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Neue Nationalzeitung · 1914-10-02 · Heft 22 (2.10.1914) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 22 (2.10.1914)
Date
1914-10-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" tfr. 22 Was aus den Beiden geworden? Die Frau dat seither keine Nachricht von ihnen. Sie weiß nicht, ob ihr Gatte noch lebt. In dem Hause eines Freundes, den ich besuche, hat eine aus vier Personen bestehende Familie Aufnahme gefunden. Die Familie ist nicht komplett. Sie besteht aus einer älteren Frau, deren zwei Söhnen und der Schwiegertochter, einer hübschen, blondhaarigen Frau. Wo die Männer sind? Die Frauen haben keine Ahnung, ob sie noch leh^g, .. . . Sie wollten noch etwas von ihrer Habe retten und versprachen ihren Angehörigen, sie würden rechtzeitig bei dein letzten Zuge, der noch Flüchtlinge mitnehme, eintreffen: „Wir warten und warten", erzählt die ältere Frau, „ob unsere Männer kommen. Es vergeht die Zeit und der Kondukteur schreit,, wir sollen einsteigen, sonst müssen wir zurückbleiben und können es uns zuschreiben, wenn die Russen kommen und wir in ihre Hände fallen. Wir haben nicht einsteigen wollen, aber mein Vater und meine Mutter, die sich auch geflüchtet haben — sie sind in Wien — haben geweint und geschrieen, sie wollen sterben, wenn wir nicht mit den Kindern uns retten und so sind wir eine Sekunde, bevor der Zug abgegangen, eingestiegen. Wie wir einige Minuten fahren, sehen wir Rauchwolken aufsteigen, Feuerflammen leuchten . . . unser Dorf brennt . . . Wo sind unsere Männer? Von unserem Hab und Gut, viel ist es nicht, werden wir vielleicht nichts mehr sehen. In bitterer Arbeit haben wir uns ein kleines Haus erworben, es ist 1500 Gulden wert . . . wer weiß, ob es noch steht. Wir haben nichts als ein Bündel mit Kleidern und Wäsche gerettet . . . aber für das alles, alles möchten wir noch Gott danken, wenn wir noch einmal unsere Männer sehen mochten." Und die zwei Frauen weinen laut, herzzerreißend; den zwei Kindern rinnen die Tränen über die Wangen . . . Kurz vor meiner Abreise spreche ich noch mit einem alten Manne. Ich halte ihn für einen siebzigjährigen Greis; er versichert mir, er sei bereits 79 Jahre alt. Er trägt ein dickes Buch unter dem Arm, das er zärtlich an sich drückt, als wäre es ein gar köstlicher Schatz. Ich frage den alten Mann, von wo er sei. Schwer seufzend antwortet er: „Von wo' soll ich sein? Von X. — er nennt den Namen eines Dorfes, der nie noch an mein Ohr gedrungen — aber ich bin Gott dankbar, daß ich jetzt hier bin. Hier werde ich wenigstens zu Jörn Kipur beten können und den Sclioiar blasen hören." Dabei fliegt etwas wie ein Schimmer von Freude über das welke Antlitz des Greises und ich kann die Bemerkung nicht unterdrücken, däß mich diese fromme Ergebung in das Schicksal rührte. „Mein guter Herr," meinte hierauf mit einem traurigen Lächeln der Alte, „wir Juden sind doch nicht von heute erst gewohnt, daß wir verfolgt, verjagt und vertrieben werden. Ich hab alles verloren, was ich gehabt. Das macht nichts. Ich bin 79 Jahre alt und man wird mich nicht verhungern lassen. Ich habe zu Hause schöne Kleider gehabt, werde ich jetzt in alten Kleidern, die man mir schenken wird, gehen. Aber eins tut mir weh und das soll mir Gott verzeihen, weil ich mir doch nicht hab' helfen können. Ich