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Neue Nationalzeitung · 1914-09-18 · Heft 20 (18.9.1914) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 20 (18.9.1914)
Date
1914-09-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 20 Menschenliebe zu üben. Und das Schicksal fügt es, daß gerade Juden Gelegenheit gegeben ist, ihren Opfermut bis zur äußersten Grenze menschlichen Könnens zu beweisen. In den uns feindlichen Ländern, Frankreich, Belgien und zu allererst in Rußland, sind Juden unter den am allerschwersten Heimgesuchten. Verjagt, vertrieben von Haus und Hof, gemartert, zertreten von Wut und Wahnsinn! Gewiß, sie teilen dieses furchtbare Los mit andersgläubigen Brüdern und Schwestern. Aber die Zahl der in Unglück geratenen Juden steht in keinem Verhältnis zum Ganzen; sie übersteigt dieses Verhältnis weitaus. An den Grenzen Galiziens und Rußlands bis tief hinein in beide Landesgebiete siedeln Juden in dichten Massen. Und nun sind sie unstet und flüchtig. Sie, die im „Heiligen russischen Reiche" seit Jahren blutig verfolgt, geschändet, geknechtet sind, werden von der Geißel des Krieges zehnfach getroffen. Alles, alles ertragen sie, an Martyrium gewöhnt, mit Ergebenheit in den Willen Gottes und in dem Bewußtsein, dem Vaterlande zu dienen. Wir Juden aber wollen jedwede Verunglimpfung von Seiten trauriger Dunkelmänner mit doppelter Menschenliebe entgelten, mit unermüdlicher Kraft für Heil und Wohl des Vaterlandes kämpfen, opfern, leben, sterben. Es wird der Tag kommen, der mit reinigendem Sturme alle Hasser wegfegt und alle Bösewichter zu Boden wirft. Wir harren seiner. Nicht unseretwegen, sondern umwillen der Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe, die siegen w;erden. Ihr aber, die Ihr Mithelfer seid des Schicksals und der Vorsehung, Ihr Führer, Leiter, Lenker seid wachsam und wisse**» daß wir Juden treu sind bis zum Tode und es nie verdient haben, entrechtet oder entehrt zu werden; daß diese heilige Zeit nur Brüder kennt und Schwestern, in deren Adern das gleiche Blut fließt, die für einander leben und sterben! Mein Neujahrswunsch. Von Alexander Schmidt. Der Kampf gegen den Zarismus hat begonnen. Es ist ein schwerer Kampf, und unter Anspannung aller physischen und geistigen Kräfte kann es gelingen, den moskowitischen Bären, der seine Pfoten auf ganz Europa ausstreckt, niederzuringen. Und wir müssen alle unsere Kräfte für diesen Kampf aufbieten; denn wir müssen siegen. Ja, wir müssen siegen! Gilt es doch die Kultur Europas zu retten, die Kultur, gegen die der russische Barbar das Schwert ergriff. Einig schreiten Oesterreichs Völker zu diesem Kampf, einig nach außen und innen. Wie durch ein Wunder wurden alle Parteiunterschiede weggefegt. Durch ein gemeinsames Ziel verbrüdert, greift der Sozialdemokrat ebenso entschlossen zu den Waffen, wie der Konservative, der Freisinnige wie der Klerikale. Sie alle beseelt der gleiche Wunsch, der Wunsch, das geliebte Vaterland vor der Verwüstung durch die russischen Horden zu schützen. Die nationalen Reibungen mußten weichen und einem neuen Streit den Platz räumen — dem Wettstreit der Nationen für die gemeinsame Sache. Gilt es doch die* kulturellen Güter der Nationen gegen die Gelüste des russischen Tyrannen zu verteidigen! Alle Völker, sagte ich, schreiten einig zu. diesem großen Kampf — jedes einzelne als ein selbständiges nationales Individuum in der großen Völkerfamilie Oesterreich- Ungarn. Nur ein Volk steht noch immer zersplittert da — das jüdische Volk! Wir, die wir im Kampf gegen den Zarismus das meiste auf dem Spiel haben, wir haben es noch immer nicht verstanden, uns zu einem einheitlichen Ganzen zusammenzuschließen. Wir sehen ruhig zu, wie sich unsere Kräfte zersplittern, wir dulden es, daß sich unsere Jünglinge in die polnischen und FEUILLETON. Kultur und Völkerrecht im Kriege. Streitigkeiten