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Neue Nationalzeitung · 1914-06-05 · Heft 11 (5.6.1914) · p. Seite 84

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 11 (5.6.1914)
Date
1914-06-05
Page
Seite 84 (sequence 4)
Language
German
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Seite 84 ,Neae •National^Zejtung^ Nr. 11 keiten ins Leben treten, und zumeist — wo night ganz ausschließlich — Nichtjuden; zugutekommen. Der Papst erinnerte sich wohl, als er diesen schönen, von gewisser Vorurteilslosigkeit zeugenden Gedanken aussprach, daß er vor vielen, vielen Jahrzehnten schon, lange bevor er Patriarch von Venedig geworden, noch als schlichter Dorfpfarrer, den Wohltätigkeitssinn der Juden kennen lernte und daß der erste, den er für seine Armen in Anspruch zu nehmen pflegte, stets der jüdische Gutsbesitzer war, der dieser Aufforderung so herzlich und eifrig wie kein zweiter willfahrte. Daher mag es kommen, daß der Papst auch heute noch solche „gemischte Vereine und Verbindungen mit Nichtkatholiken erlaubt". * Schade, jammerschade, daß Se. Heiligkeit der Papst, der für den Wohltätigkeitssinn der Juden ein so gutes Gedächtnis sich bewahrt hat, nicht auch die Gläubigen daran erinnert, daß in den vielen, vielen Jahrzehnten, die er, von Qottes Segen geleitet, in Italien gelebt und gewirkt, in diesem Lande niemals etwas von einem zu „rituellen" Zwecken ermordeten Christenkinde gehört wurde. Wie segenbringend hätte eine solche Reminiszenz des heiligen Vaters gewirkt! Das Schweigen des Papstes in der Ritualmordfrage bedeutet selbstverständlich, daß diese Beschuldigung eine infame Lüge ist, aber es würde doch noch ganz anders wirken, wenn der Papst dies auch ausdrücklich erklärte. Die Hetzer in der Sutane müßten dann doch verstummen . . . * * Vielleicht dürfte dann mancher einen leisen Zweifel nicht unterdrücken können, ob denn das Schweigen des Papstes angesichts der Ritualmordbeschuldigung so unbedingt als seine Verwerfung dieser Beschuldigung gedeutet werden müsse? Ich gebe zu, daß die Behauptung, diesmal sei das Schweigen keine Zustimmung, sondern das strikte Gegenteil, bewiesen werden muß. Wohlan, hier folge der Beweis: Ein Bischof der katholischen Kirche hatte vor Jahren ein Gutachten' in der Ritualmordfrage erstattet, in welchem er sich nicht begnügte zu erklären, daß die Annahme, „es könnte jemals von Juden Christenblut zu rituellen Zwecken gebraucht worden sein, weder durch die jüdische Religion, noch durch die Geschichte zu begründen ist". Der edle, von Menschen- und Wahrheitsliebe erfüllte Bischof ging noch weiter. Er setzte hinzu, „daß eine derartige Beschuldigung, auf welche Voraussetzungen immer sie gestützt werden möge, als eine freventliche Unwahrheit bezeichnet werden muß". Entschiedener, rückhaltloser hat noch kein Rabbiner das Ritualmördmärchen zurückgewiesen! Und man wird es ruhig aussprechen dürfen, der Bischof, der diese Worte niederschrieb, die eigentlich jeden, ausnahmslos jeden zum Frevler und' Lügner stempeln, der diese Beschuldigung vertritt, mußte sich darüber klar sein, wie das Oberhaupt der katholischen K i r c h e, s e i e-swerimmer. sichzu dieser Frage zu stellen habe. Der Bischof mußte es, nach dem Stande der Dinge, für ausgeschlossen halten, daß seine diffamierenden Worte am Ende gar — einen Papst treffen könnten! Der Bischof hatte offenbar wohlüberlegt, und über alle Konsequenzen beruhigt, seine Erklärung veröffentlicht. Und er hatte sich nicht geirrt. Der Papst sah sich nicht, zur Rettung der eigenen Ehre genötigt, diesen Bischof zu desavouieren ... Nein, er tat etwas anderes: er ernannte ihn später zum Kardinal der heiligen römischen Kirche. Bischof Kopp starb bekanntlich als Kardinal. * Die Wiener Christlichsozialen hatten dieser Tage einen schmerzlichen Verlust zu beklagen. Dr. Porzer, der auch der Wiener Kultusgemeinde schon darum nicht ganz fremd gegenüberstand, da doch sein Onkel, Dr. Ludw. August Frankl, Dezennien hindurch als deren Sekretär fungierte, war als Sohn einer getauften Jüdin später ein guter Katholik und sogar ein eifriger, vor nichts zurückschreckender Klerikaler geworden. Dagegen ist nichts zu sagen. Das mochte ja alles Porzers echte, ehrliche Ueberzeugung gewesen sein. Aber antisemitein hätte er nicht sollen! Und das hat er doch auch hie und da getan. Schon der gute Geschmack hätte einen gebildeten Mann an einer 'Gefühlsäußerung hindern müssen, durch die er seine Ahnen, die im Grabe schlummern, beschimpfte. Es mag ja sein, daß dem Dr. Porzer der gelegentlich angewendete antisemitische Jargon nicht recht vom Herzen kam, daß er ihn nur benützte, um seine Abstammung vergessen zu machen. Aber schön war es doch nicht, und genützt hat es ihm schließlich auch nicht. So wie er unmöglich die Erinnerung aus seinem Kopfe tilgen konnte, wer seine Mutter gewesen, wer ihre Geschwister und Eltern gewesen, so vergaßen dies auch die anderen nicht. In London konnte vor Jahrzehnten ein Jude, noch dazu ein jylauhenFeifnV^r nuf seine Religion und Abstammung stolzer Jude, Lord-Mayor werden. Dr. Porzer, der Judenstämmling, konnte es in der christlichsozialen Aera nicht höher als bis zur Vizebürgermeisterwürde bringen. * Dr. W e i sk i r ch n e r, der so schnöde das Testament Luegers, seines Herrn, Meisters und väterlichen Freundes mißachtet hatte, dankt es nur den jüdischen Ahnen Porzers, daß nicht dieser Bürgermeister von Wien wurde. Porzer starb vielleicht am gebrochenen Herzen, aber sicherlich hat der Undank seiner Partei nicht zur Verlängerung seines Lebens beigetragen. Was hatte Porzer nicht alles für die Kirche getan! Für den Katholizismus! Für den Antisemitismus! Alles umsonst. Er hatte, was die Lueger und die Liechtenstein nicht einmal gewagt, unternommen: er hatte für die 'Wi ederherstellu wr der weitlichen Macht des Papstes offen und entschieden das Wort ergriffen und die österreichische Regierung rung, die doch auf den italienischen Staat Rücksicht nehmen muß. in Verlegenheit gesetzt . . . Alles das half Dr. Porzer nicht. Er mußte als Vizebürgermeister in das Grab steigen und nicht als Bürgermeister! * Den Juden fehlte es nie an ..Getauften", die aus ihrer Mitte hervorgegangen. Das ist bekannt. Das hat sich auch nicht geändert in all der Zeit, die seit Christi und1 der Aoostel Geburt verflossen. Man wird daher alle Bemühungen, echte; unverfälschte Arier zu Juden oder Judenstämmlingen zu machen, für recht überflüssige erklären können. Besonders aber dann, wenn diese gerade wegen irgendeiner beson-

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