Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVI (1914)
- Issue
- Heft 10 (22.5.1914)
- Date
- 1914-05-22
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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.ftr. 10 .Neue Nationai-Zeitung" Frank kein Jude wäre, hätte der Distrikts-Attorney nie gegen ihn diesen Prozeß geführt. Den Neger Conley hat man hierher gebracht, damit er eine Zeugenaussage mache. Er erzählte hier eine Geschichte, deren Inhält von keiner Seite bestätigt wurde und die für jeden -vernünftigen Menschen den Eindruck des Eingelernten macht. Ich ließe mir lieber den Hals abschneiden, als jemanden deshalb ungerecht zu verurteilen, nur deshalb, weil er ein Jude ist. Da sitzt vor Euch ein Mann, der einen makellosen Namen trägt. Und nun fordert man von Euch, daß Ihr ihn auf Grund der Aussage dieses lügenhaften Negers verurteilen sollt." Hierauf wendet sich Arnold einem völkerpsychologischen Moment zu: Der Jude als Verbrecher. Er will die Unschuld Franks beweisen, indem er sagt, daß dieser Mann einem Volke entstammt, das keine Gewalttaten begeht, einem Volke, das kein Blut vergießt... Viele haben diesen Uebergang auf das Gebiet der Völkerpsychologie für einen schweren taktischen Fehler angesehen. Sie begründen dies damit, daß Arnold dieses Gebiet nur dann hätte betreten können, wenn er als letzter Redner vor dem Verdikt gesprochen hätte. So sprach aber nach ihm der Distrikts-Attorney. Und seine Rede war das große „Ereignis". Er war der Held des Tages. Sein Plaidoyer dauerte drei Tage. Und jedesmal, wenn er das Gerichtsgebäude verließ, begrüßte ihn der Mob auf der Straße mit Hurrah-Rufen! Am Schlußtage trug man ihn gar auf den Schultern. 1 Eingehend auf die Rede des Advokaten Arnold, sagte er ungefähr folgendes: „Die Verteidigung ist in einem Irrtume begriffen. Sie glaubt, wir führen einen Strafprozeß gegen den Juden Frank. Das ist aber unrichtig! Es wurde von unserer Seite nicht mit einem Worte die Frage gestreift, ob der Angeklagte ein Jude oder ein Christ, ein Neger oder ein Weißer ist. Auch haben wir die Jury nicht gebeten, sie möge ihn aus irgendeinem Rassengefühle heraus verurteilen. Den Rassenhaß haben, wenn jemand, so die Verteidiger in diesen Fall hineingebracht. Ich erkläre hier, daß das Volk,, dem der Angeklagte entstammt, ebensogutistwiedasunsere. Seine Urahnen waren schon zivilisierte Menschen, als unsere noch Wilde waren und Mensch enfleisc h aßen ... Ich habe den größten Respekt vor diesem Volk, das uns einen Mann wie J. P. Benjamin, einen der größten Advokaten, der in England und Amerika wirkte, geboren hat; ich habe die größte Achtung vor Strauß, der so heldenhaft auf der „Titanic" seinen Tod fand ... Als ich Student war, habe ich mit Juden in einem Zimmer gewohnt und heute noch ist ein Jude mein Law Partner ... (Kanzleikompagnon. Anm. der Red.). Ich habe den größten Respekt vor dem Rabbiner von Atlanta, Mister Markus, und ich höre seinen Reden mit dem größten Vergnügen zu... Frank hat keinen guten Charakter. Er gilt nur bei denen als ein guter Mensch, die nicht seine wahre Wesensart kennen . . . Gesetzt nun den Fall, er sei ein integrer Mensch gewesen. Das ist doch ganz bedeutungslos. Denn König David hatte doch einen großartigen, über jeden Zweifel erhabenen Charakter ... und doch hat er Uriah in die erste Schlachtreihe gestellt damit er den Tod finde und sein Weib für ihn frei werde . . . Benedikt Arnold war ein braver Mann und die Führer der amerikanischen Revolution hatten ihm auch Respekt und