Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 19 (11.9.1914)
- Date
- 1914-09-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19 „Neue Natjögäl-Zeitttiig" Seite 5 1881 der Fall war, recht schlimme .wirtschaftliche Folgen für Rußland gehabt habe. Doch zunächst ein Wort der Aufklärung über diesen osteuropäischen Begriff Ansiedlunsrsrayon, der die Judenfrage Rußlands in den letzten Jahrzehnten beherrschte und noch heute beherrscht.. Ueber 95 Prozent der 6 Millionen russischer Juden sind von Staats wegen gezwungen, .innerhalb dieses sogenannten Ansiedluhgsrayons zu wohnen. Dieser Rayon macht Yn des Zarenreiches aus. Walirlich ein ungeheures Ghetto! Dieser Rayon entstand dadurch, daß Rußland sich um Provinzen vergrößerte, die dicht mit Juden bevölkert waren. Diese jüdischen Massen konnten zwar nicht auf einmal ausgerottet werden, aber die russische Regierung ging seit Jahrzehnten planmäßig darauf aus, ihnen jeden geregelten Erwerb zu unterbinden, sie durch Verkleinerung des Ansiedlungsrayons immer mehr zusammenzupferchen, damit sie ohne Licht und Luft verkümmerten. So wurden und werden bisweilen Städte in Dörfer umgewandelt — natürlich nur fiktiv — nur um die Juden, die ja in Dörfern nicht wohnen dürfen, vertreiben zu können. Nur vier Klassen von Juden haben theoretisch das Recht, in ganz Rußland zu wohnen: 1. Leute, die Soldaten gewesen sind; 2. die Inhaber akademischer Grade; 3. die Kaufleute erster Gilde; 4. Die Handwerker. Nur theoretisch haben diesevier Klassen das Wohnrecht; praktisch hängt auch für sie das Recht ab von der Anzahl der Rubel, die sie den 'Beamten, den niedrigsten wie den höchsten, einzuhändigen imstande, sind. Nur eine einzige Klasse hat Freizügigkeit im ganzen heiligen russischen Reich: die Prostituierten! Jüdische Studentinnen, die die Möglichkeit haben wollten, in Petersburg zu studieren, ließen sich den „gelben Zettel14 geben, doch als die Polizei feststellte, daß sie sich dem Studium statt der Schande hingäben, wurden sie eiligst aus der Hauptstadt ausgewiesen! In den ersten Jahren der Regierung Nikolaus II. schien es den Juden, als ob auch auf dem Gebiete des Wohnrechtes: eine Erleichterung eintreten sollte, aber es zeigte sich bald, daß der schwächliche Zar dem Einfluß des allmächtigen Pobjedonoszew, Prokurator des Heiligen Synods, nicht zu widerstehen wußte. Immer mehr verfiel er seiner panslawistischen orthodoxen Umgebung. Auch die Beamtenschaft erhob wieder mächtig ihr Haupt. Sie, die nur von Bestechung lebt, hatte an geregelten Verhältnissen kein Interesse. Im Gegenteil, jedes neue Ausnahmegesetz war für sie eine neue Handhabe, Geld von den Juden zu erpressen, Der verheißungsvolle Frühlingsniorgen verdüsterte sich immer mehr. Derselbe Zar, der die Friedenkonferenz in Haag berief, war es auch, unter dessen Regime den Juden das Leben zur Hölle werden sollte. Es folgte die Revolution. Die Juden, deren Anteilnahme an der revolutionären Bewegung von seiten der russischen Regierung gewaltig übertrieben wird, sollten an allen Wirren schuld sein. „Wir werden", sagte der Minister Plewe einer jüdischen Abordnung, „eure Lage' in Rußland so unerträglich machen, daß ihr bis auf den letzten Mann Rußland werdet verlassen müssen." Das war die Zeit, in der Pobjedonoszew den zynischen Ausspruch tat-: „Ein Drittel der Juden werden'•• wir zur Auswanderung zwingen, ein Drittel lassen ,wir verhungern und ein Drittel schlagen wir tot." Den Worten folgte die Tat. Der Russisch-Japanische Krieg bot willkommene Gelegenheit, sich der unbequemen Juden massenhaft zu entledigen. 