Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 12 (19.6.1914)
- Date
- 1914-06-19
- Page
- Seite 95 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2425679-2425912-2425924--2932-2429475- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 12 ,Neue National-Zeitung^ Seite 95 FEUILLETON. Besuch in Berditschew.*) Von Scholem Alejchem. 1. Auf der Trambahn. Es war ganz frühmorgens, noch vor dem Beten, als ich im Herbst mit der Eisenbahn in Berditschew ankam — es geht, Qott sei Dank, schon eine hin. Draußen sprühte ein feiner Regen, der freilich genügte, um einen ausgiebigen, lockeren Morast zu bilden. Ich war kaum aus dem Wagen, als schon ein ganzer Trupp tloteldiener auf mich losstürzte. Alle hatten sie gelbe Bärte, trugen gelbe Röcke und auf gelben, abgenützten Mützen gelbe Schilder. „Herr Nachbar! ,Orand Hotel'!" „Hotel Francia! Herr Nachbar!" „Herr Nachbar! ,Italia\,u „Herr Nachbar! ,Portugalia'!" „Herr Nachbar! ,Türkalia'!" Mit großer Mühe gelang es mir, mich durch den Trupp durchzuwinden, sofort fiel ich aber einer anderen Gesellschaft in die Hände: Droschkenkutscher mit großen Stiefeln und langen Peitschen, die mich ernstlich beinahe in Stücke gerissen hätten. Einer von ihnen, ein riesiger Kerl, riß mir, ohne mich viel zu fragen, meinen Koffer aus der Hand. Ich erhob natürlich ein mächtiges Geschrei: „Meine Manuskripte! Meine Papiere!" worauf sich zwei seiner Kollegen meiner annahmen. Da mich aber ein jeder für sich haben wollte, kam es zu einer Prügelei zwischen ihnen, und diesen Umstand nützte ich aus, um meinen Koffer und mich zu befreien und zur Trambahn zu laufen. „Hierher, hierher, Leutchen! Einen Fünfer die Fahrt! Einen Fünfer pro Person! Von hier bis Ecke Belepobergasse im ganzen nur einen Fünfer! Fünf Kopeken pro Person!" Der dies ausrief, war der Schaffner selbst, ein junger Mann mit einem blonden Bärtchen und einer gurgelnden Stimme, einem Messingknopf auf der Mütze und einer Tasche um den Hals. Neben ihm stand ein Mann in zerrissenem Rock, eine Peitsche in der Hand: der Kutscher. Und beide zeigten auf einen sogenannten Wagen mit zerbrochenen Fensterscheiben, der, ein bischen nach einer Seite geneigt, dastand. Ein dürres Pferd, das den Kopf hängen ließ und sanft schlummerte, war an einer langen Deichsel vorgespannt. „Gebt acht," warnt mich der Schaffner, „daß Ihr nicht stolpert. Es fehlt ein Brett im Fußboden. Man repariert den Wagen ,.." Ich setze mich hin, lege meinen Koffer neben mich und warte. Es ist etwas kühl. Ich schlage die Füße aneinander. „Schaffner", wende ich mich an den jungen Mann, „wird's einmal oder nicht?" *) Diese humorvolle Erzählung aus dem russischen Ghettolebeu entnehmen wir der im Jüdischen Verlage soeben erschienenen Sammlung humoristischer Erzählungen von Scholem A 1 e j c Ii e in, betitelt nach der ersten Erzählung „Die verlorene Schlacht." Der „jüdische Mark' Twain" wird Scholem Alejchem bereits heute in der Weltliteratur genannt und der Jüdische Verlag hat sich einer sehr dankenswerten Aufgabe unterzogen, indem er dem deutschlescnden Publikum einige Proben dieses köstlichen Ghetto-Humors zur Verfügung stellte. Anm. der Red. „So Gott \vill," antwortete er. „Du, Jossei, gib etwas Tabak her!", sagt der Kutscher zu ihm. „Knaster ist für Euch gut genug, Reb Kassriel," meint darauf der Schaffner. „Von gutem Tab'ak könnt' ihr noch Kopfweh kriegen!" „Mach' keine faulen Witze, - dummer Junge, sondern gib her!" fordert Kassriel, der Kutscher, wieder. Und nun drehen sich beide ihre Zigaretten. „Wann fahren wir?" fragen wir wieder den Schaffner. „Heute", erwidert er ganz kaltblütig und gibt dem Kutscher Feuer. Ich warte. Langsam kommen die Passagiere zusammen. Der erste ist ein Mann mit einem zerrissenen Pelz. Es ist schwer zu sagen, von was für einem Tiere das Fell ist; für einen Fuchs ist es zu weiß, für eine Katze zu rot. Dann steigt einer ein, ohne Pelz, frierend, sieht sich nach allen Seiten um, sucht seufzend einen Platz und setzt sich schließlich in eine Ecke an der Tür ... Ihm folgt ein Korb mit Aepfeln und diesem eine Frau, die in drei Tücher eingewickelt ist. Man merkt, daß ihr sehr kalt ist ... „Vorwärts, Reb Kassriel!" ruft jetzt der Schaffner, pfeift, und — wir fahren. Aber nur einige Schritte. Denn schon bleibt der Wagen wieder stehen. Die Tür geht auf und irgendein Mann steckt seinen Kopf herein: „Ist da nicht Mojsche?" , „Was für ein Mojsche?" fragt Jossei, der Schaffner. „Ein junger Mann mit einer Mütze", antwortet der Kopf. „Der in einem Eisengeschäft dient?" fragt Jossei, der Schaffner. „Ja, ja, der!" „Ich kenne ihn," sagt Jossei, der Schaffner, und pfeift. „Vorwärts, Reb Kassriel!" Und wir fahren weiter. „Einen Fahrschein!" wendet sich der Schaffner an mich ..." Ihr kommt mir nicht bekannt vor, seid wohl nicht von hier? ... Habt Ihr die Absicht, lange liier zu bleiben? Dann kann ich Euch in ein Gasthaus bringen, zwar kein Hotel, aber rein, ohne Wanzen ... Und auch, wo Ihr billig und gut essen könnt, kann ich Euch zeigen ..." Ich danke ihm und sage, daß ich hier Bekannte habe. Er will wissen, wer und was sie sind ... Ich nenne ihm einen beliebigen Namen und bin ihn los. Er geht darauf zu dem Manne im Pelz und will ihm einen Fahrschein geben. Der aber zuckt die Achseln und meint: „Ach was! Nicht eine Groschen habe ich bei mir, so wahr ich lebe." „Aber Ihr fährt diese Woche schon das dritte Mal ohne Fahrschein", meint Jossei, der Schaffner, ärgerlich. „Na, und ... soll ich etwa zu Fuß gehen?" ist die eben so ärgerliche Antwort. „Oder soll ich etwa Dir zuliebe stehlen gehen?" Jossei, der Schaffner, macht eine resignierte