Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 18 (4.9.1914)
- Date
- 1914-09-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 18 »Neue National-Zeitung« Seite 3 Andere Fürsten sorgen daiür, daß es-ihren Untertanen auf Erden wohlergehe und daß sie sich an die so rasch vergänglichen Freuden des Daseins klammern. Das wahre Glück des Menschen aber besteht, das lehrt dich deine Religion, bloß in dtm Gedanken an Gott, lediglich in der Vorbereitung für eine andere bessere Welt. Genuß und Freude, das wissen wir Alle, lenken den Menschen häufig von seiner hohen Bestimmung ab, während Leiden und Schmerzen ihn zu Gott zurück führen. Du Zar, hast dich nur darum bekümmert, daß wir stets durch Leiden, Schmerzen und Qualen an Gott erinnert werden. Du Zar, hast immer daran gearbeitet, daß wir nicht durch irdische Genüsse, durch vergängliche Freuden verwöhnt, der wahren Glückseligkeit verlustig werden, die erst das Jenseits gewährt. Du Zar, hast uns gelehrt, das irdische Leben zu verachten, für nichts zu nehmen! S o bist du unser Wohltäter geworden! Und das möge.dir vergolten werden so wie du es verdienst! Dir undall den Deinen! G. 'Engelsmann. Jüdische Kriegshelöen.*) ii. Leutnant Ignaz Goldstein. (K. U. Militär veröienstkreuz mit 5 er Kriegsöekoration.) Antritt. Punkt 12 Uhr nachts fiel vor den Kasematten, wo wir versammelt waren, eine Bombe., die mich allerdings auch zum Aufbruch mahnte. Bei der Endwache angelangt, erhob sich ein schrecklicher Sturm. Der Regen goß in Strömen, eine dichte Finsternis umgab mich. All dies war augenscheinlich zu meinem Vorteile, da ich in dieser Stockfinsternis die feindlichen Vedetten ungesehen durchbrechen konnte. Allerdings hätte es auch zu meinem Nachteile ausfallen *) Wir setzen nunmehr öie Beschreibung öer heldenmütigen Tat 3es jüöischen Leutnants Ignaz Qol5stein, der sich als Bauer verkleidet unter Lebensgefahr aus öer belagerten Festung Königgrätz öurch öie feinöliche Armee öurchschlich, um zum Oberkommanöantert Beneöek mit Nachrichten zu gelangen, fort. Diese ungemein packenOe Schilöerung ist vom Leutnant Goldstein selbst verfaßt, wirö aber zum ersten Mal von uns veröffentlicht. Die Redaktion. können, denn gewöhnlich werden die Vedetten bei stürmischem Wetter zusammengezogen. Die Ausiallsstraße konnte ich selbstredend nicht benützen, mußte mich daher auf. das Durchschwimmen des die Festung umgebenden Innundationsgrabens verlegen. Als Wegweiser dienten mir Blitz und Donner. Beim jeweiligen Zucken der Blitze konnte ich die Vedetten beobachten, und setze, das Wasser verlassend, bei der Wache vorbei, meinen Weg eine volle Stunde kriechend fort, bis ich zu einem Graben gelangte. Hier suchte ich mich zu orientieren, infolge der großen Finsternis waren meine Bemühungen jedoch erfolglos, weshalb ich den Weg aufs Geradewohl fortsetzte. Plötzlich gewahrte ich mich in einem Obstgarten, suchte und fand auch alsbald eine Straße. Als ich dieselbe betrat, kam rr/ir eine feindliche Patrouille entgegen. Obwohl auf eine solche Begegnung nicht gefaßt, fertigte ich den mich anhaltenden Führer in der ihm unverständlichen slavischen Sprache kaltblütig ab. und er ließ mich hierauf ohne weiters meines Weges ziehen. Bemerkenswert ist. daß mir der Kriegsrat bei Uebernahme der Mission die Lage des Armee-Ober-Kommandos nicht .präzisieren kennte, sondern mir auftrug, den Weg eventuell gegen Olmütz zu nehmen. Auf der Landstraße meinen Weg erschöpfend fortsetzend — es war inzwischen 8 Uhr morgens geworden — traf ich einen Bauer, an der Hand ein Pferd führend, dem ich verständlich machte, mir das Pferd £egen Entlohnung