habe am heiligen Roschhaschonoli fahren müssen ... Müsse n, mein guter Herr, denn man hat nicht erlaubt, daß wir den Waggon verlassen . . . Nicht aus Bosheit, aber man hat gesagt, ich bin verloren, wenn ich aussteig. Und unsere Religion verbietet, daß wir uns absichtlich in Lebensgefahr stürzen. Aber weh tut es mir doch, daß ich am Roschhasehonoh gefahren bin." Ich will den Alten von seinem Gram ablenken und frage ihn, was für ein Buch er unter dem Arm habe. „Ich hab' mehreres mitgehabt," sagt der Alte, „was ich am Weg habe liegen lassen. Das habe ich behalten: das ist mein M a c h s o r." Auf dem Wege nachKrasnik.*) Unsere Freunde in Russisch-Polen. So wie die vorangehenden Augusttage war auch der lag, da wir mit dem Train des . . . Korps die russische Grenze überschreiten sollten, von außerordentlicher Schönheit. Um 5 Uhr Irüh wehte uns ein tnscher Morgenwind entgegen, der an Kühle mit der aufsteigenden Sonne immer mehr nachließ, so daß wir bald unsere Mäntel zusammenrollten und zum Aufbruche fertigmachten. Nicht weit von uns grasten Kühe, unsere Köche brauten den Konservenkaffee, alles schaute so friedlich aus — wie im Manöver. Da kam mit einem Male etwas Bewegung in das kleine Zeltlager mit dem riesigen Wagenpark. Lin verdächtiger Bursche wurde eingebracht, der tags zuvor mit 2 Komplizen meuchlings auf einen Artiellerieoffizier geschossen haben sollte . . . und gleichzeitig hören wir vor uns in ziemlich großer Entfernung den Hall von Maschinengewehren, wie wenn sich ein Automobil von weither nähern würde. Drüben aus dem Walde kam eine Marschkompagnie eiligen Schrittes herangerückt, Artilleriekolonnen wälzten sich die Chaussee herauf, die Reiter mit verstaubten Gesichtern und Monturen, ihre Pferde mit der kleinen Handpeitsche immer auftreibend — jetzt sah es doch schon mehr nach Krieg aus . . . Und bald machten auch wir uns auf den Weg, an kleinen schmutzigen Dorfhäuse'rn, von Kosaken zer; störten Branntweinschänken vorbei. Je näher wir der Grenze kommen, desto verlassener wird die Gegend. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen . . . Von einigen durch die Mordbrenner, auch Kosaken genannt, angezündeten Häusern sind nur noch *) Diese ungemein plastische Darstellung, in der speziell das jüdische Milieu des Kriegsschauplatzes in Russisch-Polen geschildert wird, verdanken wir einem ständigen Mitarbeiter, der, in der Armee des üeneral Dankl den Feldzug mitgemacht hat. Die Red. FEUILLETON. Die Laubhütte. Von Alexander Schmidt. Es blieben nur noch zwei Tage zu Sukkoth und Mendl der Sofer hatte noch immer keine Laubhütte. Er war schon ganz verzweifelt. Da kam seine Frau auf eine glänzende Idee. „Weißt, Mendl'1, sagte sie zu ihm, „wie war's, wenn du zum Holzhändler hinaufgehst?'' „Bist du meschugge! ärgerte sich Mendl. „Zu dem Asus-Poninr) soll ich gehen, zu dem Gor*)?" „Goi hin, Qoi her", lächelte sie, „er muß doch heuer in der Sukkeh***) essen". „Warum denn?" „Er ist doch Gabe geworden in ,Adass- Jeschurun'", „So . . . o . . .?, das ist wirklich nett!" lachte Mendl, „Goldstein, der Holzhändler, Gabe in .Adass-Jeschurun' "?! Er schwieg einen Augenblick, fuhr sich einigemal in den grauen Bart — er schien etwas zu überlegen — und wandte sich schließlich wieder an seine Frau, die inzwischen eine mit Münzen gefüllte Tonschüssel aus der Lade