Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 22 (2.10.1914)
- Date
- 1914-10-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 die ziegelroten Rauchfänge zu sehen. Das Dorf mutet einen wie ein Häuserfriedhof an. Einstweilen wird es Nacht. Der Horizont wird aber unerklärlicherweise immer lichter und lichter. Jetzt hier zur Rechten eine riesige Rauchsäule. Daneben leuchtet es auch schon auf . . . Bald sehen wir vier, fünf Feuergarben . . . Die Sonne war so blutrot untergegangen, daß es wie ein Uebergang der Farben, wie ein Abendleuchten aussah. In der einen Feuersäule züngelt plötzlich eine gelbliche Flamme hoch empor. Wahrscheinlich die Folge einer Explosion. Gerade wollte einer meiner Kameraden Parallelen mit Moskau und Napoleon ziehen, als er daran dadurch gehindert wurde, daß er wegen des elenden Weges in der Dunkelheit seine ganze Aufmerksamkeit auf den Marsch konzentrieren mußte . . . Wir waren nämlich schon auf russischem Boden. Das erste Städtchen, in das wir kamen, war A n n o p o 1, wo einige Tage vorher eine Schlacht geliefert worden Avar. Unsere Truppen hatten nach heldenmütigem Kampfe einen glänzenden Sieg errungen. Ein russischer Oberstleutnant, der hier verwundet gefangen wurde, gestand spontan ein, daß er, der die Schlacht - bei M u k d e n mitgemacht hatte, einem solchen Gegner noch nicht gegenüber gestanden wäre. Spuren des Kampfes waren aber hier nicht mehr zu bemerken. Nur einige Verwundete leicliteren Grades, die man auf den kleinen polnischen Wägen, die uns in Russisch-Polen zum Transporte des Trains dienen, in friedlicher Unterhaltung mit gefangenen verwundeten Russen sitzen sah, gaben Zeugnis davon. Unsere Verwundeten wurden von den Juden sehr gut gepflegt, Polen bekamen wir nicht zu Gesicht. Das beste Wasser, das nur zu finden war, bekamen die Verwundeten. Auch zu essen bekamen sie genügend. Ich erinnere mich.noch daran, wie eine Jüdin mit einem großen Topf Kartoffeln und Milch daherkam, um die Verwundeten zu laben. Als sie uns sah, wollte sie auch uns damit auflas führt Sie zu mir, Reb Mendl?" „Aber eine Kleinigkeit," stammelte dieser, den Blick zu Boden gesenkt. „Was denn?" „Es ist nicht der Mühe wert . . ." „Sagen' doch schon!" „Was soll ich Ihnen sagen? . . „Halten Sie mich nicht auf!" begann schon der Holzhändler unruhig zu werden. „Ja, was soll ich Thnen sagen . . ." „Wozu kommen Sie dann?", unterbrach ihn Herr Goldstein ganz außer sich. „Verzeihen Sie vielmals, sind Sie nicht böse, ich will Ihnen nur meine Lage schildern . . ." „Interessiert mich nicht!" ..Aber . . . aber es ist doch . . . dringend!" sprach der arme Mendl schon total eingeschüchtert. „Das geht mich gar nichts an,"" warf ihm der reiche Holzhändler barsch zu. „Aber Papa!" rief Salamon auf sie zukommend. „Was denn, mein Sohn?" milderte sich Herr Goldstein. Und Salamon klärte seinen Vater auf, in welcher Angelegenheit Mendl zu ihm bekommen sei; er äußerte außerdem den Wunsch, von nun an in einer Sukkeh essen zu wollen. „So . . . o .