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Neue Nationalzeitung · 1914-05-22 · Heft 10 (22.5.1914) · p. Seite 75

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVI (1914)
Issue
Heft 10 (22.5.1914)
Date
1914-05-22
Page
Seite 75 (sequence 3)
Language
German
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iVr. 10 Seite 75 namentlich infolge des Balkanhilfswerkes und der gesteigerten Auswanderung, und daß infolgedessen außergewöhnlich hohe finanzielle Anforderungen an den Hilfsverein gestellt worden seien. Die gesamten Ausgaben des Hilfsvereines im Jahre 1913 beliefen sich auf annähernd eine Million Mark, und zwar wurden durch den Hilfsverein für das Balkanhilfswerk einschließlich der amerikanischen Gaben 370.000 Mark, für die Auswanderung und das Hilfswerk für Rußland 230.000 Mark, für das Sclnilwerk inklusive Grundstückerwerb und Bauten 294.000 Mark verausgabt und 40.000 Mark für andere notwendig gewordene Ausgaben. Die Juden in Galizieii. Die Lage der Juden in Galizien war im vergangenen Jahre eine besonders traurige. Die schlimmen Wirkungen der Kreditbeschränkungen, die im Jahre 1912 eingesetzt hatten und die die Juden besonders hart betroffen hatten, dauerten auch 1913 noch fort. Ueberschwemmungen und Mißernten zogen unsere Glaubensgenossen in Mitleidenschaft. Nach russisch-polnischem Muster wurde auch in Galizien ein gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Boykott gegen die Juden ins Werk gesetzt, der die schärfsten und gehässigsten Formen annahm, auch Lehrer und Geistliche nahmen an demselben teil. Die Juden in Rumänien. In Rumänien hat der Kampf um die Erlangung des Bürgerrechtes, das den Juden im Widerspruch zu den feierlich übernommenen staatsrechtlichen Verpflichtungen nicht gewährt worden ist, zu einem Ziele bisher nicht geführt. Es ist selbst noch unsicher, trotz früherer Versprechungen rumänischer Staatsmänner und Parteiführer anläßlich der kriegerischen Konflikte zwischen Rumänien und Bulgarien, inwieweit den 15.000 rumänischen Juden, die 1913 gegen Bulgarien ins Feld gezogen sind, das Bürgerrecht verliehen werden wird. Diejenigen Juden, die sich als Freiwillige zum Militärdienst bei dem Feldzug gegen Bulgarien gestellt hatten, wurden am Vortage des Bukarester Friedens zum Teil mit ehrverletzender Motivierung heimgesandt, augenscheinlich in der Absicht, um so zu dokumentieren, daß die rumänische Regierung sich aller Verpflichtungen gegen sie enthoben erachte. Die Veröffentlichung eines militärischen Geheimbefehls hat es an den Tag gebracht, daß die Juden in Rumänien selbst um das Mindestmaß an Rechten, die die Gesetze konzedieren, durch Geheiminstruktionen der Regierung betrogen werden. Neue Gesetze, respektive Reglements zu Gesetzen ohne gesetzliche Grundlage schneiden ihnen noch weiter die bereits auf ein Minimum herabgeminderten Existenzmöglichkeiten ab. Unsicher ist auch, wie sich die Lage der Juden in den an Rumänien abgetretenen, früher bulgarischen Landesteilen, gestalten wird. Die „Liga für die kulturelle Einheit aller Rumänen" hat die wildesten Agitationen gegen die Juden entfesselt und mit Pogromen gedroht, gegen die Rußland wie ein gelobtes Land erscheinen würde, um die Naturalisation der Mobilisierten und eine liberale Lösung der Judenfrage, zu der die jetzt ins Werk gesetzte Revision der Verfassung Gelegenheit böte, mit allen Mitteln zu hindern. Die Juden in Rußland. Auch die Verhältnisse in Rußlandverschlechtern sich von Jahr zu Jahr. Viele tausende Juden wurden in willkürlicher und schikanöser Auslegung des Wohnrechtcs von ihren Wohnsitzen vertrieben und zum Teil zur Auswanderung gezwungen. Zahlreiche rigorose Ausweisungen fanden u. a. statt in den Gouvernements Wolhynien, Poltawa, Minsk, Bessarabien. Seit einiger Zeit erfolgen auch Massenausvveisnngen