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Neue Nationalzeitung · 1914-09-18 · Heft 20 (18.9.1914) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 20 (18.9.1914)
Date
1914-09-18
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 20 „Neue National-Zeitung" Seite 5 zeichneten, nach Hause zurückkehrten, wurden sie einfach zum besten g e h a 11 e n." Aehnlich lauten die Aeußerungen von Louis M a r s h a 11 und Hermann B enis t e i n. Sie haben zum Zaren gar kein Vertrauen. Louis Marshall, der als Präsident des amerikanisch-jüdischen Komitees eine der hervorragendsten Stellungen in der jüdischen Gesellschaft der Vereinigten Staaten einnimmt, erklärte einem Interviewer folgendes: „Wenn ein Versprechen ähnlicher Art vom Zaren gemacht wurde, so ist es nichts anderes als eine Phrase oder ein momentanes Aushilfsmittel. Solange die Gleichberechtigung nicht wirklich durchgeführt ist, können wir dem Manne keinen Glauben schenken, der als oberster Führer der Huligans und als der Anstifter des Bejlis-Prozesses bekannt ist und der selbst die von ihm im Oktober 1905 gewährte Verfassung gebrochen hat. Dieser Mann hat jedes Gefühl für Menschlichkeit und Scham verloren." Hermann B e r n s t e i n. einer der hervorragendsten jüdischen Schriftsteller New Yorks, der demnächst gemeinsam mit dem zionistischen Führer Nordamerikas Doktor Magnes ein neues Tagblatt herausgibt, äußerte sich ähnlich: „Die Romanoffs", sagt er, „haben noch nie freiwillig Reformen eingeführt, sie tun es lediglich vor dem Ausbruche einer Staatsumwälzung. Kaum ist jedoch die Gefahr vorbei, werden die begonnenen Reformen wieder vernichtet. Solange keine 'sicheren Garantien vorhanden sind', daß die versprochenen Reformen tatsächlich eingeführt werden, ist es wert- und zwecklos, darüber weiter zu debattieren." Wir 'aber"möchten''unseren'' russischen Brüdern nur den Zuruf Alexanders II. an eine polnische Deputation in Erinnerung bringen: „M e i n e H e r r e Ii, n u r k e i n e 111 us i o n en!" Es gibt nur eine Garantie für die Gewährung der Gleichberechtigung an unsere verfolgten und gemarterten Bruder in Rußland: Den Sieg Oesterreich- Ungarns und die Zerschmetterung des Zarismus. L. Reichstags-Mitglied Dr. Ludwig Frank. Rechtsanwalt Dr. Ludwig Frank, Mitglied des deutschen Reichstages und einer der Führer der deutschen Socialdemokratie ist auf dem Schlachtfelde gefallen, nachdem er sich im Alter von 41 Jahren freiwillig zur Front gemeldet hatte: ein historisch e r Z e u g e f ür d i e V a t e r 1 a n d sliebe und den Todesmut der deutschen Juden. Das „Frankfurter Isr. Fremdenblatt" widmet dem durch sein Lebenswerk und nun auch durch seinen Tod berühmt gewordenem Mann, der wie einst Lasalle, dem er auch sehr ähnlich sah, im besten Mannesalter jäh dem Leben entrissen wurde, nachstehende Zeilen: „Die Kunde von dem Heldentode des Reichstagsabgeordneten Ludwig F r a n k auf den Schlachtfeldern Frankreichs muß uns Juden mit ganz besonderem Schmerz erfüllen. Denn Frank war einer der unseren. In seiner ganzen Wesensart kam sein Judentum zum vollen Ausdruck: der glühende Idealismus, der ihn erfüllte, seine Liebe zu den Leidenden und Unterdrückten, seine Begeisterung für die Ideale der Gerechtigkeit und Gleichheit, all dies läßt ihn als einen Juden erscheinen, der mit den besten Tugenden unseres Volkes geadelt war. Aber Frank empfand auch bewußt als