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Neue Nationalzeitung · 1914-05-22 · Heft 10 (22.5.1914) · p. Seite 78

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 10 (22.5.1914)
Date
1914-05-22
Page
Seite 78 (sequence 6)
Language
German
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Seite 78 .Neue National-Zeitung^ Nr. 10 von Zeit zu Zeit es gedruckt lesen können, daß Dreyfuß ein jüdischer Verräter ist. Das Blatt braucht nicht zu befürchten, daß seine Leser es mit den Gefühlen des Ekels und der Empörung wegschleiidern werden . . . Eine verlogene Beschuldigung gegen die Juden kann immer, und mag sie noch so schurkisch, noch so albern, noch so greulich sein, auf sympathische Würdigung rechnen. Im Kampfe gegen die Juden, da kann getrost nicht nur auf jedes Rechtsgefühl, sondern auf jedes Schamgefühl verzichtet werden. Auch nach dem Prozeß Beylis durfte dort unter dem Schutze der höchsten staatlichen und kirchlichen Autoritäten die Ritualmord-Hetze weiter betrieben werden. Es wird immer klarer — was übrigens trotz der Bemühungen des Staatsanwaltes schon während des Prozesses sich jedem Unbefangenen aufdrängte — daß die Wera T s c h e b e r j a k die Mörderin des unglücklichen Knaben Juschtschinski. war. Nutzt nichts. Die Juden in Rußland müssen weiter angstvoll dulden, wie man bald da bald dort mit der Beschuldigung die Gemüter gegen sie aufhetzt, bis es nur eines geringen äußeren Anlasses bedarf, um gegen sie einen Pogrom zu entfesseln. In der jüngsten Zeit wurden zwei Brieffragmente veröffentlicht, die mit grauenhafter Deutlichkeit zeigen, wie ungeniert man die Judenh'etze unter allen Umständen betreiben darf. Das eine Brieffragment stammt von dem Untersuchungsrichter Fenenko und ist an Samyslowski gerichtet. Darin wird einfach gesagt, daß die Untersuchung in der Affaire Beylis gar keine Anzeichen für einen Ritualmord ergeben habe, weshalb er rate, daß das Verfahren einzustellen sei. Man weiß, daß dies nicht der Fall v/ar. Samyslowski war nämlich, wie aus dem zweiten Brieffragmente ersichtlich, das an einen hohen Würdenträger gerichteten Brief gerichtet war, der schlichten Meinung, daß die Beweggründe, die den Untersuchungsrichter bei seinem Rate leiten, keine Berücksichtigung verdienen. Wenn auch Fenenko annehme, daß keinerlei Gründe vorliegen, um Bevlis wegen Ritualmord anzuklagen, so soll man bedenken, daß im Kampfe gegen die Juden alle Mittel gut seien, ,.da die Dumawahlen nahen und der Prozeß ein treffliches Agitationsmittel sein werde". Und da hat der edle Samyslowski auch ganz recht gehabt. Eine Anklage wegen Pitualmord ist genau so viel wert, wie wenn ein Ritualmord wirklich verübt worden wäre. Wenn man wirklich immer so lanee warten wollte, bis Gründe zu einer solchen Anklage vorhanden sind — da könnte man lange warten. Und der Herr Untersuchungsrichter Fenenko wird zu seiner Beschämung erkannt haben, wie naiv er gewesen. Die russische Regierung braucht ja nicht „Ritualmorde" mit Begründung, sie braucht Ritualmord-Anklagen als Agitationsmittel. Na also! Der Untersuchunesrichter Fen enko scheint eben, als er seinen naiven Brief schrieb, nicht daran eedacht zu haben, daß der Pogrom zum — Programm derRegierunggehört. Eine kleine, unscheinbare Notiz meldet dieser Tage, daß der heilige Vater huldvoll eine Deputation des spanischen A n t i a 1 k o h o 1-K o n g r c s s es empfangen und innige segnende Worte für dessen Bemühungen gesprochen habe. Die Ausschreitungen, die der unmäßige Alkohotgenuß zur Folge hat, wird gewiß jeder verdammen, aber man wird darum doch zugeben müssen, daß der m ä ß i g e Genuß von Alkohol keineswegs so verhängnisvolle furchtbare Wirkungen hat, wie der — Antisemitismus, der Unzählige schädigt. Wir wollen uns in keine Untersuchung über die Frage einlassen, ob die Mitglieder des Klerus samt und sonders .vollständige Gegner des Alkohols sind. Ein Blick in die Bibel genügt, um zu erkennen, daß diese keineswegs den Standpunkt teilt, den die orthodoxen Anhänger der Antialkohol- Bewegung einnehmen. Die Bibel erkennt die Sünde — was z. B. den Weingenuß betrifft — nur in der Unmäßigkeit . . . aber sie verdammt und verpönt jegliche Gehässigkeit, jede Lieblosigkeit gegen unsere Nebenmenschen. Wenn man sieht, wie unausgesetzt hohe und niedrige Würdenträger der katholischen Kirche den Antisemitismus propagieren, dessen Seele der maßlose Haß gegen die Juden ist, der Haß, der sich so oft schon bis zum Blutdurst gesteigert hat, dann wird man einen Wunsch nicht unterdrücken können. Den Wunsch: der Papst möge to entschieden gegen den Antisemitismus sprechen wie er es f ü r Antialkoholismus getan. Die Blätter bringen spaltenlange Berichte über die Stierkämpfe, die man, nach echt spanischem Beispiele, nun auch in der französischen Stadt Toulouse zum Gaudium des Publikums veranstaltet. Der Menschen- und — Tierfreund liest mit Empörung die Schilderung, wie sich auch zarte Frauen an dem Schauspiele ergötzen, das die blutige Hetze auf ein armes, gepeinigtes Tier bietet . . . Nun, Karte Frauen, darunter auch Königinnen, haben sich einst in Spanien an dem Anblick erquickt, wie schwache Greise und hilflose Mädchen, im Namen der Religion der Liebe, angeblich zur höheren Ehre Gottes, bloß weil sie ihren jüdischen Glauben nicht abschwören wollten, den Scheiterhaufen besteigen mußten . , . . Also doch ein Fortschritt! Wir erhalten eine Zuschrift, aus der wir nach-" folgenden Passus zitieren: „ .... In Ihrer jüngsten Nummer erscheint die Familie Richard Wagner's in einer eigenartigen, allerdings durch unwiderlegliche Tatsachen gerechtfertigten Beleuchtung. Was Richard Wagner in den himmlischen Höhen zu dem Schauspiel sagt, daß Gattin, Sohn und Töchter der Welt bieten, ist wohl den Sterblichen nicht vernehmbar. Aber glauben sie nicht, Herr Redakteur, daß die deutschnationalen Antisemiten, die vielleicht nur darum den Musiker Wagner verhimmelten, weil er das antisemitelnde „Judentum in der Musik" — geschrieben, nun plötzlich den Spieß umkehren und sich die Behauptung zurechtlegen werden: Richard Wagner war ein Judensprößling! Bis jetzt war ihnen der Gedanke, daß Wagner der Sohn eines Juden, ein Greuel. Vielleicht sagen sie aber jetzt: „So was kann doch nur in einer jüdischen Familie vorkommen!" G. E—nn.

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