•. .?" wandte sich Herr Goldstein an Mendl. der sich durch die Worte Salamons wie erlöst fühltp. ..Sie kommen wegen einer Sukkeh zu mir?" „Ja, wegen einer Sukkeh," erwiderte der Soferschreiber etwas mutiger. „Also was wollen Sie mir sagen, Reb Mendl?" „Was soll ich Ihnen sagen, schlechte Tage habe ich erlebt," begann Mendl. Aber diesmal wurde er nicht mehr un- „Neue National-Zeitung" warten. Wir lehnten es aber ab, weil wir das Essen lieber den Verwundeten zukommen lassen wollten. Wir ließen uns dafür umsomehr das frische Roggenbrot munden, das wir uns auf dem „Ring" kauften. Der Ring ist in diesen kleinen russischen Städten ein viereckiger Marktplatz, wie wir ihn auch in Z ak 1 i k o w und Urzed o w sahen. In einem Viereck stehen da die verschiedenen kleinen, gewöhnlich einstöckigen „Geschäftshäuser" herum, eigentlich mehr Gemischtwarenläden mit einer kleinen dazugehörigen Wohnung. Da war alles zu haben, wonach sich unsere Soldaten solange gesehnt hatten: Gutes Backwerk Chokolade, Zucker, Bier, russische Zigaret* ten und Thee in Menge. Die kleinen Läden gehören Juden, Juden mit langen Kaftans und Löckchen, die zusammen mit ihren Söhnen und Töchtern die Kunden bedienten. Wir bezahlten mit österreichischem Oelde und berechneten 2 Kronen für einen Rubel. Das Eigentümliche war, daß die Geschäftsleute unserem österreichischen Oelde mehr Vertrauen schenkten und es lieber nahmen. Nur konnten sie sich zuerst nicht damit zurechtfinden. Sie rechneten nach Kreuzern und wurden durch die Hellerbezeichnung auf den Nickelstücken irritiert. Ueberhaupt konnte man die Beobachtung machen, das das Gros der Juden in Russisch-Polen unseren Einmarsch als eine Befreiung von der russischen Knute freudig begrüßten: viele beten für unseren Sieg. An einem Samstag war's, fünf Uhr früh. Wir standen am Marktplatz und die Juden gingen zum Beten. Mit einem alten Juden kam ich ins Gespräch. Ich sprach mit ihm über die Lage seiner hier wohnenden Volkgenossen und über ihre Zukunft. In diesen Grenzstädten nähren sie sich vom Kleinhandel, vom glasweisen Thee verkauf (überall wird liier Thee verkauft, der sich nicht übel trinkt), auch sieht man ziemlich viel jüdische Bäcker. Am Schluß fragte mich der Alte mit eigentümlichen fragenden Augen: „Nu, wemer (werden wir) siegen?" terbrochen, und er faßte sich ein Herz, dem reichen Holzhändler seine Lage zu schildern. ' Er klagte, daß ihm, respektive seiner Frau, die Greislerei nichts trap'e. daß er also nicht in der Lage sei, für sich selbst eine Laubhütte zu bauen und äußerte schließlich den Wunsch, mit dem reichen Holzhändler gemeinsam eine Sukkeh zu errichten. „Sind Sie von Sinnen. Sie Bettler, Sie," schrie ihn Goldstein an. ..ich soll mit Mendl dem Sofer in einer Sukkeh essen? und weiß der Teufel wo. dort unten am Hof? nein ... das werden Sie nicht erleben!" „Aber Papa! Wo soll denn sonst die Laubhütte errichtet werden?" fragte der Sohn beschwichtigend. „Was heißt wo? Dort, am/Balkon,"zeigte Herr Goldsfein, die Salontür mit protzigem Schwung öffnend. Und so kehrte Mendl der Sofer im verrichteter Dinge heim. Zwei kummervolle Ta?e verstrichen und das liebliche Erntefest hielt feierlichen Einzug in die gastfreundlich einladenden Laubhütten. Das Haus des reichen Holzhändlers besaß deren zwei: eine am Hof, die andere am Balkon. In der Sukkeh am Hof herrschte schon volles Leben. Die an Kindern reich gesegnete Familie Eisik des Schusters, mit dem Mendl die Sukkeh teilte, nahm fast den ganzen Tisch ein. Der Sofferschreiber machte zuerst Kiddu'sch, nach ihm der Schuster und nun kam der langersehnte Leckerbissen für die Kinder. 