Jude, wenn ihm auch seine allgemeine politische Tätigkeit keine Muße ließ für die Beschäftigung mit jüdischen Fragen, so blieb er doch stets ein vollbewußter Jude, der die großen jüdischen Probleme unserer Zeit mit Interesse und Aufmerksamkeit verfolgte. So beklagen wir denn in dem Tode dieses großen Kämpfers für Recht und Freiheit einen großen Sohn unseres Stammes, auf dessen Sein und Wirken wir stolz sein dürfen, dessen Andenken wir ewig wahren werden." Das Leben des Verstorbenen charakterisiert sehr trefflich sein letztes Schreiben. M a n n h e i m, 23. August 1914. LiebeFreundin! Meinen freien Sonntag Mittag verbringe ich am Schreibtisch in meiner Wohnung. Ich bin in der Kaserne einquartiert und schlafe auf dem harten Feldbett wie mein Stammvater Jakob „zu Häupten den Stein", träum los von 10 bis 5 und manchen Morgen auch bis 4 Uhr; der Trompeter weckt mich. Die Strapazen der Felddienstübung und des- Marsches ertrage ich mühelos. Ich bin froh darüber: das Blut für das Vaterland fließen zu lassen, ist nicht schwer und umgeben von Romantik und Heldentum. Ein viel größeres Opfer ist es, täglich den Schweiß unter dem Druck des Tornisters zu vergießen und stündlich auf tausend Selbstverständlichkeiten von Reinlichkeit und Bequemlichkeit zu verzichten, an die man jetzt wie an ein weit zurückliegendes Land denkt. Der feste Vorsatz, sich einzuordnen und auch in kleinen und kleinlichen Pflichten das große Ziel nicht aus dem Bewußtsein zu verlieren, hilft über alle Hemmnisse hinweg. Wann wir hier abmarschieren, weiß ich' noch nicht. Wir warten täglich auf den Ruf vom Regiment Nr. 110, das die letzten Kämpfe bei Mühlhausen und Metz mitgemacht hat, und dessen Lücken wir ausfüllen sollen. Ich stehe in der Front wie jeder andere, ich werde von allen (Mannschaften wie Offizieren), mit größter Rücksicht (protzig ausgedrückt: Ehrerbietung!) behandelt. Aber ich weiß nicht, ob auch die französischen Kugeln meine parlamentarische Immunität achten. Ich habe den sehnlichen Wunsch, den Krieg zu überleben und dann am Innebau des Reiches mitzuschaffen. Aber jetzt ist für mich der einzig mögliche Pia'tz i n d e r L i n i e in Reih und Glied, und ich gehe wie alle anderen freudig und siegessicher. Der Geiiber dem stinkenden Kübel waschen, man gab ihm einen Topf Tee, der einen Heugeruch hatte und ebensowenig delektierte, wie das säuerliche klebrige Brot, von dem er eine ausgiebige Ration erhielt, und wurde dann in die Kanzlei kommandiert, wo er den Polizeimeister selbst traf. „Du hast was Schönes anrichten müssen, du Gauner," redete ihn dieser an, „wenn der Herr Gouverneur die direkte Weisung aus Petersburg erhielt, dich persönlich einzuvernehmen. Gestehe mir hier dein Verbrechen, so wirst du eine mildere Behandlung finden, als ich dir zudachte." „Ich habe nichts zu gestehen," erwiderte Silberbarren, „weil ich nichts verbrochen habe; ich schwöre es beim lebendigen Gott." „Du schwörst falsch, eidbrüchiger Schurke!" schrie der Polkownik. vorporal, bringt den Mann unter guter Bedeckung zum Herrn Gouverneur." Der Korporal und zwei Soldaten steckten die Bajonette geräuschvoll auf die Gewehre, nahmen den gefesselten Gefangenen in ihre Mitte und traten den Weg zum Palaste des Gouverneurs an, der zu dieser Stunde noch ziemlich stille lag und vor dem wen ige Audienzwerber aus dem Volke lungerten. Der Gouverneur war noch nicht in seinem Bureau. Man