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Neue Nationalzeitung · 1914-06-05 · Heft 11 (5.6.1914) · p. Seite 82

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 11 (5.6.1914)
Date
1914-06-05
Page
Seite 82 (sequence 2)
Language
German
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öeiu 82 , ..Neue National-Zeitung" Nr. 11 den Händen der russischen Staatsfaktoren und insbesondere des Justizministers, welcher für die Verhandlung selbst dje kleinsten Einzelheiten verfügt hat. Und was sehen wir jetzt? Statt sich dieses Prozesses zu schämen, ist man sogar stolz auf den- - selben. Die Richter haben Ordensdekorati o n e n erhalten und sind avanciert. ündä'afiiizeigtsichderganzeSchmutz, d e r i n u n s e r e m J u s t i z m i n i s t e r i u m a u fgehäuft ist. Die Richter sind für ihre Haltung"in diesem Prozeß belohnt worden, dafür, daß sie, den Intentionen des Justizministers entgegengekommen sind. Das waren keine Richter mehr, sondern gewöhnliche Söldlinge." „Diel Richterwurden belohnt und die Mörder laufen frei herum. Man hat die Strafuntersuchung eingestellt, man wagt es nicht, die Tscheberjak anzuklagen." „Die russische Justiz ist so tief gesunken," schloß Maklakow, „daß wir uns nach dem Regime Plehwes sehnen." Diese Ausführungen, die von der gesamten Linken und von den Oktobristen mit stürmischem Beifall aufgenommen wurden, unterstützte namens der Sozialdemokraten Kerinskij. Auch er macht in erster Linie den Justizminister für die Inszenierung des „Ritualmord"-Prozesses verantwortlich und weist besonders darauf hin, daß der Justizminister selbst es war, der dem Untersuchungsrichter Fenenko die Führung der Voruntersuchung abgenommen hat, weil dieser von vornherein die Möglichkeit eines Ritualmordes ausgeschlossen hat. Auch der Sozialdemokrat Tschechemkelij protestiert gegen die barbarischen Mittel, welche der Justizminister, in seinem Ausrottungskampfe gegen die Juden anwendet. Der Führer der Kadetten, Roditschew, wendet sich gegen die "Versuche der Regierung, die ganze Untersuchung nun niederzuschlagen. „Man verlangt von uns," sagt er, daß wir diesen Prozeß nicht mehr erwähnen, diese furchtbare Inquisition, die sich eines finsteren Aberglaubens bedient hat, um einen unschuldigen Menschen zwei Jahre hindurch mittels einer rücksichtslosen Absperrung zu Tode zu quälen. Nein, nein," ruft er aus, „wir werden nicht schweigen, solangeWera Tscheber jak inden Straßen Kiews frei herumgeht, solange die ungerechten Beschuldigungen gegen die Juden nicht vollständig beseitigt sind, so lange man sich in Rußland durch eine Spende für eine Juschtschinskij- Kirche die Karriere sichern kan n." Allen diesen Angriffen trat der Justizminister selbst nicht entgegen. Er hat es vorgezogen, während der Beratung des Budgets — abzureisen. Für ihn trat sein Gehilfe Wierofkin in die Bresche. Und wie verteidigte er seine Regierung und seinen Chef? Den schärfsten Anwürfen, die einer Justiz widerfahren können, daß die Diebin und Mörderin Tscheberjak nicht angeklagt werde, weil sie eine Vertrauensperson und Mitwisserin der Gerichte sei, ging der Stellvertreter des Ministers aus dem Wege. Er begnügte sich damit, die Richter als unabhängig von der Regierung hinzustellen. Im Jahre 1912 sei kein einziger und irn Jahre 1913 ein Richter in ganz Rußland, entlassen worden. Mit dem Urteil im Bejlis-Prozeß ist Herr Wierofkin sehr zufrieden, hauptsächlich mit dern ersten Teil des Verdiktes, weil darin „bestätigt wird, daß der Mord unter den in der Anklage angeführten Umständen und Bedingungen verübt wurde." Dadurch sei das „Gewissen der Oeffentliehkeit befriedigt," meinte-er. Denn das Justizministerium enthebt sich durch diese Konstatierung der Notwendigkeit, die Tscheber jak anzuklagen. Es ist die beste Bestätigung all der schweren Anklagen, die von den freiheitlichen Abgeordneten gegen das Justizministerium erhoben werden, wenn der Stellvertreter des Justizministers nach den jüngsten Enthüllungen. Krasowskis über die Aussagen der Ehegatten' Rawitsch noch immer an dem Verdikte festhält, wonach Juschtschynskij im Hofeder Ziegelei Saitzew ermordet wurde. Durch dieses Hintertürchen will der Justizminister mit seinem Schützling, der Wera Tscheberjak, offenbar entschlüpfen. Das wird ihnen aber kaum gelingen. Die unermüdliche Arbeit Krasowskis und das geschlossene, mutige Auftreten der beiden großen freiheitlichen Parteien beweisen, daß im russischen Volke genug Kräfte schlummern, die der Wahrheit und Gerechtigkeit zum Siege verhelfen wollen. Von diesem Gesichtspunkte aus zählt die Debatte über das Justizbudget zu den schönsten moralischen Erfolgen der freiheitlichen Parteien in Rußland. Die „freiheitlichen" Parteien anderer Staaten haben sich die Gelegenheit, ihren Freisinn zu beweisen, entgehen lassen. Der „rechtliche und anständige" Hofrat Kuranda. Wir erhalten von einem in der Oeffentlichkeit sehr bekannten jüdischen Wähler des Kai-Viertels die unten abgedruckte Zuschrift, worin sich der Genannte aus einem höchst aktuellen Anlasse mit der Person „'seines" Abgeordneten, Hofrat Kuranda, beschäftigt. Letzterer hat es nämlich für gut befunden, auch seine — bekanntlich stark entwickelte — Nase in die Affäre Mayersohn hineinzustecken und an den Haupthetzer und Amateur-Detektiv Karl Lemberger eine Sympathiekundgebung zu erlassen, die gleichzeitig diffamierende Aeußerungen über den Präsidenten Dr. Stern enthält. Hofrat Kuranda, der sein Mandat in erster Linie dem Dr. Stern verdankt und auch unter dessen Präsidium selbst Vize- Präsident der „Isr. Alianz" ist, sagt in diesem Briefe, daß das Tun und Treiben des Kultuspräsidenten Doktor Stern eine Verhöhnung von Rechtlichkeit und Anstand bedeutet und die Mitarbeit gerade denkender Leute ausschließt. Die „Jüdische Zeitung" paradiert mit diesem Briefe eines Mannes, der sich für immer mit der Schmach bedeckt hat, die jüdische Kurie in der Bukowina hintertrieben zu haben. Doch es kann nicht unsere Sache sein, den Dr. Stern gegen Herrn Kuranda in Schutz zu nehmen; die Beiden sollen selbst miteinander fertig werden. Für die große Oeffentlichkeit hat dieser Brief jedenfalls einen Wert, weil er ihr einen Einblick in die Charakterfestigkeit dieser „Notablen" gewährt, die „sich schlagen" und dann wieder „vertragen".

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