Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 21 (25.9.1914)
- Date
- 1914-09-25
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „Neue National'Zeitung" Nr. 21 zu lindern und ihnen beizustehen. Unausbleiblich ist es aber, daß unsere verarmten Glaubensgenossen ihre bittenden Hände vor allem der jüdischen Gemeinde entgegenstrecken, um von ihr Obdach und Unterstützung zu heischen. Männer, Frauen und Kinder pochen laut an die Tore des Gemeindehauses. Diese Schläge werden gehört, allein die Mittel der Kultusgemeinde, die ohnehin durch die Armenpflege und die Hilfstätigkeit für die armen Gemeindemitglieder, die Familien von Eingerückten und Arbeitslosen in Uebermaß in Anspruch genommen sind, reichen nicht aus, um dem Massenelend zu steuern. Bei aller Hochherzigkeit und bei allem ausgeprägtem Wohltätigkeitssinn der Glaubensgenossen sind ihrer Opferwilligkeit Grenzen gesetzt, da jeder einzelne unter den verheerenden Folgen des Krieges selbst leidet, große Verluste an Vermögen und Verdienst zu tragen hat, Blut- und Geldopfer in das Leben jeder Familie manche tiefe .Furchen gegraben haben. Und doch muß den jüdischen Flüchtlingen geholfen werden. Die Wiener Kultusgemeinde, als die größte Gemeinschaft jüdischen Lebens im Reiche, als sein Herz und sein Mittelpunkt, kann sich dieser brüderlichen Fürsorge nicht einschlagen. Sie bietet denn auch alles auf, um ihr gerecht zu werden. Allein ihre Kraft und ihre Mittel sind nicht reich genug, um dieses Ansturmes Herr zu werden, um diese Not zu bannen und das Geschick dieser Unglücklichen zu wenden, die am Vorabend der heiligen Feste von der Scholle der Heimat vertrieben wurden und nun trauernd ihr Unglück und ihre Unrast beweinen. Solche außerordentliche Verhältnisse erheischen außerordentliche Mittel und es wird daher Sache, wahre Herzenssache der Wiener Judengemeinde sein müssen, sie zu ergreifen und zu beschaffen. Dazu ist es aber unerläßlich, die Gemeindekassen neu zu füllen, damit sie auslangen, die flehend entgegen gehaltene Hand zu beteilen, den Hunger der Bedürftigen zu stillen, Elend und Krankheit, die furchtbarsten Plagen des Menschengeschlechtes, zu überwinden. Die jetzige Lage der östlichen Flüchtlinge kennt kein Gleichnis, kaum ein Beispiel. Zwar oft, leider allzu oft ist unsere Stadt eine Station gewesen auf dem Passionswege durchziehender russischer und rumänischer Juden, die durch wilde Metzeleien gehetzt, durch Pogroms und durch Austreibungen grausam verfolgt, müde zum Wanderstabe greifen mußten. Allein dieser Jammer war vorübergehend, örtlich, zeitlich beschränkt. Private Wohltätigkeit konnte halbwegs Hilfe reichen, das Aergste abwenden, die Zuflucht nach Neuland einleiten. Was sich aber jetzt abspielt, spottet der Erfahrung . Die Flut der Auswanderer schwillt täglich an, wächst über alle Dämme, die flüchtig und unstet gewordenen Menschen, die aus Häuslichkeit und aus Geschäftigkeit, aus Beruf und Erwerb gerissen wurden, zählen nach Tausenden und Abertausenden und vergeblich forscht der Blick nach dem Ausweg, der die Möglichkeit erschließt, diesen Jammer zu mildern, ihm über die Drangsal des Tages hinauszuhelfen. Was bedeutet die einzelne Gabe, mag sie auch noch so wertvoll und dankenswert sein; sie verdunstet wie ein Tropfen auf glühendem Gestein. Und es leitet die