'Bloß beim Anblick der Honigtorte lief ihnen das Wasser im Mund zusammen. Jankele. der Ji*ui$rste. räusperte sich, damit die Mutter beim Verteilen auf ihn nicht vergesse. Seite 3 Mit den Juden verstanden wir uns ganz gut. Unsere Offiziere, die nicht polnisch verstanden, meinten immer, es sei noch ein Glück, daß man sich wenigstens mit den Ju' den in deutscher Sprache halbwegs verständigen könnte. Uns Juden gegenüber benahmen sie sich besonders zuvorkommend. Schon in Tarnow hatte uns der Rabbiner für Freitag abends zum Gottesdienst und Nachtmahl eingeladen. Wir konnten aber dieser Einladung nicht nachkommen, da wir am nächsten Morgen in aller Frühe weitermarschieren und deshalb schon um 8 Uhr abends in unseren Baracken sein mußten . . . Eine andere Episode: Hinter Nabrzerie war's, bereits auf russischem Boden. Wir hatten, an einem Samstag, nicht besonders opulent gefrühstückt und wollten noch etwas einkaufen. Wir fragten in dem Häuschen eines Juden nach etwas Eßbaren. Wir erhielten jedoch die Antwort: „Sis nisch du"! (Es ist nichts da.) Als ich ihn darauf fragte, ob er uns nur deshalb nichts verkaufen wolle, weil Schabbes sei, war er freudig erstaunt, wiederholte mir jedoch nochmals, daß er uns, auch wenn nicht Scliabbes wäre, nichts verkaufen könnte. Wenn ich aber mit meinem Kameraden ein Stücke! „S c h a b b e s f i s c h" essen wolle, dann sollten wir nur bei ihm eintreten . . . Wir ließen uns das nicht zweimal sagen . . . Sack und Pack, das Gewehr in der rechten Hand gingen wir in das Häus- •chen, das eigentlich nur aus einem großen Zimmer bestand. Diese Häuser bestehen ia fast alle nur aus einer großen Stube mit einem riesigen Backofen und einer Päumlich-- keit auf dem Boden. In diesem großen Zimmer spielt sich das ganze Familienleben ab, denn es dient für alle gleichzeitig als Schlaf-, Eß- und Wohnzimmer . . . Von den anderen Bauernstuben unterschied sich das der Juden nur dadurch, daß die vielen Heiligenbilder und Bildchen an den Wänden fehlten. Dafür entdeckte man aber am Türpfosten — zwar etwas schlicht und versteckt — eine einfache Mesuse. „Du kriegst schon," sagte Mirl, die sein Räuspern verstand. Die armen Weiber liefen von Sukkeh zur Küche, bald wieder in die Sukkeh zurück: mit vollen Schüsseln kamen sie, leere trugen sie weg. Am schlimmsten erging's Mirl, der Schusterin: denn Eisik, der Schuster, wohnte im dritten Hause und sie mußte mit den Schüsseln über die Gasse laufen. „Ach!" seufzte sie, als sie gerade eine volle Vase Sirope in die Sukke brachte, „ich fall um vor Müdigkeit." „Setzen Sie sich doch ein bissei nieder," sagte Mendl, der Sofer. „Wie darf ieh's? Die Kinder wollen nebbich essen", erwiderte Mirl, die Suppe einschenkend. Die Kinder warfen sich auf die Nudelsuppe wie nach einer Hungersnot. Sie waren auch alle ausgehungert: denn der Bau der Sukkeh nahm sie den ganzen Tag in Anspruch: sie schlenpten Laub herbei, wobei sie sich an den Nadeln die Hände wundstachen, holten Nägel, trugen Bretter, kurz sie machten viel Bewegung und das wirkt doch appetitanregend. Schon wollte Mirl um Fleisch gehen, als man plötzlich die Trompeten der Feuerwehr vernahm. „Wo brennt's?!" riefen alle fast gleichzeitig. Die Trompetenschläge wurden immer näher, schon hörte man die wuchtigen Stöße der Räder und den schnellen Trab der Pferde. Vor dem Hause Goldsteins machte die Feuerwehr halt. Mendl und Malke sorancen wie wilde Katzen auf und eilten auf ihre Stube, in der Meinung, eine Feuersbrimst sei im Hause ausgebrochen. Aber nichts dergleichen.