Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 16 (14.8.1914)
- Date
- 1914-08-14
- Page
- Seite 126 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 126 ■Neue_ National-Zeitujig" ISr. 16 II. Klasse. China- und Afrika-Kriegsfreiwillige jüdischen Glaubens rekrutieren sich aus allen Teilen Deutschlands. Da die Liste möglichst vervollständigt werden soll, richtet der Deutsch-israelitische Cemeindebuud an seine Bundesgcnieinden sowie an die staatliche Behörden für jüdische Angelegenheiten nunmehr die Aufforderung, den „Zentralvcrein" bei diesem Vorhaben zu unterstützen. Oberrabbiner Jecheskel Landau an die jüdischen Soldaten! (Eine Remii 11 i s ze u z.) Als im Jahre 1789 zum crstenmale jüdische Soldaten in Frag ausgehoben wurden, begab sich der damalige Obcrlabbinet, der berühmte Ii. Jecheskel Landau, zu ihnen in die Kaserne, übergab einem jeden von ihnen — es waren 25 Mann — ein Bündel Zizith, ein paar Tefillin, ein Gebetbuch und vier üulden in barem Geld und hielt an sie eine ergreifende Ansprache, die auch auf die anwesenden andersgläubigen Soldaten und die Vorgesetzten einen tiefen Eindruck machte. Sie ist bereits verschiedentlich — mehr oder minder vollständig — veröffentlicht; da sie in manchen Einzelheiten, wenn auch natürlich vieles unter den gänzlich veränderten Verhältnissen unanwendbar ist, auch heute nichl ohne Interesse ist, verdient sie wohl, in diesen Tagen allgemeiner Beteiligung jüdischer Männer an den kriegerischen Bewegungen neuerdings bekannt zu werden. Sie lautet nach der von Kainelhar vor einigen Jahren erschienenen Biographie Landaus folgendermaßen: „Meine Brüder, die ihr immer meine Brüder wart, es noch jetzt seid und es immer sein werdet, solange ihr fromm und rechtschaffen handelt! Gott und unser allergnädigster Kaiser will, daß ihr zu Heeresdienst genommen werden sollt. Schickt euch daher in eurer Schicksal, folgt ohne Murren, gehorcht euren Vorgesetzten, seid treu aus Pflicht und geduldig aus Gehorsam, vergesset aber nicht eure Religion. Schämt euch nicht Juden zu sein. Betet Gott täglich bei eurem Aufstellen an — denn Gottesdienst geht vor allem — der Kaiser selbst und alle seine Diener, die da hier gegenwärtigen (dabei machte der Redner eine Höflichkcitsvcrbeugung gegen die anwesenden Offiziere) und die nicht gegenwärtigen, beten täglich ihren Schöpfer an. Schämt euch dieser Zeichen der jüdischen Religion nicht (hierbei übergab er ihnen die obgcnaiinten Ritualien). Wenn ihr Zeit haben werdet, so betet alles, was eine jeder Jude, wie ihr wif.lt, zu beten schuldig ist, habt ihr aber nicht so viel Zeit übrig, so hetet wenigstens den Abschnitt: Sch'ma .1 i s r o e 1. Auch den Sabbat werdet ihr nach Vorschrift beobachten können (die Ansprache ist in Fliedenzeiten gehalten); denn, wie ich gehört habe, wird euch an desem Tage Arbeitsruhe gewährt werden; schmieret eure Wagen stets am Freitag vor Sonnenuntergang und tuet, was ihr könnt, schon am Freitag. Verbindet euch mit euren christlichen Kameraden und gewinnt ihre Zuneigung, dann werden sie eure Obliegenheiten am Sabbat bisweilen übernehmen und dafür tuet ihr am Sonntag ihren Dienst; denn sie sind gottesfürchtige Menschen und frommme Christen, die ihren Ruhetag nach Möglichkeit halten. Haltet euch fern von verbotenen Speisen, soweit und solange ihr es ermöglicht. Eeuer Kaiser hat in seiner Gnade befohlen, daß ihr nicht gezwungen werdet sollt, Fleisch zu essen; nähret euch mit Eiern, Butter und Milch und dergleichen Speisen, bis ihr an Orte kommt, wo Juden wohnen und ihr zu diesen