Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1914-10-02 · Heft 22 (2.10.1914) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 22 (2.10.1914)
Date
1914-10-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2425679-2425912-2425934--3009-2429562
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

^mmlmm^^im^y-:- Ulf. MCiONGL-ZEiCÜNG RßRfiUSGBBßR! DrS.R.LNND8U;! XVI. Jahrgang. Wien, 2. Oktober 1914. Nr. 22 Redaktion, Administration und Inseraten-Aufnahme Wien, I., Oppolzergasse Nr. 4. Telephon 18.435. * K. k. Poslsparkassen-Konto 88.704. Manuskripte werden nicht zurückgestellt. Abonnementspreise: (mit Zusfeilungr ins Haus) In Oesterrei ch-U n g a r n: Ganzjähr. K8.—, halbjähr. K 4.—, vierteljähr. K 2.— In Deutschland: Qanzjähr. K 10.— Im übrigen Ausland: Qanzjähr. K 12.— Einzel-Exemplare zu 14 Hellern im Zeilungsverschleiß Hermann Goldschmied!, 1., Wollzeile 11, und in den meisten Tabak-Trafiken. Inhalt: Zwei Tage in Nikolsburg. (Von unserem Spezial-Korrespondenten ) H.: Auf dem Wege nach Krasnik. Ida Barber: Frauen Wiens, gebt Freitische! Die EsrogirasNot und der Krieg. Korrespondenzen. Hilfstätigkeit für die Flüchtlinge. Kriegsnachrichten. Feuilleton: A. Schmidt: Die Laubhütte. Wir bitten unsere Leser, uns alles, was die Anteilnahme der Juden am Kriege betrifft (Spenden, Taten der Tapferkeit, Beförderungen infolge Tapferkeit usw.) mitzuteilen. Auch bitten wir, uns die Briefe von am Schlachtfelde befindlichen Angehörigen gegen umgehende unversehrte Retournierung zur Veröffentlichung tiberlassen zu wollen. Wegen der hohen Feiertage wird die nächste Nummer der „Neuen National-Zeitung" erst freii, M18. Hier ausgegeben werden. Bn unsere Abonnenten! Wir ersuchen unsere auswärtigen Abonnenten höflichst um gefl. umgehende Begleichung des rückständigen Abonnements. Wir haben die Pränumerationsgebülir unseres Blattes nicht erhöht, trotzdem dasselbe jetzt wöchentlich erscheint und noch grössere Opfer erfordert als bisher. Die Administration- Wir ersuchen unsere Abonnenten in Galizien und in der Bukowina, uns ihre eventuellen neuen Adressen bekanntzugeben, damit in der Zusendung unseres Blattes keine Unterbrechung eintritt. Die Administration. Zwei Tage in Nikolsburg (Von unserem Spezial-Korrespondenten.) Zwei Tage weilte ich in Nikolsburg, aber wenn ich Methusalems Alter erreichte, würde ich die Eindrücke nicht vergessen, die sich durch das was ich sah und hörte, peinigend und schmerzend ins. Herz gruben. Die Straßen der freundlichen mährischen Stadt haben sich, seitdem ich sie vor sechs Jahren gesehen, sehr verändert; man glaubt jetzt in einer kleinen . galizischen Stadt zu sein, in der viele arme polnische Juden und Jüdinnen müßig und traurig dahinschleichen und auf deren bleichen Gesichtern die Frage zu lesen ist: „Was wird aus uns werden?" Man hat mir in der Stadt erzählt, daß etwa 200—300 arme Flüchtlinge bei den mildherzigen jüdischen 'Familien in Nikolsburg Wohnung gefunden, daß viele Hunderte — vorläufig — in mehr oder minder hiezu geeigneten Lokalen Unterkunft gefunden haben, bis man sie in den Baracken, die der Staat hier für etwa 6000 Personen errichten läßt, wird unterbringen können. Auch in Pohrlitz sollen Baracken für 6000 Personen hergestellt werden .... Es