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Neue Nationalzeitung · 1914-09-25 · Heft 21 (25.9.1914) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 21 (25.9.1914)
Date
1914-09-25
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 21 „Neue National-Zeitung" Seite 7 rinnen vorstellten, und junge Leute in der Gymnasiastenuniform baten um zehn Ii e 1ler 0), damit sie sich wenigstens trockenes Brot kaufen können .... Wäre es nicht viel richtiger, einen Kataster der Flüchtlinge anzulegen und denselben in einer weniger auffälligen Formdie Benefizien zuzuwenden, ja ihnen Privatkost, respektive Kost in ' billigen Restaurationen statt in den öffentlichen Volksküchen anzuweisen? Oder man gebe den größeren Familien statt der Freimarken den Kostenpreis derselben (30 Heller täglich per Person), damit sie sich hievon selbst die Mahlzeit bereiten, die in den Volksküche lediglich aus Suppe und Qemüse besteht. Denn das steht fest: es gibt Tausende, die lieber vom trockenen 'Brot leben, als daß sie vor dem Freikartenbureau und in der Volksküche Spießruten laufen. Man wird vielelicht dagegen einwenden, daß die zwei kommunalen Würdenträger, die dem Bürgermeister und dem Magistrat die Sorge für die östlichen Flüchtlinge abnehmen, diese Arbeit selbst nicht bewältigen können. Das mag richtig sein, aber es ist ja gar nicht notwendig, daß die beiden Herren alles selbst machen. Es gibt Hunderte von Landsleuten der Flüchtlinge, Personen der besten Stände, die glücklich wären, bei dieser Fürsorgetätigkeit mittun zu können. Hiezu würden sich die Funktionäre der zahlreichen galizischen Landsmannschaftsvereine in Wien besonders eignen. Aber sie werden gar nicht gerufen. Dieses Fürsorgekomitee scheint aber gar nicht die Fürsorge zu seinem Hauptzwecke gemacht zu haben, sondern die Verschickung der Flüchtlinge, oder wie man es euphemistisch nennt, ihre Evakuierung. Das erinnert sehr bedenklich an jenen Ausruf eines reichen Mannes: „Schmeißt's ihn hinaus, er zerbricht mir das Herz!" Was sollen denn diese tausende Menschen anfangen in den kleinen mährischen Judengemeinden, wie Porlitz, Nikolsburg usw? Die Supergescheiten behaupten, die Flüchtlinge verteuern uns in Wien die Nahrung. Allein es sollen doch nur die Armen evakuiert werden, und diese haben kein Geld, um beim Ankauf von Nahrungsmitteln mit uns zu konkurrieren. vor einigen Tagen noch wohlhabend, jetzt Bettler ist! Oder mit der jungen Frau, deren Mann im Felde steht, die ein Kind ängstlich an sich preßt, von Furcht gepeinigt, es könnte verhungern! Nur einmal mittags oder abends einige Augenblicke vor dem Eisengitter der Volksküche! Oder vor der „Einheit"! Wie sich Tausende dazu drängen! Hastig, atemlos, voll Furcht, sie kämen zu spät! Klar, scharf werden sie dann lesen: Was bisher geschehen ist, ist zu wenig; was bisher gegeben ward, ist wenig, fast nichts bedeutet es mit diesem Elend. Gar nicht viel müssen sie geben. Nur einen kleinen Teil des gewaltigen Reichtums! Und wie von einem Zauberstab berührt, wird dieser Jammer enden, der Hunger vorbei sein. Selbstverständlich, ohne jede Kleinlichkeit müssen sie schenken! Gerne werden sie es tun. Wenn sie nur einmal den Knaben sähen, den ich abends sprach, als ich aus dem Saale trat! Zwölfjährig ist er. Dunkle, brennende Augen! Tiefe bläuliche Ringe darum! Eingefallen die grauen Wangen, die Backenknochen vorstehend! Schwarze Locken an den Schläfen! Nur einmal diese tote Jugend sehen! Diese Tränen in den Augen. In den Augen, die in heißer, verlangender Sehnsucht den Glücklichen nachblicken, die in dieses Heim Einlaß fanden! Während dieses Kind, allein an die müde