Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 22 (2.10.1914)
- Date
- 1914-10-02
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 „Netfe KafiÖhai-Zeittttfgf< Seite 7 kämpfen, mit Gebet unter Schlachtendonner begonnen. * Das Eiserne Kreuz für den Vorsitzenden des Verbandes der jüdischen Jugendvereine in Deutschland. Dem Berliner Rechtsanwalt Dr. Altred Apfel, der als Vizefeldwebel der Reserve bei einem Infanterieregiment an den Kämpfen in Westen teilgenommen hat, ist für besondere Tapferkeit das Eiserne Kreuz verliehen worden. Rechtsanwalt Dr. Apfel, der zu den jüngeren Anwälten Berlns .gehört, ist in der letzten Zeit in größeren Strafprozessen als Verteidiger hervorgetreten. — In jüdischen Kreisen ist er bekannt durch seine Tätigkeit als Vorsitzender des Verbandes jüdischer Jugendvereine. * Feldrabbiner in Deutschland. Als Feldrabbiner sind nach der nunmehr vom Preußischen Kr,.egsministerium erlassenen Verfügung sechs Rabbiner zur Armee gegangen: Doktor Baeck von der Berliner, Dr. Italiener von der Darmstädter, Dr. Salzberger von der Frankfurter, Dr. Wilde von der Magdeburger Gemeinde, Dr. Artur L e v y vom Schöneberger Synago>genverein, Berlin-Scliöneberg, und Dr. Emil L e v y vom Religionsverein Westen, Berlin-Charlottienburg. -Die sechs Gemeinden haben ihr eigenes Interesse gegenüber dem allgemeinen zurückgestellt und die Rabbiner mit. vollem Gehalt beurlaubt, obwohl ihnen dadurch manche Schwierigkeiten und zum Teil nicht unerhebliche Opfer namentlich deshalb erwachsen, weil sie gerade zu den Feiertagen ihren Rabbiner entbehren müssen. Die Militärbehörde hat den Herren, abgesehen von der — selbstverständlichen — Gewährung von freier. Eisenbahiibeförderung und freien Quartieren, je einen Wagen mit zwei Pferden und einem Trainfahrer zur Verfügung gestellt, nachdem (insbesondere durch ein — durch seine parlamentarische uiitdi kommunale Wirksamkeit bekanntes — Ausschußmitglied des Verbandes der deutschen Juden und ein Mitglied des Vorstandes der Berliner Gemeinde) an dien maßgebenden- Stellen darauf hingewiesen worden war, daß ohne die behördliche Bereitstellung geeigneter Beförderungsmittel im Felde eine ersprießliche Ausübung der seelsorgerischen Tätigkeit nicht möglich sein würde. Die Herren — die sämtlich reiten können — werden auch oft genug in die Lage kommen, eines ihrer Pferde satteln zu lassen, um im rechten Augenblick auf den Platz zu gelangen, an dem ihre Anwesenheit und ihr Wirken vonnöten ist. Die Rabbiner tragen eine einheitliche derjenigen der christlichen Feldgeistlichen — abgesehen von ihren besonderen Abzeichen — entsprechende Kleidung und sind durch die Armbinde gekennzeichnet. * Eine interkonfessionelle Militärpredigt. In der Schloßkapelle von Preßburg richtete Oberrabbiner Dr. F u n k vor dem Abmarsch des zweiten Marschbataillons die folgenden erhebenden Worte an die Mannschaft: „Bei dem Abmärsche der Czernowitzer Truppen segnete der Prälat Schmid auch d<ie Kinder Israels: sind wir doch alle Kinder eines Gottes, und auch ich, als unansehnlicher Priester des Judentums, entbiete Euch allen mit den denkbar heiligsten Empfindungen des Herzens, Euch meinen Brüdern ohne Unterschied der Konfession, den von Gott mir eingegebenen, an Euch zu erteilenden Segen. So wie jeder Sonnenstrahl von der gleichen Wärme und Leuchtkrait getragen ist, so sind alle Eure Herzen erfüllt von dier gleichen unbesiegbaren Wärme und der sittlichen Leuchtkraft der die Herzen und Geister veredelnden Treue für unseren obersten, von der Völkerliebe ,in noch nie dagewesener Glorie umgebenen Kriegsherrn Franz Jose: 1. (Die Mannschaft bricht in stürmische nicht endenwollende Eljeiirufe aus und lüftet die Mützen.) Für ihn, der wie ein Vater Z'ti seinen Kiudicrn den Weg zu unseren und Euren Herzen gefunden und der an der Seite des idealtreucn Bundesgenossen Wilhelm II. (stürmische Eljeiirufe) mit laridesväterlichem Auge Euch auf Eurem siegreichen Wege begleitet. Möge es auch'Euch gegönnt sein, ein Ruhmesblatt