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Neue Nationalzeitung · 1914-09-25 · Heft 21 (25.9.1914) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 21 (25.9.1914)
Date
1914-09-25
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 21 Jüdische Kriegshelden.*) IV. Major Wolf Bardach, Edler von Chlumberg. (Goldene Tapferkeits-Medaille.) War als der Sohn eines Gutspächters am 28. Februar 1843 zu Niezuchow, Bezirk Stryj, in Galizien geboren und ließ sich, ganz gegen den Willen seiner Eltern, am 25. März 1860 zum 4. Artillerieregiment assentieren. Er avancierte Juni 1861 zum Vormeister und wurde ein Monat später zum Kadetten ernannt. Sein Fleiß, sowie seine ihm scheinbar angeborenen militärischen Fähigkeiten ließen ihn für die damaligen Verhältnisse rasch vorrücken und so finden wir ihn im Feldzuge 1866 in der in Böhmen kämpfenden Armee als Kadettfeuerwerker bei der Kavalieriebatterie Nr. 5 der Geschützreserve des 4. Armeekorps. Schon am 29. Juni, bei Schweinschädel, empfing er die Feuertaufe, um vier Tage später bei Ohlum — nicht gar zu Viele, die am 3. Juli da gefochten, kamen heil zurück — den Beweis zu liefern, daß ihm Kopf und Herz am rechten Flecke saßen. Die Kavälleriebatterie Nr. 5 war in zwei Halbbatterien geteilt worden; die eine befehligte der Batteriekommandant selbst; die andere stand unter dem Kommando eines Oberleutnants (de Jou). B. hatte seine Einteilung bei der letzteren. Bei dem am Morgen des Schlachttages um V26 Uhr statthabenden Aufbruche der Batterie war der letzterwähnte Offizier nicht zur Stelle, und so mußte Kadettfeuerwerker B. das Kommando der zweiten Halbbatterie übernehmen. Um Vi? Uhr langte der Kadett mit seinen vier Geschützen auf der unmittelbar nordöstlich von Chlum gelegenen Höhe an; hier bezog er eine gegen feindliche Artillerie ziemlich gedeckte, dominierende Stellung, zirka 150 Schritte seitwärts eines größeren Gebäudes. Er setzte sich sofort ins Feuer und schon *) Dieses Material wurde uns freundlichst von unserem Mitarbeiter, Herrn Moriz Frühling, zur Verfügung gestellt. Die Red. nach dem dritten oder vierten Schusse konnte er die vorzügliche Wirkung desselben beobachten. Die ihm vis-ä-vis stehende preußische Artillerie schoß viel zu kurz, und in dem Bestreben, diesen Fehler gut zu machen, überschoß sie die Halbbatterie Bardachs wieder um ein Beträchtliches. So gings beiläufig um ^10 Uhr fort. Um diese: Zeit sprengte der bis dahin fort gewesene Oberleutnant zu der Halbbatterie; im selben Moment schlug ein feindliches Spitzhohlgeschoß in das vorerwähnte Gebäude. Dieser Umstand veranlaßte den Offizier, seinem Kadetten eine Rüge dafür zu erteilen, daß er sich in unmittelbare Nähe eines so großen Zielobjektes aufgestellt; er ließ sogleich aufprotzen und fuhr mit der Halbbatterie knapp an den zur Linken gelegenen Wald, der mit feindlicher Infanterie förmlich gespickt war. Hier wollte er Aufstellung nenmen. Aber, noch war die Halbbatterie nicht zum Schusse gekommen, fiel der Offizier, von einer Gewehrkugel in die Brust getroffen, vom Pferde. Sofort übernahm B. wieder das Kommando und überzeugt, daß, entgegen aller Theorie, seine vorherige Aufstellung die einzig richtige war, iuhr er dahin zurück. Er leitete mit soviel Umsicht und Kraft das Feuer seiner Geschütze, daß er damit um die Mittagsstunde . die gegnerische Artillerie vollkommen zum Schweigen gebracht hatte. Um diese Zeit erhielt B. Befehl, sich der 1. Halbkompagnie anzuschließen. Zu seinem Hauptmann gestoßen, erteilte