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Neue Nationalzeitung · 1914-07-17 · Heft 14 (17.7.1914) · p. Seite 112

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 14 (17.7.1914)
Date
1914-07-17
Page
Seite 112 (sequence 8)
Language
German
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Seite 112 ,Neue National-Zeitung" Nr. 14 „Wer hat ihn geschickt?" „Ich weiß nicht, wer ihn geschickt hat. Ich sicher nicht! Wartet nur, Ihr werdet schon sehen, was für Socken Euch Dowidel, der Diebskerl, bringen wird! Breditschewer Socken! . . ." In diesem Augenblick geht die Tür auf, und es tritt ein gutgenährter, rotbackiger Mensch ein, der ein verschwitztes Gesicht und im Munde eine Pfeife hat. Ich besinne mich nicht lange, fasse ihn an der Hand und zeige ihm die Tür: „Schert Euch mit Euren Socken zum Teufel! Ich brauche keine Socken!" „Aber um Qottes willen," ruft Nojech, der Portier, dazwischen. „Was tut Ihr? Das ist doch der Besitzer unseres Hotels . . .!" „Ach so?! Nehmt mir's nicht übel," sag' ich, reiche ihm die Hand und bringe ihm einen Stuhl. „Ich meinte, Ihr seid der, der davon lief, um mir Socken zu bringen. Ein wahres Unglück! Man hat mich mit Socken überschüttet. Eine Socken-Sündflut! Bitte, nehmt Platz!" Der Hotelwirt dankt, setzt sich und tut einen Zug aus seiner Pfeife: „Also von Jehupez kommt Ihr! Ich hab' einen Bekannten in Jehupez. Das heißt, er wohnt nicht mehr in Jehupez, er ist lange schon weg von dort — ich glaube, es ist an die achtzehn Jahre und vielleicht sind's ganze neunzehn . . . Man sagt, nach Odessa. Er hat Verwandte in Odessa, haben ein Weizengeschäft. Eigentlich zwei Geschäfte, eines in Odessa und das andere in Nikolajew. Das Odessaer Geschäft geht nicht schlecht, das Nikolajewer aber geht nicht so gut, weil Nikolajew jetzt heruntergekommen ist, man sagt durch Feodossia. Ist eine große Stadt geworden, Feodossia. Ich hab' auch in feodossia Bekannte. Man sagt, eine feine Stadt, dies Feodossia! . . ." Ich merke, daß es eine Geschichte ohne Ende ist und falle ihm in die Rede: „Was wollt' ich Euch nur fragen? Ja: warum habt Ihr denn Euer Gasthaus ,Hotel Türkalia' genannt?" „Ich denke noch," antwortete er, „wie Feodossia ein ganz kleines Städtchen war... Ich bin, müßt Ihr wissen, selbst von der Gegend dort, ein Bessarabier bin ich, aus Bessarabien, aus einem kleinen Städtchen Dubossari: das heißt, geboren bin ich in Beiz... Wart Ihr schon einmal in Beiz? Eine schöne Stadt das, Beiz. Aber mit Kischinew kann man sie doch nicht vergleichen . . ." „Sprecht mit dem Herrn etwas lauter," macht mich der Portier, der etwas abseits steht, aufmerksam. „Das Gehör ist verdorben. Er hört schlecht." Ich trete nun ganz nahe an den Wirt heran und schreie ihm ins Ohr: „Ich frage, warum Euer Hotel einen so merkwürdigen Namen hat?" „Warum schreit Ihr so?" antwortete er. „Ich bin nicht taub! Ein merkwürdiger Name, sagt Ihr? Wieso merkwürdig? ,Italia!' ,Portugalia!' Jürkalia!' Das ist doch ganz einfach. Die andern Namen hat man mir weggeschnappt, Na, da hab' ich's nach dem Türken genannt ... Ja, wo halte ich denn? Richtig! Kischenew! Und die Menschen? ... . Bei uns in Bessarabien sind ganz andere Menschen? ... Bei uns in Bessarabien ist man ganz anders ... Bei uns in Bessarabien, wenn man anfängt zu essen, trägt man, müßt Ihr wissen, zu allererst die schönen Fische aus dem schönen Fluß auf. Dann kommt ,Kade\ das gute, fette Stück ,Kade'. Dann ein großer Teller schöne, reine Mamaliga (Maispudding, die italienische Polenta), die man mit einem langen Faden der Breite nach durchschneidet. Und endlich heiße Papuschki. Dazu trinkt man den echten, reinen, bessarabischen Wein. Und als Nachspeise hat man noch den richtigen, guten Nahut, — so eine Art Erbsen . . ." Während der Wirt dermaßen die bessarabische Speisekarte hersagt und ihm dabei das Wasser im Munde zusammenläuft, höre ich plötzlich singen. Die Töne kommen von verschiedenen Seiten. Auf der einen Seite läßt sich ein litauischer Chasen hören, der auf eine sonderbare Weise meckert: Gißmechu wemalchusscho schejmrej schabboß wekejrej ojneg . . . Und der Chor fällt ein. Und zwar eine Hälfte: Furarirl! Furarirl! Furarirl! Furarirl! Die andere: Pim — Pom! Pim — Pom! Pim — Pom! Auf der anderen Seite singen die Schauspieler: Füßelein! Und Füßelein! Ei, was für Füßelein! Und der Diener, der vor meiner Tür die Schuhe putzt, spuckt immerzu auf die Bürste und singt auch sein Liedchen: Hab' ich eine Schwiegermutter, Hat sie einen Schwiegersohn, Schlägt er ihre Tochter, Zittert's ganze Haus davon! Das ist aber noch immer nicht alles. Ich höre auch eine fluchende Frauenstimme. Die Wirtin sucht ihren Mann in allen Zimmern. Und sonderbarerweise flucht und schimpft sie in Reimen. „Werdet Ihr mit dem Wirt und der Wirtin zusammen Mittagessen," fragt mich Nojech, der Portier, die Tür öffnend, „oder wollt Ihr ins Restaurant?" „Ins Restaurant!" antwortete ich rasch. „Ins Restaurant!" . . . Wir bitten unsere Freunde, die „Neue National-Zeitung" überall in Lokalen und auf den Bahnhöfen, in Lesehallen, Cafes, Hotels, Restaurants und Vereinen zu verlangen.

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