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Neue Nationalzeitung · 1914-09-18 · Heft 20 (18.9.1914) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 20 (18.9.1914)
Date
1914-09-18
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20 „Neue National-Zeitung" Seite 3 im Kampfgewühle aufgewachsen — ihr ist der Umgang mit den Waffen nicht unbekannt. Die Revolution, die Pogrome und die ewigen Verfolgungen drücken schon dein zarten Knaben den Revolver in die Hand, Die völlige Existenzunmöglichkeit treibt den aufstrebenden jüdischen Jüngling zur Verzweiflung und somit zur Unerschrockenheit und Todesverachtung. Wns aber der jüdischen Jugend in Rußland jetzt fehlt, das sind die Waffen, mit denen sie sich gegen die russischen Horden erfolgreich erheben könnte. Und diese müßten wir ihnen verschaffen. Wohl wurde in Oalizien der Versuch gemacht, eine jüdische Legion zu bilden, aber leider, leider scheiterte dieser infolge der Treibereien einiger Demagogen. Mir blutet das Herz, wenn ich bloß daran denke! Ist denn das jüdische Volk wirklich nicht imstande, sich von der aufdringlichen Vormundschaft dieser Demagogen zu befreien? Das jüdische Volk muß sich jetzt gigantisch erheben über alle kleinlichen Sorgen des Alltags. Alle Parteiunterschiede müssen verschwinden. Persönliche und politische Feinde müssen sich aussöhnen. Was anderen Völkern gelungen ist, das muß auch uns gelingen. Sehr ernste Aufgaben treten jetzt schon und werden noch in der nächsten Zeit da und dort an uns herantreten. Sie dürfen uns nicht unvorbereitet finden. Alle kleinlichen Fragen und Meinungsverschiedenheiten sollen uns in dieser ernsten Zeit nicht hindern, das jüdische Volk für die kommenden Ereignisse zu einigen. Ein geeinigtes Israel — das ist mein Neujahrswunsch! Der Krieg für den Frieden. Von Max Schach-Berlin. Nun donnern seit sechs Wochen die Geschütze und das purpurne Feuer des Weltenbrandes färbt unsere Tage. Begriffe, gestern noch von bedeutungsvoller Schwere, sind heute leer und wesenlos, und tausendfach zersplittertes Fühlen sammelt sich mit einem Male in ein einziges großes Gefühl. Zu anderen Zeiten würden wir dieses Empfinden — passiv wie es ist, passiv wie wir waren — Mitleid nennen. Jetzt ist es: Tat! Und indem dieser größte Völkerkrieg aller Zeiten den wilden Haß ebenso entfesselt wie er zarte, andächtige Gefühle weckt, Wohltun und Opferfreudigkeit zu selbstverständlichen Tugenden macht — indem dies alles aufsteht, wird das Wort des großen Vischer wahr, der auch im Kriege den Frieden, die Schönheit sah. Weil tausend getrennte Töne sich zu einem vollen Akkord vereinigen. Aber in dieses ethische Konzert dringen die Seufzer der Unschuldigsten, derer, die den Wahnsinn empfinden, für ein Vaterland kämpfen zu müssen, das keines ist. Wir hören, daß die armen russisch-jüdischen Rekruten in die erste Feuerlinie getrieben werden, und keiner von uns zweifelt daran, daß dieses Beginnen die Vaterlandsliebe der russischen Juden mächtig steigern wird. Kaum ist es zu fassen, daß dieser Widersinn Wirklichkeit wurde: wir, die ihnen helfen wollen, müssen nun gegen sie kämpfen. Gegen den Willen, der sie antreibt. Und wenn es denn sein muß, daß ihr Blut den Grenzboden tränkt ... es ist, bei allem Jammer und aller Ohnmacht, doch ein Krieg für den Frieden. * In den ersten Kriegstagen bin ich' mit vielen anderen aus der Stille der Schweizer Berge nach dem fieberigen Zentrum Berlin