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Neue Nationalzeitung · 1914-06-19 · Heft 12 (19.6.1914) · p. Seite 96

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 12 (19.6.1914)
Date
1914-06-19
Page
Seite 96 (sequence 8)
Language
German
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Seite 96 .Neue Natign^-Zeitung"! Nr. 12 Gebärde und wendet sich an den Mann ohne Pelz, den Frierenden. Der stellt sich schlafend. „Heda, mit Verlaub, einen Fahrschein!" Keine Antwort. Der Mann tut so, als ob er nicht hörte. Worauf ihm der Schaffner einen Nasenstüber versetzt : „Herr Nachbar! Mit Verlaub ... einen Fahrschein!" Der Mann fährt wie aus dem Schlafe auf und reibt sich die Hände. „Einen Fahrschein!" wiederholt Jossei, der Schaffner. „Ich höre", antwortet der Mann endlich und haucht sich in die Fäuste. „Was heißt das, Ihr hört?" sagt nun Jossei, der Schaffner, schon in sehr energischem Tone. „Gebt lieber einen Fünfer her, ja, und nehmt den Fahrschein!" „Etwas stiller", wehrt sich der Frierende. „Warum gleich so hitzig? Seh' mal einer an: auch schon wer!" „Macht keine Spässe", sagt Jossei, der Schaffner, „und gebt Euren Fünfer her!" „Ich hoffe, Du wirst etwas nachlassen von dem Fünfer." „Wenn Ihr das erlebt...", antwortet Jossei, der Schaffner. „Nun, wird's? Nicht? So muß ich Euch schon bitten, Euch vom Wagen hinunter zu bemühen ... Reb Kassriel, halten!" Kassriel, der Kutscher, gehorcht gern. Und das Pferd sicherlich nicht minder. „Bitte mit dem rechten Fuß!" sagt Jossei, der Schaffner zu dem Frierenden, der sich die Hände reibt, die Füße tänzeln läßt, im übrigen aber sich nicht vom Fleck rührt. „Ihr wartet, scheint's, auf besondere Aufmerksamkeit ... Ich will Euch wohl beim Kragen nehmen und hinauswerfen ... Na, wenn Welwel, der Kontrollor kommt — er ist gerade bei einer Beschneidung, bei unserem Kassierer —, der wird's Euch schon zeigen ... „Es ist wirklich keine Gerechtigkeit auf der Welt", läßt sich da plötzlich die Frau mit den Aepfeln hören. „Wieso ist der Mann schlimmer als der andere, der ohne Fahrschein fahren darf, er wird Dir wohl ein Stück Bank abnützen? Wie? Oder glaubst Du Dir einen goldenen Grabstein damit zu verdienen?" „Wer hat Euch gebeten, hier als Verteidigerin aufzutreten?" gibt Jossei, der Schaffner, zurück. „Wie könnt Ihr die Beiden vergleichen? Den Einen kenne ich, er ist aus gutem Hause und verarmt. Der Andere aber . . ." Er zeigt auf den Frierenden. „Ich weiß nicht, wer er ist, irgendein hergelaufener Habenichts." Da richtet sich die Aepfelfrau auf: „Na und wenn? Muß er deswegen schon hinausgeworfen werden? Gleich hinauswerfen! Seh' mal einer, was für schreckliches Verbrechen er begangen hat! Das Pferd zieht doch ohnehin den Wagen in die Stadt. Ob nun einer mehr dasitzt oder nicht? Stell Dir vor, Du hast schon den Fünfer: wird die Suppe davon fett?" „Wer hat Euch um Eure Meinung gefragt? sagt Jossei, der Schaffner. „Gebt lieber Euren Fünfer her und nehmt Euren Fahrschein!" Die Frau schlägt mit der flachen Hand ätff ihre Kleider: „Habt Ihr schon so etwas gehört, Leute? ... Ich