Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 22 (2.10.1914)
- Date
- 1914-10-02
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 jJSewg Ngtignal-Zeitung" Nr. 22 Dr. R o s e. n t h a 1 dem Dahingeschiedenen herzliche Worte , des Abschieds widmete, begab sich der Trauerzüg durch die Straßen Kölns zum jüdischen Friedhcrf in Deutz. ,Als der Sarg in die Qruft gesenkt war, trat Dr. L e s z y n s k y vor und erneuerte, wie David Wolffsohn es an Herzls Grab getan hatte, im Namen aller seiner Freunde und Gesinnungsgenossen den bekannten zionistischen Schwur. * Die schwarz-goldene uFahne der Hasmonaea senkte sich zu Ehren des Verstorbenen. Die jungen Zionisten aber stimmten, wie es David Wolffsohn gewünscht hatte, während die Erdschollen.auf. den Sarg niederfielen, das Od 1 o aw'.da t i k w.a t h e n u an. Ein Kaddisch in der Halle beschloß die Beisetzungsfeier. * Nord-Amerika. Ein neuer Einwanderungskommissär in New York. New York. Inmitten der Kriegswirren, die eine auffällige Abnahme der Einwanderung nach sich ziehen, wurde für den New Yorker Hafen . ein neuer Einwanderungskommissär ernannt. Es ist dies Frederick Howe, ein sehr bekannter Advokat und Freund des Präsidenten Wilson. Seine, zahlreichen Werke, beschäftigen sich hauptsächlich mit Fragen .der kommunalen Wirtschaft. jßie Hilfstätigkeit für die Flüchtlinge- ,Die Zuwanderung der Flüchtlinge aus Qalizien und der .Bukowina nach Wien ist noch nicht beendet. Doch kommen nur vereinzelte Familien her. Aber alle, die herkommen, befinden sich in der schrecklichsten Notlage.. Wohl besitzen viele Grundbuchs- Auszüge über ihre Realitäten und Sparkas'sebücher über ihre Einlagen, aber es mangelt ihnen an Geldmitteln zur Bestreitung der dringendsten Bedürfnisse. Und diese Leute können sich nicht entschließen, vor den Bureaus der Hilfs-Komitees um Speisemarken oder einigen Kronen sich anzustellen. So sehr auch seitens des Herrn Bürgermeisters und der Bezirksvorstehung im Sinne unserer Anregungen.den-Flüchtlingen in Bezug auf Beistellung von Quartier und Verpflegung, respektive des Aequivalents entgegengekommen wird, so wenig ist bisher noch geschehen,,um denjenigen, die nichts. Geschenktes annehmen wollen, durch Belehniing oder ausgiebige Darlehen zu helfen. Da müßte wirklich r ascher gearbeitet werden. Auch bezüglich des Bureaus am Schvarzenbergplatz, welches vom Komitee des Ministers Bilinski geleitet wird, müssen wir dasselbe sagen, was vom Bureau in der Kleinen Sperlgassc: E i n B u r e a u g e- Jiügt nicht für Tau sende Petenten, denen jeder Tag eine Ewigkeit bedeutet, vv e i I s i e E n t b e h r u n g e n I,e i d e n müssen. Inzwischen wurde .von der Bezirksvorstehung Leopoldstadt ein zweites Bureau in der Großen M o b r.e n g a s s e Nr. 5 eröffnet und es ist daher recht und billig, wenn das Bjlinski-Kornitee raschcstens gleichfalls ein zweites Bureau installiert. .*; \ Schriftsteller Szasz .über die galizischen Flüchtlinge. Der bekannte Schriftsteller 's xasz widmet den galizischen Flüchtlingen ei^en sehr bemerkenswerten, in seiner Art schmeichelhaften Artikel, dessen wichtigste Stellen wir hier wiedergeben wollen: „Die Juden sind vielleicht das interessanteste Volk der Erde. Als Problem-ist ihr Schicksal gewiß am interessantesten. Die polnischen Juden haben aber auch als Sehenswürdigkeit nicht rhres'gleichen. Trotz ihrer Armseligkeit; Un'd" Fehlerhaftigkeit machen sie den Eindruck eines f r! e i;e n, schwunghaften Volksstammes. Der ' Glarte ihrer Augen, ihre Bewegungen, ihre Betonung,' ihr Humor beweisen, daß unter ihrem Elend alle Werte eines edlen Stammes vorhanden sind. Vielle.'cht geschwächt und gedämpft, infolge des mörderischen Klimas und der Unterdrückung durch die slawischen Völker degeneriert; aber die alte jüdische Vornehmheit schlummert doch in, ihnen. Ihr Aeußeres ist wohl schmutzig, aber ihr'Kern ist'e'ü'e f/! Dies macht