Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 19 (11.9.1914)
- Date
- 1914-09-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr, 19 d'ere ergreift die Flucht. Und im Engpasse, nicht achtend der niedersausenden Projektile, nimmt Fischer Abschied von seinem sterbenden Kaineraden. Er kniet nieder, ergreift die Rechte seines Freundes und Glaubensgenossen und beide schluchzen das „Schema Israel" hervor. Die Fahnenbänder von Coronini-Cronberg umflattern die beiden Unteroffiziere, von denen einer sie bis zum letzten Atemzuge festhält, bis sie der andere übernehmen konnte und das unaufhörlich Gutman Fischer. krachende Gewehrfeuer war gleichsam die Ehrensalve des sterbenden Soldaten. Eine Szene, wie sie in Kriegszeiten dramatischer nicht gedacht werden kann. Die Fahne hinter sich nachschleppend, er unterließ es, sie zü schultern, damit sie nicht erblickt wurde, eilte nun Fischer den Seinigen zu. Gegen die um das gerettete Palladium sich scharende Mannschaft drängen die feindlichen Schwärme mit Ungestüm nach, um es zu erobern. Zugsführer Fischer wehrte sich, von einigen Leuten unterstützt, mit verzweifelter Tapferkeit. Bereits durch einen Degen- und Bajonettstich und einen Streifschuß verwundet, ließ er im Kampfe dennoch nicht nach. Einem preußischen Gardeoffizier, der die Fahne ergreifen wollte, setzte er sein Gewehr mit der Mündung an den Mund und schoß es ab. „Wirst keinen österreichischen Soldaten mehr behelligen", rief er ihm noch nach; gegen andere, ihn bedrängende Feinde wehrte er sich mit Kolbenschlägen. Inzwischen hatte sich die kleine Schar um ihn gelichtet und er, der die augenscheinliche Gefahr sah, zu unterliegen und die Fahne zu verlieren, schlug die ihm im Wege stehenden Feinde mit dem Kolben nieder, raffte dann die Fahne auf und eilte mit derselben gegen die Brücke. Feindliche Soldaten sendeten ihm mehrere Kugeln nach; eine traf ihn im Fuß, ohne ihn schwer zu verletzen und mehrere streiften ihm den Mantel und den Tschako. Er erreichte dennoch seine Truppe, wo er erschöpft niedersank und die Fahne dem Leutnant Alois tiallada übergab. Führer Gutman Fischer wurde für diese glänzende Waffentat zum Fahnenführer — mit Feldwebelsrang — befördert und erhielt die goldene Tapferkeitsmedaille. Kaum von seitien Wunden notdürftig genesen, zeichnete er sich in der Schlacht bei Königgrätz erneut aus, indem er, neuerdings verwundet, solange auf dem Kampfplatze blieb, bis er, durch den Blutverlust geschwächt, genötigt war, sich auf den Verbandplatz zu begeben. Nachdem er verbunden und kurze Zeit sich erholt hatte, kehrte er wieder in die Reihen der Kämpfenden zurück. Gutman Fischer, 1840 in Petrovosello (Ungarn) geboren, Sohn eines Dorfkrämers, wurde 1860 zum 6. Infanterie-Regiment assentiert. Fischer hat vor seiner Assentierung nur die Dorfschule in Petrovosello besucht und wurde in den Unteroffiziersschulen seines Regiments militärisch weiter ausgebildet. Er machte auch früher den Feldzug gegen Dänemark mit. Fischer lebt in sehr k ü m m e r l't c h'e n Verhältnissen in» Mo hol-,1 Bacs-Bodrogh er Kom itat (Ungarn). (Quelle: Geschichte des Infanterieregiments Nr. 6, S. 57, 58, 116.) Aus dem Lande der Pogrome. Von Leo Herzberg-Fräakl. Alex Demetriwitsch Charlamoff, Gouverneur von M., saß in