auf mehrere Stunden zu überlassen. Diesem Auftrage wollte sich der Mann, sicherlich wegen meines nicht geradezu vertrauenswürdigen Aussehens, nicht anpassen, sondern verkaufte mir den Gaul zu dem unverhältnismäßig hohen Preise von 200 Kronen. Mich auf das Pferd schwingend, ritt ich einem Walde zu, um mich auszuruhen. Ich ließ das Pferd los, damit es grase. Diese Unvorsichtigkeit sollte den Verrat zur Folge haben. Nachdem ich einige Stunden geruht hatte, ging ich. das Versteck verlassend, mit großer Vorsicht und doppelten Schritten der Landstraße zu. Nachmittags 2 Uhr bei einer Bahnstation angelangt, erblickte ich das Nahen einer Kavallerie-Patrouille (Rotmäntler). Ich flüchtete mich in einen mehrere 100 Schritte entfernten Wald, erkletterte einen hohen Baum, wo ich mich zwei Stunden aufhielt, und wo ich auch mein Schicksal abwartete. Die Patrouille durchsuchte den ganzen Wald, woraus hervorgeht, daß sie von dem Pferdehandel Kenntnis hatte und micht verfolgte. Alsbald stieß sie jedoch auf eine österreichische Patrouille, und zog sich nach einem stattgefundenen Geplänkel zurück. Ueber diesen Vorfall sehr erfreut, verließ ichmeine Warte, um mich in ein .nahes Kornfeld zu begeben. Voll Vertrauen, den feindlichen Rayon glücklich passiert zu haben, schritt ich nun aufs geradewohl einem Städtchen zu, wo ich zu meiner großen Freude unsere Kavalleriebrigade F ü r st'Th u r n-T ax i s antraf. Sofort meldete ich mich bei Sr. Durchlaucht, zeigte die chiffrierte Meldung und bat, mich nach .Olmütz zum Armeekommando zu begleiten, oder aber mir ein Reitpferd zur Verfügung stellen zu lassen, da ich erschöpft und ohne Nahrung den Weg zu Fuß nicht machen könnte. Während Se. Durchlaucht betreffs meiner Person seine Befehle erteilte, wurde Alarm geblasen. Alles verlor den Kopf und ich stand ratlos da. Die Brigade setzte sich in Bewegung und ich war infolge der großen Müdigkeit außerstande, derselben zu iolgen. Ich schleppte mich nun zum Dorfe hinaus und traf außerhalb der Gemeinde, wo ich auf einen Feldbrunnen stieß und meinen Durst löschen konnte, eine Frau, die mir auf Befragen andeutete, den Weg nach Olmütz der Bahnstrecke entlang zu nehmen. Dort jedoch hielt mich ein Bahnwächter an. und. da ich mich nicht verständlich machen konnte, wollte er mich verhaften, worauf ich ihm aber einen heftigen Bruststoß versetzte und meinen Weg weiternahm. Kurz nach diesem Zwischenfall hörte ich hinter mir Pferdegetrappel und den Ruf: ..Halt!" Der Anrufende war der Adjutant des 0 b e r s t e n S c h i 11 e r, welcher die Avantgarde eines Jägerbataillons befehligte. Derselbe verfolgte mich auf die Veranlassung des Bahnwächters, welcher der sich zurückziehenden Brigade entgegengeeilt war und gemeldet hatte, daß sich auf der Bahnlinie ein Spion herumtreibe. Auf die Fragen des Adjutanten präzisierte ich den Zweck meiner Reise, und, da er mir Vertrauen schenkte, bat ich. mich mit Rücksicht auf meine große Müdigkeit nicht zuriiekzudirigieren, sondern die Truppe aballe mit Liebesgaben v/ersehen, öie den wakkeren Kriegern rasch in öie Waggons gereicht werden. Wein, Bier, Obst, Fruchtsäfte, Backwerk, Zigarren, Zigaretten, Blumen regnets förmlich. Ich kenne Familien, öie nichts tun als Zigaretten für öie Soldaten stopfen, in anderen werden Schinkensemmeln gestrichen, dort süßes Backwerk erzeugt. Kleine Kinder bitten um die Erlaubnis, ben Soldaten die guten Sachen hineinreichen zu dürfen. Ich selbst sah einen vierjährigen Knirps, der seine Mutter und Tante gequält hatte, recht viel Zigaretten zu stopfen und ihn zum Bahnhof mitzunehmen, jedem Soldaten eine Zigarette überreichen mit den Worten »Aber Du mußt wiederkommen«. Einem Soldaten — es war ein Tiroler Kaiserjäger, ein wahrer Riese — standen die Tränen in den Augen, er hob den Kleinen in öie Höhe, küßte ihn und rief: »]a, Büble, wenn Du's sagst, muß i freili wiederkommen.