Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 15 (31.7.1914)
- Date
- 1914-07-31
- Page
- Seite 116 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 116 ofrtefle Nattpnal«ZertBflgu Nr. 15 eignet ist. Juden haben der Armee immer nur Ruhm und Ehre gebracht. Es ist Pflicht der maßgebenden jüdischen Kreise, die Gelegenheit wahrzunehmen, einen ehrenvollen, gut dotierten Beruf im weitesten Ausmaße den Volksgenossen zu erschließen; aufrechte, in sich gefestigte, in ihrem Fach tüchtige Männer werden in der Armee offene Arme finden, auch wenn sie Juden sind, und es wird ihre Aufgabe sein, dahin zu wirken, daß die Aufnahme für die Späteren eine herzliche wird, eben weil sie Juden sind. Von da und dort. Die dieutschnationalen Burschenschaften, die den Standpunkt vertreten, daß man Juden keine Satisfikation mit der Waffe geben darf, beweisen in gewissem Sinne — freilich nur in gewissem Sinne — einen großen Heldenmut: sie beherrschen sich selbst, stecken eventuell Ohrfeigen ein usw. Alles nur, um das Waidhofner Prinzip zu retten. Da darf es einen wohl Wunder nehmen, daß die Herrschaften nicht den Mut aufbringen, sich vor Gericht auch zu dem Wortlaut des WaidMner Beschlusses zu bekennen. Vor Gericht behaupten sie nämlich immer, daß das Waidhofner Prinzip eigentlich keine Beleidigung der Juden involviere, denn — wie z. B. der Anwalt eines deutschnationalen Studenten neulich vor Gericht ausführte — es besage nur» daß, „wie das Duell selbst eine Ueberkommenschaft aus dem Mittelalter rst, in dem es auf die ritterlichen Kreise beschränkt war, so halten nun die deutschnationalen Studenten auch daran fest, nur denjenigen Satisfaktion zu geben, deren Vorfahren an der westeuropäischen Kulturentwicklüng mitarbeiteten". Wie zahm! Wie harmlos — und wie albern! Aber vor allem: wie unwahr! Der Vertreter des beleidigten Juden brachte demgegenüber den Wortlaut des Waidhofner Beschlusses zur Verlesung, in welchem es unter anderem heißt: „. . . In Anbetracht der vielen, Beweise, die der jüdische Student von seinerEhrlosigkeit und Charakterlosigkeit gegeben faßt die Versammlung den Beschluß, dem Juden auf keine Waffe mehr Genugtuung zu geben, da er deren unwürdig und der Ehre nach unseren deutschen Begriffen völlig bar ist," Das ist doch etwas anderes als die vermißte.-„Mitarbeit an der westeuropäischen Kulturentwicklung!" Der Richter sah sich gezwungen, die Verhandlung zur Einholung des Waidhofner Originalbeschlusses zu vertagen... Da wird man endlich klar sehen, ob es sich um die „Ehre" der Juden, oder um die »»westeuropäische Kulturentwicklung" handelt. Ein Freund unseres Blattes schreibt uns: „Sie haben in dem Artikel ,Die Schulpaschas in Wien' die souveräne Willkür gekennzeichnet, mit der die christlichsozialen Machthaber bei den Lehret Ernennungen vorgehen, wie gleichgültig ihnen die pädagogischen Leistungen der Ernannten sind und wie wichtig dagegen deren parteipolitische Verdienste. Wie wenig Achtung die christlich sozialen Herrschaften für Recht und Billigkeit haben, dafür zeugt eine Tatsache* die in jüdischen Lehrerkreiserf lange Zeit das. peinlichste Aufsehen erregte. Unter den Stipendien, über welche die kommunalen Beherrscher Wiens verfügen, befindet sich auch ein Reisestipendium für Lehrer, das von einem Juden gestiftet, aber nach der Bestimmung des Stifters würdigen Bewerbern ohne Unterschied der Konfession verliehen wird. Nun wurde viele Jahre hindurch dieses Stipendium ausschließlich nicht] üdischen Lehrern verliehen! Diese praktische Auslegung der Bestimmung des vorurteillosen iüdischen Stifters konnte man wirklich nur — christlichsozialen Männern zumuten. Ob sie, von Schamgefühl erfaßt, in den letzten Jahren doch auch einmal, zur Abwechslung, einen jüdischen Lehrer, der von einem Juden errichteten Stiftung teilhaftig werden ließen, ist mir nicht bekannt." Bei dieser Gelegenheit möchten wir das geistreiche Wort zitieren» mit welchem Regierungsrat Prof. S g h n i t z 1 e r, einer der Begründer der so segensreich wirkenden (Poliklinik in Wien, einst eine Frage des Erzherzogs Karl Ludwig beantwortete. Der hochherzige, allen konfessionellen Vorurteilen abholde Erzherzog hatte nämlich „halb im Scherz" den Professor gefragt, weshalb man denn eigentlich die Poliklinik ein „jüdisches" Institut nenne. „Das ist sehr einfach, kaiserliche Hoheit", meinte ruhig Prof. Schnitzler, „die Juden haben das Geld hergegeben und die Christen genießen es." * * * Die Erinnerung an die ebenso kurze als erschöpfende Charakteristik, mit der Kaiser Friedrich dem Stadtrat Magnus gegenüber den Antisemitismus als die „Schmach des Jahrhunderts" stigmatisierte, ist den deutsch-nationalen- Antisemiten in Oesterreich nicht minder peinlich als ihren' Gesinnungsgenossen im Reiche. Das ist wohl der Grund, daß in der jüngsten Zeit wieder in einigen ihrer Blätter die Behauptung aufgestellt wurde, und zwar in Form einer Antwort auf angebliche oder wirkliche Anfragen, daß diese Aeußerung Kaiser Friedrichs eine „jüdische Erfindung" sei. Demgegen* über sei festgestellt, daß die Bemühungen der Antisemiten im deutschen Reiche diese Brandmarkung abzuleugnen längst schon auf das Gründlichste vereitelt wurden. Als im Jahre 1893 von der Patlamentstribüne herab die Authenzitität dieses kaiserlichen Ausspruches angezweifelt wurde, waren es zwei Persönlichkeiten, von hoher sozialer Stellung, der ehemalige Chef der Admiralität von Stosch und Georg v. B u n s e n, welche dieEchtheit des Wortes mit einer jeden Zweifel ausschließenden Bestimmtheit bezeugten. Dem Zeugnisse dieser Männer gegenüber verstummte damals selbst die so bewährte antisemitische Dreistigkeit, freilich hinderte das nicht, daß nach Jahr und! Tag der freche Ableugnungsversuch in deutschen Antisemitenblättern erneuert wurde, welchem Beispiel mit nicht geringerem Mute die gesinnungsverwandten Blätter in Oesterreich folgert. Kein Wunder, der Antisemitismus lebt ja hauptsächlich von der Aufwärmung alter Lügen, er hält sich an das bewährte Wort: Nur frech verleumden l Es bleibt immer was hängen. * * *