Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1914-07-03 · Heft 13 (3.7.1914) · p. Seite 98

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 13 (3.7.1914)
Date
1914-07-03
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2425679-2425912-2425925--2936-2429480
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 98_________ _______________________„Neue National-jeitung^ ______________________________......____________Nr. 15 haus, mit ihm die gesamte Monarchie so schwer getroffen wurde, hat jeden einzelnen Bürger dieses Reiches in die tiefste Trauer versetzt. Schon rein menschlich greift der Gedanke mächtig ans Herz, daß Seine kaiserliche und königliche Hoheit Erzherzog Franz Ferdinand, der dem glorreichen Throne unseres geliebten Monarchen am nächsten stand, in der Vollkraft seines Mannesalters, in Ausübung seines hohen Dienstes für Kaiser und Vaterland, zusammen mit seiner hohen Gemahlin, an der er mit so viel Liebe hing, durch die ruchlose Tat eines Verirrten aus einem so hoffnungsreichen Leben gerissen wurde. DieJudenschaftder Haupt- und Residenzstadt Wien, mit ihr die gesamte jüdische Bevölkerung Oesterreichs, welche während der verflossenen 66jährigen segensvollen Regierung unseres innigst-' geliebten Kaisers an all seinen Freuden und an all seinem, ach so vielem Leid stets mit treuer Hingabe teilgenommen hat, blickt auch jetzt, da das Allerhöchste Herrscherhaus von so schwerem Schicksalsschlage ereilt wurde, vereint mit allen Völkern dieser Monarchie in tiefster Ehrfurcht und mit innigster Teilnahme zu der geheiligten Person Seiner Majestät empor. Und wie wir vor kaum einem Monate um das teuere Leben des großen Friedenskaisers zitternd, inbrünstige Gebete für die baldige Genesung zu dem Allmachtigen emporsandten, wie wir jubelnd ein Dankgebet anstimmten, als die Kunde von der völligen Herstellung der Gesundheit Seiner Majestät zu uns drang, so wollen wir auch jetzt treu zu unserem gramgebeugten Kaiser stehen, zu dem Allmächtigsten flehen, er möge in seiner unendlichen Gnade dem gerechtesten, gütigsten Herrscher die Kraft leihen, auch diese Heimsuchung zu ertragen und ihn noch viele Jahre in voller ungetrübter Gesundheit, verschont von jedem ferneren Kummer, den Völkern dieser Monarchie, die ihm in Liebe ergeben sind, erhalten, als einen Hort der Gerechtigkeit, einen Schirm der Gleichheit aller Bürger und den sichersten Schutz des Friedens. Ich beantrage die Einverleibung dieser Trauerkundgebung, sowie des nachfolgenden Telegrammes, deren Absendung an die Kabinettskanzlei Seiner Majestät beschlossen werden möge, in das Protokoll: „An d i e K a b i n e 11 s k a n z 1 e i Seiner M a j e s t Ii t. Der anläßlich des ticferscliiitterndeu Schicksalsschlages, den das Allerhöchste Kaiserhaus erlitt, zu einer Trauersitziing versammelte Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, gibt im eigenen Namen und namens der Judenschaft der k. k. Haupt- und Residenzstadt Wien, sowie der gesamten Judenschaft des Reiches der innersten Empörung über die ruchlose Tat, welcher das dem Allerhöchsten Throne am nächsten stehende Mitglied des erhabenen Kaiserhauses, Seine kaiserlich und königliche Hoheit der durchlauchtigste Herr Erzherzog Franz Ferdinand und höchstdessen Gemahlin zum Opfer fielen, tiefempfundenen Ausdruck. Die Judenschaft dieses Reiches nimmt schmerzerfüllt Anteil an diesem Unglück, unterbreitet die alleruntertänigste Bitte, Seine Majestät ge,- ruhen diese Aeußerung der innigsten herzlichsten Anteilnahme allergnädigst entgegen zu nehmen. In treuer Ergebenheit zu Thron und Vaterland vereinigt sich die österreichische Judenschaft zu dem tiefinnigen Gebete: Gott leihe Seiner Majestät die Kraft, auch diesen herben Schlag zu überwinden, Gott bewahre Seine Majestät vor jedem ferneren Leid, Gott erhalte und beschütze unseren geliebten Kaiser und unser geliebtes Vaterland. Der unterzeichnete Vorstand bittet ergebenst diese Trauerkundgebung an die Stufen des Allerhöchsten Thrones gelangen zu lassen." Zum Zeichen der Trauer schließe ich die Sitzung. Die für heute ausgeschriebenen Geschäftssitzüngen entfallen. Von da und dort. Mit dem Heimgänge der Baronin Bertha von Suttner hat nicht nur Oesterreich, sondern die ganze gesittete Welt einen großen — und wenn das Wort je am Platze war — so kann man diesmal sagen, einen unersetzlichen Verlust erlitten. Sie war eine edle Frau, die in ihrem Wesen-eine Vereinigung der selten zusammen anzutreffenden Vorzüge verkörperte, denn sie verband ein gütiges, mitleidvolles, echt weibliches Herz mit einem kühnen, energischen, männlichen, vor keinem Hindernis zurückscliYeckenden Geiste. Bertha v. Suttner hatte sich mit dem Ein-; satze ihrer fesselnden Persönlichkeit, mit ihrem Talente als Schriftstellerin und mit ihrer hinreißenden Beredsamkeit in den Dienst einer großen, der ganzen Menschheit gewidmeten Idee gestellt, und es war ihr gelungen, trotz des Hohnes und Spottes, der sie lange verfolgte, eine Schar der hervorragendsten Männer des öffentlichen Lebens, darunter die ersten Namen der Welt, zu ihren Mitkämpfern für die Friedensidee zu machen. Die geistigen Schlachten, die sie im Kampfe für die Friedensidee schlug, haben wohl noch nicht mit dein Siege über den verbrecherischen Wahnsinn des Krieges geendet, aber es wäre unbillig zu behaupten, daß ihre Lebensarbeit eine erfolglose gewesen sei. Sie hat manches schon erreicht und vieles für die Zukunft vorbereitet. Die großen, von bedeutenden Persönlichkeiten geleiteten Friedensvereine, die in der ganzen Welt wirken, haben ihr Entstehen der rastlosen Tätigkeit dieser Frau zu danken, welche man zu den groBen Wohltäterinnen der Menschheit rechnen darf, der man vielleicht noch Monumente errichten wird, wenn niemand mehr daran denken wird, sie für Sieger in blutigen Schlachten aufzustellen. * Aber einen besonderen Dank schulden die J ud e n dieser genialen Frau. War ihre Lebensarbeit auch der Friedensidee gewidmet, so hat Bertha v. Suttner doch keine Gelegenheit verabsäumt, um den Antisemitismus als eine der s c h ä n d I i c h s t e n V e r i r r u n g e n z u b r a n dm arken, die ihr wie eine geistige Seuche erschien. In Wort und Schrift ist Baronin Suttner für die Ehre und das Recht der Juden eingetreten, und zwar

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.