ihm dieser den Auftrag, eine Veriusteingabe über Mann und Material zu machen, währenddem sich der Hauptmann zur Einholung weiterer befehle zum Artilleriechei begeben wollte. .Noch war B. mit der Konstatierung der Verluste beschäftigt, da sah er seinen Hauptmann von weitem mit dem Säbel das Zeichen zum Rückmärsche geben. Die 1. Halbbatterie brach daraufhin sofort auf. B. aber witterte einen feindlichen JUeberfall. Es hatte ihn nämlich unmittelbar vordem ein auf der vor ihm liegenden Höhe erschienener Infanterist kameradschaftlich begrüßt. Ursprünglich hielt ihn der Kadett für einen der verbündeten Sachsen; als er aber sah, wie dieser Infanterist, kurz nach dem Gruße, anstatt näher zu kommen, Kehrt machte und gegen die dem Feinde zu gelegene Seite hinter der Höhe verschwand, da faßte, er Mißtrauen und Verdacht. Er folgte daher nicht sogleich dem Säbelzeichen seines Hauptmannes, sondern ließ vorher .vorsichtsweise mit Büchsenkartätschen laden. Wie gut er daran getan, und wie richtig er kalkuliert hatte, zeigte sich im allernächsten Augenblicke. Am Rücken der Höhe erschien der Feind. Bardach bot ihm mit seinen vier Geschützen einen bösen Willkommgruß. Von einem Halten dieser Stellung, diesen mächtigen, massigen preußischen Kolonnen zum Trotze, konnte natürlich hier gar nicht die Rede sein und war der Kadett auch weit davon entfernt, daran zu denken. Aber aufhalten wollte er den Feind, ihn in seiner Vorrückung hemmen, um so den eigenen Truppen die Zeit für ihren Rückzug zu schaffen. Staffel weise nahm er je zwei Geschütze am Schleppseile im Galopp zurück und führte dieses schwierige Manöver mit solcher Ruhe und Präzision durch, daß er damit seinen Zweck vollkommen erreichte. Es mußte wohl einer der Höchsten die kalte Sicherheit, mit welcher der wackere Kadett über seine Geschütze disponierte und die glänzende Wirkung, die jeder Schuß erzielte, beobachtet haben, denn ein Offizier zu Pferde sprengte an B. heran und erkundigte sich nach seinem Namen und Truppenkörper. Der Feind war aufgehalten, die eigenen Truppen hatten sich zurückgezogen und B., dem sein Pferd erschossen worden und er die Aufgabe, die er sich gesteilt, vollendet sah, wollte sich nun auch dem Rückzüge anschließen. Er erteilte hiezu seine Befehle, und schon war er auf dem Marsche, als ihm einfiel, daß man ihm gelehrt: ein tüchtiger Reiter lasse sein Reitzeug nie im Stich. Er kehrte also um und schnallte seinem toten Pferde das Reitzeug ab. Mittlerweile war ihm aber seine Halb- FEUILLETON. Aus dem Lande der Pogrome.*) Von Leo fierzberg-Fränki. (Schluß.) „Es war aber auch nicht umsonst, Exzellenz." „Davon spricht man nicht; nichts ist in der weit umsonst. lcJi kann ja nicht alle Juden gegen die nuiigans in Scnutz nehmen — was wurde man in Petersburg dazu sagen? Aber die Pogrome kommen ja wieder, es ist ein Regierungsprogramm geworden und da soiien bie wie damals geschont werden, wenn Sie mir heute gefällig sind." „Was soll ich tunr Sie sind ein so hoher Herr und ich ein armer getretener Wurm."' „Ach, das hätten bie wohl erraten können, ohne Tragen unü Sagen. Ich brauche Geld; soiort. ich harje wieder unglücklich gespielt und viel verloren. Ich muß heute aie Schuld begleichen. Da gibt es keine Ausrede." „Viel?4* „Beinahe zehntausend Rubel." „Zehntausend! Mit diesem Oelde rettet man ja zwanzig, dreißig Familien vom Abgrund."' „Ja, bei Euch! Bei uns aber ist diese Summe nicht so hoch; man spielt im Klub um Hunderttausende. Zehntausend sind ja armselig. Also