wartete, bis eine Ordonnanz das Erscheinen des politischen und militärischen Departementschefs verkündete, worauf der Korporal dem erschienenen Adjutanten den Bericht über die Einlieferung des. Juden Silberbarren erstattete, was er dem Gouverneur meldete. „Laßt ihn eintreten", hieß es. Der Korporal stieß den Gefangenen ins Kabinett des Statthalters, der erstaunt aufblickte, als er das Kettengerassel des Eintretenden vernahm. „In Ketten!" rief er, „wer hat Ketten befohlen?" „Der Herr Polizeimeister", antwortete kleinlaut der Begleiter. „Nimm ihm die Fessel ab und entferne dich!" herrschte ihm der Gouverneur zu, „und sage dem Polizeimeister, daß er ein Durak ist." Als der Begleiter fort war, näherte sich der hohe Herr dem armen, gebrochen dastehenden Manne und sagte ihm leutselig: . „Ihr bedauere sehr, daß Ihnen dies widerfahren. Der Kerl ist ein Dummkopf oder ein Bösewicht; eigentlich beides. Ich gab ihm einfach den Auftrag, er möge Sie heute herschicken, und der Kerl tat es in dieser böswilligen Weise. Allerdings konnte und wollte ich ihm nicht sagen, daß es sich um eine Gefälligkeit handelt, die ich mir von Ihnen erbitten will." „Um eine Gefälligkeit! Eine Gefälligkeit, die Exzellenz von mir haben möchten? Nun danke sehr für die Form, die mir noch in allen Gliedern steckt. Ein einfacher Befehl, herzukommen, hätte ja genügt; statt dessen wurde ich in später Nachtstunde aus dem Schlafe, aus dein Kreise der bestürzten, trostlosen Familie, aus dem aufgeschreckten Hause gerissen, gefesselt, gestoßen, mißhandelten das Gefängnis geschleppt und dort in einen Kerker geworfen, wo das Leben zum Todeskampf wird. Exzellenz haben gewiß niemals diese Zellen gesehen, in die der Herr Polizeimeister seine Lieblinge eingesperrt. Wenn Sie für eine Stunde einen Vogel hineinhängen, muß er ersticken. Auf dem faulen Stroh der Pritschen stöhnen hinsterbende Menschen; es fehlt an Bänken zu sitzen, die meisten kauern auf dem nackten, kalten, von Jauche nassen Boden. Das Trinkwasser, das den ganzen Tag in-dieser entsetzlichen Atmosphäre gestanden, ist vollgesogen mit giftigen Gasen. Das Brot würde ein hungriger Hund verschmähen. Und die Wächter, wahre Henkersknechte, grausam wie der Tiger, jedes Wort von ihnen ist eine Beleidigung, jede Bewegung ihrer Hände und Füße eine Züchtigung für den Unglücklichen, den man dort eingesperrt —". „Sie übertreiben wohl ein wenig", lächelte der Gouverneur. „Nicht im geringsten, Exzellenz. Die Schrecken der Polizeigefängnisse lassen sich nicht übertreiben. Die Abholung von dort zum Transport nach Sibirien ist eine Erlösung, fast aber auch die Abholung zum Schafott." „Nun, lassen wir das; zum Glück war Ihr Leiden von kurzer Dauer. Es gibt auch in anderen Staaten keine Gefangnisse mit Spiegelscheiben und Postermöbel und auch anderswo sind die Wächter keine Kavaliere. Wir haben wenig Gefangenenhäuser und viele Gefangene, da läßt sich nichts machen. In Petersburg beurteilt man unsern Eifer und unsere Tätigkeit nach der Zahl der Verhafteten, die allerdings bei uns nicht verweichlicht werden. Aber kommen wir endlich auf den Gegenstand, durch den das unglückliche Mißverständnis hervorgerufen wurde. Sie entsinnen sich des Schutzes, den ich Ihnen beim letzten Pogrom zuteil werden ließ, indem ich einige Soldaten vor Ihr Haus postierte?" (Schluß folgt.)

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