, mag am Zarenhofe verstimmt haben. Einem damals russenfreundlicheren Staate bewies Rußland seine Dankbarkeit dadurch, daß es im deutsch-franzosischen Kriege (1870—1871) einen Druck auf Oesteiv reich-Ungarn ausübte, um es vor einer Allianz mit Frankreich zurückzuhalten. Im russisch-türkischen Kriege {1877 bis 1878) blieb Oesterreich-Ungarn neutral. Voraus ging die Entrevue der österreichischen und russischen Kaiser in Reichstadt in Böhmen (1876). Als Preis für die Neutralität sollte Oesterreich-Ungarn Bosnien und die Herzegowina erhalten. Rußland, durch seine mit rumänischer Hille erreichten Erfolge übermütig gemacht vergaß jedoch, wie schon so oft, auch dieses Versprechen und mußte sich eine Revision des Friedens von San Stefano durch den Berliner Kongreß (1878) gefallen lassen, der uns das Mandat zur Besetzung von Bosnien und der Herzegowina übertrug. Nähere interessante Details findet man in dem Werke von Professor Dr, Eduard Wertheimer über Graf Julius Andrassy. Aus den Memoiren des im Jahre 1905 verstorbenen FZM. Baron Mollinary erfahren wir, daß dieser General, der Ende der 70er Jahre zum kommandierenden General in Lemberg ernannt wurde, von unserem Kaiser in einer Audienz auf die Möglichkeit eines Krieges mit Rußland aufmerksam gemacht wurde, das uns die Okkupation Bosniens und der Herzegowina verüble. Mollinary erzählt, daß er auf diesen Wink hin sich mit strategischen Studien und Vorbereitungen befaßte,^ wobei hauptsächlich die Bewegungen unseres Hilfskorps unter Schwarzenberg im napoleonischen Feldzug gegen Rußland (1812—1813) als Grundlage dienten. Zu diesem Kriege fcam es jedoch ebensowenig wie im Jahre 1888, wo die Verhältnisse zum Platzen gespannt, uns und Deutschland zum Rüsten zwangen. Wie es heißt, soll Rußland damals eingelenkt haben, weil unsere Truppen durch _Seite 3 { 'MV: das.Mannlichergewehr eine^kplo/ssale . tje&err.. legenheit in der Üäna hatten. Der gemeinsame/. Kämp|i:ge,^en} die. Boxer in ChinafÖ9'00>* ^erikät^^^^chttj?« der Europäer bezweckte,;, ist'flp&hntü£eh^ ad hoc gesqhaifene, Koalifiorj, d}e. rhjt Lrjpfc chung-, dieses Zweckes Hir*» tbfa. ha^te/ - Eine..genaue. Würdigung ^nise^e^ Verhältnisses zu ".Rußlaiiid b,is,-zü3ldem Jh;^ge$r Tage und Ereignisse wird erst mö^liQ^s^-. wenn die diptornatf sqfyen ..Archive der Allgemeinen '.3rvors;chu'u>g:.,ziftgängliQh" seiq •weFden.^ ' Vjfii; finden. a|rer "ste^s .%£landv offen; oder lrn,, Oe^fsime^'.-a*s, Q^?r :%.erTMac]^' entfajtüiig; unserer, Mön^rQfiie^ : ' ...... f. Der deutscht5^'.' Mtfe ^!n^- Zerklüftung ein mäcjhflg& deutsches .Rei^; ver? hindern,, beständigen ""Ö^trej^igtc^it^ya:";-:Unter, den: B^ndesmiigjleäKrn,' i^tisb^pM^re Eifersucht, zwisqh^ ^u.v ßen stets dem Zaren die Rolle fe3'Scljif{ds-:- richters. zuweisen, wj$ e,sa^c^'gescj&Iien' ist, Mau. W^ißv^daß Rt$jan^ ner. Kongresse.'die Qstfcfrpicfi^ bungen, den Elsaß Frankreichab?,un?lÄn»;. zu Fall brachte. Der Krieg; 1866,_ Oesterreichs Ausscheiden aus dem; deutschen Bunde, Öeuts^filands;.. Einigung itri;Jäji.rejf8^p',Mg. %ß'!äii$ Äl^g: tig -zum. N'achdenkeri - •:äpgere^rfiäben. / f Als nun Oesterreich-Ungarn begann^ nach Bismarcks Rezept seinen SJChwer^>^pkt, nach Osten zu verlegen, r^jjte re£;l&ßländ unbequem werden, zumal di^ jBal%ny&I]cer/; namentlich die ^estlj.c^erfe^v durch die' Eä$e£ ihrer Länder und d'urciri die Könnaiiönajitgihrer Bewohner ' mit unserent $J$sjäyen eigentlich einen besseren .