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Neue Nationalzeitung · 1914-09-18 · Heft 20 (18.9.1914) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 20 (18.9.1914)
Date
1914-09-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 20 erzählte. Der Zug jagte durch das badische Land, und hell leuchteten im Sonnenschein des Tages unzählige Bajonette. Und der Mann aus Kiew erzählte von Leiden, die der Junge ertragen, von der schweren Arbeit, die man leisten müsse, um die Seinen zu erhalten. Von den beiden Söhnen, die Rußland im tiefsten hassen, jetzt aber für den Zaren ins Feld ziehen müssen. Er aber, der dies alles mit müder Stimme erzählte, wollte in Berlin bleiben, um die Seinen vor einem der gemütlichen Kriegspogrome zu retten. Einige Tage später fand ich die ganze Familie im Barackenlager zu Döberitz, wo hunderte russischer Juden untergebracht waren. Sie wurden alle gut behandelt, und es war besser ihnen die Freiheit zu nehmen, denn die Berliner suchten nach russischen Spionen. Keiner von den Döberitzer Kriegsgefangenen klagte, jeder hoffte, daß dieser europäische Weltenbrand ihnen bessere Zeiten bringen werde. Sie wissen, daß es ein Kampf der Kultur gegen finstere Barbarei ist. Und im Berliner Judenviertel, in der Grenadierstraße und ringsum, lebt in allen der heiße Wunsch, daß Deutschland und Oesterreich den Sieg erringen mögen. Aus dem finsteren ärmlichen Viertel bin ich dann durch die strahlenden Straßen der Riesenstadt gegangen, in denen Zuversicht und Siegesfreude hell aufschrieen. Noch als ich in die Vorhalle des Potsdamer Bahnhofes trat brauste es hinter mir: „Lieb' Vaterland, magst ruhig sein£ . . ." In den Wartesälen aber sah man das Elend hocken, übereinander, nebeneinander, im Dunkel zu unkenntlichen Massen gepreßt: Juden. Aus Antwerpen kamen sie, aus Brüssel und London. Galizische und russische Juden. Nun warteten sie auf die Fahrgelegenheit. Man half auch ihnen mit allem, was nötig war, aber w:e der faule Friede der letzten Jahre diosjn Krieg gebären mußte, so ist alle Hilfe, die sich Judenfürsorge nennt, nur Bruchstück, Provisorium. Die große Hilfe muß der große Krieg geben. Wenn, früher oder später, die ermüdeten Völker den Frieden als ein neues Geschenk beglückt entgegennehmen werden, wird dieser Weltenbrand, der heute Ungezählte niederbeugt, gesegnet werden als das Mittel der Befreiung von dumpfer Qual. Mit der alten Landkarte werden neuzeitliche Systeme fallen. Denn unsere Millionenheere sind geführt vom Geist der Kultur und der besseren Einsicht. Geht es dann an ein großes Reinemachen, werden dann Verträge zu wertlosem Plunder — dann ist der Tag gekommen, an dem der vom ersten Tage an wertlose Berliner Vertrag von einem neuen Geist redigiert werden kann. Möge, wenn die beiden Siegesstaaten das Terrain Europas parzellieren, auch die tausendfache Schmach gerächt werden, die uns die Juden des Ostens schaudernd miterleben IbBen. Damit der Geknechtete den heiligen Haß des Wortes empfinde: Vae victis! Was der Pogrom-Zar verspricht. (Der Zar hat den Juden immer sein Wort gebrochen.) Der patetische Aufruf des Zaren an seine „lieben Juden", worin der Protektor der Huligans den russischen Juden die Gleichberechtigung in Aussicht gestellt hat, bildet den Gegenstand eingehender Diskussion in der jüdischen Presse von England und Amerika. Die uns soeben aus New York zugekommenen jüdischen Blätter beschäftigen sich sehr