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Neue Nationalzeitung · 1914-06-19 · Heft 12 (19.6.1914) · p. Seite 92

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 12 (19.6.1914)
Date
1914-06-19
Page
Seite 92 (sequence 4)
Language
German
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Seite 92 .Neue National-Zeitung^ Nr. 12 regel war die Verlegung der Märkte auf den Sabbath, um die jüdischen Kaufleute, die ihre religiösen Vorschriften nicht verletzen wollen, lahmzulegen ... Und da wage man noch, es zu behaupten, daß das Gebot der Nächstenliebe schon im alten Testamente aufgestellt wurde und nicht erst eine nagelneue Errungenschaft des Christentums ist... * Der Beylis-Prozeß, dessen Führung jetzt auch von hervorragenden Mitgliedern der Duma als eine Schmach der russischen Justiz bezeichnet wurde, hat doch für alle die Persönlichkeiten, die sich um diese Schmach verdient gemacht hatten, eine erfreuliche Folge gehabt: sie erhielten vom Zaren hohe Auszeichnungen. Jedes Ordensband, das aus diesem Anlasse verliehen wurde, spricht Bände. Das Wort des Evangeliums: Hütet euch vor den Gezeichneten, müßte aber diesmal variiert werden: Hütet euch vor den Ausgezeichneten! Inzwischen werden trotz aller Hindernisse und Hemmungen, die die russischen Behörden der Eruierung der Wahrheit in den Weg legen, die Bemühungen fortgesetzt, um die Mörder Juschtschinskis auf die Anklagebank zu setzen. Für Unbefangene ist auch der leiseste Zweifel geschwunden, daß Wefa Tscheberjak die Mörderin ist. Aber sie wird durch hohe Qönner — in der Kutte und in der Uniform — geschützt, durch Gönner, denen nur daran gelegen ist, daß der Kultus, der mit Juschtschinski als dem „Opfer" eines jüdischen Ritualmordes getrieben wird, nicht gestört werde. Es ist den edlen Gönnern nicht gelungen, einen unschuldigen Juden als Mörder auf den Galgen zu bringen und sie müssen sich daher begnügen, die christliche Mörderin vor der Verurteilung zu beschützen. An dem Tage, an welchem die christliche Mörderin gerichtsordnungsmäßig als Schuldige erklärt würde, wäre es mit der Ritualmordhetze, die jetzt aus dem Falle Juschtschinski herausgeschlagen werden kann, vorbei. Auch mit der Karriere des armen, ermordeten Kindes, das jetzt auf dem besten Wege ist, der russische Simon von Trient zu werden. Man sieht, wer alles die Mörderin schützt... Sonst hätte man wohl schon längst die Ordensbänder, die die Beylisverfolger erhielten, zu einem Stricke für die Mörderin verwenden körnen. * Die reaktionäre Presse in Rußland ist unausgesetzt bemüht, die Juden-, die im Lande geboren wurden, und deren Väter und Großväter schon in russischer Erde begraben sind, als Fremde zu stigmatisieren, die, da sie keine Patrioten, selbst das Recht auf Gerechtigkeit eingebüßt haben. Rumänien, der „Kulturstaat", der, was den Judenhaß und die Judenverfolgung betrifft, längst schon ganz im russischen Fahrwasser sich befindet, vertritt dieselbe Doktrin, unbekümmert darum, daß gleichwie in Rußland — Tausende und Tausende von Juden trotz alledem und alledem die Liebe zu ihrem Stiefvaterlande auf den Schlachtfeldern mit ihrem Blute besiegelten . . . Aber lassen wir einmal die Frage aus dem Spiele, ob die Juden in Rußland und in Rumänien patriotisch gesinnt sind oder nicht und hören wir, wie einer der größten Historiker, der zugleich einer der edelsten und vornehmsten Denker war. über die Pflichten dachte, die ein Staat auch gegen die ,unpatriotischen" — Juden hat. In einein im Jahre 1831 veröffentlichten Essay „Die Juden" schreibt Macaulay unter anderem: „. . . Der Staatsmann, der sie (die Juden) als Fremde behandelt und sie dann schmäht, weil sie nicht alle Gefühle der Eingeborenen hegen, ist so unvernünftig, wie der Tyrann, der ihre Väter strafte, weil sie nicht Ziegel ohne Stroh machten . . ." Den Herrschern aber, die für ihre Tyrannei Vorwände suchen, ruft Macaulay zu: „Man muß Regenten nicht in dieser Weise ihrer feierlichen Verantwortung entbinden lassen. Es paßt sich nicht in ihren Mund, zu sagen, daß eine Sekte nicht patriotisch sei. Es ist ihre Sache, sie patriotisch zu machen." * Aber Macaulay, „der König der englischen Historiker", begnügt sich nicht damit, die Juden zu „verteidigen". Er kehrt den Spieß um und wird in ihrem Namen zum Ankläger, der ihren Bedrücker mit der Peitsche der Satire geißelt. Da heißt es in dem erwähnten Essay weiter: „Wenn alle rotbärtigen Menschen in Europa Jahrhunderte lang gemißhandelt und bedrückt, der unwahrscheinlichsten Verbrechen auf den schwächsten Beweis hin für überführt erklärt, gehängt, gefoltert, lebendig verbrannt worden, wenn sie, wie die Sitten, milder wurden, immer noch erniedrigenden Beschränkungen unterworfen und gemeinen Insulten ausgesetzt gewesen wären, überall von Aemtern und Ehren ausgeschlossem wie würde es mit dem Patriotismus von Gentlemen mit rotem Haare stehen?" — Das schrieb Macaulay im Jahre 1831. Man könnte in Rußland und Rumänien und noch anderwärts seine Worte auch heute noch beherzigen. G. E—nn. Hof rat Kuranda verteidigt sich. In unserer vorigen Nummer haben wir Linter der Aufschrift „Der ,rechtliche und anständige' Hofrat Kuranda" einen den Präsidenten Dr. Stcni sehwer beleidigenden Brief besprochen, den Hofrat Kuranda nach Abgabe des Wiener zionistischen Organs an den gewesenen Kultusvorsteher Karl Lemberger, den Haupthetzer gegen Rabbiner Mayersohn, gerichtet hat. Hofrat Kuranda bestreitet nun, diese beleidigenden Äußerungen gebraucht zu haben. 1) cn Brief selbst stellt er aber nicht in Abrede. Das allereinfachste wäre also die Veröffentlichung des authentischen Briefes. Das will Herr Kuranda wieder nicht. Er geht vielmehr zu Dr. Bloch und läßt sich von diesem bestätigen, daß er den Präsidenten Dr. Stern nicht beleidigt hat. Dr. Bloch, der ja ohnehin in der Affäre Mayersohn eine sehr zweideutige Rolle gespielt hat, arrogiert sich plötzlich die Rolle eines Notars und erteilt dem Herrn Kuranda nachstehende „Beglaubigung":

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