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Neue Nationalzeitung · 1914-07-03 · Heft 13 (3.7.1914) · p. Seite 103

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 13 (3.7.1914)
Date
1914-07-03
Page
Seite 103 (sequence 7)
Language
German
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FEUILLETON Besuch in Berditschew. Von Scliolem Alejchera. (.Ki)rtset/.uiif>:*.i „Was denn habt Ihr gemeint, daß ich Euch umsonst mitnehmen werde?" „Was heißt das? Du wirst mich mitnehmen? Der Wagen nimmt mich mit, nicht Du. Sieh' mal an: hat sich einen Messingknopf aufgesteckt und kommandiert! Ich erinnere mich doch, wie Du noch Behelfer bei Lejser Hersch warst, die Kinder in den Chejder getragen hast und ihre Frühsttickstöpfchen dazu. Mir erzähle also keine Geschichte von Fahrscheinen! Faaaahrscheinen!" „Na, was sagt Ihr zu meinen Passagieren?" wendet sich Jossei, der Schaffner, an mich und setzt sich neben mich hin. „So, wie Ihr sie da seht, so sind sie alle hier. Wer Geld hat und zahlen kann, geht zu Fuß. Und wer keins hat und nicht zahlen kann, fährt mit der Trambahn. Und davon sollt' man leben und eine alte Mutter und eine verwitwete Schwester erhalten ... Da, schaut, meine Stiefel" — er zeigt sie mir — „wie sie das Maul aufreissen ..." In diesem Augenblicke kracht's — zwei Deichseln sind aneinander geprallt und zwei Pferde keuchen. Zwei Wagen, die von entgegengesetzten Seiten auf demselben Geleise daherkamen, sind zusammengestoßen. Und ein wildes Fluchen und Schelten geht los: „Die Pest über dich!" „Soll dir das Maul auf eine Seite herunterrutschen!" „Wo hast du die Augen, du Bankert?" Siehst doch, daß ich rechts fahre... kannst du doch links fahren!" „Wo steht das geschrieben, du Trottel, daß du rechts zu fahren hast und ich links? Vielleicht ist's gar umgekehrt: der Pelz auf der anderen Seite. Ich rechts und du links." „Mordsvieh, du! Dazu gibt's doch zwei Geleise: ich hin, du her." „Bist selber ein dummes Vieh! Wo steht's denn gesell rieben, daß du hin und ich her?" „Weißt was? Hol sie der Kuckuck mit ihren Geleisen, ihren Wagen und ihrer ganzen Trambahn. Gib lieber Tabak her, wenn du welchen hast, Asriel, mein Herz! Unsertwegen können sie mit der Trambahn zusammen im selben Feuer verbrennen! Was macht deine Alte? Schon etwas stiller?" „Wenn man sie so lange prügelte! ... Nur wenn sie schläft, ist sie still. Was gibt's bei dir?" „Was soll's geben, man ärgert sich ..." Und so lassen sich die beiden Kutscher in ein langes Gespräch in ihrem. Ktitscherjargon ein. Auch die beiden Schaffner unterhalten sich gar friedlich und gemütlich. Bis Welwel, der Kontrolleur, von der Beschneidung, die im Hause des Kassierers stattgefunden hat, zurückkommt. „Daß euch ... Schon wieder was angestellt?!" schreit er, „Euer Glück, daß ich von Motje, dem *) Siehe Nr 12 d. J. Kassierer, komme und gut aufgelegt bin ... Kinder, war das ein Essen... So 'n Kerl! Nun freilich, wenn man bei der Kasse ist. Ich würde auch nicht nein sagen. Besser als Kontrolleur sein und jedem Wagen wie ein Hund nachlaufen...! Aber Leute, was ist denn da geschehen? Wieder ein Malheur? Wieder ein Zusammenstoß? Wo habt ihr nur eure Augen? Die Passagiere — hol sie der Kuckuck! Aber gut, daß die Wagen ganz geblieben sind. Doch nun macht ein Ende, Kinder... Ihr, Reb Kassriel, mein Herz, spannt gefälligst um und fahrt zum Bahnhofe zurück, und Reb Asriel wird euch nachfahren." „Warum gerade ich?" fragt Kassriel. „Soll Asriel umspannen und in die Stadt zurückfahren* und ich fahre nach." „Reb Asriel," wendet sich der Kontrolleur zum anderen Kutscher, „seid also ihr so gut und spannt um und fahrt in die Stadt zurück." „Fällt mir nicht im Traume ein," sagt Asriel. „Mir ist's lieber, wenn Kassriel zum Bahnhofe zurückkehrt. Er schafft's schon." „Und wenn's ans Leben geht, ich fahre nicht zurück," versteift sich Kassriel. „Und wenn ich hier an der Stelle zugrunde gehe — ich rühr' mich nicht vom Fleck," überbietet ihn Asriel. „Daß euch ..." flucht jetzt die Aepfelfrau, packt ihren Korb und wackelt vom Wagen herunter. „Ein schönes Fahren das! Fünfer lassen sie sich noch zahlen! Zu Fuß wäre ich schon sechsmal in der Stadt, ja. Eine ,Trampelbahn' haben sie sich für Berditschew ausgedacht... Nötig gewesen .. Und sie flucht und spuckt aus... Ich aber sehe ein, daß mir auch nichts übrig bleibt, als zu Fuße zu gehen. Und so nehme ich denn meinen Koffer und steige aus. Hinter mir kommen Wagen gefahren. Die Droschkenkutscher pfeifen, höhnen und lachen. „Dem Rebben haben Fleckchen mit Bohnen nicht geschmeckt? Ha? Eine einfache Droschke hat euch nicht gepaßt? Ausgerechnet nur auf der .Trampelbahn4! Ihr könnt noch von Glück reden, daß ihr mit heilen Gliedern heraus seid, daß keine Eierspeise aus euch geworden ist... Na, steigt schon ein mit eurem Koffer, Herr Nachbar, in welchen Wagen ihr wollt. Wir halten zusammen... Hot, Kinder, bot, bot!"... Und so halte ich endlich samt meinem Koffer Einzug in Berditschew. 2. Im Hotel „Türkalia". „Wenn Ihr billig und doch fein unterkommen wollt, so verlaßt Euch auf mich'1, sagt mein Kutscher zu mir und führt mich vor ein zweistöckiges Haus mit arg beschädigter Fassade, das in großen Buchstaben die Aufschrift trägt: „Hotel Türkalia". Er klopft mit der Peitsche an die Tür und schreit: „Nojech! Nojech! Wo steckst du denn, zum Teufel! Mach' auf! Ich hab, dir einen Hecht gebracht!" ... Die Tür geht auf, und es erscheint der gerufene Nojech, der Portier des Hotels. Er packt meinen Koffer und trägt ihn ohne weiteres in den zweiten'" Stock. Sowie wir oben sind, fragt er:

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