in der Geschichte der großartigen schlagfertigen Armee zu bilden, und möge jeder einzelne von Euch, wie jeder einzelne Stern am Himmelsfirmament leuchtet und glänzt, der ruhmreichen Geschichte des gemeinsamen Vaterlandes glänzen und leuchten zur dauernden Ehre des Vaterlandes und zum Ruhme der Herrschertreue. Die Fahne ist eine lebendige Persönlichkeit, sie stellt den Segen des Landesvaters und der Nation dar, dieser Segen sei mit Euch, mit Euren Vätern und Müttern, mit Euren Kindern, mit uns allen, mit Franz Josef 1. und! Wilhelm II., welche ich von diesem v> ei he vollen Momente meines Lebens au gelangen als Franz Joset den Großen und Wilhelm den Großen benannt haben möchte, und nun entbiete ich Euch im hl. hebräischen Urtexte der Bibel den Priestersegcn: „Der Herr segne und bewahre Euch aui allen Euren Wegen. Amen!" Hierauf folgte der Abmarsch unter den begeisterten Gesängen der Mannschaft. * Rituelle Feldküche. Das 12. Honvedbataillonbesteht fast zur Hälfte aus Juden. Lauter Riesenkerle. Einer von ihnen liegt verwundet im Reserve- Spital. In mühsam ungarischem Deutsch antwortet er auf meine Frage: „Versorgt wären wir — großartig! Alles war so, wie der Oberst Pataky und Oberrabbiner Dangig bei der Abschiedsfeier gesagt haben. Einen eigenen Schächter haben wir mitgehabt, in der Feldküche ist koscher gekocht worden! Gott sei gelobt, nicht einer hat Verbotenes essen müssen." „Kann man von der Feldküche mehr verlangen?" * Ein französischer Rabbiner gefallen. Bei St Die fiel für sein Vaterland Feldprediget Abraharn Bloch, Großrabbiner von Lyon, (aumonier de corps d'armee). * Ein jüdischer Staatsanwalt gefallen. Staatsanwalt Ludwig W e i 1-Gutmann aus Stuttgart ist auf dem französischen Kriegsschauplätze im Alter von 35 Jahren gefallen und ist am Sonntag auf dem Friedhofe in Stuttgart unter militärischem Ehrengeleite beerdigt worden, Avobei Rabbinet Dr. Kroner einen ergreifenden Nachruf hielt. * 300 jüdische Matrosen in der deutschen Marine. In Kiel sind über 300 jüdische Matrosen der Reserve und Seewelir eingezogen, die vor ihrer Abreise zum größten Teile die Gottesdienste der Gemeinde besuchten. Zweimal wurden Extra-Gottesdienste atiberaumt. Ein Feldbrief aus Belgien. . . . Wir fuhren von Frankfurt nach Darmstadt. Wir wurden dort am ersten Tage eingekleidet. Ich kam zu einem Zahnarzt in Wohnung:. Als er sah, daß ich kein Fleisch aß, fragte er mich nach dem Grund. Ich erwiderte: „Ich bin Jwcie, und esse, solange ich es aushalten kann, nur koscher." Er sagte darauf, daß er dafür alle Achtung habe. ... In Luxemburg war die Bevölkerung sehr freundlich. Sie will lieber deutsch als französisch werden. Am liebsten bleibt sie aber neutral. Ich wohnte dort bei einer netten jüdischen FamiLe. Doch auch diese Herrlichkeit dauerte nicht lange, und eines Tages gingen wir über die belgische Grenze. Jetzt schlugen wir unsere Zelte auf. Selbstverständlich immer mit geladenem Gewehr und unter äußerster Vorsicht, lin Orte . . . schössen belgische Bürger auf uns. Sie wurden sämtlich aufgehängt. Meistens sind es die Pfarrer, welche die arme Bevölkerung aufhetze n. Seit dem 16. August habe ich noch kein Bett gesehen, sondern nur feldmarschmäßig mit Stiefel und Sporen auf Stroh geschlafen. Als wir . . . anlangten, kam auf einmal die Nachricht, eine Division französische Kavallerie sei durchgebrochen und, würde uns zu überfallen suchen. „Alle Mann mit Karabiner — vor!" Ich und meine Kameraden eilten sofort vor, in dem Bewußtsein, unsere Pflicht zu tun für Kaiser und Reich. Noch einmal dachte ich an meine liebe Frau, au alle Verwandten und Freunde, und dann stand ich mit Todesverachtung und dem Bewußtsein bereit, nicht umsonst gelebt zu haben. Ich hatte 120 Patronen bei mir, also mancher französische Kavallerist hätte erst das Leben lassen müssen, ehe ich zu Boden gestreckt worden wäre. Auch alle Kameraden dachten wie ich. Aber es kam anders: die Kavallerie nahm eine aridere Richtung, und wir kamen nicht dazu, einzugreifen. Am anderen Tage sah ich die Schrecken des Krieges im vollsten. Lichte.; Ein Schlachtfeld hüben und drüben. Im Chaussegraben Tote, das Gesicht zugedeckt, Gräber mit der Aufschrift: „Hier ruhen... Unteroffiziere und .