seinem Kabinett und nahm eben den Bericht des Polizeimeisters entgegen, der steif und in militärischer Haltung vor ihm stand. Der eine hatte Generalsrang, der andere den Rang eines Majors. Der Gouverneur hatte das gutmütige, wohlgenährte Aussehen eines lebensfreudigen, genußsüchtigen Menschen, der weder eine gute Tafel, noch eine schöne Frau verschmäht, die ihm näher gehen als der Dienst; während der blatternarbige, schieläugige Polizeimeister im Gegenteile wie ein Mensch aussah, dem der Dienst alles ist, weil er ihm die Gelegenheit bot, anderen Menschen recht viel Böses zuzufügen. Sklavisch gehorsam gegenüber seinen Vorgesetzten, war er der Schrecken seiner Untergebenen. Er stand früher als Offizier in der Armee; mißhandelte seine Soldaten, prügelte die Rekruten zu Tode und wurde infolgedessen, als es galt, die meist polnische, etwas renitente Bevölkerung von M. zu maßregeln und die Juden zu drangsalieren, im Range befördert und zum Polizeichef ernannt. Hier hatte er ein weites Feld für seine segensreiche Tätigkeit: einen Teil der Einwohnerschaft quartierte er in den Gefängnissen ein, wo er lange seine splendide Gastfreundschaft genoß, einen andern ließ er zu Krüppeln schlagen und speziell für die Juden hielt er eine Meute der niedrigsten Menschensorte, die er nach Bedarf und Gutdünken, oder nach Winken aus den oberen Regionen losließ. Er trank viel und gut. Plebejisch von Geburt, hatte er nichtsdestoweniger einen aristokratischen Gaumen, trank lieber einen guten Rheinwein oder Bordeaux als einen schlechten aus der Krim und Bessarabien und war bei den befohlenen Pogroms stiller Teilnehmer bei Plünderungen von Weinstuben, aus denen die meisten elegant etikettierten Flaschen ins Polizeibureau wanderten. Selbstverständlich wurden auf diese allgemein beliebte Persönlichkeit wiederholt Attentate versucht und Bomben geschleudert, aber der Mann hatte Glück und sagte wie Napoleon I., als er sich bei Austerlitz dem heftigsten Kugelregen aussetzte: „Die Kugel, die mich treffen soll, ist noch nicht gegossen worden" — Die Bombe, die, mich zerreißen soll, ist noch nicht gefüllt. Der Gouverneur hatte flüchtig die ihm vorgelegten Berichte durchflogen, ohne sie zu lesen und zu prüfen, wozu er sich niemals die Zeit nahm, legte sie zu den anderen Akten, die monate-, jahrelang staubbedeckt auf seinem Tische ruhten. „Einverstanden!" Er war, der Bequemlichkeit wegen, stets mit seinen Untergebenen einverstanden, rügte höchst selten seine Untaten und ließ ihn gewähren. „Ich bin mit Ihren Anträgen und Vorhaben einverstanden, nur möchte ich unnötiges Aufsehen und Zusammenläufe möglichst vermieden wissen. Wenn das Volk nachträglich erfährt, daß soundsoviele 'Leute arretiert wurden, bleibt es äußerlich ruhig, wenn es jedoch Zeuge gewaltsamer, mit Geschrei und Schlägen verbundener Aushebungen ist, Die Juden Rußlands unter Nikolaus II *) Von Dr. Artur Weil (Straßburg). (Aus der „Straßburger Post".) Die Geschichte der Juden unter der Herrschaft des Zaren ist eines der traurigsten Kapitel in der Leidensgeschichte Israels, und es klingt wie eine Ironie der Weltgeschichte, daß sich das Schicksal der Juden gerade unter der Herrschaft des „Friedenszare'n" am blutigsten gestaltet hat. Mit Recht schrieb unlängst die in Paris erscheinende „Tributie Russe": Jamals la rage antisemite nc fut aussi furieuse, aussi aveugle, aussi bestiale que sous le regime du Coup d'Etat de juin. Und welche Hoffnungen hatten sich die Juden Rußlands beim Regierungsantritt Nikolaus II. gemacht! 