Vertrauen bezeigt, bis er sein Land verriet ... Oscar Wilde, ein talentvoller Dichter, der Verfasser von Werken, die noch lange berühmt bleiben werden, ist ein einwandfreier Mensch gewesen, bis es sich herausstellte, daß er schuldig ist . . . und dann mußte er ins Gefängnis wandern." In diesem Zusammenhange erzählte der Distrikts-Attorney von noch einigen intelligenten Menschen, die auch Morde begangen hätten. Er schloß sodann sein Plaidoyer mit folgenden Worten: „C r i p p e n bewahrte den Leichnam seiner Frau in dem Irrglauben auf, man würde ihn niemals finden, ebenso wie Frank dies glaubte. Aber man fand ja den toten Körper. Einen -Mord kann man nicht verheimlichen . . . Grippen wurde gehenkt . . . und gelobt sei der Namen Englands, welcher dies so getan hat! . . . Meine Herren! Sie haben Gelegenheit, zu tun; was die Gerechtigkeit von Ihnen fordert! Finden Sie den Mut, zu tun, was Ihre Pflicht ist! . . ." Von da und dort Der Prozeß S.viha hat merkwürdige Enthüllungen über die Auffassung von politischer Treue und patriotischer Ehre gebracht, die ein hervorragendes Mitglied einer der tschechischen Parteien bekundete, das überdies dem österreichischen Richterstande angehörte. Dieser politische Prozeß verdrängte die Erinnerung an die Enthüllungen, die Offiziere der österreichischen Armee als bezahlte Spione einer fremden Macht erscheinen ließen. Es ist keinem Menschen mit normalen Sinnen eingefallen, für Männer wie d'er Abgeordnete Sviha oder der Oberst Redl die Nationalität oder die Konfession der sie angehörten, verantwortlich zu machen. Wer den Versuch dazu gemacht hätte, wäre sicherlich gegen jede Anklage gefeit gewesen, denn man hätte ihn, vielleicht ohne ihn erst ins Beobachtungszimmer zu bringen, mit einer schützenden Zwangsjacke versehen . . . Und das wohl mit Recht. Nehmen wir aber die unselige Möglichkeit an, daß einer der beiden genannten Herren zufällig als Jude das Licht der Welt erblickt hätte — welcher antisemitische Schandbube hätte es nicht wagen dürfen unter der johlenden Begeisterung seiner Gesinnungsgenossen alle Juden für die Tat eines einzelnen verantwortlich zu machen? Die Antisemiten hätten es laut gebrüllt: alle jüdischen Offiziere sind gekaufte Spione, alle jüdischen Beamten sind bezahlte Spitzel und viele, viele, die keine ausgesprochenen Antisemiten sind; — d. h. solche, die es nicht aussprechen, daß sie Antisemiten sind — hätten diese Beschuldigung mit sympathischem Schweigen, wenn nicht gar mit sympathischen Woiten begrüßt ... Es gibt noch immer zweierlei Recht in der Welt, eines für die Nichtjuden, und eines für die Juden und man kann ruhig behaupten, daß das Summum jus, summa injuria für die Jud'en so übersetzt wird: das höchste Recht, das man ihnen einräumt, schließt nicht aus, daß man ihnen das schlimmste Unrecht zufügen darf. Aber das ist noch nicht alles. Kapitän Dreyf u s war ein französischer Offizier, der, wie sonnenklar bewiesen wurde, ohne den allergeringsten Verdachtsgrund des furchtbarsten Verbrechens beschuldigt worden war, das ein Soldat begehen kann. Seine Ankläger waren nicht weniger davon überzeugt als sein Verteidiger, aber sie erhoben immer wieder die von ihnen als lügenhaft erkannte Beschuldigung, weil Dreyfuß ein Jude war und mit ihm alle Juden beschimpft und verurteilt erscheinen sollten. Endlich siegte doch die Wahrheit, das heißt, die Richter mußten die völlige Unschuld des Angeklagten anerkennen und bezeugen. Aber man nehme ein Antisemitenblatt in die Hand und man wird immer wieder