Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 20 (18.9.1914)
- Date
- 1914-09-18
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „Neue National-Zeitung" Nr. 20 danke an meine Eltern ist schmerzlich, Sie wissen, wie sehr ich an ihnen hänge. Aber ich habe schon mehr als einmal in entscheidenden Augenblicken meines Lebens ihne.n weh tun müssen, und ich kann es nicht bereuen. Als ich vor elf Jahren mich öffentlich zur sozialdemokratischen Partei bekannte und damit manche Brücken hinter mir abbrach, zerstörte ich sicherlich manche Hoffnungen meiner guten, braven Eltern — aber ich mußte rnir mein eigenes Leben zimmern, und jetzt geht es ja um mehr! Nicht um die bürgerliche Existenz, sondern vielleicht um das Leben. Das Hutten-Lied wird die Jahrhunderte hindurch immer wieder erlebt: Ob auch die Mutter weint, Daß ich das Ding hab' fangen an, Ich hab's gewagt. Die unerschöpfliche Güte und Liebe der beiden wird Ihnen und mir über dies innere Hemmnis hinweghelfen. Jetzt also — b'hüt Di Gott! Ihr treu ergebener Ludwig Frank. Die Feldadresse folgt, sobald ich sie kenne. Des alten Rabbi Abschied von seinem Sohne. Von Hugo P o 11 a c k .*) Zieh' hin, mein Kind, und zage nicht, Der Kaiser ruft — es ruft die Pilicht! Gedenk" im Herzen jeder Frist, Daß du ein „deutscher Jude" bist, Der treulich schützt mit starker Hand Die Scholle, die sein Vaterland. War nicht schon seit Aegyptens Zeit Des Juden Los mir Kampf und Streit? Verfolget ohne Unterlaß Jahrtausende — mit ew'gem Haß, Bis unter Hohenzollerns Aar Das Judentum geborgen war.— Zieh' hin. mein Kind — derselbe Gott, Der Ewige — haschem echod, Der einst am Sinai verhieß Atem r'issem ascher ossiesi „Ihr habt geseh'n, wie ich erschlug Die Pharaonen, — wie ich Euch trug Auf Adlersfitigeln aus schwerem Joch —!" — Derselbe Gott — er lebt ja noch! Wie er dem kleinen Preußenland Einst gnädiglich zur Seite stand Und geg-en dreier Mächte Wehr Ließ siegen König Friedrichs Heer. So zog mit uns'res Kaisers Alm' Er segnend seine Siegesbahn, Bis daß erstand in Macht und Ruhm Das große deutsche Kaisertum! So zieh' mit Gott denn kampfesfroh! Sein Segen — Jeworechecho — Er sei mit Kaiser und mit Reich. Er schütze und behüte Euch! Er lasse leuchten hell und klar Sein Antlitz gnädig immerdar, Bis daß dem Vaterland beschieden, Scholaum! Scholaum! Sieg, Glück und Frieden! Leb' wohl mein Kind, tu deine Pflicht — Und Gott verläßt die Deutschen nicht! Die Hilfsaktion für die galizischen Flüchtlinge. Die derzeitige Kriegslage in Galizien hat es mit sich gebracht, daß nicht nur aus Ost-, sondern auch aus Westgalixien Zehntausende von jüdischen Familien nach Wien geflüchtet sind. Die Frage der Bequartierung und Verköstigimg derselben wird daher äußerst aktuell. Wie wir erfahren, hat die Regierung die Pflicht übernommen, für die Bequartierung und Verpflegung der galizischcn Flüchtlinge insoferne zu sorgen, als sie den mittellosen Flüchtlingen Quartier und die allerbescheidenste Verpflegung selbst beistellen will. Der privaten Wohltätigkeit wird es überlassen, für Kleidungsstücke und *) Aus „Die Große Glocke". eine entsprechende Aufbesserung der Verpflegung, insbesondere für eine koschere Verpflegung Sorge zu tragen. Es haben nach dieser Richtung bereits mehrere Konferenzen im Ministerium des Innern stattgefunden, denen der Statthalter von Niederösterreich, der Bürgermeister von Wien und Repräsentanten mehrerer jüdischer Korporationen zugezogen wurden. Bei diesen Besprechungen wurde in erster Linie die Frage