Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 18 (4.9.1914)
- Date
- 1914-09-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 »Neue National-Zeitung« Nr. 18 Der Zar als „Wohltäter". Der schiei beispiellos grauenhatte, männermordende Krieg, der seit Wochen" so viele Ströme von Blut und Tränen fließen macht, hat, so unglaublich man dies auch halten sollte, durch manch« Begleiterscheinungen auch helles _ Gelächter hervorgerufen. Wem hat es nicht wenigstens einen Moment der Heiterkeit gewährt, als er z. B. viele Ta?e nach dem Falle von Lüttich gelesen, daß die französische Regierung, um der Nation diese Katastrophe zu verheimlichen, deren deprimierende Wirkung sie mit Recht fürchtete, unausgesetzt daran arbeitete, die heldenhaften Triumphe des unüberwindlichen Lüttich zu verherrlichen? Zuletzt kam noch, zur Krönung des Gebäudes: die Verleihung des Kreuzes der Ehrenlegion! Die französische Regierung hat seither, wohl schon aus begreiflichen Sparsamkeitsgründen mit der interessanten Neuerung, die Besiegten und Geschlagenen zu dekorieren, wieder gebrochen. Freilich, wo sollte auch eine solche Menge von Kreuzen der Ehrenlegion hergenommen werden? . . . Wen hat es nicht erheitert, als die großmäuligen Engländer, kaum daß sie gelandet, schon ein berühmtes Wort variierend, ausrufen durften: Ich kam, sah und wurde besiegt. Das hinderte allerdings nicht, zur weiteren Steigerung der Heiterkeit, daß der König von England ein paar Tage später bei einer anderen unpassenden Gelegenheit dem König der Belgier telegraphierte: „Mit Bewunderung folge ich den Ruhmestaten unserer Armeen!" Es ist ja wahr, wenn jeder telegraphieren darf was er will, kann auch der König von England telegraphisch sich so lächerlich machen wie ihm beliebt, aber selbst die phlegmatischesten Engländer, die ohnehin zuni großen, und man kann auch sagen, zum besseren Teile, diesen Krieg verabscheuen, werden sich verwundert gefragt haben, ob denn die verblüffende Schnelligkeit einer Niederlage auch schon eine so besondere Ruhmestat bedeute? Man weiß, daß England, das seine Macht auf dem Wasser sucht, keine großen stehenden Armeen kennt. Muß aber deshalb schon der König von seiner großen lairfenden Armee entzückt sein? . . . . Aber der Zar hat die Leistungen der französischen Republik und des Königs von England übertroffen. Er hat alle seine Bundesgenossen — geschlagen. Das laute Hohngelächter, das er durch seine Manifeste, Reden und Enunziätionen entfesselte, ist nicht so rasch verhallt, es s-ellt uns allen noch in den Ohren und man wird noch in den spätesten Zeiten davon sprechen. Die Versicherung des Zaren, daß es sein aufrichtiger Wunsch gewesen, den Frieden zu erhalten, ist allerdings von niemand Geringerem als dem Kaiser Wilhelm mit großem Ernst und ziemlich unzweideutig (durch die Veröffentlichung ihrer telegraphischen Korrespondenz) als eine dreiste Lüge gebrandmarkt worden. Aber wer konnte ■ernst bleiben, als der Zar offiziell erklären ließ, daß er einen Krieg begonnen, der das Ziel verfolge, „die Sicherung der politischen, moralischen und wirtschaftlichen Emanzipation der kleinen europäischen Staaten zu begründen." Der Zar, dessen ganze Politik in seinem eigenen großen Reich dahin zielt, aus der Knebelung und Unterdrückung ein System zu machen, stellt sich plötzlich der Welt als Befreier der kleinen Staaten vor! Der Zar, der nicht genug Gefängnisse für die Besten seines Landes erbauen lassen kann, als Förderer und Schützer der Emanzipation in anderen Ländern! Ist das nicht eine Posse? Die „kleinen Staaten*' haben allerdings schon bei früheren Gelegenheiten erfahren, wie der