Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1914-09-04 · Heft 18 (4.9.1914) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 18 (4.9.1914)
Date
1914-09-04
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2425679-2425912-2425930--2976-2429525
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 »Neue National-Zeitung« Nr. 18. warten zu dürfen, was auch geschah. Bei Eintreffen der Truppe meldete ich mich 'beim Obersten, der mich gleich nach den Namen meiner Vorgesetzten befragte. Trotz der zutreffenden Antworten schenkte er mir kein Vertrauen und verlangte mir die Meldung ab. Daraufhin machte ich den Oberst auf das dem Kriegsrate verpfändete Offiziers-Ehreinvort aufmerksam, wonach ich die chiffrierte Meldung ausschließlich nur dem Feldzeugmeister von B e n e d e k behändigen darf . . ferner berief ich mich auf das Dienstreglement, laut welchem er mich — selbst für den Fall, als ich wirklich Spion wäre — dem Annee-Ober-Kommando zu übergeben habe. zumal dies mein ausgesprochener Wunsch war. Hierauf zog der Oberst seinen Säbel und drohte mir mit der Durchbohrung. Ich entgegnete: „Herr Oberst! Wir stehen vor dem Feinde und haben unsere Säbel nicht gegen Unbewaffnete und zum Brudermord schärfen lassen. Die Angelegenheit ist viel zu ernst und jede Minute kostbar, daher ich .bei Umgehung des Gesetzes und Nichteinhaltung des gegebenen Ehrenwortes — nur um die Mission zum Wohle der Armee auszuführen — dem Herrn Obersten die hochwichtige Meldung unter der Bedingung übergebe, dieselbe bei Verpfändung Ihres Ehrenwortes, in Gegenwart des versammelten Offizierskorps, dem Armeeoberkommandanten von Benedek ohne Verzögerung zukommen zu lassen. Der Oberst gab den Offizieren sein Wort, die Depesche sofort ihrer Bestimmung zuzuführen, ich jedoch wurde unter starker Bedeckung nach Hohenstadt transportiert. Ich kann von Glück reden, daß die Eskorte eine so starke war. da die Zivilbevölkerung in Hohenstadt, die schon von der Gefangennahme eines Spions Kenntnis hatte, mich sonst gelyncht hätte. Es war nachmittags 6 Uhr. a 1 s ich, geke t tte t, in einen Kerker geworfen und meinem Schicksale überlassen wurde. Infolge der großen Erschöpfung übermannte mich der Schlaf, aus welchem ich um 11 Uhr nachts durch Knarren der Türe plötzlich geweckt wurde. Auf der Schwelle erschien der Profoß, der mich, seiner Pflicht entsprechend und die Ketten verlängernd, zur Bekanntgabe meiner letzten Wünsche und zur Verrichtung meines letzten Gebetes aufoöer »Am ...... feierlicher Einzug der Stierwascher in St. Petersburg«. > Am*...... Platzmusik in St. Petersburg", v\Vir ziehen in öen Krieg Unö holen uns öen Sieg, Wir marschieren in Rußland ein, Der Kreml muß unser sein.' 4. Auf einem Zug mit Artillerie: Wir kommen mit Kanonen Euch nach Gebühr zu lohnen Und was wir jetzt beschwören. Der Himmel mög' es hören. Hüt' öich Serbe, hüt' dich Ruß, Treffen wird ein jeder Schuß! 5. Auf einem Zug mit Linz er Landwehr; Mit Gott für Kaiser und Vaterland Zur Sühne für Franz Ferdinand! 6. Sehr häufig firtöet sich öer Kernspruch: 3eöer Schuß ein Ruß, Jeder Stoß ein Franzos! 7. Aur einem Waggon sah ich folgende Zeichnung: Ein riesengroßer Tiroler Schütze in voller Ausrüstung wirö von einem kleinen Männchen, das unverkennbar bie Züge König Peters trägt, mit einer iangen Nadel in Die Waöe gestochen. Dabei stehen öie U/orte: Was willst du, Knirps, von Österreich? 