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Neue Nationalzeitung · 1914-07-17 · Heft 14 (17.7.1914) · p. Seite 108

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 14 (17.7.1914)
Date
1914-07-17
Page
Seite 108 (sequence 4)
Language
German
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Seite 108 .Neue National-Zejtung^ Nr. 14 einer Zeit geadelt wurden, in der ihnen die Erlangung bürgerlicher Rechte verwehrt wurde. Anläßlich der großen Feier, die vor einigen Tagen die Frauen in Paris zu Ehren des berühmten französischen Philosophen Condorcet veranstalteten, haben die Blätter einen Artikel reproduziert, den Condorcet im „Journal de Ia Societe de 1789" veröffentlicht hatte. Da hieß es u. a.: „Entweder hat gar kein menschliches Wesen wirkliche Rechte, oder diese sind allen gemeinsam. Wer gegen die Rechte eines Mitmenschen stimmt — wie immer auch dessen Religion, Hautfarbe oder Geschlecht geartet sei — hat in diesem Augenblicke die eigenen Rechte verleugnet." Herrliche Worte! Noch dazu wenn man bedenkt, daß sie schon 1789 von einem Manne verkündet wurden, der aus einer hocharistokratischen Familie hervorging — Condorcet war Marquis — und der diese Ideen nicht nur theoretisch sondern auch durch sein Beispiel vertrat. Die französischen Frauen sind dem Philosophen dankbar, der schon anno 1789 füi die Rechte der Frauen eintrat; sie haben aber in ihrer Majorität wenig Verständnis für diese erhabenen Gedanken zur Zeit des Prozesses Dreyfus verraten, als es sich darum handelte, auch eine gleiche Vorurteilslosigkeit in Fragen der Religion zu bekunden. Die Gleichberechtigung der Juden? Ja, Bauer, das ist etwas anderes. Dem gegenüber dürfen die Juden mit Stolz daran erinnern, daß nach jüdischer Lehre die Gleichheit aller Menschen schon lange vor 1789 ausgesprochen und auch anerkannt war. Schon ein Lehrer des Talmuds sagt: Gott habe alle Menschen von einem Menschenpaar abstammen lassen, damit nicht ein Mensch sich vor dem anderen seiner Abstammung rühmen könne. Das war, wie gesagt, lange vor 1789 jüdische Lehre. Der Herr Bürgermeister Weiskirchner wurde in der jüngsten Gemeinderatssitzung interpelliert, wie er die letzten Schulleiter-Ernennungen zu rechtfertigen vermag, bei denen offenbar die Parteizugehörigkeit der Ernannten ausschlaggebend war. Neu ist diese Klage wahrlich nicht mehr. Sie kann, und leider nur mit zu viel Recht, seit der Herrschaft der christlichsozialen Partei fast nach den meisten Lehrer-Ernennungen erhoben werden. Der Herr Bürgermeister machte sich auch die Antwort so bequem als möglich. Er versucht gar nicht einmal die Tatsachen zu bestreiten oder gar abzuleugnen. Er weist kühl lächelnd nur darauf hin, daß der Stadtrat bei der Ernennung von Lehrpersonen, weder an den Vorschlag der Ortsschulratsbehörde, noch an eine von ihr aufgestellte Reihenfolge noch an das Gutachten der Bezirksschulbehörde gebunden ist, sondern die ihm (dem Stadtrat) am meisten geeignet erscheinenden Bewerber erwählt. Und daß diesem Stadtrat die Parteizugehörigkeit mehr bedeutet als Tüchtigkeit, Verdienst, Dienstdauer usw. erscheint dem Herrn Bürgermeister offenbar ebenso selbstverständlich als lobenswert. Man kann sich denken, wie wohltuend jüdische und auch christliche aber liberal gesinnte Männer der Gedanke berühren muß, daß in Wien das Vorwärtskommen eines Lehrers von allem eher als von dem wahren Verdienst bedingt ist. Aber auch verständige Eltern müssen von dieser Auffassung des Lehrerberufes entzückt sein! . . . G. E—nn. Die Hamburger Emigrationskonferetiz und die Kontroll- Stationen in Deutschland. Wir haben wiederholt die Mißstände in den an der deutschen Reichsgrenze befindlichen Kontrollstationen geschildert, in denen die jüdischen Emigranten aus Rußland mehr als notwendig in ihrer Freizügigkeit beschränkt und in ihrer Menschenwürde erniedrigt werden. Diese Klagen sind derart allgemein geworden, daß sie fast den einzigen Punkt der Tagesordnung der am 5. Juni in Hamburg abgehaltenen Konferenz zwischen den jüdischen Emigrationsgesellschaften aus Rußland und den großen Schiffahrtsgesellschaften bildeten. Ueber diese Konferenz und speziell 'die Frage der Kontrollstationen finden wir einen sehr interessanten Bericht in der bekannten Berliner Zeitschrift „Von Ost und West" unter dem Titel: „Zur jüdischen Emigrationsfrag e". Wir entnehmen dem Berichte folgende höchst aktuelle Mitteilungen: Durch die Verquickung von sanitären und polizeilichen Rücksichten mit geschäftlichen Rücksichten der Schiffahrtsgesellschaften soll eine Reihe v o n Un z u t r ä g 1 i chkeiten entstanden sein, über die auch die russischen, respektive jüdischen Auswanderer häufig Klage führen. Die öffentliche Meinung in Rußland — unter anderein wurde auch in der Duma ausführlich über die Kontrollstationen verhandelt — beschwert sich darüber, daß die russischen Auswanderer nicht genügend Freizügigkeit beim Passieren der deutschen Grenze sowie beim Durchzug durch Deutschland genießen und daß sie gezwungen sind, sich in den oben genannten Kontrollstationen zu stellen. Die jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen, die sich mit der jüdischen Auswanderung befassen, haben sich bereits wiederholt mit der Frage der Kontrollstationcn beschäftigt und sich bemüht, gewisse Erleichterungen bei der Handhabung der gesetzlichen und administrativen Vorschriften im Interesse der jüdischen Auswanderer zu erwirken. Die letzte Konferenz über diese Frage fand am 5. und 6. Juni in Hamburg statt zwischen Vertretern der Hamburg-Amerika-Linie und des Norddeutschen Lloyd und Vertretern einer großen Anzahl jüdischer Emigrationsgesellschaften in Rußland. Die Initiative zu dieser Konferenz ist von der Gesellschaft für die Regelung der jüdischen Emigration in Petersburg ausgegangen, die aber sämtliche in Rußland tätigen jüdischen Emigrationsgcsellsctiaften zur Teilnahme an der Konferenz eingeladen hatte. Es waren auch bei der Konferenz außer der genannten Gesellschaft Vertreter des Minsker Hilfsvercines für jüdische Auswanderer, des Informationsbtireaus für jüdische Auswanderer in Warschau — die beiden letzteren stehen in Verbindung mit der Ica — die Kiewer und Lodzer Abteilung der Gesellschaft für die Regelung der jüdischen Emigration

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