« Wer nicht in der Lage ist, zu schenken, sucht dafür in anderer Weise seine Sympathie zu bekunden. Die langen Strecken, die öer Militärzug durchfährt, sind von beiden Seiten besetzt mit Menschen, die Tücher und Fahnen schwenken und unseren Braven durch Zurufe — »Heil«, »Heil und Sieg«, »Glück auf«, »Wiederkommen« —- ihre Abschiedswünsche mitgeben. Am meisten tun sich die Kinder, besonders die Buben hervor. Uberhaupt öie Buben! Kein Fangen, kein Ballspiel mehr, Krieg, Krieg und wieder Krieg. Und dab&i sprechen diese Rangen wie Erwachsene. Ich habe auf einer Wiese eine Schar Buben beobachtet, die Solöätenbilöerbogen ausschnitten. Osterreichische, deutsche, italienische, japanische Soldaten wurden favorisiert. Als ich fragte, wo sie denn die Russen haben, erhielt ich öie Antwort »die haben wir verbrennt«. Es kamen ein paar rotröckige Figuren zum Vorschein (Engländer), da sagt einer der Buben: Dös san Engländer, die tan mer a weg. ]ubelnöer Beifall; die Engländer werden zerrissen und weggeworfen. Auf einer Wiese nächst der Verbindungsbahn lagern Buben. Die Zeit zwischen zwei Militärzügen vertreiben sie sich mit der Herstellung kleiner Festungen. Ein alter Offizier tadelt die schleuderhafte Arbeit und erhält die Antwort: »Dös san russische Festungen und öö san alle nix wert.« IV. Die Solöaten. Die Hauptakteure in diesem großen Spiele habe ich mir für öen Schluß aufgehoben. — Wer den ]ubel, öie Begeisterung sieht, mit der unsere Krieger in die Ferne ziehen, muß sich sagen, unsere Sache ist in guten Händen. Wenn ich hie und da eine Straße passiere, wo ein Militärzug vorüberfährt, sehe ich unter den vielen Zuschauern ältere Herren, denen man öen alten Offizier schon von weitem ankennt. Ich freue mich immer, wenn ich an ihrem Schmunzeln das Vergnügen sehe, Öas sie bei diesem Anblick empfinden, haben sie ja auch in ihrer Dienstzeit an der Ausbildung dieses Heeres mitgewirkt und die bisherigen Erfolge mit vorbereiten geholfen. Auch das in öer Nähe gelegene Versorgungsheim stellt ein stattliches Kontingent von Zuschauern, öie noch von 1866 und 1878 zu erzählen wissen. Hocherfreulich ist der glänzende Geist unserer Truppen. Die Waggons sind mit Laub, mit Fahnen, mit Kaiserbildern geschmückt; lachend, jubelnd und fahnenschwenkenö werden die Grüße und Zurufe erwidert. Auch öer berühmte österreichische Soldatenhumor kommt zur Geltuug. jeder Zug, jeder Waggon enthält eine Fülle von patriotischen, oft ernsten, oft spaßhaften Bemerkungen, dazu manchmal recht gelungene Zeichnungen. Daß Zar Nikolaus, König Peter und Prinz Georg von Serbien dabei schlecht wegkommen, ist selbstverständlich. Vieles hievon ist schon veröffentlicht worden, ich habenur einige Sachen notiert und will sie hier zum besten geben. 1. Eine Zeichnung stellt einen österreichischen und einen deutschen Soldaten dar, die sich brüderlich öie Hände reichen. Darunter der Vers: Ob Barbarei auch um uns gellt, Wir bleiben öoeh öie Alten, Wir fürchten Gott, sonst nichts auf öer Welt, Wenn wir zusammenhalten. 2. Auf einem Zng mit Kaiserschützen: Ruß, öös wirö öir gar nix Montenegro hilft nützen, Serbien hilft Bisher hast no not viel Belgien hilft > g'segn, Frankreich hilft Kommen erst Tirolerschützen England hilft Dann is aus mit öir und g'schegn. 3. Auf einem Zug mit Salzburger Solöaten: »Ruß, g'freu öi, öie Stierwascher kommen*