sind fast durchwegs ärmlich aussehende Flüchtlinge, die mir begegnen . . . Die meisten von ihnen waren auch, bevor sie ihre Heimatsorte verließen, nicht mit irdischen Gütern reich gesegnet, aber sie hatten doch ihr Heim, ein schützendes Dach, ein Bett, konnten ihrem Erwerb, der sie, wenn auch kümmerlich nährte . . ., sie wenigstens mit ihren Kindern vor dem Hunger schützte, nachgehen. Nun hat die Not der Zeit sie fast alle zu Bettlern gemacht. Die wenigsten unter ihnen verfügen über nennenswerte Geldmittel, aber die kompakte Majorität hat nicht viel mehr mitgebracht als was sie auf dem Leibe tragen. Ich habe mit vielen gesprochen, aber jeder Zweite beinahe bemerkte wehmütig, daß er auf den oft meilenweiten Wegen bis zum rettenden Eisenbahnzug, ein Stück nach dem andern fortgeworfen, weil die Füße ihn selbst kaum mehr tragen konnten. Von wie viel Elend, Schmerz und Jammer habe ich in den zwei Tagen die Armen erzählen gehört, mit denen ich gesprochen. Einiges davon sei hier — ohne jede stilistische Ausschmückung — mit den Worten wiedergegeben, wie ich sie vernommen; nur die Uebersetzung aus dem Jargon ins Deutsche, ist meine Arbeit. Ich frage eine Frau, die sorgsam ein etwa achtjähriges Mädchen führt, das den Ann in der Schlinge trägt, was. dem Kinde fehle. „Ach, mein lieber Herr" antwortet sie, „das Kind ist mit mir gelaufen, ein paar Stunden lang, bis wir sind eingestiegen in den Waggon. Das Kind ist schwach, auf dem Weg ist es gefallen, aber es hat nichts gesagt, bis ich gemerkt habe, daß es den Arm nicht bewegen kann. Er war gebrochen. Drei Tage hat es gedauert, bis wir hergekommen sind, hier hat der Doktor den Arm eingerichtet; er sagt, das Kind wird den Arm wieder gesund bekommen. Gott ist gut, er hilft uns Armen." In dieser Freude, daß das Kind kein Krüppel sein wird, vergißt die arme Mutter beinahe daran, daß sie, wie ich später erfahre, alle ihre Habe verloren . . . Ein junger Mann mit vier kleinen Kindern geht an mir vorüber. Ich frage ihn, wo die Mutter der Kinder sei. „Meine arme Frau" sagt er „ist krank. Die Russen haben in den Wagen geschossen, in dem wir gesessen sind, die Kugel ist dicht an dem Kopf von dem kleinen Kind vorübergegangen, da hat die Mutter einen Nervenchock erlitten .... Sie ist schwer krank." Eine totblasse Frau mit zwei Kindern, einem zwölfjährigen Knaben und einem etwa sechsjährigen Mädchen begegnet mir. Der Ausdruck von Schmerz und Verzweiflung, der sich in dem Gesichte der noch jungen und anmutigen Frau ausprägt, ist ein so ergreifender, daß ich nicht den Mut habe, sie zu fragen, was ihr geschehen. Ein Geschäfts5 freund, den ich mit ihr sprechen sah, erzählte mir später das Schicksal der Unglücklichen. Sie war mit ihrem Gatten und den zwei Kindern auf der Flucht aus einem Dorfe begriffen, in welches eben russische Soldaten eingedrungen waren. Eine benachbarte Familie, die glückliche Besitzer eines Wagens waren, hatte ihnen erbarmungsvoll noch ein Plätzchen eingeräumt. Als der Wagen, von den Schüssen der Soldaten verfolgt, durch das Dorf jagte, sah der Mann noch, wie zwei Soldaten in das Haus seines alten 78jährigen Vaters eindrangen .... Da sprang er aus dem Wagen, um seinem Vater beizustehen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.