ausführlich mit dem Manifest. Es findet aber sehr wenig Vertrauen. Es liegen uns mehrfache jAeußerungen vor, aus denen hervorgeht, daß sich sowohl die jüdische Presse als auch die Wortführer der russischen Juden inL Amerika sehr skeptisch den Versprechungen des Zaren gegenüber verhalten. So hat der bekannte Millionär und Phi-. lantrop in New York, Herr Jakob Schiff, erklärt: „Was das Versprechen des Zars, den Juden die Gleichberechtigung zu gewähren, betrifft, so fehlt mir jeder Glaube daran; die Nachricht ist zu schön, um wahr zu sein." Mit diesem abfälligen Urteil eines reifen Politikers — als solcher ist ja Jakob Schiff bekannt — ist wohl der ganze Wert dieses Manifestes am besten charakterisiert. Es ist daher unbegreiflich, warum gewisse jüdische Führer es für gut finden, bei den russischen Botschaftern des Auslandes herumzuhausieren. So hatte beispielsweise Professor Richard G o 11 h e i 1 aus New York, bekannt als Mitglied des zionistischen Aktionskomitees, am 17. August eine längere Konferenz mit Herrn I z w o 1 s k y, russischem Botschafter in Paris, und Herr Oskar Strauß, der gewesene nordamerikanische Botschafter in Konstantinopel, eine Konferenz mit dem Grafen Benkehdorff, dem russischen Botschafter in London. Dieser Konferenz sind mehrere Besprechungen von Strauß mit Lord Rothschild und dem englischen Minister des Auswärtigen, Sir G re y, vorangegangen. Während sich Strauß über das Resultat seiner Unterhaltungen vollständig ausschweigt, hat Professor G o 11 h e i 1 nach seiner Rückkehr mit dem Urteil über den Wert des Zar-Manifestes nicht zurückgehalten. In einem Interview mit amerikanrschen Journalisten erklärte er folgendes: „Der Zar verspricht nicht zum erstenmal den Juden, ihre Lage zu verbessern. Die Bemühungen der ersten Duma, den Juden die Gleichebrechtigung zu geben, wurden unterdrückt und die Beschränkungen der jüdischen Rechte wurden noch strenger gehandhabt. Vor und während des Krieges mit Japan hat es Nikolaus II. an Versprechungen nicht fehlen lassen, um die Juden zum freiwilligen Eintritt ins Heer zu veranlassen. Die Juden haben sich im .Kriege, besonders bei der Belagerung von Port Arthur, ungemein ausgezeichnet. Aber, als die jüdischen Soldaten, selbst die Invaliden und mit Tapferkeitsmedaillen Ausge- Aus dem Lande der Pogrome.*) Von Leo Herzberg-Fränkl. (Fortsetzung.) In der Petrigasse entstand bald nach Mitternacht ein Krawall, rauhe Stimmen wurden laut, man rüttelte an den Fenstern, man schlug mit Gewehrkolben ans Tor eines stattlichen Hauses. In benachbarten Häusern wurden einige Fenster aufgerissen, um nach der Ursache des Lärms zu spähen. „Ah!" hieß es hinüber und herüber, „jetzt geht's über den armen Silberbarren!" — Das Rumoren vor dem Hause dauerte so lange und immer heftiger, bis von innen die Riegel weggeschoben und die Torflügel geöffnet wurden. Im Momente war das Haus von Bewaffneten voll, die klirrend die Stiegen hinaufeilten, an ihrer Spitze ein Polizeioffizier, dem sein gestrenger Vorgesetzter den Auftrag gab, den in der Petrigasse wohnenden Uhrenhändler Silberbarren festzunehmen, ihn bis zum Morgen unter sicherem Verschluß zu halten und ihn dann unter Eskorte dem Gouverneur zu überstellen. Der delegierte Beamte war wie sein Vorgesetzter ein böser, widerlicher, verschlagener Mensch, der Schrecken der Gefangenen, die er grausam quälte. Als er ins Zimmer seines Opfers stürzte, war dieser Unglückliche