sie dem Umbefangenen doch sympatisch und bürgt dafür, daß die Nachkommen dieser flüchtigen polnischen Juden nach einigen Jahrzehnten an der Spitze der physischen und geistigen Kultur prangen werden." tt Die galizischen Flüchtlinge In Budapest. Am vorletzten Samstag sind einige hundert galjzische Flüchtlinge .in Budapest eingetroffen. Sie wurden aüs Munkacs zwangsweise evakuiert, da man dort für die eingerückten Landsturmsoldaten Ubikationen benötigte. Die Unglücklichen mußten Freitag nachts trotz des religiösen Verbotes abreisen. Die Budapester Stadtleitimg ist aus diesem Grunde von ihrer Absicht, die Flüchtlinge nicht aussteigen zu lassen, abgekommen. Unter den Angekommenen befinden sich viele fromme Männer, die wegen Verletzung des Samstags bitterlich weinten. Soweit der Bericht. Da es in Wien sehr maßgebende Persönlichkeiten gibt, die sich darüber wundern, warum die galizischen Juden nicht lieber in Ungarn bleiben, so seien sie auf obigen Bericht verwiesen. * Herr Stricker berichtigt! Wir erhalten nachstehende Zuschrift: Herrn Dr. S. R. Landau Herausgeber und verantwortlicher Redakteur der „Neuen National-Zeitung" Wien, I., Oppolzergasse Nr. 4. Mit Bezug auf die in der Nummer 20 Ihres Blattes am 18. September 1914 erschienene Notiz, betitelt: „Kultusvorsteher Stricker gegen die g a 1 iz i s c he n F 1 ii c h 11 i n g e", fordere ich Sie auf Grund des Paragraph 19 des Preßges^etzes auf, folgende Berichtigung in Ihrem Blattezu veröffentlichen. Es ist unwahr, daß ich mich in der Sitzung des „Jüdischen Asylvereines" in sehr abfälliger, geradezu feindseliger Weise über die armen Opfer der Kriegsereignisse geäußert habe. Wahr ist, daß ich es als heilige Pflicht der Wiener Juden erklärt habe, alle verfügbaren Gelder zur Beschaffung von Kost und Quartier ,für die in Wien weilenden jüdischen Flüchtlinge aus Galizien zu verwenden und ihnen den Aufenthalt in Wien mit Aufbietung aller Kräfte zu erleichtern. Es ist unwahr, daß ich gesagt habe: „Mir sind die aufgeputzten Weiber aus Galizien ein Dorn im Auge." Wahr ist, daß ich gesagt habe: „Ein Dorn ,im Auge sind nur jene reichen Flüchtlinge aus Galizien, welche für ihre armen Landsleute nichts hergeben, dafür aber in feuern Ringhotels üppig leben und ihre Weiber mit protzigem Schmuck beladen einherstolzieren lassen." Es ist unwahr, daß icb gesagt habe: „Man muß alles anwenden, um uns die galizischen Flüchtlinge vom Halse zu schaffen." Wahr ist, daß ich beantragt habe.d'ie gesamten Mittel des Asylvereines für Zwecke der Versorgung der galizischen jüdischen Flüchtlinge in Wien zu verwenden. Ingenieur Robert Stricker, Vorstandsmitglied des Wiener isr. Kultusgemeiride. Anmerkung der Redaktion: Was Herr Stricker hier schreibt, sind Ausflüchte. Wir haben lediglich die von einem sehr verläßlichen Zeugen gehörten Aeußerungen wiedergegeben und hält unser'Gewährsmann seine uns gemachte Mitteilung vollständig aufr echt.-Wenn Herr Stricker aber seine unbedachten Aeußerungen bedauert, so nehmen wir dies gerne zur Kenntnis. Kriegsnachrichteri. Die Gleichberechtteuriß: für die russischen Juden? Während die englischen Zeitungen mit dem Versprechen des Zars, daß die Juden in Rußland gleichberechtigt sein werden, Iierumflunkern, haben wir Gelegenheit, in der amerikanischen Presse das Gegenteil zu lesen. Die Lügen der englischen Kulturkämpfer haben also sehr kurze Beine. In Rußland ist es tatsächlich beim Alten geblieben. Die Prozentnorm in den Schulen besteht nach wie vor und die Bitte jüdischer Studenten in Moskau, in die öffentlichen Schulen aufgenommen zu werden, ist vom Unterrichtsminister Kasso brüsk abgewiesen worden. Die Ausweisungen aus Kiew und anderen Städten dauern fort. Herr Israel Z a n g w i 11 macht sich nur lächerlich, wenn er plötzlich, nachdem sein Kampf gegen den Zarismus keinen Erfolg hatte, seine Position durch den Schlachtruf gegen den „deutschen Militarismus" retten will. Er und seinesgleichen besorgen die Geschäfte des Pogrom- Zar e n. Es ist sehr bedauerlich, wenn ein Mann wie Zangwill den Schwindel des Sir Grey, *der aus ganz anderen Gründen als wegen der russischen Juden den Weltbrand entfacht hat, mitmacht. Jedenfalls hat er seine Rolle als Führer des Judentums ausgespielt. 