33.000 Jude« haben in der mandschurischen Armee gestanden; acht Prozent des ganzen Heeres, während die Juden nur 4 Prozent der Gesamtbevölkerung bilden. Von den Reserveärzten, die ins Feld geschickt wurden, waren neun Zehntel Juden. Man wollte sich dieser freisinnigen Elemente entledigen. Die Heldentaten der jüdischen Soldaten erkannten sogar ihre Gegner an. Doch wie hat man die Vaterlandstreue belohnt! Die verwundeten Juden, die nach der Heimat zurückbefordert worden waren, warf man aus den Lazaretten aller derjenigen Orte heraus, wo die betreffenden kein Wöhnr-echt hatten. Rußland belohnte die Tapferkeit der Juden .noch in anderer Weise. Es wurde; das Gerücht verbreitet, die Juden allein seien schuld! an dem Mißerfolg des Feldzuges! Die Regierung wollte die Unzufriedenheit des Volkes von sich ablenken. Siindenbock wurden die Juden. Jedes Mittel war der korrupten Beamtenschaft willkommen, sich ani Ruder zu halten. Besonders mußte das Ritualmordmärchen herhalten, die Menge gegen die .„Feinde Christi" zu fanatisieren. Es folg.te die Zeit der blutigen - Pogrome oder Judenmetzeleien unter der offenen Mitwirkung der Regierung. Es war die. Antwort der Beamtenschaft auf das Oktobermanifest des Zaren. Die Freiheitspartei sollte durch die ,;^lassenabschlachtung der Juden, die, als, Fortschri.ttler; -galten,.; ^abgeschreckt werden. Hier die Bilanz, dieser. Pogrome, die in 725 Orten des Ansiedlungsrayons stattgefunden haben: 1000 Juden wurden getötet,, 7,000 bis 8000 .verwundet oder zu Krüppeln geschlagen. 400 Witwen, 1700 Waisen waren ihres Ernährers beraubt. 201.000 Juden waren um 62,700.000 Rubel geschädigt worden, und dies alles hl der Zeit vom 18. bis 29. Oktober! Einige der „echt russischen Leute" wurden ,;pour la forme" vor Gericht gezogen, um dem Ausland zu zeigen, daß es in Rußland noch eine Gerechtigkeit gibt. Einige der Hooligans wurden.zum Schein verurteilt, vom Väterchen Zar sofort begnadigt, und diejenigen Offiziere, die sich gegen die Pogrome ausgesprochen hatten, wurden streng bestraft. Unterdessen wurde die erste Duma gewählt. Unter den Abgeordneten waren zwölf Juden. Die zweite gefügigere Duma hatte nur noch zwei Juden aufzuweisen als Vertreter von sechs Millionen Stammesgenosscn; so gut hatte der Wahlapparat der russischen Beamtenschaft.gearbeitet. Die blutigen Pogrome hörten plötzlich auf,, denn Rußland brauchte Geld, viel Geld und spekulierte auf den Geldbeutel der ausländischen ■ jüdischen Hochfinanz. Leider nicht vergebens, aber Bedingung war: Die Pogrome müssen aufhören. Jedoch für die unglücklichen Juden war nicht viel gewonnen, die russische Beamtenschaft verfügte noch über andere Machtmittel. Es folgte die Aera der Ausweisimg.-Vom 1, Juli 1905 bis zum 30. Juni 1906 wanderten 107.000 russische Juden allein nach' New York aiis, eben so viel in den folgenden Jahren. Im Frühjahr 191Ö wurden 10.000 aus Kiew vertrieben, und noch-kurz vor Ausbruch des gegenwärtigen Krieges, haben 40.000 Juden aus Kiew den Ausweisungsbefehl erhalten. Und da wagt es der Zar heute, sich mit schönen Worten an die Juden, zu wenden! Aber damit nicht genug: an Stelle der blutigen Pogrome, die Rußland vor dem Auslande, bloßgestellt haben,, ist im Programm der „Patrioten" der unblutige Pogrom gesetzt worden. Graf Wladimir Bobrinsky hat es in.der Duma offen ausgesprochen, worin dieses neue System besteht: Es wird keinem Juden das Leben genommen,' es wird ihm nur das Leben unmöglich gemacht. Durch Beschränkung der Erw.erbsmöglichkeiteri soll er gewaltsam niedergehalten werden in materieller und vor allem in geistiger Hinsicht. Die neue Lösung lautet: Herabdriickung des Kulturniveaus der Juden unter das des russischen Volkes. Daher die „prozentualen Normen", die in den letzten Monaten in ganz Rußland durch einen kaiserlichen Ukas -festgesetzt wurden; 5 bjs 15 Prozent in Mittelschulen, 3 .bis 10 Prozent in den Hochschulen. Die höchste Norm von 15 Prozent gilt für Städte des jüdischen Ansiedlungsrayons, in denen die Juden vielfach 60 bis 80 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Eine .große Anzahl von Bildungsanstalten ist für die Juden gänzlich gesperrt, wie z. B. die medizinische Hochschule in Petersburg, und diese auch für getaufte Juden und „Ich inuß ihn spätestens morgen früh liier haben. Der Halunke ist ein geriebener Kerl, er dürfte ahnen, um was es sich handelt — es gilt keine Ausrede, kein Ausweichen; ich rnuß ihft unbedingt bis morgen früh hier haben. Merken Sie sich dies, Pawel Nikolaiwitsch, denn der Mann ist mir unerläßlich.'