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Neue Nationalzeitung · 1914-06-05 · Heft 11 (5.6.1914) · p. Seite 83

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 11 (5.6.1914)
Date
1914-06-05
Page
Seite 83 (sequence 3)
Language
German
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Nr. il .Neue National-Zeitung" Seite 83 Nun -lassen wir den erwähnten, die parlamentarische „Tätigkeit" des Hofrates Kuranda hell beleuchtenden Brief folgen: * Sehr geehrter Herr Redakteur! Der Artikel des Wiener zionistischen Organes, betitelt: „Die Wiener Kultus-Korruption" hat meine Aufmerksamkeit in hohem Maße erregt, weil ich daraus entnehmen konnte, daß unser Abgeordneter Kuranda plötzlich ein so großes Interesse für die internen Vorgänge der Kultusgemeinde an den Tag legt. In diesem Artikel wird nämlich ein Brief Kurandas breitgetreten, der dem Präsidenten Dr. Stern jede Rechtlichkeit und jeden Anstand abspricht. Ich selbst gehöre nicht zu den Verehrern Doktor Sterns und so weit mir bekannt, haben Sie wiederholt die Tätigkeit des Präsidenten scharf kritisiert. Dasselbe Recht steht jedoch dem Herrn Kuranda nicht z u. Bekanntlich besitzt er ein jüdisches Mandat, wiewohl er sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt, ein jüdischer Abgeordneter zu sein oder als solcher zu gelten. Es ist ja bekannt, daß er dieses Mandat weder einer Popularität noch irgendwelchen politischen Fähigkeiten, sondern der Agitation der jüdisch-offiziellen Kreise, vornehmlich des Kultusvorstandes und seines Präsidenten, verdankt. Dieses „Tun und Treiben" hat wohl schwerlich die Entrüstung Kurandas hervorgerufen, wohl aber der jüdischen Wähler, die sich gegen die Aufoktroyierung Kurandas auflehnen. Daß diese letzteren Recht hatten, will ich an mehreren „Stückchen" unseres Abgeordneten beweisen. In erster Linie wäre darauf zu verweisen, daß dem Hofrat Kuranda gelegentlich seiner letzten Wahl von einem angesehenen und intelligenten Teile seiner Wähler in öffentlichen Versammlungen der Vorwurf gemacht wurde, er habe bei d e r W a h 1 des Präsidenten fürs Parlament für den bekannten Antisemiten Dr. Pattai gestimmt. Kuranda selbst hat diese Behauptung nicht widerlegt. Ja, noch mehr, als als einer seiner Parteigänger einem Wähler, der diesen Vorwurf in einer Wählerversammlung wiederholte, mit den Worten „Sie lügen" apostrophierte und darauf von dem Betreffenden geklagt wurde, e n t s c h 1 u g sich Kuranda der Zeugenaussage, trotzdem der Richter den W a hr heit b beweis zuließ. Seitdem Juden Mitglieder des österreichischen Parlamentes sind; dürfte es wohl zum erstenmale und hoffentlich auch zum letztenmal vorgekommen sein, daß ein jüdischer Abgeordneter einen Antisemiten zum Präsidenten wählt. Oder kann man etwa bei den heutigen politischen Verhältnissen in Oesterreich das Sichanbiedern eines Juden an die Deutschen, die ihm übrigens bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit den Fußtritt versetzen, Charakterstärke nennen? Wir Juden der ganzen Welt wissen und kennen das Unrecht, das täglich trotz des Berliner Vertrages unseren Glaubensgenossen in Rumänien angetan wird. Alle Petitionen, die seit Jahren von nichtjüdischer Seite an die rumänische Regierung gerichtet werden, hindern es nicht, daß die rumänischen Juden der Vernichtung preisgegeben werden. Hofrat Kuranda, der Vizepräsident der Israelitischen Allianz ist, dürfte von der Lage der rumänischen Juden noch besser als ich unterrichtet sein. Allein dies alles hindert ihn nicht, mit den Rumänen a 1 s A bgeordneter zu fraternisieren, mit ihnen eine gemeinsame politische Versammlung abzuhalten und dabei den Rumänen Freundschaft und Sympathie zu bekunden. Hingegen aber, als es sich darum handelte, öffentlich gegen den Kiewer „Ritualmord" zu protestieren und zu diesem Zwecke eine Versammlung im Großen Musikvereinssaale am Abend vor der Schwurgerichtsverhandlung in Kiew veraiistalett wurde, da bemerkten wir wohl in derselben viele Wiener und Provinzabgeordnete, darunter auch Professor Masaryk, aber der Abgeordnete der Wiener Kaijuden glänzte durch seine Abwesenheit. Und warum ist es denn dem Herrn Kuranda noch immer nicht eingefallen, vor seine Wähler zu treten und ihnen Rechenschaft abzulegen und ihre Beschwerden anzuhören? Das ist eine Fundamentalpflicht des Abgeordneten. Speziell in der letzten Zeit, da Herr Kuranda in freisinnigen Versammlungen, von freisinnigen Mandataren (Dr. Blasel u. a.) als Totengräber der liberalen Partei bezeichnet wurde, könnte er ein Vertrauensvotum seiner Wähler gut brauchen. Traut er sich nicht, es zu verlangen? Welchen Zweck hat also Kuranda mit seinem Briefe an Lemberger verfolgt? Offenbar Wählerfang. Der 84jährige Kultuspräsidfent scheint ihm keine genügende Stütze mehr und als Mann von „Rechtlichkeit und Anstand" sucht er sie jetzt bei den Vorstehern der „Chewra Kadischa" und bei den Zionisten. Eine schöne Koalition! Mit vorzüglicher Hochachtung Ein Kai-Wähler. (Name und Adresse des Einsenders sind der Redaktion bekannt.) Von da und dort. Der Papst hat anläßlich der Ernennung der neuen Kardinäle an diese eine Rede gehalten, die sich hauptsächlich mit dem Modernismus, der der Kirche so viel zu schaffen gibt, beschäftigt. Aber der Papst ließ auch eine Bemerkung fallen, die offenbar in erster Reihe die Juden betrifft. Er rief nämlich den Kardinälen zu: „Wiederholet ohne Unterlaß, daß der Papst zwar die katholischen Vereine liebt, die sich das m a t e r i e 11 e W o h 1 z u m Z i e 1 s e t z e n, doch saget ihnen, daß der Papst stets erklärt hat, daß das moralische Wohl in ihnen stets vorangehen müsse. Gemischte Vereine und Verbindungen mit Nichtkatholiken sind erlaubt; doch gibt der Pap s t denjenigen Vereinigungen den Vorzug, die sich um die Fahne scharen, die um vieles glorreicher ist als alle anderen, die Fahne der Kirche." Das ist zwar etwas dunkel gesagt, aber man wird nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daß Se. Heiligkeit der Papst es „erlaubt" findet, daß z. B. auch Juden weiterhin Beiträge zu den Humanitätsanstalten liefern, die unter der Aegyde hochstehender christlicher Persönlich-

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