brennende Laterne gelehnt, hungert, jämmerlich hungert! Nur einmal dieses Glück sehen: als ich dem Kinde dort Einlaß schaffe! Lassen wir also diese Leute hier und trachten wir sie, unter Schonung ihrer menschlichen Würde, mit dem Notdürftigsten zu versorgen. Aber geben wir ihnen doch das Notdürftigste! Denn das geschieht bisher leider nicht. Die Speisemarken repräsentieren kaum eine dürftige Mahlzeit ohne Fleischnahrung. Und schonen wir die Würde dieser Menschen, indem wir sie nicht öffentlich bloß- und zur Schau stellen. Geben wir denjenigen — und es sind Tausende — unter ihnen, die Sparkassebüchel mit sich führen, die Grundstücke oder Realitäten zu Hause haben, die Möglichkeit, ein Darlehen zu bekommen! Die Welt geht ja doch nicht unter! Die Grundstücke werden nicht weggetragen und die Sparkassen haben ihr Geld in Sicherheit gebracht. Die Flüchtlinge werden alles mit Zinsen und Dank zurückgeben. Dieses Geld, das die Flüchtlinge als Darlehen erhalten, kommt ja den Wiener Geschäftsleuten zugute, den Hoteliers, Gastwirten, Gewerbetreibender, die es alle dringend benötigen. Für die armen Flüchtlingeaber müssen mehr Bureaus errich tet werden, w en i g s t e n s vorläufig ein z w e i t e s für die Einwohner der B r i g i 11 e n a u. Es müssen entweder Geldlinterstützungen behufs Beköstigung ausbezahlt oder kleine Gasthäuser in Anspruch genommen oder neue Speisehallen für die Flüchtlinge eröffnet werden, denn die rituellen Volksküchen können unmöglich die ungeheure Last ertragen. An Räumen zur Massenausspeisung würde es in Wien nicht fehlen. Ich verweise bloß auf den Sophiensaal, Konzerthaussaal und die Musikyereinssäle, in denen täglich d'urch Einführung eines drei- bis vierfachen Turnus, von 11 Uhr vormittags bis 3 Uhr nachmittags, mindestens 20.000 Personen ausgereist werden könnten. Bekanntlich hat das Konzerthaus eine Küche, die für 5000 Personen kochen kann. Auch die Bequartierung ist äußerst mangelhaft. Tausende Flüchtlinge kommen alltäglich an, zumeist nach 5 Uhr nachmittags; zu dieser Zeit ist das Bureau in der Kleinen Sperlgas.se bereits geschlossen. Den Ankommenden, die oft eine wochenlange Reise hinter sich haben.— ich sah selbst gestern eine Familie, bestehend aus sechs Köpfen, die von Grzvmalow drei Wochen nach Wien reisen mußte — erteilt am Bahnhof niemand eine Auskunft, wohin sie sich zu wenden haben; allein selbst wenn sie ins Bureau gelangen, finden sie niemanden, der sie bei der Ausfindigmachuhg eines Ouartiers mit Rat und Auskunft unterstützen würde. Es gibt kein Bequartierungsbureau. Es gibt für die Flüchtlinge keine Asyle und keine Massenquartiere. Die kleinen Hotels, zumeist recht unsauber, sind überfüllt. Wo sollen sie eine Zuflucht finden? Fürwahr, die armen Flüchtlinge verdienen ein besseres Los! Sie sind entweder vom Feinde, die ihr Hab und Gut zerstört hat, vertrieben worden oder haben es freiwillig verlassen, um nicht dem Feinde Dienste wider ihr Vaterland leisten zu müssen; sehr viele sind im Interesse der militärischen Verteidigung von unserer Militärverwaltung veranlaßt worden, den Wanderstab zu ergreifen. Dieser Patriotismus verdient eine reichliche Entschädigung. Mit der Schablone und dem Amtsschimmel darf hier nicht gearbeitet werden. Das Fürsorgekomitee hat sich in einer den Tagblättern zugesandten Notiz die Anerkennung ausgesprochen. Das ist noch verfrüht. Aber es könnte mit etwas mehr Initiative und Organisationstalent ganz sarut seinen Aufgabe gewachsen sein. An Mitteln wird es nicht fehlen. Sie werden durch Sammlungen aufgebracht, und der Staatsverwaltung wird es auch gewiß auf eiiritre Millionen nicht ankommen. In einem