•. Mann deutsche Soldaten." Wo ich hinkam, warf, ich drei Hand voll Erde auf die Hügel und Tränenrollten aus. meinen Augen; war doch das das einzige Andenken, was ich ihnen geben, konnte. ■.;. i ■ ■ . ... Du solltest die vielen Wagen mit Verwundeten gesehen haben. Ich hatte solches Mitleid mit den armen Menschen, daß ich den ganzen Tag keinen Bissen gegessen habe. Im letzten Dorr lag mitten auf der Straße der Bürgermeister tot da; wahrscheinlich hatte er Spionage getrieben. Die meisten Verwüstungen sind von den fliehenden Franzosen verübt worden. Die Franzosen haben viel auf dem Gewissen; ganz Belgien haben sie selbst verwüstet, haben alles geraubt und geplündert. Ich war in Häusern drinnen, alles war leer und zerstört; was die Franzosen nicht mitnehmen konnten, hatten sie zerschlagen, wahrscheinlich aus Zorn, daß sie immer zurückgehen mußten. Uns Deutsche ist selbstverständlich alles Privateigentum heilig. Morgen oder übermorgen werden wir wohl nach Frankreich marschieren. Ist das nicht eine große Leistung für unser Heer.iAber, wir haben auch gute Führer. Und welche Kameradsclraft! 'Unser; Oberleutnant sagte: „Hier sind wir alle Kameraden!" Jetzt hätten wir nicht mehr weit zur Gleichberechtigung. Was meinst Du? Die Kameradschaft ist wirkLch vorhanden; hier gibt's keinen Unterschied, ob Jude oder Christ; jedes Stück Brot wird geteilt . . . Dein Hermann N. * Der jüngste deutsche Rekrut. Der Rekord Oer Jugendlichkeit bei den reichsdeutschen Freiwilligen ist wieder Tiberboten worden.- Jetzt teilt der K^»i2Sl^V«er.;Bfif|er'- S.-~§'pheyef» Völler Stolz'mit, daß sein"Sonh,'der Schüler Eugen Scheyer, der bei einem Ersatzbataillon, als Kriegsfreiwillige! Aufnähme gefunden hat, erst 14 Jahre 11 Monate alt ist. * Zur Aufklärung der Juden in Rußland. Unter dem Titel „Kol Mewasser" (H e r o 1 d) ist soeben die erste Nummer,einer Sammelschrift heraus-- gekommen, die in jüdischer und hebräischer Sprache verfaßt ist. Sie wird in den von dem deutschen und österreichischen Truppen besetzten Gebieten Rußlands unter der jüdischen Bevölkerung verbreitet und dient zur Aufkhirimg^ ür)er;deif Krieg, seine;Ur-. Sachen, seinen Verlauf und seine 2iele. Das Titelblatt zeigt die ergreifende Zeichnung von E. M. Lilien „Russischer Tod", die während des russisch-japanischen Krieges im Berliner „Ulk" erschienen ist. Zwei düstere Züge begegnen sich. Jüdische Jünglinge und Männer'in russischen Uniformen 'ziehen'ostwärts," Greise, Frauen, und Kinder ziehen westwärts. Und darunter, die Worte, die alles Leid, alle Empörung .über menschliche Bosheit und Niedertracht einschließen: „Wohin des Weges, Ihr-'Kinder?" „G e n Osten, — das heilige R.u ß 1 a n d s c h i c k t u n s." „Und Ihr, Väter?" — „Geh Westen, — das heilige Rußland verjagt uns." Der Text enthält unter anderem einen Aufruf der verbündeten Armeen von Deutschland'; und Oesterreich-Ungarn an die Juden Polens, in dem ihnen volle Gleichberechtigung-und .Freiheit im kulturellen Leben verheißen wird. Dann folgt ein Aufsatz über die Ursachen des; Krieges. Das Manifest, das. der Zar an seine JSLieben Juden" gerichtet h'ät, wird kritisch ' beleuchtet und durch die Aufzählung von. Tatsachen ins rechte Licht gesetzt, die dem Kenner des'russlsch-jtidiseh'en Elends nur zu wohl bekannt sind, eine erschütternde Lisie von Gewalttaten und Wortbruch, Mord und Verbannung, Hohn und Verachtung, die in der Mahnuiu des alten Testaments ausklingt: „Gedenke, was dir Anialek angetan hat." Den Schluß bildet, ein volkstümlich gehaltenes Meisterstiickchen : ,|Däs böse'Ende", ein versöhnender Ausklang, 'eine :gfbße -starke Höffmm'g; auf die Befreiung dieser Aermsten der Armen durch die Zertrümmerung •p^^^^yß^^^trj^is,'} '\ 'i.J: vY: Die Liste der Ausgetreieheii erscheint in der t:ächitiu Numir.er.