hab's aber gewußt, daß er zuletzt auch zu mir kommen wird! Ich soll so glücklich sein, wie ich gewußt hab'." (Fortsetzung folgt.) Zeitschriften-Rundschau. Eine jüdische Gewerkschaftskorrespondenz. D.er „Neue W e g" bringt folgende interessante Nachricht als Beweis, wie das Verständnis für die' jüdische Sprache (vgl den Leitartikel dieser Nummer) in die weitesten Kreise dringt: „Das Sekretariat des I n t e r n a t i o nalen (3 e w e r ksc haftsbundes in Berlin versendet folgenden Zirlularbrief an die Redaktion der jüdischen Arbeiterpresse: ,.Der Internationale Gewerksehaftsliind gibt seit dem Anfang des .lahres 1913 eine internationale Gewerkschaftskorrespondenz heraus, die zuerst in der deutschen und englischen Sprache erschien, seit kurzem auch in der französischen. Wir beabsichtigen jetzt, auch eine Ausgabe in der jüdischen Sprache erscheinen zu lassen. Die Korrespondenz gibt regelmäßig ein Bild der Gewerkschaftsbewegungen und wird an alle Zeitungen umsonst versendet, die unsere Nachrichten abdrucken. Die jüdische Korrespondenz beginnt demnächst zu erscheinen und bitten wir Sie, uns, wie bis jetzt, Ihr Blatt zukommen zu lassen. Gez.: K. Legien." Die braven Leser der „Arbeiterzeitung", denen so oft erzählt wird, daß die jüdische Sprache ein „Budapester-Orpheum-Deutsch" und darob separatistisch, reaktionär und klerikal ist, werden nicht wenig erstaunt sein über diesen Schritt der höchsten Instanz der proletarischen Gewerkschaftsbewegung. Dieser Schritt des Internationalen Gewerkschaftssekretariates ist der erste auf dem Wege zur Anerkennung einer jüdischen Sektion auf dem Internationalen Sozialistenkongreß, dem bald weitere werden folgen müssen." Liste der Ausgetretenen. Vom 1. bis 16. Juni 1914. (Nr. 225—237.) Berenyi Gisela, Schneiderin, geb. 5. Jänner 1893 in Wien, VII., Lerchenfelderstraße 21. Bock Regina, Weißnäherin, geb. 20. Mai 1886 in Wien, XX., Klosterneuburgerstraße 66. Dreier Belle (Paula), Private, geb. 27. September 1882 in Lipnik, V., Reinprechtsdorferstraße 8. Greger geb. Willner AmaJia. Private, geb. 27. November 1886 in Teplitz-Schönau, V., Reinprechtsdorferstraße 28. Kanner Max, geb. 8. August 1873 in Wien. X., Wielandplatz 7. Löwy Reja, Private, geb. 26. Mai 1888 in Belgrad, II., Ferdinandsstraße 11. Polacsek Rudolf, Beamter, geb. 17. November 1872 in Wien, XX., Klosterneuburgerstraße 66. Tanzer geb. Stein Therese, geb. 18. Jänner 1876 in Wien, XVI.. Klausgasse 32. Lehmann geb. Redlich Jenny, Private, geb. 28. Juni 1848 in Znaim, I., Seilerstätte 11. Lehmann Melanie Emma, Private, geb. 4. April 1870 in Wien, I., Seilerstätte IL Lehmann Henriette Valentine, Private, geb. 22. Juni 1877 in Wien, I., Seilerstätte 11. Wasinger Johanna, gesch. Grimm, Bedienerin, geb. 7. Oktober 1888 in Gumpoldskirchen, IL, Herminengasse 6. Weltsch Margarete, Private, geb. 4. November 1884 in Wien, wohnhaft in Prag laut Zuschrift der israelitischen Kultusgemeinde Prag, ddto. 3. VI. 1914, Z. 2078. Herr Kende Robert, Reisender, ist zum Judentum wieder zurückgetreten.

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