Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 15 (31.7.1914)
- Date
- 1914-07-31
- Page
- Seite 117 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2425679-2425912-2425927--2957-2429503- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 15 .Neiie National»2eititngu 117 Bei dieser Gelegenheit sei aber auch daran erinnert, daß auch die Gattin Kaiser Friedrichs, die edlen Gesinnungen ihres hohen Gatten teilend, den Antisemitismus von ganzer Seele verabscheute. Dies erfahren wir aus einem 'Briefe, den G. v. B u ns en an Professor Magnus, den Sohn des Stadtrates Magnus, richtete, den der antisemitische Abgeordnete Liebermann v. Sonnenberg der Fälschung des kaiserlichen Wortes geziehen, hatte, worauf Prof. Magnus und dessen Bruder iri einer Eingabe an den Präsidenten des Reichstages gegen diese Verunglimpfung ihres Vaters protestierten. In dem Briefe Bimsens heißt es nun u. a.: „Aus meinem Briefe vom 20. Juni 1880, der sich im Nachlasse Ihres seligen Vaters gefunden hat, wissen Sie, daß die damalige Frau Kronprinz e ß m i t A b s c h e u von der Judenhetze sprach. Einige Worte, die damals den Schluß ihrer Aeußerungen bildeten, haften noch frisch in meiner Erinnerung. Die hohe Frau erklärte, daß dem Kronprinzen wie ihr selbst daran gelegen, über ihrer beiden Verurteilung der u n w ii <r d i g e n A g i t a t i o n nirgends einen Zweifel aufkommen zu lassen. Was die Pietät Sie jetzt gut tun heißt, erachte ich zugleich als zum Wohle des Vaterlandes gethan und wünsche Ihrem Vorgehen, sehr geehrte Herren, den ausgiebigsten Erfolg." G. v. Bunsen hat da wahrhaft fürchterliche Worte zitiert. Aber zu der dankbaren Verehrung, mit der die Juden stets dieser hochherzigen Aeußerungen des deutschen Kaiserpaares gedenken werden, gesellt sich auch die dankbare Erinnerung, die G. v. Bunsen gilt, dem edlen deutschen Manne, der mutig für die Wahrheit eintritt, unbekümmert darum, daß er sich dadurch die ganze antisemitische Meute an den Hals hetzte. | Der durch seine antisemitischen Gesinnungen weit mehr als durch Heldentaten bekannt gewordene General v.'Klei s-t hat kürzlich in der „Kfeuzzeitung" sechs Gründe angeführt, die ihn veranlassen, „die Juden als Offiziere abzulehnen"; Wenn der General einst imstande sein sollte, den Feind so zu schlagen, wie er in seinem Artikel der Wahrheit und der Logik ins Gesicht schlägt, dann — dann hat der Feind nicht zu lachen. Das Sonderbarste aber ist, daß der General offenbar von den geschichtlichen und ethnographischen Verhältnissen in Preußen nicht viel mehr weiß als vom Judentum, über das er sich großmäulig Urteile erlaubt. Er sagt zum Beispiel: „Die Armee ist reinrassisch deutsch". Aber! Aber! Ja, was ists denn mit den Slaven, den Polen usw., die, soviel man in Europa weiß, in der preußischen Armee recht zahlreich vertreten sind? Sind die auch „reinrassisch deutsch"? . . . Auf der Höhe dieser'Behauptung steht die andere: „Deutschland ist ein durchweg christlicher Staat, das Judentum aber ist der geborene Feind des Christentums". Zwei Verneintingen geben eine Bejahung, aber zwei falsche Behauptungen geben nicht eine Wahrheit. Im Gegenbeil. Seit wann ist der Staat, der moderne Rechtsstaat ein konfessioneller? Es ist ebenso vollkommen unbegründet, das Judentum als einen Feind des Christentums zu bezeichnen. Daß nach all dem der General nicht vor der dreisten Behauptung zurückschreckt, die Juden kennen die Nächstenliebe nur ihren Volksgenossen gegenüber, braucht niemanden zu überraschen. Natürlich, mw die Antisemiten wissen, wie man alle Menschen ohne Unterschied der Konfession lieben muß . . . Dann aber darf kein Jude Offizier werden, weil das Judentum den „Materialismus" lehrt, weil die Juden „freisinnig" sind und weil sie als Sozialdemokraten „den preußischen Staat zertrümmern wollen". Seltsam, seltsam! Also Jesus, die Apostel, Spinoza usw., usw., die doch auch aus. dem Jiidentume hervorgingen, waren „Materialisten!" Und „Freisinn" und öffiziersrock sind unvereinbar? Und die deutschen Juden, die zu den besten Patrioten zählen, wollen den Staat „zertrümmern", Ein Glück, daß General v. Kleist da ist, den Staat zu retten ... G. E—nn. Die jiddisch sprechende Bevölkerung in Nord-Amerika. Angesichts der in den weitesten jüdischen Kreisen herrschenden Unkenntnis über die Bedeutung und den Umfang der jiddischen Unigangssprache wird es gewiß für unsere Leser von großem Interesse sein, den Umfang kennen zu lernen, in welchem diese Sprache unter der jüdischen Bevölkerung der Vereinigten Staaten vorherrschend ist. Dr, Issak A>riöufwich veröffentlicht darüber in der New Yorker Wochenschrift „The America n H e b r e w" an leitender Stelle einen umfangreichen Artikel» der mit statistischem Material versehen ist, Schon dör Umstand; daß diese Zeitung, welche die vornehmste jüdische Wochenschrift in New York istv an leitender Stelle sich mit dem Problem des Jiddisch beschäftigt, ist an und für sich kennzeichnend, daß die einheimischen amerikanischen Juden mit vollem Ernst das Leben der aus dem Osten einlangenden jüdischen Einwanderer studieren wollen. Der Verfasser "breitet sich vorerst darüber aus, wieso überhaupt diese Statistik möglich wurde und erzählt, daß ursprünglich, und zwar im Jahre 1899 in der offiziellen Statistik die Juden nur nach ihrem Heimatland unterschieden wurden. Bei der nächsten Volkszählung im Jahre 1909 haben sich die amerikanischen Statistiker entschlossen, die Einwanderer nach Nationalitäten aufzunehmen und da wurden auch d'ie Juden als besondere Nationalität bezeichnet. Dagegen haben sich die amerikanischen Juden sehr gewehrt, und insbesondere war es der jüdische Senator G u g g e n h e i m, der in Washington eifrigst gegen diese Statistik agitierte. Er verlangte vielmehr, daß die Juden lediglich nach ihren ursprünglichen Ländern als Russen, Oesterreicher und Rumänen verzeichnet werden. Dagegen protestierten wieder die Tschechen und Polen, welche nur als solche, nicht aber als Russen oder Oesterreicher gelten wollten. In der nun eingesetzten Kommission hat der Verfasser des Artikels, Doktor Hourwich, beantragt, daß die Emigranten nach ihrer Muttersprache eingeteilt werden, und dieser Antrag wurde einstimmig angenommen. Dieser Beschluß hatte allerdings wieder den Nachteil, daß auf diese Weise nur diejenigen Emigranten als Juden zur statistischen Aufnahme gelangten, welche das „Jiddisch" als ihre