Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 16 (14.8.1914)
- Date
- 1914-08-14
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. iß Der Wiener Kultusvorstand und der Krieg. Aufruf des Wiener Kultusvorstandes. Wir erhalten vorstellenden A u f r u i des Wiener isracl. Kultusvorstamles: An unsere G1 a u b e n s b r ü d e r! Der Kaiser ruft seine Völker zu den Waffen! Kaiser Franz Josef, der weiseste, friedlichste und gerechteste Herrscher, dessen lange, ruhmreiche Regierung von der Sorge um den Frieden und1 das Wohlergehen seiiwer Völker jedes einzelnen seiner Untertanen ausgefüllt ist, hat dien feindlichen Nachbarn den Krieg erklärt. Jeder Oesterreich-er, jeder treuer Untertan unseres geliebten Monarchen, jeder Bürger dieses mächtigen Reiches folgt diesem Ruf, bereit, Gut und I3lut für Kaiser und Vaterland zu opfern. Glaubensbrüder!! Unter d«m glorreichen Szepter unseres erhabenen Monarchen ist das Gesetz, welches allen Bürgern ohne Unterschied ,cter Konfession und der Nation die gleichen Rechte einräumt und die gleichen Pflichten auferlegt, zum unerschütterlichen Grundgesetze dieses Staates geworden. Unter dem Schutze dieses Gesetzes haben wir die Segnungen des Friedens genossen und jederzeit mit unserem ganzen Können teilgenommen an .der Arbeit, welche unser geliebtes Vaterland zur Blüte und Macht emporgehoben hat. In bellen Scharen ziehen jetzt unsere Männer in den Krieg, um Schulter an Schulter mit den übrigen treuen Söhnen des Reiches den Sieg unserer Waffen zu erkämpfen; mit Begeisterung stellen sich unsere Frauen und Töchter in den Samariterdienst; in traditioneller Opferfreudigkeit trägt jeder Jude im Reiche zu der so dringend gewordenen Hilfsaktion mit allen seimem Kräften bei. Im Jahre 1908 geruhte Seine Majestät die von der gesamten Judenschaft Oesterreichs ehrfurchtsvoll unterbreitete Huldigung mit folgenden herrlich-schönen Worten entgegenzunehmen: „Die israelitische Bevölkerung hat immer eine Staats- und gesetzestreue Gesinnung, Ergebenheit für Mein Haus und Anhänglichkeit an meine Person bekundet. Ich schätze auch ihren Familiensinn und ihre Freude am Wohltun." Dieses historische Kaiser wort werden wir auch in dieser Zeit Oer Prüfung rechtfertigen. Der Vorstand der Wiener israelitischen Kuitusgemeinde widmete dem Hilfswerke zunächst 10.000 Kronen, behält sich weitere Leistungen zu dem Hilfswerke, insbesondere Maßnahmen vegen Pflege der Verwundeten vor r.nd weist die Kasse der Kultusgemeinde (Wien, I., Seitcustettengasse 4, 1. Stock) an, Beiträge entgegenzunehmen. Kein JuJte wird sich der patriotischen Pflicht entzielun! W i e n, 29. Juli 1914. Fürsorge für die Verwundeten. Das Präsidium der israelitischen Kultusgemeinde Wien nat folgendes Telegramm an das Kriegsministerium serielltet: „Das Präsidium der israelitischen Kultusgemeinde Wien stellt dem k. u. k. Kriegsministeriiim in seinem in Wien, 18. Bezirk, Gürtel Nr. 97 und 99, befindlichen Krankenhaus einhundert Mannschafts betten und zehn Off.iziersbetten zur Pflege von Verwundeten zur Ver/iigung. Die Verpflegung, Wartung und ärztliche Behandlung wird unentgeltlich heigestellt. Nebstdem erbietet sich das Kaiserin Elisabeth-Institut für israelitische Krankenpflegerinnen, mehrere Pflegerinen für den Kriegsschauplatz zur Verfügung zu stellen.'* Außerdem werden im Spital der israelitischen KultitsgemeiiK'e von den Abteilungsvorstäiulen Prof. Dr. Zuckerkandl und Dr. Fieisclimann über die erste Hilfe und Pflege Verwundeter unentgeltliche Kurse gehalten. Das gefertigte Präsidium bittet namens der israelWiischeii Kultusgemeinde Wien, vorstehendes Anerbieten als Zeichen seiner patriotischen Empfindungen entgegenehmen zu wollen.'* * Der Geburtstag des Kaisers. Anläßlich des Allerhöchsten Geburtsfestes Seiner Majestät des Kaisers veranstaltet der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wien Dienstag, d e ii 18. A u g u s t d. J., 10 U h r v o r m i 11 a g s einen solennen Gottesdienst. Dieser findet diesmal, mit Rücksicht auf die beschränkten räumlichen Verhältnisse des Stadttempels im Leopoldstädter Tempel (II. Tempelgasse 3) statt. In den übrigen Gemeindebethäusern wird diese Feier im Anschltisse an den Morgengottesdienst abgehalten werden, und zwar im Stadttempel, I., Seitenstettengasse 4, um 7 Uhr früh, im Fünfhauser Tempel, XV., Turnergasse 22, 7 Uhr früh, im Ottakringer Tempel, XVI., Hubergasse 8, 7 Uhr früh, im Währinger Tempel, XVIII. Schopenhauerstraße 39, 7 Uhr früh; iin Floridsdorfer Gemeindetempel findet ein solcher Gottesdienst um 5 Uhr nachmittags statt. * Gottesdienste während des Krieges. 1. Während der Dauer des Krieges wird in den Gemeindebethäusern von dem zuständigen Rabbiner jeden Freitag Abend1 eine Ansprache an die Beteiligten (die Einrückenden und ihre Angehörigen) gehalten. 2. Soll für die Gefallenen täglich ein Kaddisch d'rabbonon gesagt werden. 3. Bei vorheriger Anmeldung soll auch an Wochentagen, wenn es dringend erscheint, für ins Feld ziehende Mannschaft ein Gottesdienst veranstaltet werden. Spät, aber doch! hat sich der .Kultusvorstand an seine primitivsten Pflichten erinnert. Eine merkwürdige Reklame. Wie aus obiger Zusammenstellung ersichtlich, erschöpft sich die ganze Tätigkeit des Kultusvorstandes in einer Spende für die Soldaten, respektive in der Einräumung eines Teiles des Roihschild'spitaies für Verwundete und schließlich in der Veranstaltung von Gottesdiensten. Davon können aber die Tausende von jüdischen Familien, die durch den Kriegsdienst ihres Ernährers oder die allgemeine Stagnation brotlos geworden sind, doch nicht leben! Für die-se Familien hat der Kultusvorstand bisher nicht den Finger gerührt. Diese Untätigkeit beniitzt Rabbiner Dr. Grunw a I d, um für sich eine lächerliche Reklame zu machen. Er annonciert, daß dem „Rabbinat für den II., III. und XX. Bezirk in Wien, IL, Ferdinandsstraße Nr. 23" Freitische für die Kinder der Einberufenen bekanntzugeben sind. Ein solches Rabbinat für diese drei Bezirke existiert ja gar nicht! Herr