Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 19 (11.9.1914)
- Date
- 1914-09-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Nene National-Zeitiing" ffr. 19 Die Russen als „Sieger". (Eine Reminiszenz aus Bjelostok.) Von Alexander Schmidt. Vor neun Jahren war es, da kehrten sie heim, die „s i e g r e i c h e n" russischen Truppen von den fernen Schlachtfeldern der Mandschurei. Und mit ihnen kam Tod und Verwüstung ins Land. Die blutigste Reaktion setzte ein. Die zarischen Satrapen gingen zu Gericht und schonungslos wurde alles dem Tod geweiht. Es begann ein Morden, Sengen und Brennen, ein Quälen und Foltern ohne Ende, es begann der Kampf der zarischen Soldateska' gegen die wehrlose, jüdische Bevölkerung. Und sie siegten, die „Heide n" von Mukden! Was ihnen gegen die Japaner, nicht gelingen konnte, das gelang ihnen gegen die . wehrlosen Juden, was ihnen bei Mukden nicht vergönnt war, das war ihnen in Bjelostok vollauf vergönnt: Ein Sieg! Ja, in Bjelostok war es, wo sich die zari-sche Soldateska den Lorbeerkranz holte. Es war an einem herrlichen Sommertage. Der Himmel stand blau und in Millionen Strahlen glänzte die liebliche Sonne. Ahnungslose Schmetterlinge weideten Israels Kinder in dieser Fülle von Licht und Wärme, in diesen milden Gaben der Natur. Plötzlich wurde es finster. Dichte Schwärme grauer Wolken verzogen das Firmament. Es krachte. Und ein mörderisches- Gewitter entlud sich über der unglücklichen Stadt. Ein Jammern und Schreien, ein Stöhnen und Klagen . . . Geschändete Frauen, zerstückelte Kinder, geblendete Greise, auf Bajonette gespießte jüdische Söhne und Töchter . . . Das war der große Sieg des Zarismus! Volle drei Tage wurde in den Straßen von Bjelostok gemordet! Der von Japan gedehmütigte Zar hat hier zur Genüge sein Mütchen gekühlt. Die auf den mandschurischen Schlachtfeldern geschlagenen Truppen haben hier ihr Prestige wiederhergestellt. Ja, drei Tage wurde gemordet und geschändet! Und als man am vierten Tage die Toten zu Grabe trug, lag auf den Lippen aller der Schwur, Rache zu nehmen für die unschuldig Gemordeten, Rache für die Brüder und Schwestern, die man auf die Bajonette gespießt, Rache für die Mütter, denen man die Kinder aus dem Leibe gerissen, Rache für die Väter, denen man die Augen aus dem Gesiebt gestochen hat . . . Noch ist die Wunde nicht vernarbt, sie blutet fort, die große Wunde, die der bestialische Zarismus dem jüdischen Volke gesetzt hat! Noch ist der große Schmerz nicht gestillt, er bohrt zu tief, als daß ihn der jüdische Soldat der zarischen Armee ruhig verbeißen könnte. Der mahnende Ruf der jüdischen Märtyrer von Kischinew und Bjelostok steigt empor aus den frischen Gräbern und verfolgt den jüdischen Krieger überall auf seinen Wegen. Immerfort klingt's in seinen Ohren: Rache, Rae h e! " Und nun beginnt der Streit der Pflichten. Die Religion schreibt dem Juden vor: Diene treu deinem Vaterland und deinem Herrscher! Doch die Vernunft sträubt sich, sie sträubt sich ganz entschieden, Rußland als ein wahres Vaterland, Zar Nikolaus IL als einen wahren Herrscher anzuerkennen. Ein Herrscher, der Beilis-Prozesse wünscht, der Pogrome anstiftet, ein Herrscher, der Hooligans mit Orden auszeichnet und sich selbst mit dem Abzeichen der Schwarzen Hundert dekoriert, ist kein Herrscher im wahren Sinne des Wortes, der allen seinen Untertanen gleiche väterliche Liebe angedeihen läßt. Zar Nikolaus 11. ist kein Herrscher, für den ein jüdischer Soldat moralisch Verpflichtet wäre, sein Blut zu vergießen. Ganz im Gegenteil, die Moral fordert geradezu die Vernichtung dieses Tyranen, die Ausrottung seiner Satrapen und der ganzen Brut, die wie ein Blutegel an der Menschheit saugt. Das muß ungefähr der Gedankengang des jüdischen Soldaten in der russischen Armee sein. Dem russisch-jüdischen Soldaten fehlt das Ideal, für das er kämpfen sollte, die Hauptwaffe des Kriegers. Schon dieser seelische Kampf entmutigt den jüdischen Soldaten der russischen Armee, und wenn einer noch zweifelt, da erscheint vor ihm der Geist des jüdischen Kriegers, der wohl mit einer Tapferkeitsmedaille auf der Brust, aber um ein Bein kürzer, von den mandschurischen Schlachtfeldern heimgekehrt gleich bei der Ankunft auf dem »Bjelostoker Bahnhofe von den Hooligans bestialisch ermordet wurde. Jetzt fällt der (Entschluß nicht schwer — für oder gegen den Zarismus zu kämpfen. Allein, nicht bloß der jüdische Soldat, sondern das ganze jüdische Volk fühlt sich innerlich gedrängt, gegen den Zarismus die Waffe zu wenden. Welche Ironie, wenn der Pogromen-Zar seine „lieben Juden" auffordert,, für ihn zu kämpfen! Den russischen. Juden hat die Geschichte den Weg bereits fest vorgeschrieben. Es ist der Weg zu ihren Erlösern, ihren Befreiern, der Weg zu den siegreich