Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 16 (14.8.1914)
- Date
- 1914-08-14
- Page
- Seite 127 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit*» 127 attika gekrönt, ist fertig. Die Zubauten aus dem 17. und 18. Jahrhunderte wie auch aus letzter Zeit verschmelzen sich harmonisch mit dem Hauptkorpus, eine bewegliche und abwechslungsreiche Silhouette bildend. In der Zeiten Lauf hat die „alte Schul'", wie alle Monumentalbauten Krakaus, infolge der fortwährenden Erhöhungen der umliegenden Straßen und Plätze von ihrem ansehnlichen Eindruck, den sie früher, sich über das Niveau benachbarter Terrains erhebend, ausübte, eingebüßt. Gegenwärtig wurde das Terrain rings um die Synagoge bis zur Tiefe aus dem 16. Jahrhundert bloßgelegt und in dieser Vertiefung ein Oarten angelegt, der von einer schönen Einfriedung auf Mauerwerk aus Gestein eingefaßt wird. Nach einigen Jahren wird die Gartenvegetation mitsamt der Ziegelmauer der Synagoge eine der schönsten malerischen Straßenperspektiven Krakaus bilden. Während der Restaurierung wurde die Entdeckung gemacht, daß eine der Seitenwände der Synagoge von Seiten der Altweichselgasse eine ehemalige Umwallungsmauer der Stadt, mit in Stockhöhe erhaltenem Gange der Wache und Schießscharten, die aus dem 14. Jahrhunderte stammen, ist. Ein merkwürdiger Religionswechsel. Unter der Aufschrift „Une evolution religieuse" veröffentlicht der „Gil Blas" einen Brief des französischen Dichters Paul L o e w e u g a r d, dessen vor einigen Jahren erfolgter Uebertritt vom Judentum zum Katholizismus berechtigtes Aufsehen in den Pariser literarischen Kreisen hervorgerufen hat. Dieser Mann ist jetzt wieder zum Judentum zurückgekehrt und gibt in dem genannten Briefe, den wir in der Uebersetzung folgen lassen, eine, wenn auch nicht klare und erschöpfende, so doch in mancher Hinsicht interessante Rechenschaft über seinen Glaubenswechsel. Der Fall ist jedenfalls ein Beleg dafür, welche Verheerung die Unkenntnis jüdischer Dinge unter der akademischen Jugend anrichtet, und ein neuer Fingerzeig auf eine schwere Wunde im jüdischen Leben Frankreichs. Der Brief lautet: Paris, den 23. Juni 1914. An den Herrn Direktor des „Gil Blas", Unter dem zu schmeichelhaften Titel: Un nouveau Chateaubriand hat die „Libre Parole" und unter Aufschrift: „M. Loewengard s'est reconverti" hat die „Action frangaise" die Gelegenheit benutzt, daß ich fünf Jahre, nachdem ich in die katholische Kirche eingetreten bin, mich jetzt wieder zur Religion meiner Vater bekenne, um mich zu beschimpfen und meine aufrichtige religiöse Wandlung zu entstellen. Auf Beschimpfungen erwidere ich nicht Ich werde deshalb weder der „Libre Parole" noch der „Action francaise" antworten. Aber es gibt ein Publikum, ich habe Freunde, die ein Recht darauf machen, zu vernehmen, warum ich in die Kirche eingetreten bin und warum ich sie verlasse. Wollen Sie deshalb, geehrter Herr Direktor, die Güte haben, in Ihrem geschätzten Blatte diese kurzen Ausführungen zu veröffentlichen, die ich. für absolut notwendig erachte. Als ich mich 1908 zum Katholizismus bekehrte, war ich ein Heide, ein Nietzschianer, ein Jude, der obgleich aus dem Judentum „entwurzelt", dennoch von inneren religiösen Kämpfen zerwühlt war. In meinem Buche „La Splendeur catholique" (Der katholische Nimbus) habe ich diese Unruhe, wie die Bekanntschaft mit einem getauften Juden, Monseigneur Josef Lehmann, mich bestimmte, die Taufe von einer Kirche zu verlangen, die mich verführte, ja die mich berauschte, kann ich sagen, zunächst infolge ihrer majestätischen Schönheit, dann aber auch, weil ich in ihr das wahrhaftige Israel, die Erbin Jerusalems zu erkennen glaubte, des Jerusalem, zu welchem mich unbewußt ein mächtiger Atavismus hinzog. Man vergesse nicht, daß ich ein „entwurzelter Jude" war, in einem freidenkerischen Milieu erzogen und ganz außerhalb des Judentums stehend. Aber zweifellos war etwas von der alten Glaubensglut meiner Väter noch in meinem Herzen in Schwingung, da seit meiner Kindheit alles Religiöse mich angezogen hat. Ach! Mit welchem Glück glaubte ich in der Pracht der Kirche die Herrlichkeit Zions wieder zu finden. Ich glaubte in ihr in Wahrheit „meine Heimat und meine Toten" wieder zu finden. Je mehr ich mich an dem Prunk der Kirche und der Evangelien und besonders an der Herrlichkeit der Bibel entzückte, desto mehr erkannte ich den Gegensatz zwischen Rom und Jerusalem. Anfangs hatte ich, als gehorsamer Christ, den Willen, mich über diesen Gegensatz hinwegzutäuschen. „Rom", rief ich in meinem letzten Buch „Les Magnificences de l'Eglise" aus, „Rom ist Jerusalem, ist die Tradition Israels, sein Tempel, seine Gebete, seine Religionsgebräuche". Das behauptet ja auch die Kirche durch den Mund aller ihrer Theologen. Nun! Der Antisemitismus, der in der Kirche herrscht, hätte mich, auch abgesehen von meinen Studien, abgesehen von der Lektüre der Heiligen Schrift, zu dem Ergebnis gebracht, das heute das meinige ist: Allerdings die Kirche rühmt sich des Judentums, aber nur um es zu erdrücken und sich an seine Stelle zu setzen; sie muß in logischer Konsequenz ihres Systems, sich auf das Judentum stützen, sie muß sich aber von ihm entfernen, um nicht in ihm aufzugehen, denn ihr Triumph ist nur die Folge ihrer Lossagung vom Judentum seit Konstantin. Diese Spaltung war übrigens im Keime schon bei Paulus vorhanden, den man als einen jüdischen Antisemiten bezeichnen kann. Diese Feststellungen konnten nur allmählich in meinem Geiste entstehen, als ich aus katholischem Pflichtgefühl heraus täglich die heiligen Bücher betrachtete und erforschte, auf denen die Kirche beruht. Warum haben Sie diese Bücher nicht gegründet, bevor Sie übertraten? werden mich manche fragen. Ich antworte darauf das, was ich in dem Bericht über meine Bekehrung bereits gesagt habe: Die Kirche allein, das Schauen der Kirche durch Jahrhunderte hindurch hat nieinen Geist verblendet und mich bekehrt. Aber die Prüfung der einzelnen Fragen hat den Gesamteindruck zerstört, und übrigens hat mich der Antisemitismus über meinen Irrtum aufgeklärt. Heute pflichte ich H. Charles Maurras hei, den ich seinerzeit wegen „Romanismus" angegriffen habe. Ja, Maurras, heute weiß ich es, die