schreckgelähmt außerstande, in seine Kleider zu kommen, seine Hände zitterten, seine Füße brachen unter ihm zusammen. „Helft ihm fertig werden!" befahl der Offizier seinen Leuten, „und legt ihm Schellen an." „Aber gnädiger Herr, was hab' ich ver- *) Vgl. Nr. 19 d. .1. Anm. d. Red." brochen?" jammerte der arme Alte. Die ganze Familie stand weinend und händeringend um den Vater, der jeder politischen Intrige fernblieb, niemand Böses zufügte und in hohem Ansehen bei groß und klein gehalten wurde. Alles Jammern, alle Bitten waren vergebens. Eine Hundertrubelnote, die Frau Silberbarren dem Offizier in die Hand drückte, steckte er ruhig in die Tasche, und als sie ihn darauf um Schonung ihres Gatten bat, donnerte er sie nieder. „Mach daß du fortkommst, häßliche Kreatur, sonst führe ich dich mit. Ich werde dich lehren, einen russischen Beamten bestechen zu wollen!" „Um Gottes willen, wofür nur dies?" wiederholte unter den rauhen Händen der Schergen der Unglückliche, der sich nicht des geringsten» Fehls bewußt war. „Schweig, du Gauner, Revolutionär, oder ich lasse dich überdies noch knebeln," war die Anwort des Polizeibeamten. „Und nun marsch, vorwärts! Wegen eines schäbigen Juden werden wir doch nicht die ganze Nacht hier zubringen!" Begleitet von den Wehklagen seiner Familie und der Hauseinwohner wurde der Gefangene die Stufen binabgestoßen. Die braven Soldaten hatten ihre Zeit in der Wohnung des wohlhabenden Mannes redlich ausgenützt, um in den weiten Taschen ihrer ärarischen Mäntel jene kleinen Sachen witspazieren zu lassen, die auf Tischchen und an den Wänden zur Mitnahme einluden und die man gegen Geld und Schnaps leicht umsetzen kann. „Einen Wagen", flehte der arme Mann. Er konnte sich nur mühselig fortschleppen. Ein Hohnlachen antwortete ihm; Kolbenstöße waren die Räder, die ihn vorwärts brachten. So gelang er ächzend und keuchend bis zum düsteren, von Wachen umstellten Gefängnisse, wo ihn eine finstere, kalte und feuchte Zelle aufnahm, die vollgepfropft mit Häftlingen war, die zumeist, aus Mangel an Pritschen und Bänken, auf dem Boden kauerten. „Was ha'be ich verbrochen?" jammerte in cinemfort der Unglückliche. „Was haben wir verbrochen?" antwortete ihm ein Chor, „daß wir seit Wochen in diesem entsetzlichen Kerker, bei schimmligem Brot und stinkendem Wasser gehalten werden — keine Nahrung, kein Licht, keine Luft, nicht einmal ein elendes Lager, auf dem man einige Stunden Vergessenheit finden könnte!" ■ „Einen Trunk Wasser!" stöhnte der Gefangene. Ein mitleidiger Zellengenosse reichte ihm den Krug, den Silberbarren trotz seines brennenden Durstes mit Ekel zurückstieß. Das Wasser darin war bereits achtzehn Stunden in dieser Stickluft, lau, schal und übelriechend geworden, mehr geeignet zu ersticken als zu erquicken. Und in diesem finsteren, überfüllten Raum, auf dieser feuchten Diele, in dieser pestilenzialischen Luft, bei einer Ernährung, die ein Hund knurrend zurückweisen würde, vielleicht wochenlang wie die anderen Häftlinge schmachten, die möglicherweise ebenso unschuldig hier eingesperrt sind wie er! Lang und1 bang krochen die Stunden hin, und erst dem Tage nahe verfiel der Gefangene in einen schweren Schlaf, der mehr Betäubung als Ruhe war. Doch schlief er nicht lange; der derbe Fußtritt eines Wächters schreckte ihn auf. Man hieß ihn sich aufrichten, man ließ ihn Hände und Gesicht

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