vordringenden, deutschen, österreichischen undi ungarischen Truppen. Viel können die sechs Millionen russischer Juden im Kampfe gegen den moskowitischen Bären beitragen. Denn schon bloß der Umstand, daß die Kämpfe sich im jüdischen Ansiedlungsrayon abspielen, ist ein halber Sieg. Betrachtet doch die jüdische Bevölkerung gleich den Polen und den anderen unter den moskowiti'schen, Ketten schmachtenden Völkern, die einmarschierenden verbündeten Truppen als ihre Befreier. Und als solche werden sie auch behandelt. Man hilft ihnen wo und wie man nur kann. Große Opfer fordert dieser Kampf; doch, wir geben sie gerne hin. Denn es gilt die Befreiung vom. blutrünstigen Z a r i s m u s! Der jüdische Soldat. Von Morris Rosenfeld. Bei Plewna Iießt's. 's geht hundert Schritt hinab. Dort liegt's. Ein Grab. Kein Mensch weiß von dem ürab. Hier dringt kaum Menschenlaut, kaum Voffelschrei'n. Dort liegt es stumm und hart. Kein Kranz, kein Stein. Dorthin bringt kaum ein Frühling Halm und Blatt — Dort unten ruht ein jüdischer Soldat. . Ein Jud\ ein Mann, verblutet in der Schlacht, Die Rußland seinen großen Tag gebracht. mm Nachts ist's. Rings schliefen alle Dinge ein, Die tote Stille möcht noch stiller sein ... Da zählt die Turmuhr zag die Mitternacht Und plötzlich ist ein dumpfer Sturm, erwacht, Es zerrt und rüttelt in der öden Luft, FEUILLETON. Unsere Feinde. (Eine kleine geschichtliche Betrachtung.) Im Gymnasium hatten wir einen Geschichtslehrer, der uns nicht mit Jahreszahlen und sonstigen Ziffern quälte, sondern bemüht war, uns auf philosophischem Wege in die großen Ereignisse der Geschichte, ihre Ursachen und Wirkungen Einblick zu gewähren. Er verlangte auch von uns, daß wir uns gewöhnen, alle Ereignisse auf diese Weise zu betrachten. Und so kam es denn, daß bei jeder großen, weltgeschichtlichen Episode sorgfältig auseinandergehalten wurde: „Ursache" und „Veranlassung", z. B.: P'eloponnesischer Krieg. Ursache: Das Ringen zwischen Athen und Sparta um die Hegemonie. Veranlassung: Die Händel zwischen Kerkyra und Korinth wegen Epidamnos. Dreißigjähriger Krieg. Ursache: Kampf zwischen Katholizismus und Protestantismus. Veranlassung: Sperrung zweier protestantischer Kirchen in Braunau und Klostergrab in Böhmen. Krieg 1866. Ursache: Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland zwischen Oesterreich und Preußen. Veranlassung: Differenzen bei Verwaltung der im Jahre 1864 eroberten Provinzen Schleswig und Holstein. Krieg 1870. Ursache: Die Eifersucht Frankreichs auf das emporkommende Preußen und der Gedanke Napoleons, seinen wankenden Thron durch einen glorreichen Feldzug zu befestigen. Veranlassung: Die Kandidatur eines Hoh'enzollernprinzen für die spanische Krone. Daß bei vielen Kriegen die Unterscheidung nicht so subtil sein konnte, liegt auf der Hand; so z. B. bei den Erbfolgekriegen, bei den Revolutionskriegen, bei den Befreiungskriegen, den Türkenkriegen usw. Es soll dies auch hier nicht weiter untersucht werden. Diese Einleitung hat bloß den Zweck, zu zeigen, wie wir Geschichte gelernt haben und wie wir so zu sagen zum Nachdenken über weltb'edeutende Ereignisse erzogen wurden. Wenden wir diese Methode auf den heutigen, den größten Krieg seit dem Bestände der Welt an, so müssen wir als gewissenhafte Systematiker unterscheiden: 1. Krieg Oesterreich-Ungarns mit Serbien. Ursache: Die jahrelangen Umtriebe Serbiens gegen uns. Veranlassung: Die Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand und seiner Gattin durch die von Serbien gedungenen Meuchelmörder. Es wird sich wohl Jeder der kraftvollen Note unserer Regierung erinnern, die Freiherr Baron G i'esl am 24. Juli 1914 der serbischen Regierung in Belgrad überreicht hat, worin die Geschichte der letzten Zeit, mit Akten belegt, dargestellt wird. Noch unvergeßlicher wird aber das herrliche Manifest unseres erlauchten Kaisers vom 29. Juli 1914 sein, welches ebenfalls diese Geschehnisse erwähnt. 2. Unser und Deutschlands Krieg gegen Rußland, Frankreich und England. Ursache: Rußlands Bestreben auf Vernichtung Oesterreich-Ungarns; Englands Bestreben auf Vernichtung Deutschlands (des unbequemen Konkurrenten zur See); Frankreichs Bestreben auf Wiedergewinnung von Elsaß und Lothringen. Veranlassung: Unsere Kriegserklärung an Serbien, sowie die Bundestreue Deutschlands, das nicht zulassen wollte, daß man uns an der Züchtigung der Mörder verhindere. (Man lese die Depesche des Zaren: „Ein schmählicher Krieg wurde einem schwächlichen Staate erklärt", und die Antwort des deutschen Kaisers, welche dem heftig entgegentritt.) So sehen wir, daß eigentlich die Bluttat von Sarajevo den heutigen Weitkrieg hervorgerufen hat, weil Serbien, das diesen Mord veranlaßt und zur sicheren Vollstreckung beigetragen hat, von drei Groß-