8. Ein häutiges Bilö: Prinz Georg von Serbien über eine Bank gelegt, wirö mil einem spanischen Röhrl gewichst. Dazu öie Bemerkung: Prinz Georg erhält Unterricht in Anstand und guten Sitten. forderte, da ich zum Tode durch den Strang v c r urteil t w ä r e. Während dieser Mitteilung hörte ich den von weither kommenden Ruf: „Herr Leutnant üoldsiein!" Ich traute meinen Ohren nicht, als sich aber der Ruf wiederholte, antwortete ich: ,.H i e r!" Die Situation erkennend, kommandierte ich dem beinahe in Ohnmacht gefallenen Pro-, fosseh: ..Eisen ab, vorwärts mit der Laterne!'' und als wir beim Kerkerausgang anlangten, übernahm mich der Oberstadjutant des Fürsten Thum-Taxis und sprach: „H err Leu t n a n t. w i r b e d a u e r n diesen u n a n g e n e h m e n F a 11. Hie r behändige ich Ihnen die Meldung und wollen Sie Ihre Mission nach Tunlichkeit erfüllen. Sie sind jedoch erschöpft, haben schon lange keine Nahrung zu sich genommen, kommen Sie mit mir in' einen nahegelegenen Gasthof, wo die Herren Offiziere Versammelt sind. Sie werden dort speisen." Im Gasthofe angelangt, stellte er mich den dort versammelten Offizieren der Brigade vor. Nur der ebenfalls anwesende Oberst Schiller schlug die Augen nieder. Ich jedoch, schritt auf ihn in großer Aufregung zu, und mich vorstellend, meldete ich gehorsamst: „So wie ich bisher meiner Soldatetijpflicht nachgekommen bin, in der Weise werde ich es auch für die Folge tun, und werde es gewiß nicht unterlassen, das Vorgehen des Herrn Obersten, eventuell allerhöchsten Ortes anzumelden." Mich verneigend, verließ ich den wortlosen Oberst und nahm am Tische zur Seite des Oberstadjutanten Platz, um endlich einmal etwas zu genießen. Da ich jedoch absolut keinen Appetit hatte, entfernte lieh mich ohne jede Nahrung, um mit dem bereits requirierten Wagen die Reise nach Olmütz fortzusetzen. Morgens S Uhr in Olmütz angelangt, wo auch bereits das Oberkommando eingetroffen war, meldete ich mich bei Sr. Exzellenz dem Feldzeugmeister von Benedek und wurde sofort vorgelassen. Der Armeekommandant kam mir entgegen, wartete gar nicht die Meldung ab, und, meinen Kopf streichelnd, sprach er: „Herr Leutnant, ich habe gehört. Sie wären verwundet!" Darauf erwiderte ich: „Körperlich nicht, aber seelisch," und erzählte die Affaire mit dem Obersten Schiller. Se. Exzellenz," nach meiner Mitteilung 9. Viele Züge tragen beöruckte Zettel: Es ruft der Kaiser, es ruft die Pflicht, Lebt wohl Ihr Lieben, vergess't uns nicht! 10. Unter dem Bilöe eines großen Bären stehen öie Worte: Der russische Bär brummt, aber beißen kann er nicht. 11. Der großen Hetzjagd gegen öen Zweibunö trägt folgenöer Spruch Rechnung: jeder Schuß ein Ruß, Jeder Stoß ein Franzos, Jeder Tritt ein Brit, Die Serben tauen wir in Scherben Und dem Japaner brechen wir die Baner! Audi aus öen Worten, öie man so zu sagen im Fluge erhaschen kann, spricht Kampfesmut, Frohsinn unö Begeisterung. >Zu Weihnachten san mir längst da.- Die Christbäum' bringen wir von Petersburg.' -Wir nermen den Russen die Pelze weg und bringens Euch. 