Zar tatsächlich ihr Bestes will! Rumänien, das im Jahre 1877 durch seinen heldenmütigen Beistand die nissische Armee im Kampf gegen die Türkei vor einer schmachvollen Niederlage errettet hat, mußte dies mit dem Verlust von Bessarabien bezahlen. Bulgarien ist, weil es dem Zaren so gefiel, im zweiten Balkankrieg zerschmettert worden. Aber auch Serbien, das momentan als das gefügige Werkzeug Rußlands für seine meuchelmörderische Tätigkeit mit schönen Worten regaliert wird, ist früher wiederholt schon von Rußland in den kritischesten Momenten im Stiche gelassen worden .... Mit schönen Worten und gleißnerischen Versprechungen hat Rußland nie gespart, und wenn man mit dieser Münze zahlen kann, dann wird Frankreich seine Milliarden erstattet bekommen . . . Der Zar hat ja beim Ausbruch des Krieges selbst den Versuch nicht gescheut, in einem Aufruf an die Polen, diese mit den schönsten Verheißungen zu ködern. Glaubt der Zar wirklich, daß die Polen, die in seinen Vorgängern wie in ihm bluttriefende Henker erblicken, die ihre edelsten Männer einkerkern, martern, töten, ihre Frauen und Töchter mißhandeln ließen, -für die heuchlerischen von der Not der Zeit erpreßten Versprechungen eine andere Antwort als ein Lachen der Verachtung haben würden? Wenn der Zar dies glaubte, dann hat er damit nur verraten, wie fremd, wie verständnislos er allem gegenüber stehe, was mU der Wahrheit irgendwie zu schaffen hat. Die Polen hat der Zar, um sich ihrer patriotischen Treue zu versichern, auf die — Zuk u n i t verwiesen, in der sie so viel Gutes und Herrliches von ihm zu erwarten hätten. Kann diese Tartufferie überboten werden? Der Zar kann alles. Er hat auch ein Manifest an die Juden gerichtet, in welchem er sie zur begeisterten Hingebung und todesmutigen Opferbereitschaft auffordert, indem er sie an die Wohltaten erinnert, deren sie sich auch in der — Vergangenheit unter seiner Herrschaft zu erfreuen hatten! Der Zar als Wohltäter der Juden! Derselbe Zar, unter dem die unglücklichen russischen Juden nicht nur der Bürgerrechte, sondern auch aller Menschenrechte beraubt, ein kummervolles, von steter Sorge um Existenz und Leben bedrücktes Dasein führten! Derselbe Zar, auf dessen Stirne unauslöschlich das Kainszeichen aufgeprägt bleibt, daß die blutrünstigsten Mordhunde. die in Kischinew und noch so vielen" russischen Orten wüteten, in ihm ihren Schützer und Gönner verehren durften, der sie mit seiner; Gunst und gelegentlich auch mit seinen Orden auszeichnete! Der Pogrom-Zar als Wohltäter der Juden! Uebrteens, wenn der Zar das unabweisbare Verlangen haben sollte, von seinen „lieben Juden" als Wohltäter gefeiert zu werden, könnte ihm auch geholfen werden. Sie könnten ihm ihre Zustimmung zu dieser Rolle etwa in folgender feierlicher Weise aussprechen: An unseren lieben Zar! Du hast verlangt, daß wir dich als unseren Wohltäter preisen und loben. Ja, du bist es, du warst es immer und würdest es, wenn es nach dir ginge, immer bleiben l Feuilleton. Kriegsbilder aus einer friedlichen Gegenö. (Betrachtungen eines Zurückgebliebenen.) Der Kaiser hat seine Solöaten zur Fahne gerufen. Willig folgten alle Völker öieses großen Reiches Öem Rufe, jubelnd ziehen sie hinaus zum Kampfe für Kaiser unb Vaterlanö, für Freiheit unö Recht! Der Kriegszustand hat ganze Europa auf den Kopf gestellt, darf man sich öa wunöern. wenn öer Bezirk, in öem ich wohne, fast nicht zu erkennen ist. Der Bezirk wird von vielen an Öie Staöt gefesselten Wienern als Landaufenthalt gewählt und er verdient es; außerdem ist er im Aufblühen als Cottageviertel und sehr gesucht, weil er eine ausgezeichnete Verbindung mit öer