geeilt. Es war eine Massenflucht. Aber jeder von den Vielen, die in Genf, Luzern oder Basel den vorläufig letzten Zug nach Deutschland stürmten, hatte sein Ziel. Hatte Vaterland, Mutterland. Und war trotz aller Gefahren in Sicherheit. Links und rechts von uns Gesicherten dehnte sich die Masse russischer Flüchtlinge. Wohin wollten sie kommen? Jeder riet ihnen, in der freien Schweiz das Ende abzuwarten. Die meisten von ihnen konnten und wollten es nicht. Auch der jüdische Ingenieur aus Kiew nicht, der mit Frau, Mutter und vier kleinen Kindern von der Schweiz nach Berlin flüchtete. Die Kinder lärmten. Die Frauen weinten. Der Mann ruthenischen Legionen einreihen lassen, wir besitzen nicht den Ehrgeiz, eigene jüdische Legionen aufzustellen; wir protestieren nicht, wenn jüdische Gemeinden öffentliche jüdische Gelder für alle möglichen nicht jüdischen Zwecke verwenden, statt diese Gelder zum Zwecke eines selbständigen Mitwirkens des gesamten jüdischen Volkes an dem Kampf gegen den Zarismus aufzusparen. Wenn wir schon so viel jüdische Freiwillige stellen, warum sollten wir nicht aus ihnen eigene jüdische Legionen bilden? Wenn wir schon so viel Geld für andere Legionen hergeben, warum sollten wir nicht auch für eine jüdische Legion das nötige Kapital aufbringen? Wenn wir bedenken, daß die Hauptaufgabe der polnischen und ruthenischen Legionen darin besteht, ihre Konnationalen in den eroberten Gebieten Rußlands für den Kampf gegen die Moskowiten zu gewinnen, so muß ich es als einen geschichtlichen Fehler bezeichnen, daß wir nicht gleich vom Anfang an auch eine starke jüdische Legion gebildet hatten. Sind wir doch als Nachkommen der Makkabäer geradezu moralisch verpflichtet, den unter dem moskowitischen Joch schmachtenden sechs Millionen russischer Juden zu ermöglichen, sich für die blutigen Pogrome an dem Zarismus zu rächen. Und nur jüdische Legionen unter jüdischer Leitung und vom jüdischen Geist beseelt könnten eine solche Aktion bewerkstelligen. Abgesehen von dem moralischen und geschichtlichen Wert einer jüdischen Legion, kämen noch viele andere wichtige Vorteile, speziell für die russischen Juden, in Betracht, auf die ich aber hier nicht näher eingehen darf. Warum sollen die Juden nicht geschichtlich beweisen können, daß sie ebensogut, wie sie eine gute Behandlung in Not und Gefahr zu würdigen wissen, eine schlechte Behandlung auch zu rächen verstehen. Die jüdische Jugend in Rußland, meist Arbeiter und Intelligenz, ist gewissermaßen Gehen wir nach dem Alphabete vor: Belgien hat lange, bevor seine Neutralität durch den Einmarsch deutscher Truppen verletzt wurde, die Neutralität gebrochen, indem es französische Truppen in sein Land ließ. Die Greueltaten von Brüssel und Antwerpen gegen wehrlose Bürger Deutschlands und Oestererich-Ungarns sind Zeichen von hoher Zivilisation. Nicht wahr, Herr Maeterlinck? Die Teilnahme von Bürgern durch Schießen auf deutsche Truppen, das Verhalten der Bevölkerung gegen wehrlose Verwundete, das Schießen von Truppen auf Kolonnen des Roten Kreuzes, wie nennen Sie das, Herr Maeterlinck? England. Es wäre sehr verlockend, diesem heuchlerischen Krämervolke Völkerrechtsverletzungen und kulturelle Schandtaten früherer Zeiten in Erinnerung zu bringen. So z. B. den Ueberfall auf das neutrale Dänemark und das Bombardement von Kopenhagen (1807), die Hinrichtung gefangener Inder, die vor Kanonen gebunden wurden (1858), die Beschießung