.' „Ich werde ihn nicht auslassen, Exzellenz." Der Polizeimeister verneigte sich tief und ging. Er ging geradeswegs in seine Stammkneipe, um noch rasch eine Flasche zu leeren, er tat es fast in einem Zuge und immer erst nach der Audienz, niemals früher; er War gegenüber seinem Vorgesetzten auf der Hut, so wenig er auch innerlich diesen respektierte. Der schlaue Polizeimeister lachte in sich hinein: Wenn ich Gouverneur wäre, .dürfte mir mein Polizeimeister nicht alles tun, was ihm beliebt; er ist ein Schwachkopf. Jetzt hat ihm wahrscheinlich jemand verraten, daß der Silberbarren an der Spitze einer jüdischen. Verschwörung stehe und da will er sich vor dem Generaigouverneur wichtig rriachen und ihn direkt packen. Wie schön wär's, wenn, ich ihn entwischen1 ließe, aber ich will es mit dem Blödian nicht.Verderb enjiiid werde ihm den 'Fuchs gebunden einliefern,' daß er auch einmal seihen Fraß habe." Die Stadt' schlief den ruhigen. Mitternachtsschlaf nach den fieberhaften Erregungen des Tages* Bloß das Auge der Polizei wa.chte und daß dann und wann Patrouillen schweren, hallenden Schrittes durch die öden, spärlich erhellten Gassen zogen. Zuweilen entstand irgendwo eine größere Bewegung, man hörte laute Rufe, Schreien, Fluchen, Pferdegetrappel,. Wagengerassel, mitunter attch Kettengeklirr, es war der Effekt nächtlicher Arretierungen. Die Bevölkerung war schon an diese Störungen gewöhnt und nur selten öffnete sich ein Fenster, forschte ein schläfriges Auge nach dem Ursprung des Lärmes. „Eine Arretierung" sagte man sich und schlief weiter. Dies kam ja allnächtlich vor und wiederholte sich so oft, daß es keine Sensation mehr hervorrief. Es waren Gewaltakte d!er Polizei, zuweilen von beiden 'Seiten blutig, mit denen man sich bereits wie mit einem endemischen, unrettbaren Uebel abgefunden. Anders aber wirkte der nächtliche Ausbruch eines Pogroms, wenn die .schlafende Einwohnerschaft das furchtbare Gejohle und Wiehern der wilden'Bestien nahen horte und ein Ström beute- und blutdürstiger Hyänen in Menschengestalt, mit allerhand Waffen, mit Fackeln und Petröleuinkrügen zum Anzünden versehen, sich heranwälzte! Da sprang man entsetzt,, kaum bekleidet, aus den Betten; die einen stellten: Kruzifixe und Heiligenbilder zu den Fenstern hinaus, die andern schleppten Kinder und Habseligkeiten in die Keller, um sie. da in. den. finstersten Winkeln zu verbergen; die Türen, wurden mit den .schwersten Möbeln verbarrikadiert und alles ergriffen, ■ was eine, Waffe sein konnte: Schierhacken, Schaufeln, Bratspieße, Waschblaueln, Küchenmesser und Besenstiele, um notdürftig das Leben gegen die Raub- und Mordbande zu verteidigen, unter der man nicht selten kaiserliche Uniformen blinken sah. Männer in kaiserlicher Livree befehligten die Bande — Männer in kaiserlicher Livree hinderten die Angegriffenen, sich zu verteidigen — Männer in kaiserlicher Livree schürten die Wut des trunkenen Mobs — Männer in kaiserlicher Livree soffen von dem geraubten Wein und trugen die besten Stücke aus der Plünderung nach Hause — sie legitimierten die Räuber und Mordbrenner von Staats wegen und den Pogrom als Staatsinstitution!. Ohne diese, wohl noch nie dagewesene staatliche Subvention an bewaffneter Mannschaft hätten die Holigans unzweifelhaft geraubt, aber nicht gemordet. Was schert sie das Leben der Juden, was schert sie Weib und Kind, wenn sie die Habe haben? Sie hätten geplündert, was wegzutragen war, sie hätten aus Bosheit und Schadenfreude' hier und da auch unbewegliches Eigentum zerstört, aber kaum die wehr- und widerstandslosen Beraubten in ihren Veiv stecken aufgesucht, um sie in so grausamer Weise zu zerhacken, wie den. Körper eines toten Viehes! Zu Ehren des Zars muß man annehmen, daß er nicht weiß, wäs in seinem , Reiche vorgeht, daß er von Lug und Trug umgeben ist: und daß für ihn die Zeitungen strenger zensuriert werden als für seine Untertanen, sonst müßte er als ein Nero gelten, ein Nero ohne persönlichen Mut und staatsmännischen Blick! (Schluß folgt.)