Stadt — gehabt hat. Elektrische Linien hat ja jeder Bezirk, aber dieser bot außerdem die Möglichkeit, die Stadtbahn und die Verbindungsbahn zu benützen; jetzt ist es anders, die Bahnen führen statt arbeitslustiger Bürger nur kriegslustige Soldaten und da mir mein Beruf gestattet, bloß zeitweise in die Stadt zu kommen, mache ich im Bezirke Lokalstudien, die ich dem geehrten Leser nicht vorenthalten will. - I. Im Kaffeehause. Die sonst schon recht gut besuchten Kaffeehäuser sind jetzt voll. Speziell des Morgens und zur Zeit, wo die Abendblätter kommen, drängt man sich, um Neues zu erfahren. Witzblätter, Sportzeitungen, Modejournale, auch Fachblätter modern im Winkel, begehrt werden nur Tagesblätter und illustrierte Zeitungen; selbst Damen studieren emsig die Nachrichten von den Kriegsschauplätzen und sonderbar, auch die wildesten Zeitungsmarder sind zahm geworden, sie begnügen sich mit einer Zeitung und lassen auch anderen Gästen etwas zukommen. Und wie des Kaisers Manifest alle Völker geeinigt hat, so brachte auch die große Zeit Gäste, die sich sonst ferne standen, näher, man diskuriert, diskutiert und debattiert mit Fremden, man tauscht Nachrichten aus und bespricht alle »Für und Wider«. II. Auf Den Sportplätzen. Im Bezirke sind mehrere schön und gut eingerichtete Spielplätze, die sich starken Zuspruches erfreuten. Sie sind fast verödet. Viele Spieler, die sich am Tennisplatz oder Fußballplatz einen Namen gemacht haben, haben sich jetzt anderer Bälle zu erwehren, die nicht ein game oder goal, sondern vielleicht das Leben kosten. Auch den Zurückgebliebenen scheint die Stimmung zu fröhlichem Spiel zu fehlen — die Zeit ist zu ernst. Zudem hat man was anderes zu tun. III. Die Bevölkerung. Was tut man also? Man dient dem Vaterlande. Das Wort vom »goldenen Wienerherz« hat in diesen Tagen so recht seine Weihe erhalten. Wer nicht ins Feld gerückt ist, wer nicht als Landsturmmann oder uniformierter Schütze irgendwo Wache hält, macht sich nützlich. Die sporting-ladv scheint verschwunden, Mädchen und Frauen besuchen Pflegerinnenkurse, helfen in Kinderheimen und wie stolz sind sie, wenn sie sagen können »ich habe Dienst«. Mit gleichem Stolz tragen die Schüler öie schwarz-gelbe Binde des Schülerhilfskorps, wenn sie sich begegnen, sprechen sie nicht von Spielen oder Ausflügen, sondern tauschen ihre Erlebnisse vom Nordbahnhofe, vom Matzleinsdorfer Bahnhofe, vom Roten Kreuz und so weiter aus. Ja, noch mehr! Eine stillstehende, abseits liegende Fabrik ist als Notspital bestimmt und da arbeiten Schüler unter technischer Leitung an der Herstellung einer Zufahrt. Und die Wiener Frauen I Tapfer verbeißen sie den Schmerz um die fernen Söhne unö Gatten, sie helfen so weit sie können minderglücklichen Schicksalsschwestern, sie verköstigen Kinder von Müttern, die einem Erwerb nachgehen müssen, beaufsichtigen sie und erleichtern nach Kräften ihr schweres Los. Man sagt öer Wiener Bevölkerung nach, sie müsse stets dabei sein, wo es was zu sehen gibt und so sind denn die großen Truppenansammlungen und -Durchzüge ein willkommenes Schauspiel. Aber nicht bloß Neugierde treibt die Wiener dorthin. Es ist stets damit der Gedanke verbunden, den braven Vaterlanösverteidigern ihre Freundschaft zu beweisen, nein, auch sie praktisch zu betätigen. Ich habe schon früher der Verbindungsbahn erwähnt, die jetzt nur Militärtransporten dient. Auf einer im Bezirke gelegenen Bahnstation halten alle Züge, -weil dort eine Lokomotive vorgespannt werden muß, um die Züge über eine ziemlich ansteigende Strecke zu bringen. Und auf dieser Station sammeln sich bei jedem Zuge hunderte von Menschen, fast