'Hatte er doch in seinem Thronbesteigtingsmanifest erklärt, sein einziges Ziel sei: die Beglückung aller treuen Untertanen. Und wirklich,, der Anfang schien verheißungsvoll. Zur Krönunssfeier in Moskau im Jahre 1895 wurden auch drei Rabbiner offiziell eingeladen und erhielten vom Staate jeder eine Reisevergütung yon 600 Rubel. Derartiges war weder unter Nikolaus I. noch unter einein der Alexander vorgekommen. Eine Abordnung der jüdischen Gemeinden überreichte dem Zaren eine Gruppe aus Silber, die den Erdball zeigte, dessen Friede durch Rußland gestützt wird. Die Wünsche waren aufrichtig und die Hoffnungen schienen berechtigt. Ein Wink von oben wirkte auf die Beamtenschaft und die Presse, die, wenn auch knirschenden Herzens, den neuen Kurs mitmachen mußten. Juden wurden — gegen frühere Verfügung — nunmehr als Ingenieure angestellt, als Rechtsanwälte zugelassen, Juden durften nun auch in Apotheken in größerem Prozentsatz beschäftigt werden; jüdische Soldaten durften jetzt sogar zu Unteroffizieren befördert werden. Noch mehr aber bedeutete für russische Verhältnisse, daß Prof. Chmerkin, ein Christ, 1897 ein Buch zur Verteidigung der Juden veröffentlichte. Er wies darin nach, daß die Vertreibung der Juden aus den nicht zum- Rayon gehörenden Gouvernements, wie dies seit *) Als Literatur kommt in Betracht: Lucien Wolf, The legal sufferings of tlie Jews in Russia. Verlag Fischer Unwän, London. Ferner: Die Judenpogrome in Rußland, von der zur Erforschung der Pogrome eingesetzten Kommission. Köln, Jüdischer Verlag, 1910/Vor allem aber: Neueste Geschichte des jüdischen Volkes von Prot Martin Philjppson, da gibt es Krawalle und Attentate, die tun^ liehst vermieden werden sollen." „Ich führe die meisten Verhaftungen. in spater Nachtstunde durch," versetzte der Polizeimeister eifrig, „und so rascru daß* bevor die Leute in der Nachbarschaft Fenstef und Türen öffnen, um nach dem nächtlichen Ereignis zu sehen, alles bereits vollbracht ist. Da haben Exzellenz gar nichts zu" be^ sorgen. Aber eine andere Sorge drückt mich, der Mangel an Gefängnissen. Die vorhandenen Lokalitäten sind zum Erdrücken und Ersticken voll. Ich habe, um mehr Raum' zu gewinnen, die Pritschen wegnehmen und die Gefangenen auf den Dielen liegen lassen, aber es genügt nicht. Es könnte nur Abhilfe geschaffen werden, wenn Exzellenz die ehe* malige Reiterkaserne am Dniepr zur Aufnahme von Gefangenen bestimmen würden; sie ist zwar nicht groß, aber einige hundert bringen wir schon unter." „Ich hätte nichts dagegen; doch ist das Gebäude schadhaft und fast Ruine; dann komplett leer —". „Wir wollen es ja nicht für Wohnparteien einrichten; zu unsern Zwecken genügt es, gute Schlösser, Wasserkriige und Kübel anzuschaffen und wollen wir human sein, einige Bänke." „Schon wegen des Prügeins!'■ lachte der Gouverneur. „Nun gut, besorgen Sie das JVIöblement und holen Sie Ihre Gäste hin. Apropos, Pawel Nikolai witsch, kennen Sie in der Petristraße den Uhrenhändler Silberbarren?" „Den Vorsteher der Judengemeinde? Jawohl!"