werden auf verschiedene Weise geschlichtet: Buben und Bauern raufen; Kaufleute wenden sich an Schiedsgerichte; Bürger an staatliche Gerichte; Offiziere, Adelige und Studenten schlagen sich; Völker führen Kriege. Während das Raufen einfach der Ausbruch roher Gewalt ist und sich ganz regellos vollzieht, gehen die anderen Arten der Schlichtung nach strikten Vorschriften vor sich: es gibt Schiedsgerichtsordnungen, Zivil- und Strafprozeßgesetze, sogar die Zweikämpfe sind an strenge Regeln gebunden (man nennt sie Duellkodex, Komment usw.), deren Verletzung mit einer Aechtung des Verletzers verbunden sind. Auch der Krieg, der Zweikampf im Großen, hat Vorschriften, die von den Kriegführenden und auch von den nicht am Kriege beteiligten Staaten beobachtet werden sollen. Man nennt diese Vorschriften Kriegsrecht und bezeichnet sie als Teil des Völkerrechtes, das ist desjenigen Rechtes, das die Beziehungen der Staaten untereinander regelt. Als Begründer der Völkerrechtslehre wird Hugo Grotius angesehen. Im Laufe der Zeit ergab sich die Notwendigkeit zu einer Kodifikation dieses Rechtes, speziell für Kriegsfälle zu schreiten, und da machen wir denn die höchst merkwürdige Wahrnehmung, daß sich gewisse Staaten besonders dafür interessiert haben, Staaten, die sich in der Praxis ganz anders benehmen. So ist im Jahre 1856 unter französischer Aegyde die Pariser Völkerrechtsdeklaration angenommen worden, im Jahre 1868 die Petersburger Konvention, die den Gebrauch von Sprengstoffen aus Handfeuerwaffen unter 400 Gramm Gewicht verbietet; im Jahre 1874 kam auf Anregung des Kaisers Alexander II. von Rußland in Brüssel ein Entwurf zustande, der aber keine formelle Bestätigung erhalten hat. Ein anderer Russenkaiser, der sich als Friedensfürst feiern ließ — Nikolaus II. — gab die Anregung zu der sogenannten Haager Friedens-Konferenz vom Jahre 1899, welche für alle hiebei beteiligten Staaten bindend sein sollte. Eine der wichtigsten derartigen Abmachungen ist die Genfer Konvention vom Jahre 1864, welche die Verwundeten und Kranken im Kriege als unverletzlich erklärt (Rotes Kreuz), ebenso alle unter diesem Zeichen stehenden Personen und Gebäude. Als besondere Bestimmungen des Kriegsvölkerrechtes wären weiters hervorzuheben die feierliche Kriegserklärung, der Respekt vor der Neutralität, das Verbot der Betätigung von Nichtsoldaten an Kämpfen (Freischaren, Franktireurs), die Fortdauer der bürgerlichen und rechtlichen Verhältnisse. Wie verhalten' sich nun unsere Feijje zu dem, was sie mitberaten und beschlossen und durch ihre Unterschrift feierlich bekräftigt haben? Unsere Feinde beteuern, den Krieg für Freiheit und Zivilisation zu führen, England nimmt den Einmarsch deutscher Truppen in Belgien zum Anlaß, heuchlerisch über Neutralitätsverletzung zu jammern und Deutschland den Krieg zu erklären. Wenn die Zeitungsnachricht und die Uebersetzung richtig sind, hat ein französischer Schriftsteller, Namens Romain Rolland, die Frechheit gehabt, in einein auch sonst von Aufgeblasenheit strotzenden Artikel iin „Journal de üeneve", der eine Antwort an Gerhart Hauptmann enthält, den Einmarsch deutscher Truppen in Belgien mit folgenden Worten zu besprechen: „Ich habe nicht einmal die Stimme erhoben, aJs ich Eure Armeen die Neutralität des edlen Belgien verletzen sah. Die Uebeltat gegen die Ehre, welche in jedem geraden Gewissen Verachtung auslöst, liegt allzusehr in der politischen Tradition Eurer preußischen Könige; sie hat mich nicht erstaunt." Der Belgier Maeterlinck sagt: „Dieser Krieg ist ein Kampf der Zivilisation gegen das Barbarentum." Gut gebrüllt, Löwe! Sehr richtig was du sagst! Nur ist es umgekehrt, als du meinst; wir kämpfen für die Zivilisation, Ihr seid die Barbaren! Euere Worte haben wir gehört, nun wollen wir Euere Taten sehen.

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