erörtert, inwiefern der Zuzug armer Flüchtlinge nach Wien hintanzuhalten wäre. Zu diesem Zwecke sollen die armen galizischen Flüchtlinge in großen Baracken in Mähren, und zwar in N i k o 1 sburg, Pohrlitz usw. untergebracht werden. In Nikolsburg befinden sich bereits mehrere tausende Flüchtlinge, für die die Israelitische Allianz in Wien die besondere Sorge übernommen hat. Behufs Herbeischaffung der Mittel hat die Allianz einen Aufruf erlassen, den wir an anderer Stelle veröffentlichen. Für die Flüchtlinge in Wien selbst wurde in der Leopoldstadt, II. Kleine Sperlgasse Nr. 2 eine Zentralstelle errichtet, wo dieselben Speisemarken bekommen werden. Das wäre so ungefähr alles, was bis jetzt geschehen ist. Es ist natürlich in Bezug auf Organisation noch sehr viel zu machen. Eine ungeheure Tätigkeit steht nach dieser Richtung bevor, wenn man in Betracht zieht, daß die Zahl der Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina, sowohl aus den Kreisen der jüdischen als auch der christlichen Bevölkerung ins Ungeheure wächst, und daß es sich um hunderttausende Menschen handeln kann, weiters, daß die Notwendigkeit der Verpflegung möglicherweise 6 Monate oder noch länger vorhanden sein wird. Hiezu werden Millionen notwendig sein. Behufs Beschaffung der notwendigen Beträge hat sich, wie aus den Tagesblättern zu ersehen ist, unter der Leitung des Reichs-Finanzministers Doktor v. B i 1 i n s k i ein Komitee gebildet, welches Sammlungen einleitet. Die Ergebnisse dieser Sammlung sollen allen galizischen Flüchtlingen ohne Unterschied der Konfession zugute kommen. ' * Hilfsaktion und Speisemarken. Man schreibt uns: Für die Flüchtlinge aus Oalizien und Bukowina wurde in der Kleinen Sperlgasse Nr. 2 ein Büro eröffnet. Dort müssen sich die Tausende Menschen zusammendrängen, um eine Speisemarke zu erhalten. Wir glauben kaum, daß diese Art der Unterstützung die richtige ist. Man muß es den Leuten, die noch vor einigen Tagen reich waren und ihre Heimat fluchtartig verlassen mußten, nicht gar so schwer machen, wenn man ihnen ein sehr bescheidenes Mahl bietet. Es gibt Hunderte von Familien, die lieber verhungern, als daß sie sich öffentlich derart demütigen. Soll wirklich mit der Errichtung dieses Büros schon die ganze humanitäre Tätigkeit erschöpft sein? Was ist denn eigentlich mit der halben Million Kronen geschehen, welche die Regierung den jüdischen Abgeordneten von Galizien — wie Dr. Löwensteiii erzählt — zur Verfügung gestellt hat? Aus diesem Fonds ist bis jetzt gar keine Unterstützung erteilt worden. Und es wäre wohl am Platze, daß eine gewiße Differenzierung stattfinden soll. Man kann unmöglich Leuten, die zu Hause Grundbesitz oder Häuser besitzen und nach Wien mit Sparkassa-Biicher gekommen sind, zumuten, stundenlange in einem Gewühl darbender Menschen auf eine Speisemarke zu warten. Es wäre höchst notwendig, daß eine Darlehenskasse so rasch als möglich geschaffen werde. Die jüdischen Reichsra-ts- und Landtagsabgeord rieten aus Galizien müssen jetzt eben zeigen, ob sie es mit der Erfüllung ihrer Mandatspflicht ernst nehmen. Weiters ist es sehr merkwürdig, daß die Leitung der ganzen Aktion für die Flüchtlinge den Herren Dr. Schwarz-Hiller und Ernst K 1 e b i n d e r übergeben wurde, während die in Wien bestehenden galizischen Humanitäts-Vereine ganz übergangen wurden. Es genügt nicht, wenn jemand kommunaler Würdenträger ist, um ihm die Sorge für tausende, durch ein trauriges Verhängnis nach Wien vertriebener Menschen zu übertragen. Da muß auch