mit Erlaubnis euer Vorgesetzten gehen könnt. Wenn einer von euch erkrankt, bemühe er sich, sich mit Tee zu begnügen, bis er genötigt ist, Suppe zu genießen. Kurz, seid gottesfürchtig, sündigt nicht und wendet euch nicht von dem angestammten Vätcrglaubcu ab. Im übrigen seid immer gottestreu im Herzen, weiche' nicht von dem Glauben eurer Vater und diesem unserem allcrgnüdigsten Laudcsfürsten mit gutem Willen und rastloser Tätigkeit. Erwerbt euch und unserer Nation Dank und Ehre, damit man sehe, daß auch unsere Nation ihren Landesfürsten und ihre Obrigkeit liebt und im Falle der Not ihr Leben aufzuopfern bereit ist. Ich hoffe, daß wir durch euch, wenn ihr euch ehrlich und treu, wie es jedem Untertanen zustellt, aufführt, noch jener Vorurteile werden entledigt werden, die uns zum Teil noch drücken. Und welchen Ruhm und welche Ehre werdet ihr alsdann nicht davontragen bei allen rechtschaffenen Menschen so gut wie bei euren Mitbürgern. Und hiermit will euch noch meinen aus eigenem Herzen emporsteigenden Segen aussprechen, will auf euch jene Ps'almverse anwenden, die auf unsere jetzigen Umstände passen: „Nicht möge;''ir Böses widerfahren und Plage möge deinem Zelte nicht nahen. Denn seine Engel entbietet er dir, dich zu behüten auf allen deinen Wegen. Auf Händen werden sie dich tragen, daß nicht an einen Stein dein Fuß stoße. Ueber Schakal und Natter wirst du treten, wirst zertreten jungen Leu und Drachen." Mit dem Priestersegen schloß der ehrwürdige Rabbi seine Ansprache; Tränen entströmten seinen Augen. Viele der Anwesenden warfen sich gleichfalls tief gerührt ihm zu Füßen und umfaßten seine Kniee, bis er auf Drängen seiner Freunde sich entfernte, während die anwesenden Bürger den Soldaten noch viele Liebesgaben reichten. Die Restaurierung der alten Synagoge in Krakau.*) Eines der geschätztesten altertümlichen Ueberbleibsel des alten Krakau, die sogenannte „alte Schul'" am Kasimir (das alte Judenviertel) hat eine verständnisvolle und sorgfältige Renovierung erlebt oder richtiger gesagt, diese Renovierung geht jetzt ihrer Vollendung entgegen. Die Restaurierung des kostbaren Andenkens aus der Zeit des Königs Kasimir, des letzten Sprößlings der Piastdynastie, wurde nach den Plänen und der Leitung des Architekten Siegmund Hendel, des Leiters der Erneuerungsarbeiten an der alten Krakauer Königsburg, durchgeführt. Von dem ehemaligen, von dem Protektor der Juden in Polen gestifteten Gebäude, waren nur die Grundsteine übrig geblieben. Der gegenwärtige Bau ist das Werk des italienischen Baumeisters Mateus Gucci aus dem Jahre 1520, wie dies eine Inschrift bekundet. Das Innere wird von einer großen länglichen Halle, die sich auf schlanken Steinpfeilern stützt, ausgefüllt. Von der Einrichtung des Tempels haben sich wunderschöne Hängeleuchter aus Messing, eine Kanzel aus Schmiedeeisen, mit Arabesken und Lilien geziert, die Ueberreste eines gemeißelten Altars aus dem 17. Jahrhundert, uralte, mit Gold und Silber durchwirkte Stoffe, silberne Gefäße und lithurgische Bücher erhalten. Auf einem Sammelbuch aus Stein ist eine biblische Inschrift aus dem Jahre 1407 eingraviert. Mit Rücksicht auf die spärlichen Gelder, die aus einer Subvention des Kultusministeriums, der städtischen Sparkasse und kleineren Spenden fließen, ging die Restaurierung nur langsam von statten. Die Fassade des Hauptgebäudes, von einer hohen Arkaden- *) Uebersetzt aus der polnischen Zeitschrift „Swiat". Eine Illustration dieser berühmten Synagoge haben wir in Nr. «4 des vorigen Jahres veröffentlicht. (Anm. d. Red.)