Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 13 (3.7.1914)
- Date
- 1914-07-03
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
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fcr 1B nicht, was wir ihr besonders hoch anschlagen wollen, mit jener gewissen Herablassung, die eigentlich auch nur eine neue Kränkung der Juden bedeutet. Die Suttner "hat mit aller Qradheit und Rückhaltlosigkeit, die sie charakterisierten, in dem Antisemitismus eine in Böswilligkeit oder Borniertheit wurzelnde Nichtswürdigkeit erkannt und sie hat nie so getan, als ob sie damit weiß Qott welchen Akt des Edelmutes üben würde. Als einen bezeichnenden Zug für die vornehme Gesinnung dieser Frau sei hier eine Aeußcruug von ihr mitgeteilt, die sie, wie wir von einem ihrer vertrauten Freunde hörten, der dabei anwesend war, in einer aristokratischen Gesellschaft machte. Da ließ einer die Bemerkung fallen, daß Professor N o t h n a g e 1 — es war dies im Jahre 1892 — in einer Rede gegen den Antisemitismus denn doch etwas zu scharf gewesen sei. „Sie meinen wohl", erwiderte die Baronin Suttner „die Wendung, in der es beiläufig heißt: „Ich weiß nicht, was in einem fühlenden Menschen größer sein muß: ob der Ekel über das wüste Treiben, welches sich als Antisemitismus bezeichnet, oder der Zorn, oder die Traurigkeit, daß eine solche Seelenpest sich verbreiten konnte." „Und das finden Sie zu scharf? Ich finde es w ii n d c r s c Ii ü ii g e s a g t u u d h i n ii b e rz e u g t, d a ß \v c n n Prof c s so r Not Ii u a g e I nicht ein gar s o vo r n e h m denkende r M a n n w ä r e, hätte e r n o c h sc h ä r f e r e Worte sprechen k ö n n e n.u * Vergani, der das „Deutsche Volksblatt'1, wie er einmal sehr wider Willen richtig bemerkt hatte, „eigens wegen der Korruption" geschaffen hatte, wollte zeigen, wie man den Kampf gegen die „jüdische" Presse führt, die angeblich eine Gefahr für das christliche Volk bedeutet. Nun, man hat gesehen, wie er das christliche Volk täglich zweimal mit so viel Lügen und Fälschungen fütterte, daß sich selbst ein Lueger und noch andere Elemente der Partei, die noch etwas auf Anstand hielten, mit Widerwillen von dem Blatte abwandten. So wurde der Kampf gegen die „jüdische" Presse geführt... Den „jüdischen" Banken aber sollten Gründungen wie das Bankhaus P 1 e w a zur siegreichen Konkurrenz gegenübergestellt werden. Da sollte strenge arische Geschäftsmoral, unbefleckt von jüdischem Schachergeist walten! Ein gottgefälliger, christlichsozialer Nimbus umstrahlte das Unternehmen, das von der Patronauz frommer, hochinögender Herren gefördert ins Leben trat und auch so viele kleine Kapitalisten heranlockte, die man eifrig vor den „jüdischen" Banken gewarnt hatte. Nun da man von den Unterschlagungen und Veruntreuungen und Verhaftungen hört, die die Geschäftspraxis des Bankhauses Plewa illustrieren, wird man wohl auch bald Gelegenheit haben, die christüchsozialeu Segnungen im Bankwesen im Gerichtssaal beleuchtet zu sehen. Die christlichsoziale Aera zeichnet sich bekanntlich unter anderem durch den Kampf gegen die „jüdische" Moral, die „jüdische" Presse und die „jüdischen" Banken aus. Es läßt sich nun in der Tat nicht leugnen, daß die Moralbegriffe, denen so viele Häuptlinge der antisemitischen Partei huldigten, ganz anders aussahen als jene, denen man in den durch und durch korrupten jüdischen Kreisen zu begegnen pflegte. Da sahen wir z. B. einmal in Wien einen Antisemitenführer feiern, von dem gerichtsordnungsmäßig festgestellt war, daß er seine Gattin zu Gericht schickte, um eidlich auszusagen, daß er nicht in der Lage sei, seiner mit einem Kinde verlassenen Geliebten — Alimente zu zahlen ... Von einer anderen heimischen antisemitischen Größe wurde — gleichfalls gerichtsordnungsmäßig — festgestellt, daß er seiner Herzenfreundin ein öffentliches Haus gekauft hatte, von dessen Erträgnissen sie in Freuden leben konnte... Als das gefeierte greise antisemitische Oberhaupt der Stadt, seiner eigenen Partei unbequem wurde, ließ sie ihn über die allzu zärtlichen Briefe stolpern, die zu schreiben ihn weder der Ehering noch das hohe Alter abgehalten... Ein anderes hervorragendes Mitglied der antisemitischen Partei, das so oft den Mund über die „jüdische" Unsittlichkeit vollgenommen, ist jetzt eine stehende Figur in der Gerichtssaalrubrik und weiß nicht, wie er den Stur m besänftigen soll, den der Zorn eines klagenden Ehemannes gegen ihn entfesselt hat... Das sind aber nur ein paar Beispiele, die wir aufs Gcradewohl herausgerissen haben... Das Waidhofener Prinzip ist nicht tot und begraben! Es lebt, blüht und gedeiht und die Burschenschaft berichtigt mit stolzem Selbstbewußtsein die falsche Nachricht, daß ausnahmsweise in Marburg der. Unsinn besiegt worden wäre. Nein, nein, es bleibt weiter dabei, daß von den 44 österreichischen Burschenschaften 29 der Meinung sind, man dürfe Juden gelegentlich anrempeln, beschimpfen, attakieren etc., ohne dafür die geforderte Satisfaktion gewähren zu müssen. Wir haben schon angesichts richterlicher Urteile darauf hingewiesen, daß die respektvolle Behandlung, deren sich das Waidhofener Prinzip mitunter höherenorts erfreut, die Aufrecht'erhaltung desselben ermöglicht, was vielleicht eventuell noch zu sehr peinlichen Konsequenzen führen könnte. Die Ohrfeigen, die schon mancher Vertreter dieses Prinzips einsteckte, haben dem Prinzip bisher nicht weh getan. Nur die allgemeine moralische Verurteilung desselben könnte da Reniedur schaffen. Bei dieser Gelegenheit sei daran erinnert, daß ein Budapester Blatt vor 14 Tagen die Nachricht brachte, Erzherzog Ferdinand, dessen T o d alle treuen Oesterreicher in Trauer versetzt, habe, als einmal die Rede auf das Waidhofener Prinzip kam, bemerkt, es sei verwerflich, jemanden zu beschimpfen und ihm dann die Satisfaktion zu verweigern. *