^tü'tzpunki'ibei linsi; als dem entferntesten ."Rußland und' finden sollten. "" v ' ' . ' So sehen wir denn seit Jajirzehten. daß,. Rußland in seiner autosuiggeriefteh' Stellung als oberster Schutzherr; aller.) Slaven und insbesondere deri: Balkan Völkeruns als unr bequemen Nebenbuhler ansah und uns, wo es tunlich ist, an die Wand zu drücken suchte. - Die Geschichte des, russischen Rubels über sein! . . . „Gott gibs!" stimmten wir 'ein und begannen die einschlägigen Psalmen zu sprechen: Warum stellst Du Herr von fenie (Kap. 10). Richte m!ich, Herr, und kriege meinen Krieg (Kap. 41). Warum, Hen, verlassest Du . . . (Kap. 74). Oder: Wohl denen, die den Weg des Rechtes wandeln . . . (Kap. 119). Und Gott half! Bald verstummte der wilde Lärm, das ohrenbetäubende Gebrülle 'erstarb nach und nach in der Gasse .... Das waren damals ernste, traurige Zeiten'. In den benachbarten Juden gemeinden hatten bereits, Metzeleien stattgefunden und täglich, ja stündlich erwartete man auch bei uns den Pogrom mit all seiner Scheußlichkeit. Es galt, sich nach Möglichkeit zur Gegenwehr zu rüsten. Wer ängstlich und weichherzig sei', — lautete nun d'ie Parole — der gehe nach "Hause und mache nicht auch noch die Herzen der Anderen verzagt! So war es gegen Ende der 80er Jahr« des verflossenen Jahrhundert, als der Haß der russischen TscMiiowniks mit erneuter Macht einsetzte. In allen Teilen Rußlands wurde die christliche Bevölkerung iresren die Juden aufgestachelt und zum Pogrom förmlich getrieben; Jeder Tag brachte neue Hiobsposten. Aber den noch unbehelligten Juden wurde es klar: den Feinden soll der Sieg nicht billig zu stehen kommen!*) Also versammelte man sich lim großen Beth- Hamidrasch**) — dahin wurde das „Hauptquartier" vertuet — und beriet, was zu beginnen sei. Vor allem wurde beschlossen, für jede Nacht e'nige junge, energische Leute zu bestimmen, die die Naclitpatrouille hilden sollten. Dieser Beschluß wurde sofort ausgeführt. Dann wurde weiter beraten. Was hierbei ausceklüsrelt wurde, blieb für die breiten Massen ein Geheimnis. Wohl war es noch früh im Herbst, allein der *) Das Gleiche gelobten noch vor einigen Wochen die Juden von Wilno und auch mit Erfolg. **) Talmiidhochschule. Schnee häufte sich bereits haushoch und nur mit hohen, wasserdichten Schaftstiefeln vermochte man 'trockenen Rußes, sich: d.urchizusiiii'gen. Die,!. Pf'atrouij^; war warm .gekleidet!, gut beschflfoljuij^.ging, mijtaller-v le,i Wehrmitteln ausgerüstet/ auf dea% Gasse,aui.-und . nieder, ängstlich. nach, EeLnde-'spähend. Es wjirdea. hiebei noch tolle Streiche ausgeführt: ein:,aus,ßreite<tn; gezimmertes Anstandskabine.tt»-• das-auf vier, Hulzr. beinen auf irgend! einem Hofe, stand,* wuxde aus. sefc nen Grundfesten, gehoben iind'i vor-! des. „Dozorc-e/ < (Kuftusvors-tehers). Fenster, mitten. am Marktplätze» postiert; eh. vor einem Schusterhängendes». Schild., wurde, von seinem, Ursprungsort. entfernt<: und über.' des. Rabbiners. Tür angebracht Eines Nachts klopfte :es an des Gesetzrofienschreibers Jössel Fenster. „Was gibt's?",- schreit schlaftrunken der Geweckte. „Schreckt Euch nicht, Jossei, und steht auf. Itirhabt den großen^ Gewilnst gemacht!'1-tönt's1 ihm eriti. gegen. Der Schriftkunid<ig?e schlüpft 'in seine Schlores. (Pantoffeln), reißt seine Tür auf und läuft halbnackt durch dlie Gasse wie. besessen., Bald stellt ihn die Patrouille: „Wohin lauft,Ihr, Jossei?" „Gott über die Welt!" räsoniert der Angesprochene, „just vor a Wen!, hat man mir verkündet, daß; •ich hob gemacht das große Gewinst!" „Maseltow!" Klang es im Chorus. Undeiner frug den Reb Jossei: „Was habt ihr für ein Los!" „A Los? A Los? ... Wos muß ich denn epes a Los dazu haben?"' gab er verwirft,zurück. Die Patrouille lachte und einer rief dem Jossei zu: „Verrichtet das Notwendigste — und geht schlafen! Wer kein. Los. hat* der kann-auch den großen Gewinst nicht machen!'' — Suwalki bilieb, vom Pogrom., verschont. Aber' lange noch wurde über den Haupttreffer des Schreibers Jossei gelacht^. .,. ,