Sie leihen mir das Geld bis auf weiteres, lieber Silberbarren." „Silberbarren heiß ich, bin's aber nicht, noch weniger ein Goldbarren. Exzellenz spielen für meine Verhältnisse doch zu hoch. Wo soll ich so viel Geld und in so kurzer Zeit hernehmen? Wissen Herr Gouverneur *) Vyl. >ir. 19 it. 20 <i. J. Anm d. Lied. noch, daß gerade morgen der letzte Wechsel fällig ist?" „Ein Wechsel .ist keine Spielschuld," erwiderte der Statthalter ungeduldig. „Wechsel müssen nicht just zum Verfallstag eingelöst, können prolongiert werden; aber eine Spielschuld nicht gleich ebnen, ist nach Kavaliersbegrihen unenrenhaft und Könnte mich meine Stellung kosten." „Aber wo soll ich das viele Geld hernehmen, Exzellenz? Gnädiger Herr wissen doch, daß die letzten Pogroms die meisten von uns zu. Bettlern machten, so daß weder unsere Gemeinde, noch weniger ich allem einen solchen betrag in so kurzer Zeit aufbringen könnte/1 „O, es gibt genug reiche Leute unter euch, die bei den Plünderungen verschont blieben! Weiß ich denn nicht, daß Militär für gutes Geld vermietet wurde, um vor den näusern jüdischer Kaufieute Wache zu stehen und den Mob abzuwehren? Unsere Offiziere schwimmen ja in Geld, ohne an einer Plünderung teilgenommen zu haben; es ist die Leihgebühr tür ihre Leute, die sie euch zum Schutz aufstellten. Es ist also nicht so arg gewesen und viele blieben gänzlich verschont. Die von mir gewünschte Summe läßt sich somit leicht aufbringen. Ich wiederhole, es ist bloß ein Darlehen — denn schenken laß ich mir nichts." „Ja, bloß ein Darlehen", bestätigte resigniert der arme Silberbarren. „Ein Darlehen in eurem Interesse." Silberbarren blickte erstaunt auf. „Gewiß, nur in eurem Interesse," fuhr der Gouverneur fort. „Der kommandierende General hatte die Absicht, den Namenstag des Zaren durch eine solenne Juden hetze zu feiern und zu diesem Zwecke der Garnison die ganze Nacht freizugeben, damit sie sich gütlich tue. Er ist überzeugt, daß man dies 111 Petersburg günstig vermerken werde. lNun erklärte ich ihm offen, daß ich in diesem Falle außerstande wäre, meine Spielscnuld soiort abzutragen, weil ich nach einem Fogrom unmöglich das Geld auftreiben konnte. Ein Läcnein von Petersburg sei doch nicht zehntausend Rubel wert. Dies wirkte, und wenn ich heute die Spielschuld abtrage, so garantiere ich, daß die Plünderung unterblemt." Pogrom oben, Pogrom unten, sagte sich der unglückliche Jude; mit dem Unterschiede, daß beim vornehmen Pogrom der Schwelt auf einmal abgehauen wird und beim untern Pogrom in kleinen Stückchen. Die Salon-Huligans nehmen bloß das Geld und lassen uns die Häuser und Familie, die Straßenbestien rauben das Geld, plündern die Habe, zerstören die Häuser, morden Männer, Frauen, Greise, Kinder — in den hohen Kreisen an der Newa unterhält man sich offenbar besser beim menschlichen Stiergeiecht in der Arena des Ghettos. Wohlan, bringen wir die hohen Herren um ihr Vergnügen, lassen wir uns ganz still von oben plündern. Und laut zum Gouverneur sagte er: „Ich gehe, mein möglichstes tun, um das Geld noch heute zu beschaffen, wenn mich unterwegs der Herr Polizeimeister nicht wieder einfängt und in seine Versorgungsanstalt bringen läßt." „Keine Angst; es war ein bloßes Mißverständnis, für das er nichts kann. Bei uns gilt seit Nikolaus l. der Grundsatz: lieber zehn Unschuldige einsperren, als einen Schuldigen laufen lassen. Uebrigens solltet Ihr dem Manne hier und da ein paar hundert

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