aus den Dörfern Polens. Der akademische Beruf wird den Juden von Jahr zu Jahr mehr verschlossen; jetzt soll auch das Amtieren von Anwälten an Handelsgerichten und als Privatanwälte vor Friedensgeiichten behindert werden. Der schlimmste Schlag, der gegenwärtig geführt wird, ist die Abdrängung von allen Bildungsmöglichkeiten. Auch auf die Modernen, die sich ihre Bildung selbst erworben haben, hat man bereits früher die Prozentnorm, der der Schulbesuch unterworfen ist, ausgedehnt, und jetzt ist man sogar dazu übergegangen, die Aufnahme der Juden nicht nach der Qualifikation, nach Zeugnissen und Prüfungen, sondern nach dem Lose stattfinden zu lassen. Im Jahre 1912 fanden von 3000 jüdischen Abiturienten nur 350 Aufnahme in Hochschulen, 2650 wurden zurückgewiesen; 1913 wurden an 10 russischen Universitäten und Bildungsanstalten von 3900 nur 162 Aufnahmsgesuche berücksichtigt. An den Universitäten von Petersburg und Warschau wurde überhaupt kein einziger Jude aufgenommen. Welche furchtbaren Mittel die russische Regierung gegen die Juden anwendet, und welche entsetzlichen Ziele sie verfolgt, hat der B e i 1 i s - P r o z e ß gezeigt, dessen günstiger Ausgang trotz aller auch in Rußland nicht wirkungslos gebliebenen Proteste der Kulturwelt schließlich doch nur ein Spiel des Zufalls gewesen ist, und es sind bereits neue Versuche gemacht worden, Ritualmordanklagen zu konstruieren, glücklicherweise ohne Erfolg. Bei diesen Verhältnissen ist es kein Wunder, daß die Auswanderung im Jahre 1913 außergewöhnlich hoch war, so hoch wie nur in den Jahren nach den Pogromen. (Die nähereu Details darüber haben wir in der Emigrationsbeilage der Nr. 9 d. J. veröffentlicht. Anm. der Red.) Die Ausführungen des Vortragenden fanden reichen Beifall. Das Balkanhilfswerk. Herr Dr. Nathan referierte alsdann über das Balkanh i 1 f s w e r k und das Schul werk des H i 1 f s v e r e i n e s. Der Balkankrieg hat auch die Juden wie die übrige Bevölkerung aufs schwerste in Mitleidenschaft gezogen, einerseits wegen des Militärdienstes der Wehrfähigen und seiner Folgen für die zurückgebliebenen Familien, sodann weil er mit großer Härte, Leidenschaft und Zügellosigkeit von allen Seiten geführt wurde. Die Ortschaften, wo der Krieg gewütet hat, sind vielfach aufs allerschlimmste mitgenommen worden. Auf Anregung des Hilfsvereines vereinigten sich alle großen jüdischen Körperschaften zu einer Hilfsorganisation der Union des Associations Israelites in Brüssel. Diese Organisation des Hilfswerkes in Serbien, Bulgarien, der Türkei und den neuokkupierten Gebieten bot die Grundlage für eine rationelle Verteilung der zur Verfügung stehenden Gelder — rund eine Million Francs. Es bleibt heute noch die weitere Aufgabe, deren sich die einzelnen Organisationen nach dem Maße ihrer Kräfte annehmen müssen, den früheren Untertanen der Türkei, die an andere Länder gefallen sind, so zur Seite zu stehen, daß sie unter den veränderten Verhältnissen durch Errichtimg von Schulen, durch die Schaffung von Leihkassen intellektuell und finanziell so gestärkt werden, um vor dem wirtschaftlichen Untergang bewahrt zu bleiben. An einzelnen Orten, wie in Saloniki zum Beispiel, wo sehr viele Juden wohnen und wo das außerordentlich rührige und entwickelte griechische Element die Herrschaft übernommen hat, ist dies besonders notwendig. Das Hauptmittel, die Juden konkurrenzfähig zu machen, ist eine geeignete Schulbildung. Von großer Bedeutung ist die Haltung der öffentlichen Meinung Europas und Amerikas insbesondere der Presse Rumäniens gegenüber, das seine jüdischen Untertanen noch immer entgegen den übernommenen Verpflichtungen differential behandelt und unter Ausnahmsgesetze drückendster Natur und minderes Recht stellt,

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