'Richts Fassein her für die Russenu. s. i. Unö so rufen auch wir aus vollen Herzen unseren Braven nach, was auf nahezu jeöem Zuge angeschrieben steht: Ii o ch Ost e rre i ch! Hodi öie Armee! Auf Wieöersehen nach Ruhm unö Sieg! F. auf das Aeußerste aufgebracht, versprach mir Satisfaktion. Ich bat noch, mich mit der Ueberbringung der Rückantwort zu betrauen, worauf er folgendes erwiderte: „Nein, Herr Leutnant! Einen solch aufopferungsvollen Offizier setzen wir nicht in ehr der Gefahr aus. Ich werde Ihnen ein Zimmer anweisen lassen. Ruhen Sie aus und morgen werden Sie mit einem Schreiben von mir an Se. Exzellenz Creneville nach Wien abreisen." Ignaz Q o 1 d s t e i n, geb. 1838 in Alt-Becse, Ungarn, wurde März 1859 zum Infanterieregiment Nr. 6 assentiert, kam 1860, gelegentlich der Neuorganisation der Infanterietruppe zum Infanterieregiment Nr. 23 und wurde am 1. Mai 1866 Leutnant. Am 31. Dezember 1866 quittierte er, mangels Heiratskaution gegen eine einjährige Gageabfertigung den Militärdienst, ohne Beibehalt des Oifizierscharakters. Durch kaiserliche Gnade wurde dem alternden, in beschränkten Verhältnissen lebenden Veteranen August 1903' •eine Gnadenpension von jährlich K 400.— gewährt und diese April 1907 auf K 750.— erhöht. Er starb am 3. Mai 1909 in Budapest. Die Kriegshilfsaktion öes WienerKultusvorstanöes. Wien, den 1. September. Angesichts der infolge eingetretener wirtschaftlicher Stagnation immer mehr um sich greifenden Erwerbslosigkeit Tausender jüdischer F a m i l i e n, hat Vize-Präsident Dr. Gustav Kohn, als derzeitiger Vorsitzender des Kultusvorstandes, eine Hilfsaktion eingeleitet. Zu diesem Zwecke haben bereits unter seinem Vorsitze im Sitzungssaale des Kultusvorstandes mehrere Versammlungen stattgefunden, an denen auch Delegierte der Bezirks-Kommissionen und der jüdischen Wjohltätigkeitsvereine teilgenommen haben. Es liegen mehrfache Anregungen vor, welche speziell gebildeten Komitees zur Durchführimg überwiesen wurden. Als erste Aktion gilt jedoch die Verpflegung der vollständig Mittel- Der erste jüdische Soldat in der österreichischen Armee.*) (Eine Geschichte vom Kaiser ]osef II.) Es gab eine Zeit in Osterreich, in öer eine große Frage alle Gemüter bewegte, öie Frage war öie Emanzipation Öer ]uöen. Kaiser Josef öer II. hatte für öie Protestanten Ungarns ein Toleranzpatent erlassen. Der Monarch, öer eine so schwerwiegenöe Tätsache vollbracht, konnte, öas fühlte man allgemein, öie ]uöenfrage nicht vertragen, mit jeöem Tage erwartete man eine Allerhöchste Entscheiöung. ]eöer glaubte öen Gedanken öes Kaisers erraten zu können, öaher öebattierte man allenthalben üöer öiese Angelegenheit. Am hitzigsten wuröe öie Frage im >HilgeImannischen Kaffeehause< nächst öer Sdilagbrücke in öer Leopolöstaöt erörtert, woselbst viele Juöen zusammenzukommen pflegten. Das » Wienerische Diarium , ein Zeitungsblatt, öas öazumal zweimal in öer Woche ersdtien, wuröe öaselbst vorgelesen unö öer Freimut, mit welchem es öie Toleranzfrage erörterte, machte öorl einen angenehmen Einöruck. Es war kein Geheimnis, öaß Herr von Sonnenfeis ein erlauchter Staatsmann, öer von jüöiscnen Eltern stammte, ins >Dariumsdirieb unö man glaubte allgemein, öaß öieser ausgezeidmete Reditsle'i.rer an öer Wiener Fakultät, öer mit öer Abfassung öes Judenunö Toleranzgesetzes betraut war. öem Publikum in öiesem Blatte Anöeutungen über öen Geist öes zu erwartenöen Patentes machen wolle. Eines Tages beianö siri-i in öer Gesellschaft beim Hügelmann ein Herr, öer sich öem Wettstreit *) Mit öem Toleranz-Eöikt öes Kaiser josei II. vom 1 September 1788 wuröen öie Juöen zur Militäröienstpflicht herangezogen. Darin heißt es, öaß >öer ]uÖ ohne weiters zu allem verwenöet weröen solle, was jeöem Mitbürger öes Staats obliegt.'. Anm. der Reö.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.