der nicht befestigten Stadt Alexandrien (1882). Allein dies kann füglich beiseite gelassen werden, bloß das, was jetzt geschehen ist, gibt ein hinreichendes Bild. Wir erwähnen hier: die Ausweisung und Internierung deutscher und österreichisch-ungarischer Untertanen aus England, die ihrer Gesandten aus Aegypten, die Rechtloserklärung von deutschen und österreichisch-ungarischen Untertanen in England, die Annullierung ihrer Patente, die Anhaltung neutraler Schiffe, der Angriff auf fremde Schiffe (Kaiser Wilhelm) in neutralen Gewässern, der fortgesetzte Gebrauch von Dum - Dum - Geschossen, das geradezu sei ändliche Verhalten ihrer Truppen, das folgendermaßen geschildert wird: Zeitungsnachrichten zufolge wurde nach der siegreichen Schlacht gegen die Engländer bei St. Quentin ein Armeebefehl gefunden, worin den Engländern empfohlen wird, im Kampfe mit den Deutschen bald die weiße Flagge zu zeigen, um sie dadurch aus ihren Deckungen zu locken und beim Herankommen niederschießen zu können. England hat schließlich die Kongoakte verletzt, welche verbieten, daß Streitigkeiten und Kriege europäischer Staaten ins Kolonialgebiet übertragen werden. F r an k r e i c h kann kurz erledigt werden. Was von Belgien gesagt wurde, gilt auch hier, man setze nur statt Brüssel oder Antwerpen „Paris". Dazu kommt der Einfall im Elsaß vor der Kriegserklärung, das Bewerfen Nürnbergs mit Bomben aus einem Aeroplan ebenfalls vor der Kriegserklärung, der Gebrauch von Dum-Dum-Geschossen, die maschinell dazu hergerichtet wurden, also nicht etwa ein vereinzelt gebliebener Fall usw. Frankreich preßt Schweizer und österrungarische Untertanen in seine Fremdenlegionen. Frankreich konfisziert Waren deutscher und österreichischer Provenienz, die auf dem Wege in neutrale Länder in Frankreich angehalten werden und veräußert sie zugunsten des französischen Staatsschatzes. Frankreich, das im Jahre 1870/71 die Franc- Tireurs erfunden hat, ist deren intellektueller Urheber, also verantwortlich für die Schandtaten der Franc-Tireurs aller Länder. Wie weit das zivilisierte Frankreich geht, zeigt die gestern gemeldete Nachricht, daß einem verwundeten deutschen Kavallerieoffizier (Graf Sanoma-Jeltsch) die Zunge herausgeschnitten wurde. Rußland. Der Zar und seine hohen Würdenträger gaben Ende Juli ihr Ehrenwort, daß nicht mobilisiert wird, jetzt findet man unter den Gefangenen Kaukasier, deren Transport an unsere Grenzen viele Wochen erfordert hat, ein Beweis dafür, daß Rußland schon längst mit den Vorbereitungen zum Kampfe begonnen hat. Das deutsche Botschaftshotel in Petersburg — Pardon Petrograd — wird zerstört, ein Beamter der Botschaft ermordet, zwei Beamte unserer Botschaft werden trotz feierlicher Versprechungen gefangen gesetzt. Kosaken rauben und morden friedliche Bürger im Feindesland, russische Truppen schießen auf Anstalten und Personen, die unter dem Schutze des roten Kreuzes stehen. Was jetzt im Innern Rußlands vorgehen mag, kann man sich höchstens denken. Vor einiger Zeit las man in den Zeitungen, daß ein auf Veranlassung und Kosten des amerikanischen Philantropen Carnegie zur Untersuchung der Greuel im Balkankriege zusammengetretenes Komitee seine Arbeiten beendet habe. Das Komitee bestand aus drei Personen: einem Engländer, einem Franzosen und einem Russen. Risum teneatis, amici! Oder auf gut wienerisch: Daß i not lach! F.

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