Erkenntnis zu der unerbittlichen Notwendigkeit, an ein neues Opfer zu schreiten, das Judengemeinden des ganzen Reiches hingeben, um ihren Brüdern und Schwestern zu helfen, wenn sie nicht in den Nöten des Krieges ruhmlos und erbärmlich versinken und untergehen sollen. An das Fürsorge-Komitee für die galizischen Flüchtlinge/*) Von Dr. S. R. Landau. W i e n, 19. September. Die Sandlingen des Komitees für die Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina werden gewiß ein reiches Resultat ergeben. *) Aus der „Wiener Sonn- und Moiitags-Zeitung" vom 21. A M. Di e Re d. Die Regierung, insbesondere das Ministerium des Innern und die ihm untergeordneten Statthaltereien in Wien und Brünn haben überdies ihre Bereitwilligkeit erklärt, für die Bequartierung und Verpflegung der Flüchtlinge aufzukommen. So wird es denn gewiß an den nötigen Fonds nicht fehlen, um die infolge der Kriegsereignise existenzlos gewordeneu Flüchtlinge und deren Familien unterzubringen. Es fragt sich aber, ob die Organisation dieser Flüchtlingsfürsorge genügend ausgebaut ist und ob es den Flüchtlingen möglich ist, ohne Verletzung ihrer persönlichen Würde, des Einzigen, was ihnen nach Verlust von Hab und Gut noch geblieben ist, in den Besitz der ihnen zugedachten Benefizien zu gelangen. Und das muß leider v e rn e i n t werden. Alle Grundsätze der modernen Wohlfahrtspflege scheinen hier plötzlich über den Haufen geworfen. Die armen Reichen — denn die meisten haben ja noch ihr Vermögen zu Hause, wenn sie auch nicht darüber verfügen — werden wie Professionsbettler betrachtet und behandelt. Vor dem einzigen Bureau in der Kleinen Spergasse 2 — man bedenke: für zehntausende Menschen e i n Bureau, bestehend aus zwei Räumen — müssen sie sich auf der Straße anstellen und drängen und1 gedrängt werden, um Speisemarken zu erhalten. Hat so ein unglücklicher Mensch endlich eine Marke erhalten, so muß er in die Volksküche gehen. Dort muß er sein frugales Mahl einnehmen. Sind alle diese Demütigungen wirklich notwendig? Leider sind alle diese Demütigungen oft vergeblich. Kommt so ein Unglücklicher in die Volksküche, dann bekommt er — wie es sich gestern ereignet hat — oft gar nichts. Seine Vormänner haben den Speisevorrat bereits, verzehrt. So sah ich gestern in den Straßen der Leopoldstadt Hunderte von Flüchtlingen — Greise und Kinder, die sich nicht vordrängen konnten — mit Speisemarken in der Hand und mit vom Hunger verzerrten Gesichtszügen. Anständig gekleidete Mädchen, die sich als Volksschullehre- FEUILLETON. Flüchtlinge .. . Von Dr. Eduard Kaufmann. Ueber die Ringstraße! Zwischen glatten Rasen und dünnen, eigens hierher gesetzten Bäumchen! Auf dem knirschenden Schotter an edlen Palästen vorbei, die — melodiengleich — neben überlebensgroßen Zinskasernen stehen; Zinskasernen, die kahl und nüchtern sind; sie sagen nichts. Nur die Millionenkosten merkt man ihnen an. — Menschen, beängstigend viel Menschen! Alle so wohlgekleidet, daß man geblendet auf die Masse Reichtum blickt. Ueber alles eine betäubende Fülle Licht! Fenster an Fenster in langen, geraden Reihen gleichmäßig erleuchet. Von blumengeschmückten Masten streuen Bogenlampen weißes, reiches Licht über die breite Straße. Die Auslagen brennen! Lichtkugeln lodern farbenreich davor! Eine einzige Fackel scheint das