auf die Eigenart und die individuellen Verhältnisse der armen Opfer Rücksicht genommen werden; es müßten also auch Leute beigegeben werden, die diese Eigenart und Lebensweise genau kennen. Sonst entsteht ein reiner Burcaukratismus. Vorerst aber muß die Zahl der Bureaus für die Verteilung der Speise marken bedeutend vermehrt werden. ' '! Eine bürgerliche Hilfsaktion. Die Hilfsaktion des Verbandes der galizischen Humanitäts-Vereine in Wien geht mit der offiziellen parallel einher. Es wurde bereits ein größerer Fonds gesammelt und mit der Verteilung von Unterstützungen begonnen. * Kultusvorsteher Stricker gegen die galizischen Flüchtlinge. Wir werden von verschiedenen Seiten aufmerksam gemacht, daß sich der zionistische Kultusvorsteher Stricker in sehr abfälliger, geradezu feindseliger Weise über die armen Opfer der Kriegsereignisse geäußert hat. In einer Besprechung, welche vor einigen Tagen im Vorstande des jüngst gegründeten „Jüdischen Asylvereines" stattfand, erklärte Herr Stricker wörtlich: „Mir sind die aufgeputzten Weiber aus Galizien ein Dorn im Auge. Man muß alles anwenden, um uns die galizischen Flüchtlinge vom Halse zu schaffen." So spricht ein Zionist und Kultusvorsteher... Allerdings hat ein gewisser Herr Rosenzwei r, der auch den Kommerzialratstitel führt, diesen Ausführungen beigestimmt. Sonst sind Herr Rosenzweig, ein Agitator des Dr. Ofner, und der Zionist Stricker, die heftigsten Feinde. Im Hasse gegen die galizischen Juden finden sie sich — die zwei schönen Seelen! * Der Wiener Kultusvorstand und die galizischen Flüchtlinge. Um Irreführungen und Mißverständnisse auszuschließen, stellen wir fest, daß der Wiener Kultusvorstand sich an einer Hilfsaktion für die galizischen Flüchtlinge keineswegs beteiligt. Dieselben bekommen vom Kultusvorstand kaum mit Mühe und nur nach vielen Laufereien — einen Bethausplatz. Es empfiehlt sich daher, Sammlungen respektive Gelder, die für die galizischen Flüchtlinge bestimmt sind, nicht an den Kultusvorstand abzuführen. Eine Hilfsaktion für die galizischcn Advokaten. Die Advokaten aus Galizien haben am 14. d. M. eine Versammlung abgehalten und beschlossen, vom Justizministerium einen größeren Betrag (eine bis zwei Millionen Kronen) behufs Gewährung von Darlehen und Aushilfen an die Kollegen zu verlangen. Eine Aktion der galizischen Gymnasiasten. Eine in unserer Redaktion erschienene Deputation von galizischen Gymnasiasten teilte uns mit, daß sie die Absicht habe, wegen provisorischer Errichtung von polnischen Gymnasialkursen in Wien, für die Dauer ihres hiesigen Aufenthaltes, beim Unterrichtsministerium einzuschreiten. Deshalb wollen alle Interessenten sich bei Herrn Ludwig Urech, IX., Müllnergasse 22, Tür 12, melden. * Die Flüchtlinge aus der Bukowina. Behufs Einleitung einer Hilfsaktion für die Flüchtlinge aus der Bukowina hat am 15. d. M. unter dem Vorsitze des Reichsratsabgeordneten Ritter von Wassilko eine Konferenz sämtlicher Reichsrats- und Landtagsabgeordneter dieses Landes stattgefunden. Es wurde der Beschhiß gefaßt, sich mit der Regierung zwecks Erwirkung eines größeren Hilfsbetrages ins Einvernehmen zu setzen. Behufs Durchführung dieses Beschlusses wurde ein aus fünfzehn Personen bestehendes Komitee gewählt. * Spenden für die galizischen Flüchtlinge. Unserer Administration sind nachstehende Spenden zugekommen: Von Wilhelm Kreindler K 5.—, von L. Beiser K 4.— und von Bernhard Bartfeld K 2.—; zusammen K 11.—. Weitere Spenden werden angenommen und in dieser Rubrik ausgewiesen.