hervorgeholt hatte. „Sag' mal, Malke, wieviel hast du heut' im Geschäft gelöst?" „Aber hör' mir auf mit solchen Geschäften. Diese Kramerei ist mir schon auch zuwider — nicht einmal ein paar Rubel auf die *) Unfreundlicher Mann. Anm. der Red. '■*) Abtrünniger. Anm. der Red. Laubhütte. Anm. der Red. Feiertage kann man sich da wegsparen. Und wie man sich da plagen muß, wie ein Esel. Alles um nichts und wieder nichts. Da wünscht eine um einen ganzen Groschen Pfeffer. Zimmt und Lorbeerblätter, dort eine andere um einen Groschen Zuckerl — aller Sorten natürlich, und so geht's fortwährend — es ist auch manchmal rein aus der Haut zu fahren." „Nun ja! Da gibt's halt nichts," seufzte Mendl, „aber etwas wirst mir doch für die Sukkeh beisteuern können?" „Nicht einen zerbrochenen Groschen," erwiderte sie resolut. „Wir müssen doch eine Sukkeh bauen!" „Geh zum Holzhändler." „Zu dem Asus Ponim?" „Deine Sorg! Die Hauptsache, daß er's Geld hergibt", sagte Malke geschäftsmäßig. „Aber er ißt doch nie in der Sukkeh!" „Heuer muß er's und er wird froh sein, wenn du ihn auf die Sukkeh erinnerst. Also mach' keine Geschichten und geh hinauf." Mendl der Soier bürstete sich Kleider und Stiefel, zog die Mütze in die Augen und ging entschlossen zu Goldstein, dem Holzhändler. Als er aber vor der Tür stand, an der eine. schimmernde Glocke angebracht war, fühlte er sich wieder entmutigt, seine Knie senkten sich, der Rücken verfiel in gewohnte Krümmung und eine eisige Kälte durchlief ihm den ganzen Körper. Schon wollte Mendl umkehren, als plötzlich ein junger Mann in Gymnasiastenuniform, die Treppe herauflief. Es war Salamon, der Sohn des Holzhändlers. „Gut'n Abend, Reb Mendl, Sie kommen zu uns?" „Ja," stammelte der Sofer. „Darf ich wissen in welcher Angelegenheit?" fragte der Gymnasiast. Der, zutrauliche Ton flößte dem armen Mendl etwas Mut ein und er klagte dem jungen Manne sein ganzes Leid. „Papa muß von nun an in der Sukkeh essen," meinte Salamon, „erstens mit Rücksicht auf sein jetziges Amt in ,Adass- Jeschurun" und . . . zweitens, ich brauch mich doch nicht zu genieren, auch mir zuliebe, Reb Mendl, ja, mir zuliebe." „Sind sie wirklich fromm?" fragte Mendl neugierig. „Das nicht, aber ich hab' mir vorgenommen, so lange unsere Feiertage einzuhalten, so lange die Christen die ihrigen einhalten, um so mehr, als unsere fast durchwegs einen national-politischen oder kulturellen Charakter tragen". Diese Redensart war Mendl, dem Sofer, natürlich ganz neu. Es wäre ihm auch: nie eingefallen, über die Bedeutung der Feiertage nachzudenken. Er hielt die Feiertage ein, weil es seine Väter getan haben und weil es vorgeschrieben ist. Zu solchen Anschauungen, wie sie der Gymnasiast zu entwickeln versuchte, konnte und wollte er sich nicht emporschwingen. Salamon sah auch bald ein, daß es verlorene Mühe sei, den alten Soferschreiber überzeugen zu wollen, versprach ihm nichtsdestoweniger den Bau einer Sukkeh beim Papa zu erwirken. Da erschien auch der Holzhändler selbst. „Gut'n Abend, Herr Goldstein," traute .sich der Soferschreiber kaum zu grüßen und verbeugte sich mit einem gehörigen Buckel. ,,N' Abend;," erwiderte der reiche Holzhändler nur oberflächlich seinen Gruß. Er musterte den Gast vom Scheitel bis zur Sohle und fragte schließlich etwas milder:

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