Kriege, der Milliarden'kostet, werden einige Millionen für dip obdachlosen Opfer der Kriegführung gewiß keine Rolle spielen. Zur Aufklärung! Der Zweck des obigen Artikels von Dr. Landau war es, nicht irgend jemanden zu tadeln, sondern verschiedene Anregungen behufs Ausbau der Fürsorge-Aktion zu geben und die Abstellung gewisser Uebelstände, wie sie bei plötzlichen Hilfsaktionen unvermeidlich sind, zu verlangen. Dieser Zweck ist — das steht fest — erreicht. Die allermaßgebendsten Persönlichkeiten haben sich geneigt gezeigt, den Anregungen Rechnung zu tragen. Es wurde bereits die Anordnung getroffen, daß an Stelle der Speisemarken (im Betrage von 30 Heller täglich) über Wunsch auch das Bargeld ausbezahlt werde, wodurch die feinfühligen Elemente in ihrem Ehrgefühl geschont bleiben. Da die bisherigen Räume für die Ausspeisung nicht genügen, hat das Komitee den Saal im I. Pratercafe gemietet und für den Fall, daß dieser nicht genügen sollte, wurde ein weit größerer Saal dem Komitee unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Die Eröffnung eines Bureaus in der Brigittenau steht bevor. Die Evakuierung der bereits in Wien befindlichen Flüchtlinge nach Mähren dürfte schwerlich vonstatten gehen, da durch die bereits dort befindlichen und noch zu erwartenden Flüchtlinge die mährischen Gemeinden ohnehin genug in Anspruch genommen sind. Es werden aber andere Maßregeln in Erwägung gezogen, um dem Wohnungsmangel in Wien abzuhelfen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die kompetenten Behörden durch die Ereignisse überrascht und ihnen anfangs nicht gewachsen waren. Allmählich klärt sich die Situation und es dürfte hoffentlich in allerkürzester Zeit die Hilfsaktion vollständig organisiert sein. Sehr ersprießlich hat sich die Tätigkeit der landsmannschaftlichen Humairitätsvereine in Wien erwiesen, die durch Geldunterstützungen, durch Zuweisung, respektive Aufbesserung der Kost sehr viel dazu beitrugen, die erste und größte Not der eingetroffenen Flüchtlinge zu lindern. * Das Komitee Bilinski. Unter dem Vorsitze des Gemeinsamen Finanzministers von Bilinski hat sich bekanntlich ein Komitee zur Unterstützung der Flüchtlinge aus Galizien und der 'Bukowina ohne Unterschied der Konfession und Nationalität gebildet, dem bereits große Beträge zugeflossen sind. Allgemein fragt man, ob und was das Komitee leiste. Hierüber erfahren wir folgendes: Dieses Komitee hat bereits seine Tätigkeit eröffnet. Es hat sein Bureau im Industrie p a 1 a s t, IV., Schwarzenbergnlatz Nr. 4, wo in der Zeit von 9V2 Uhr vormittags bis 1 Uhr nachmittag» Amtsstunden abgehalten werden. Dieses Bureau hat zur Aufgabe, kleine D arle h e n, V 0 r s c h ü sseund Unte r- Stützungen zu g e w ä h r e n, respektive die Lombard ierungvo Ii Sparkassabücher 11 bei den Wiener Banken zu er w i rke n. Wir empfehlen daher allen b e - d r ä n g t e 11. in Not befindlichen Flüchtlingen sich dort persönlich unter Mitbringung von Dokumenten über ihre Personenidentität und ihre Vermögensverhältnisse zu melden. Die galizischen Flüchtlinge in Ungarn. Der ungarische Staat und die galizischen Flüchtlinge. Hofrat Franz S z e k e 1 y i veröffentlicht im „P c s t e r LI 0 y d" folgenden Appell: Ich bin der Ansicht, daß die Versorgung armer Mitbürger, die infolge des Krieges heimat- und existcnzlos geworden sind, eine P f 1 i c Ii t des Staates ist. Der Umstand, daß die meisten Flüchtlinge Juden sind, darf daran nichts ander n. Die Budpester israelitische Kultusgemeinde erfüllt allerdings eine edle Pflicht, indem sie sich der Flüchtlinge annimmt. Sic

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