Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 22 (2.10.1914)
- Date
- 1914-10-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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/ Seite 4_ „Neue National-Zeitung" Nr. 22 Die Hausfrau, eine ungefähr dreißigjährige Frau, mit rassigen Zügen in dem jüdischen Gesichte, trug auf drei sauberen Tellern ein schönes Stück Fisch auf, legte uns eine große Barche dazu und forderte uns auf, zuzugreifen . . . Und wir ließen es uns schmecken, wobei uns die vier Kinder, die gar nicht jüdisch aussahen, zuschauten. Auch hier hörten wir, wie froh alles wäre, wenn die Kosaken nie mehr wiederkommen würden . . . Man schlage sich so recht und schlecht durch, wisse gar nichts von der Welt und vom Kriege, da bereits seit Ende Juli aus Warschau die Jargon-Zeitungen nicht mehr gekommen waren. Die Zensur habe die ganzen Zeitungen nicht zum Postversand zugelassen. Wenn es nach dem Befehle der russischen Regierung gehen sollte, dürfte niemand an österreichische Soldaten Lebensmittel verabfolgen. Dies sei unter strenger Strafandrohung verboten. Von der Proklamation des Zaren an seine „lieben Juden" habe er hier nichts gehört. Wahn scheinlich sei dies nur ein Köder für die galizischen Juden, die man auf diese Weise kaptieren wolle . . . Die Zeit drängte und wir mußten uns verabschieden. Unser Wirt wünschte uns alles Beste, drängte uns jedem noch ein Stück Barche auf — und fort gings über die staubigen Straßen, in deren Sand wir bis zu den Fußknöcheln einsanken. Ein Sandsachverständiger, der unter uns war, meinte, daß die Russen riesig viel Geld im — Sande stecken hätten, denn dieser pulverige, feine Sand, den man bei uns nur an Flußufern oder am Meeresstrand findet, ist ein Handelsar' tikel und wird gut bezahlt. Diese Auskunft konnte jedoch weder uns noch unserem mehrere Kilometer langen Korpstrain über den schlechten Weg" hinweghelfen, denn wir mußten nicht nur selbst durch diese Sandsümpfe — könnte man sagen — hindurchwaten, sondern auch oftmals bei den Hunderten von Wägen über schwierige Stellen, Anhöhen usw. „antauchen", um sie vorwärts zu bringen. Man hörte nur den reichen Holzhändler fluchen: ,.So eine Gemeinheit ... So eine Niederträchtigkeit . . . Das werd' ich mir nicht gefallen lassen . . ." „Bitte, mäßigen Sie sich ein ein bischen, Herr Goldstein," unterbrach ihn der Pristav. ..Brauch mich gar nicht zu mäßigen,'1 schrie der aufgeregte Holzhändler, „zuerst läßt man sich bestechen, und dann kommt man mir die Laubhütte niederreißen, mitten im Essen . . . schönes Benehmen . . . echt russisch ..." „Halt's Maul!" forderte ihn der beleidigte Pristav auf, „sonst lass' ich Sie sofort verhaften." Diese Worte schüchterten den Holzhändler ein und er zog sich mäuschenstill zurück. Im Handumdrehen wurde die herrliche Laubhütte von der Feuerwehr niedergerissen; denn bald sollte der Polizeimeister auf seiner Inspektionsfabrt die Gasse passieren. Es wurde gründlich Ordnung gemacht — die geringste Spur von einem festlichen Geberp mußte schonungslos verschwinden. Und die Feuerwehr arbeitete sehr Gewissenhaft'— nicht einmal die Nudelsunne blieb verschont obwohl es ihnen große Mühe verursachte, die langen Nudeln in den Mund zu ziehen. ..Teufel!" jinrerte sich einer, „mit diesen indischen Hudeln wird man ja gar nicht fertiV." Denn es blieb ihm immer wieder eine Nudel am Bart hängen, und das genierte ihn natürlich. Die Feuerwehr hatte ihr Werk vollbracht und der reiche Holzhändler blieb ohne Sukkeh. Einen Tag: darauf saßen in der Sukkeh am Hof drei Familien friedlich nebeneinander. Diese kleinen Pferde leisteten Erstaunliches. Man traut ihnen gar nicht diese Fähigkeit zu. Manche Tage waren sie 14 bis 16 Stunden im Geschirr. Sie wurden aber von ihren polnischen Kutschern sehr gut behandelt. Darunter waren eigentümliche Gesichter. Prachtexemplare polnischer Bauern mit charakteristischen Gesichtern, umrahmt von schwarzem Haar. Sie hielten mehr auf ihre Pferde als auf sich selbst. Wenn sie ihren Wagen über einen Berg hinüberschaffen mußten, trieben sie die Tiere mit derart weinerlicher Stimme an, daß wir unwillkürlich lachen mußten. Und elende Karrenwege, in deren Sand die Räder wie im Moor einsanken, gab es auf dem Wege nach Krasnik genug. Ein wenig entschädigte uns dann der herrliche Sonnenuntergang. Fast täglich verschwand die Sonne hinter einem blutroten Schleier, den sie sich aus dem Blute der Tapfersten zu weben schien, weithin war der Himmel in purpurne Abendröte getaucht. Die vielen Wälder lagen ruhig da. Kleine Feuer, oft mit dem Holze russischer Grenzpfähle, in ihrer Größe und Morschheit ein Symbol des tönernen Kolosses, angemacht, beleuchteten sonnengebräunte Gesichter und Hände . . . man vergaß an den Krieg . . . H. (Schluß folgt.) Frauen Wiens, gebt Freitische! So lautete ein Aufruf, den ich vor Jahren zugunsten der notleidenden Studenten veröffentlichte; schon einige Tage später waren mehr als 200 Anmeldungen eingegangen; man organisierte den Studenten-Unterstützungsverein und die Mensa academica. Auch heute, angesichts der großen Not, in der sich unsere aus ihrer Heimat vertriebenen Glaubensgenossen befinden, die oft nichts als das nackte Leben gerettet, wage ich den Ruf: „F r a u e n W i e n s, g e b t F r e i t i s c h el" Ob an Eurem Familientisch ein hungriger Magen mehr gesättigt werden soll, das beschwert Euren Geldbeutel nicht; und