Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 14 (17.7.1914)
- Date
- 1914-07-17
- Page
- Seite 111 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 ,Neue National-Zeitung^l Seite 111 FEUILLETON. Besuch in Berditschew. Von Scholem Alejchein. (Schluss*.) „Ein Fremder, nicht von hier. Ich möchte Euch bitten, mir auf eine Minute Euern Talles (Gebetmantel) und Eure Tfillin (Gebetriemen) zu leihen. Mir hat man die meinigen hier im Hause gestern gestohlen." Bald wird die Tür wieder geöffnet, ein zweiter Kopf erscheint und spricht in mehreren Sprachen zugleich: „Raznich towarow, panie, gute Socken! Renkawitschki zimni, beste Ware, billig! Halb umsonst jak boga kocham! Kauft mir Socken ab, wenigstens ein halbes Dutzend . .. Gott soll Euch Gesundheit schenken ... Ich wußte nicht, wer Ihr seid. Es kommt ja manchmal vor, daß man auf einen Nichtjuden stößt und eine halbe Stunde lang ihn jüdisch anspricht, bis man zuletzt sein Teil von ihm kriegt. Darum dachte ich mir, ich werde polnisch, russisch und deutsch probieren; ich versteh' Gott sei Dank einige Sprachen .. . Ein paar gute warme Handschuhe vielleicht? ... Ich war einmal ein großer Kaufmann, wie Ihr mich da seht, bin auf die größten Märkte gefahren; nach Jarmelnica, Proskurow und Poltawa . . . Mehr wollt Ihr also nicht? Ein Stück Seife? Einen guten Kamm, eine Seltenheit? Nicht? Besten Dank für die Losung. Meine Kinder werden sich erquicken ... Vielleicht doch noch ein halbes Dutzend Socken? Ich werd's Euch billiger lassen. Nicht? Nein? Na, schön. Adieu .. ." Der Mann packt seine Mütze und geht. An seiner Stelle ist gleich ein anderer da: „Kauf mir Socken ab, Reb Jid, gute, billige Socken." „Dank, ich brauche keine Socken," antwortete ich. „Was heißt das: Ihr braucht keine Socken!" sagt er. „Soeben habt Ihr ja bei dem andern ein halbes Dutzend gekauft. Ich bin auch ein Jude und arm und Vater von vielen Kindern — zwei Knaben in der Schule, einer ist in der Lehre und die kleineren im Chejder . . . Besten Dank, Gott soll Euch Glück geben! Adieu . . ." Und schon ist ein dritter da — ein hochgewachsener, magerer Mensch mit einem furchtsamen Gesicht: „Wenn Ihr ein gutes Werk tun und Euch das Fasten am Tischebow ersparen wollt, dann kauft mir diesen Rest da ab. Ich gebe ihn Euch zum Einkaufspreis. Ein paar Dutzend Socken, die mir übrig gehlieben sind." „Ich brauche keine Socken," sage ich, „ich habe schon genug Socken." „Ich gebe sie Euch unter dem Einkaufspreis," meint er nun. „Ich will nicht handeln. Gebt wieviel Ihr wollt, gebe Euch Gott Gesundheit und langes Leben . . .! Ich habe einen Sohn im Gymnasium, der *) Siehe Nr 12 und 13 d. ), heuer fertig wird. Er will Doktor werden. Du wirst dann nicht mehr soviel arbeiten brauchen, Vater', sagt er. ,Dann werde ich arbeiten, und du wirst dich ausruhen,' sagt er ... So sagt er, mein Sohn. Aber einstweilen muß ich ihm manchmal noch mit einem Dreirubelschein aushelfen, obwohl er selbst schon ganze sechzehn Rubel monatlich verdient . . . Viel Glück und adieu!" Kaum ist er draußen, tritt schon ein neuer Besuch ein: eine Frau in einem türkischen Shawl. „Seid Ihr das, der Gast aus Jehupez?" (humoristische Bezeichnung für Kiew), sagte sie mit singender Stimme. „Ja ich. Was gibt's denn?" „Ich hörte, daß Ihr nach Berditschew gekommen seid, um Socken einzukaufen. Da hab' ich Euch ein paar Dutzend als Muster gebracht. Ich habe eine Sockenfabrik. Schon zehn Jahre arbeite ich Socken." „Wer hat Euch erzählt, daß ich Socken kaufe?" frage ich. Es ist nicht richtig. Ich bin nicht Socken kaufen gekommen und brauche keine Socken." Doch die Frau kümmert sich wenig um meine Worte, sondern fährt fort. Ihre Zunge geht schnell wie ein Mühlrad: „Meine Socken sind in ganz Berditschew berühmt. Da seht Euch dies Stück an! Was sagt Ihr dazu?" „Aber, um Gottes willen!" schreie ich. „Ich kaufe keine Socken, ich brauche keine Socken!" „Da liegen ja Socken bei Euch," überfährt sie mich. „Die habe ich zum Verkaufen mitgebracht," lüge ich und begleite sie zur Tür hinaus. Ich drehe den Schlüssel um, um vor Sockenverkauf ern Ruhe zu haben ... Es klopft. „Wer das?" rufe ich. „Ich," antwortet's von draußen. „Was für ein ich?" frage ich in meiner Angst vor Socken. „Dawid." „Was für ein Dawid?" „Dawid Lauf." „Was für ein Dawid Lauf?" „Der Kommissionär!" „Was soll's?" frag' ich, „vielleicht Socken?" „Socken wollt Ihr?" anwortete er. „Bitte ich laufe schon in ein Geschäft und bringe Euch Socken." „Nein, nein!" schreie ich. „Ich brauche keine Socken!" Ich öffne die Tür: Nojech, der Portier, kommt herein, vollbepackt mit Semmeln, Bretzeln, Mohnbrötchen und Prensein. „Für wen bringt Ihr soviel?" frage ich. „Darüber braucht Ihr Euch doch keine Sorge zu machen" erwidert er. „Den Hunden wird man es sicherlich nicht vorwerfen. Unberufen genug Mäuler da. die essen wollen. Ich selbst habe sechs eigene zu Hause, außer zwei fremden Waisenkindern . . . Sagt mir lieher: was seid Ihr für ein sonderbarer Mensch? Habt ihr's mir nicht sagen können, daß Ihr Socken braucht? Müßt Ihr Dowidel Lauf schicken?"