4c Dr. Max Nordau in Madrid. Wie reichsdeutsche Blätter berichten, befindet sich Dr. Nordau derzeit in Madrid. Er hat es also offenbar vorgezogen, die ihm von einer gewissen Seite zugemutete Rolle eines Arztes in französischen Lazaretten nicht, zu übernehmen. Das Prager Zionistenblatt hat sich darüber gekränkt, weil wir für illoyal erklärten, wenn ein ungarischer Staatsbürger in einem französischen Spital ärztliche Dienste leistet. Nun hat uns wohl Dr. Nordau durch sein eigenes Verhalten Recht gegeben. * Die hohen Feiertage auf dem Schlachtfeld. Am 21. und 22. d. feierten die Juden das Neujahrsfest. In der deutschen und österreichisch-ungarischen Armee stehen eine große Zahl Juden im Feld'e, und es ist zu begrüßen, daß auch für die israelitischen Soldaten im Felde in religiöser Beziehung gesorgt ist und daß, soweit der Dienst .es ermöglicht, den israelitischen Soldaten die Begehung ihrer höchsten Feiertage gestattet wird. Anders in dem Lande, in dem sich der Zar in einem Aufruf „an seine lieben Juden" wendete, in dem er den Juden Glaubensfreiheit, Bürgerrechte usw. verspricht. Im russischen Heer stehen rund 4OQ.O00 Juden. Der russische General Konwr.atj e w hat in einem Befehl über die jüdischen Soldaten gesagt: „Die in meiner Kolonne stehenden jüdischen Soldaten haben sich ausgezeichnet vor dem Feinde bewährt und sich durch oft gezeigte Unerschrockenheit und Intelligenz im Erfassen des Dienstes hervorgetan." Die Kolonne des Generals Konwratjew umfaßt Sold'aten, die aus russischen Gegenden stammen, in denen die Pogroms, die die sogenannten „wahrhaften Russen" gegen die Juden inszeniert, zur Tagesordnung gehören. Vor Wochen hatten sich die Vorstände der russischen Juden um Erlaubnis bemüht, daß es dien dienstfreien Juden im Felde, wenn ein Ruhetag stattfindet, gestattet werde, gemäß ihrer Religion die höchsten Feiertage durch Gebete feiern zu dürfen. Die Bitten wurden abgelehnt. Zynisch wurde der Ablehnung des Gesuches für die israelitischen Soldaten hinzugefügt, daß ein Ruhetag im Felde zugleich der russischen Stantskirche zu dienen hat und die jüdischen Soldaten dem Feldgottesdienst der russischen Staatskirche beiwohnen können". So haben die dienstfreien Juden im Felde am Ruhetag des 21. September, um ihren religiösen Gefühlen nachkommen zu können, den Rubel rollen lassen. Nur so war es möglich, daß eine Anzahl Juden von den Empfängern der Rubel kommandiert wurde, auf dem Felde, wo gestern noch gekämpft wurde, die an dem Tage gefallenen Russen zu beerdigen, um nach dieser Arbeit unbemerkt in einer halbzerschosseiien Scheune zusammenzukommen und zu beten. Eine Haferkistc wurde in der Mitte aufgestellt, darüber wurde ein Gehetmantel gebreitet, den ein Soldat vorsichtig aus dem Tornister holte. Aus diesem Tornister kam auch ein Gebetbuch für die Festtage des betreffenden Soldaten, der in Rowne Dorfgeher war und zugleich bei der kleinen Judengemeinde das Amt eines Vorbeters versah. Andächtiger, innicrer ward wohl selten von Juden gebetet, als von der Schar jüdischer Soldaten in der halbzerschosseneu Scheune auf dem Schlachtfeld'e von gestern. Manche Träne floß während tdes Gebetes; sie dachten an das Schicksal der Juden, an Frau und Kinder in der Heimat. Noch waren die letzten Worte nicht verklungen, als der Kanonendonner den Beginn einer Neuen Schlacht einleitete. Es verschwanden die Gebetbücher in den Tornister, und hinaus stürmten die Soldaten, die vor wenigen Minuten so warme Gebete zum Himmel emporsendeten. Das neue Jahr hat1 für die Juden, die im Felde