Kriegsministerium. Drohen auf der Urania schwelgt die Weltkugel in flammendem Gold! Dann ein Stück längs des Stromes! Tausend tausend Lichter funkeln darin. — Einen Augenblick stehe ich stille. Alle Sinne zittern noch: von dieser Fülle, diesem Reichtum, diesem Glanz. Und nun über die Brücke. In die Straßen, die zum Markte „Im Werd" führen. Mir ist's, als wären die Lider sekundenlang über die Augen gesunken. Mir ist's, als träte ich aus lauter Sonne in eine kühle, steinerne Flut! Einfacher, beruhigender alles! Man empfindet: Armut! Gleich gegenüber den Marktbuden steht in der hohen Häuserzeile, ganz eingeengt, so engbrüstig ein einstöckiges Haus. Das Haus der jüdischen Volksküche! Es ist dunkel getüncht. Ein eisernes Gittertor schließt es ab. Sehr traurig blickt es drein. Lauter Armut scheint es. Und nun öffnet man plötzlich die Türe! Welch eine wunderbare Wärme strömt einem entgegen! Welch warmer Duft! Welch helles Licht! Mir ist's, als träte ich aus kalter Wintersnacht in ein liebes, gutes, gastliches Heim, wo man den hungrigen Wanderer herzlich willkommen heißt, wo man fröhlich ist, ihm Speise und Trank zu geben, wo man ihn lieb hat! Ausspeisung ist jetzt! Hunderte Männer, Frauen und Kinder sitzen um die langen Tische herum. Juden! Nur Juden! Sonst, zu anderen Zeiten, nur Juden Wiens. Jetzt, in den Tagen des Krieges, verschwinden diese, ertrinken in den Wogen galizischer Flüchtlinge, die alles, alles daheim gelassen und sich hieher geflüchtet haben. Ein Schreckensgespenst stand vor den Pforten der Heimat. Das grellste, das grausamste, das der Jude fürchtet, vor dem er entsetzt flieht, das er haßt aus seiner glühenden Seele: das russische Volk! Diesen Feind des Vaterlandes, diesen doppelten Feind der Juden zu vernichten, opferten sie freudigen Herzens, trunkener Hoffnung gerne ihr Blut im Felde, ihre Habe daheim! Fest, zuversichtlich vertrauen sie darauf: in kurzen Tagen siegreich, jubelnd heimzukehren. Heute aber? Und morgen? Und wieder erhebt sich ein Schreckensgespenst, drohend, gräßlich: der Hunger! Rettung heißt es für unsere Brüder! Kein Zweifel, der Staat wird uns stark unterstützen. Alle Kräfte daran! Die Juden haben Herz, sie haben Gold! Sie können mit dieser Armee den grimmigen, würgenden Feind verjagen: den Hunger! Sie können es! Sie müssen es! Ein leichtes, ein freudiges Geben wird es sein, wenn sie in diesen Saal der jüdischen Volksküche oder der „Einheit" treten. Wenn sie das Glück sehen, das man hier so leicht und doch so reich schenken kann. An den langen Tischen mit den dampfenden Speisen müssen sie nur einmal vorübergehen, wo liebende Frauenhand denen, die arm sind, denen, die nichts haben, Speise vorsetzt! Wo die sorgenvollen Mienen dieser unglücklichen Flüchtlinge sich einen Augenblick froher gestalten! Sie mögen in den Hintergrund des Saales blicken! Es war eine hübsche, kluge Idee: Küche und Speisesaal zu verbinden. Gar nicht fern sollte den Hungernden ihr Glück sein! Ganz nahe, lockend! Es ist Reichtum in blendender Fülle unter den Juden. Nur einmal mögen sie mit diesen Flüchtlingen sprechen: mit dem Knaben, den ich fragte, wie es ihm gehe, der keine Mutter hat, dessen Vater vor Tagen auf dem galizischen Schlachtfeld gefallen. Mit dem graubärtigen Mann mit den wilden Hängelocken, in dunklem Kaftan gehüllt, der